Exklusiv: Österreichs größte Bank prüft Markteintritt in Deutschland

Von Heinz-Roger Dohms

Die österreichische Großsparkasse „Erste Group“ spielt nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ einen Markteintritt in Deutschland durch. Als Vehikel für diesen Schritt könnte das Multibanking-Tool „George“ dienen, das in der Alpenrepublik bereits von weit mehr als einer Million Menschen genutzt wird – und das die „Erste Group“ über Tochterinstitute auch schon in Tschechien, der Slowakei und demnächst Rumänien anbietet. „An uns sind einige deutsche Banken herangetreten, um Möglichkeiten der Zusammenarbeit und der Einführung von ‚George‘ in den deutschen Markt auszuloten. Uns freut dieses Interesse und wir evaluieren alle Optionen für eine mögliche Erweiterung der ‚George‘-Plattform in neue Märkte“, bestätigte ein Sprecher der „Ersten Group“ auf Anfrage von „Finanz-Szene.de“. Bislang ist die größte österreichische Bank in Deutschland nur mit einigen Kapitalmarktprodukten wie Anleihen oder Zertifikaten vertreten, die über Banken, Sparkassen oder sonstige Finanzdienstleister vertrieben werden.

Unter digitalaffinen Bankern gilt „George“ schon länger als Geheimtipp. Das Tool startete vor dreieinhalb Jahren als scheinbar normales Online-Banking – nur um sich mit einer Reihe von innovativen Funktionen alsbald deutlich von der Konkurrenz abzuheben. Das Herzstück von „George“ ist dabei bis heute ein „Personal Finance Manager“, der jede  Kontobewegung des Nutzers auswertet und in anschauliche Tabellen übersetzt. Dadurch kann der Kunde stets sein Ausgabenverhalten der vergangenen Tage, Wochen, Monate oder sogar Jahre kontrollieren. Als „Finanz-Szene.de“ vor rund einem Jahr mit dem Bankenberater Karsten Junge von Consileon über „George“ sprach, meinte der: „Inzwischen bieten zwar viele Banken solche Applikationen an. So übersichtlich wie ‚George‘ bekommt das aber kaum einer hin.“ Noch euphorischer äußerte sich damals André Bajorat, Chef des Hamburger PSD2-Fintechs Figo: „Es gibt in ganz Europa kein besseres Online-Banking.“

Erste-Bank-Vorstand Bosek denkt allerdings noch weiter. Für ihn ist „George“ nicht nur ein Tool, um die eigenen Kunden mit den eigenen Produkten zu verlinken – sondern die Keimzelle eines Banking-Ökosystems: „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass ‚George‘ eine eigene API [Anm.: eine eigene Schnittstelle] hat. Und warum? Weil wir sicherstellen wollten, dass die Nutzer von den Dienstleistungen Dritter profitieren können.“ Seine Vision gehe deshalb über die Entwicklung einer schicken App weit hinaus, so Bosek vor wenigen Monaten gegenüber „Capital“: „Wir wollen mit ‚George‘ eines Tages zu einer paneuropäischen Bankenplattform werden. Eine Art iTunes für Banking.“

Für die deutschen Sparkassen muss diese Ankündigung wie eine Bedrohung klingen. Es heißt zwar, dass sich Grüppchen von Sparkassen-Funktionären in der Vergangenheit sogar  nach Wien aufgemacht hätten, um sich „George“ vorführen zu lassen – das fortschrittliche Tool ins eigene Angebot zu übernehmen war aber offenbar nie ein Thema. Begründet wird dies beim Sparkassenverband DSGV mit den „unterschiedlichen Kernbanksystemen“, die eine Integration von „George“ quasi unmöglich machten. Darüber hinaus darf man allerdings vermuten, dass sich die deutschen Sparkassen die Schmach ersparen wollten, bei der Digitalisierung auf die Hilfe des österreichischen Schwesterinstituts angewiesen zu sein. Indes: Sollte die „Erste Group“ nun hierzulande gemeinsame Sache mit direkten Sparkassen-Konkurrenten machen (und das ganz womöglich sogar erfolgreich), wäre die Peinlichkeit sicherlich nicht geringer.

Über die trügerische Hoffnung, dass PSPs das Händlerproblem von Paydirekt lösen

Von Jochen Siegert

Paydirekt geht ins dritte Weihnachtsgeschäft seit dem Start 2015 – und das mit immer noch nur 1400 Akzeptanzstellen und einer sehr überschaubaren Durchdringung bei den 100 umsatzstärksten deutschen Online-Shops. Nun allerdings schöpft der bankeneigene Bezahldienst offenbar frischen Mut. Denn nach Computop, Payone, Concardis und Co. hat Paydirekt einen  weiteren Payment Service Provider (PSP) als Partner gewonnen – Wirecard. Doch kann das bayerische TecDax-Schwergewicht mit seinem speziellen Fokus auf Händler aus dem Bereich digitaler Güter wirklich helfen, das Händler-Akzeptanzproblem von Paydirekt zu lösen? Wohlgemerkt, nachdem dies den anderen PSPs schon nicht gelungen ist?

Ein Blick auf die wirklich erfolgreichen Zahlungsverfahren im Markt könnte helfen. Denn wie sind PayPal, Ratepay, Klarna, Billpay, Sofortüberweisung oder Barzahlen groß geworden? Indem sie ihre Händler-Direktakzeptanz durch einen eigenen Großkunden-Key-Account-Vertrieb und KMU-Telesales aufgebaut haben. Partnerschaften mit den verschiedenen PSPs waren für diese Anbieter immer nur die Abrundung des Vertriebs.

Einer der vielen Geburtsfehler von Paydirekt war der Glaube, dass das Verfahren vom Firmenkundenbetreuer der Bank mitverkauft wird. Ein weiterer Trugschluss ist es nun zu meinen, die PSPs würden das Akzeptanzproblem nachhaltig lösen (dafür, dass Paydirekt dies wirklich glaubt, spricht die Pressemitteilung vom vergangenen Freitag). Das Akzeptanzproblem wird man aber nur dann in den Griff bekommen, wenn die Paydirekt GmbH die eindeutige P&L-Verantwortung bekommt. Auf der Akzeptanzseite bedeutet das: eigenständiger Vertrieb und Händleransprache in der Verantwortung von Paydirekt selbst. Dazu gehören aber auch Preishoheit und Produktverantwortung in die Gesellschaft.

Haben die Banken und Sparkassen dazu den Mut? Zumindest die Historie der vergangenen zehn Jahre legt nahe, dass sich erfolgreiche Zahlverfahren im deutschen Markt nur auf diesem Weg etablieren lassen.

[Der Autor ist COO des Fintechs Traxpay und gehört zu den angesehensten deutschen Payment-Experten. Seine Meinung ist nicht notwendig die der Redaktion.]