Dossier: Vom Ertragsgaranten zum Problemfall – Der Abstieg der DWS

Von Heinz-Roger Dohms

Hieß es nicht immer, das stärkste Argument gegen einen Börsengang der DWS sei, dass die Deutsche Bank damit ihren stabilsten Ertragsbringer aus der Hand gebe? Und hieß es nicht immer, das stärkste Argument für einen Börsengang sei, dass die Fondstochter erst so richtig durchstarten werde, wenn man sie aus den Fesseln des Deutsche-Bank-Konzerns befreit? Aus heutiger Perspektive klingen beide Argumente etwas schräg. Denn vier Monate nach dem DWS-Börsengang ist von einem „Durchstarten“ nichts zu sehen. Stattdessen hat sich der einstige Ertragsgarant zum Problemfall für die Deutsche Bank (die ja immer noch knapp 78% der Anteile hält) entwickelt. Nachdem von Januar bis März bereits 7,8 Mrd. Euro aus den DWS-Fonds abflossen, waren es von April bis Juni nochmals 4,9 Mrd. Euro, kam bei der Präsentation der Q2-Ergebnisse gestern heraus. Folge: Seit dem – ohnehin enttäuschenden – IPO hat sich die Aktie inzwischen um rund 15% verbilligt. Eine Überraschung? Nicht wirklich, wenn man die Entwicklung der vergangenen Monate noch einmal nachzeichnet. Ein Drama in fünf Akten:

Akt 1 (25. Januar): Während Medien die DWS für ihre Nettozuflüsse feiern, werfen die 2017er-Zahlen bei genauerer Betrachtung reichlich Fragen auf.

Newsletter 26/01/18: Ist die DWS wirklich IPO-reif?, Goldman/Coba, Der 80-Mrd.-Schatz

2. Akt (12. März): Die Deutsche Bank teilt mit, dass sie beim Emissionspreis für die DWS Abschläge machen will. Die IPO-Story beginnt zu bröckeln.

13/03/18: DWS wird zum Discount-IPO, N26 kurz vor Mega-Funding, Der künftige Goldman-Chef

3. Akt (21. März): Dichtung und Wahrheit klaffen immer weiter auseinander. Von „gut gefüllten Orderbüchern“ und einer „Überzeichnung der Emission“ ist zu lesen – doch in Wirklichkeit geht die DWS nicht an die Börse, sondern sie kriecht.

An uns (den Medien), liebe Deutsche Bank und liebe DWS, hat es ganz sicher nicht gelegen …

4. Akt (26. April): Hohe Abflüsse, steigende Kosten, Kundenflucht im Heimatmarkt: Die Q1-Zahlen der Deutschen Bank legen die Probleme bei der DWS erstmals schonungslos offen.

Liebe Deutsche Bank, nimm es uns bitte, bitte nicht übel – aber:

5. Akt (25. Juli): Wer auf eine Besserung  gehofft hatte, wird enttäuscht. Im zweiten Quartalen haben sich die Probleme der DWS sogar noch einmal verschärft.

Wie „unser“ Durchschnitts-Fintech Decimo in 2017 explodierte

Von Heinz-Roger Dohms

Wie viel Geschäft macht so ein normales Fintech eigentlich? Wie hoch sind die Erträge, wie stark das Wachstum, wie kräftig die Verluste, wie hoch die Ausfälle? All das blieb der Öffentlichkeit  verborgen, bis „Finanz-Szene.de“ kürzlich im Bundesanzeiger auf die 2016er-Bilanz von Decimo stieß – einem in Berlin ansässigen Factoring-Fintechs, das als eines der ganz wenigen Finanz-Startups einen transparenten und umfassenden Abschluss (sprich: mit GuV) veröffentlicht. Freilich: Was man da sah, war eher ernüchternd. So lag das Factoring-Volumen gerade mal bei 5,9 Mio. Euro, die daraus generierten Erträge erreichten lediglich knapp 250.000 Euro. Indes: Wir sollten mal auf die 2017er-Zahlen warten – dann würden wir schon sehen, hieß es damals aus dem Unternehmen.

Genau das haben wir gemacht. Und siehe da: Die neuen Zahlen sind in der Tat beeindruckend. Decimo ist (wenn natürlich auch weiterhin auf niedrigem Niveau) in 2017 regelrecht explodiert. So verdreifachte sich das Factoring-Volumen, während sich die reinen Factoring-Erträge gut verzweieinhalbfachten. Die übrigen Erträge stiegen sogar um fast das Vierfache. Natürlich stiegen auch die Personalkosten, der Sachaufwand und in der Folge der Jahresfehlbetrag. Und doch scheint Decimo unterm Strich auf einem guten Weg zu sein – was man unter anderem auch daran erkennt, dass der Anteil „ausgefallener und ausfallbedrohter Forderungen“ von 1,6% auf nur mehr 0,9% zurückgegangen ist (zur Einordnung: 2015 hatten der Anteil sogar noch bei 3,7% gelegen).

Die Grafik:

Die Tabelle:

2017 2016
Factoring-Erträge 650.899 € 243.540 €
Sonstige Erträge 254.714 € 67.670 €
Personalaufwand 331.571 € 184.661 €
Sachaufwand 830.417 € 363.234 €
Zinsaufwand 92.820 € 53.260 €
Abschreibungen 282.645 € 104.360 €
Jahresfehlbetrag 637.341 € 394.305 €
Vorfinanzierungsvolumen 18 Mio. € 5,9 Mio. €
Ausfälle 0,9% 1,6%
Mitarbeiter per 31.12. 12 6

Anm.: In den 2017er-Zahlen fehlt ein Posten „Sonstige betriebliche Aufwendungen“ in Höhe von gut 5000 Euro.

Die Grafik: Wie der Wettbewerb die deutschen Banken ins Kreditrisiko treibt

Von Heinz-Roger Dohms

Wie Deutschlands Banken ins Risiko gehen: Vor Bundesbank-Tabellen schreckt „Finanz-Szene.de“ normalerweise zurück – zu komplex! Angestachelt durch den twitternden Capital-Kollegen Christian Kirchner haben wir uns gestern dann aber doch mal in den „Bank Lending Survey“ der Buba hineingekniet. Und i.d.T.: Wenn wir die Umfrage nicht missverstehen, dann sind die Resultate spektakulär. Zusammengefasst: Vor dem Hintergrund eines immer härteren Wettbewerbs geben sich die Banken speziell in der Wohnbau-Finanzierung mit immer geringeren Margen zufrieden – und lockern parallel massiv die Kreditbedingungen, wie unsere Grafiken zeigen:

Anmerkungen:

  • Der „Bank Lending Survey“ beruht auf einer anonymen Befragungen von 35 kreditgebenden Banken
  • Je negativer die Zahl, desto größer ist der wettbewerbsbedingte Margendruck  bzw. umso stärker lockern die Banken wettbewerbsbedingt ihre Kreditkonditionen.
  • Beispielhaft bedeutet ein Wert von „minus 17“ bezogen auf die Kreditbedingungen: Die Zahl der Banken, die sagen, sie hätten ihre Bedingungen gelockert hätten, übersteigt die Zahl der Banken, sie hätten ihre Bedingungen verschärft, um 17.

Eine Million Kunden – doch wie viele davon haben bei N26 ihr Erstkonto?

Von Heinz-Roger Dohms

Was wissen wir wirklich über N26, das prominenteste und vermutlich auch höchstbewertete deutsche Finanz-Startup? Klar, die Kundenzahlen der 2013 gegründeten Berliner Smartphone-Bank sind imposant, mehr als eine Million sollen es mittlerweile sein. Dann findet sich auf der Website eine Angabe über die bislang eingeworbenen Fundingmittel, 215 Millionen seien es alles in allem, in Dollar gerechnet. Und schließlich verrät N26 noch, wie viele Mitarbeiter man mittlerweile habe, nämlich rund 430 (bis Jahresende sollen noch weitere 200 hinzukommen, hat Gründer Valentin Stalf neulich in einem Interview erzählt). Aber sonst? Erträge, Gewinne, Verluste oder irgendetwas anderes Greifbares? Fehlanzeige, mal abgesehen von den kargen Angaben, die sich einmal jährlich aus dem Bundesanzeiger herausklauben lassen. Dabei gibt es ja genügend Fragen, die sich die Branche schon seit Langem stellt. Zum Beispiel: Wie hoch ist der Anteil jener Kunden, die N26 tatsächlich als Hauptbankverbindung nutzen? Versuch einer Annäherung:

  • Zusätzlich zu den schon genannten Zahlen hat N26 jüngst eine weitere veröffentlicht, nämlich die der monatlichen Transaktionsvolumina. Bei mehr als 1 Mrd. Euro sei man da mittlerweile angekommen, hieß es. Mehr als 1 Mrd. Euro?! Das war scheinbar eine dieser typischen Fintech-PR-Zahlen: schön, aber eigentlich kaum greifbar. Wobei: Lässt sich aus dieser Zahl womöglich doch etwas Handfestes ableiten?
  • Frage an N26: In der Milliarde müssten doch vermutlich auch die Gehaltseingänge eingerechnet sein, oder? Antwort: In der Milliarde seien sämtliche Transaktionen eingerechnet. Also: Ja.
  • Annahme: So ein durchschnittlicher N26-Kunde dürfte kein Einkommenskrösus sein, aber doch ein hipper Vernünftigverdiener. Also mal konservativ geschätzt: 2000 Euro bis 2500 Euro netto im Monat sollten da doch reinkommen, oder?
  • Im N26-Blog haben wir neulich gelernt, dass der N26-Kunde sein Geld zu 37% für Lebensmittel (ohne Restaurants) ausgibt, zu 18% für Besuche in (normalen) Restaurants und zu 11% für Besuche in Fast-Food-Restaurants. Das deckt sich, nebenbei bemerkt, mit unserer persönlichen Wahrnehmung, dass einige Vertreter der Berliner Fintech-Szene inzwischen ein paar Kilo mehr mit sich herumtragen als noch vor ein, zwei Jahren. Tun wir selber übrigens leider auch.
  • Jedenfalls: Trotz des leichten Bauchansatzes bei manchen mutmaßlichen N26-Kunden hielten wir es für unplausibel, dass der durchschnittliche N26-Kunde wirklich zwei Drittel seines Geldes – mit Verlaub – verfrisst. Und tatsächlich: Auf Nachfrage zeigte sich, dass die bankeigenen Blogger nur die Kartenumsätze gewertet hatten. Mit anderen Worten: Der N26-Kunde, so hipp und verfuttert er auch sein mag, verbringt nicht sein komplettes Leben beim schicken, WLAN-tauglichen Koreaner in Berlin-Mitte, sondern: Er muss auch irgendwie wohnen. Und also zahlt er vermutlich auch so Dinge wie Miete, Wasser oder Strom …
  • Das aber wiederum bedeutet – immer vorausgesetzt, wir haben es mit der Hauptbankverbindung zu tun -, dass von den 2000 bis 2500 Euro, die jeden Monat reinkommen, auch ein guter Teil wieder rausfließt.
  • Mit anderen Worten: Ein Kunde, der bei N26 sein Hauptkonto hat, dürfte sicherlich auf ein monatliches Transaktionsvolumen von 3500 bis 4000 Euro kommen.
  • Das hieße aber notwendigerweise, dass bei einem Transaktionsvolumen von 1 Mrd. Euro allerhöchstens 250.000 bis 300.000 Kunden das N26-Konto als Hauptbankverbindung nutzen. Also nur 25 bis 30% (die übrigen Kunden haben wir aus der Rechnung jetzt einfach mal nonchalant ausgeklammert).

Sind wir uns bei dieser Rechnung sicher? Nein, das sind wir aufgrund der vielen Annahmen, die wir treffen mussten, nicht. Allerdings haben wir uns bei verschiedensten Leute aus der Branche rückversichert, ob die Kalkulation einigermaßen plausibel sei. Und das einhellige Feedback lautete: Ja.

Bleibt die Frage: Wären 25 bis 30% denn viel oder wenig? Unsere Einschätzung: Es wäre nicht viel, es wäre aber auch nicht wirklich wenig, zumal der Anteil tendenziell steigen dürfte, weil wir vermuten, dass Kunden mit mehreren Konten ihre Aktivitäten im Laufe der Zeit eher zu N26 hinverlagern als wegverlagern dürften. Und zu fragen wäre natürlich auch: Wie wichtig ist der Faktor „Hauptbankverbindung“ heutzutage überhaupt noch?

7300 Abonnenten: Finanz-Szene.de ist der meistgelesene B2B-Newsletter für die deutsche Bankenbranche

Von Heinz-Roger Dohms

liebe Leserinnen und Leser, eigentlich haben wir es uns ja zur Aufgabe gemacht, auf Banken und Fintechs zu schauen – und nicht auf unseren Bauchnabel. Bloß: Ohne Selbstvermarktung geht es leider nicht. Darum sehen Sie uns bitte nach, wenn wir Sie heute anlässlich unseres bevorstehenden ersten Geburtstags dann doch mal wieder mit den Zahlen unseres possierlichen Newsletters belästigen (eigentlich ist der Geburtstag erst am 14. August, aber nächste und übernächste Woche macht „Finanz-Szene.de“ Sommerpause, drum die Zahlen heute schon). Also:

  1. Kürzlich hat sich der 7000. Abonnent registriert, Stand gestern waren wir sogar schon bei 7316. Damit dürfte „Finanz-Szene.de“ angesichts einer durchschnittlichen „Open Rate“ von 54% bereits jetzt der meistgelesene B2B-Newsletter für die deutsche Bankenbranche sein (wobei wir uns, sollten wir irren, gern eines Besseren belehren lassen).
  2. Am 26. Juni wurde der Newsletter dank einer „Open Rate“ von 60,8% (!!) erstmals von mehr als 4000 Abonnenten gelesen. Fanden wir sehr cool.
  3. Parallel wird „Finanz-Szene.de“ auch auf anderen Kanälen immer stärker wahrgenommen. So fand die Ausgabe mit der Commerzbank-Digitalbank neulich allein bei Linkedin mehr als 12.000 Leser (ein Hinweis an die Skeptiker: Die Newsletter-Headline lief nicht bloß durch gut 12.000 Profile, sondern der Newsletter wurde tatsächlich von gut 12.000 Linkedin-Nutzern geklickt). Alle Kanäle addiert hatte der Newsletter an dem Tag mehr als 16.000 Leser. Rekord.
  4. Und falls die potenziellen Werbekunden jetzt fragen sollten: „Ist die Zielgruppe denn immer noch spitz genug?“, dann antworten wir guten Gewissens: wie ein Bleistift. Oder um es mit dem großen Berti Vogts zu sagen: Die Breite wird in der Spitze immer dichter.

Wollen auch Sie „Finanz-Szene.de“ abonnieren?

Kein Problem: Unter diesem Link hier können Sie sich kostenlos anmelden. Und schon erhalten Sie immer dienstags bis freitags um 5 Uhr alle Top-Stories aus der deutschen Banken- und Fintech-Branche.

Wo sind die 50 Millionen aus dem ICO des Hamburger Fintechs Naga gelandet?

Von Thomas Borgwerth

Initial Coin Offerings? Ist das Thema nicht durch? Jeder Fallhöhe beraubt, seit Studien zu Ergebnissen kommen wie: Knapp die Hälfte aller ICO-Startups hält keine vier Monate durch … Oder: Über 80% aller ICOs sind Betrug …? Jedenfalls: Der Branchen-Newsletter „Finanz-Szene.de“ hat einen ganz speziellen ICO trotzdem nochmal  unter die Lupe genommen. Nämlich den des Hamburger Fintechs Naga. Warum? Weil es sich bei der Naga AG um kein beliebiges No-Name-Startup handelt. Sondern um ein Unternehmen, das mit der etablierten Finanzindustrie eng verwoben ist. So betreiben die Hanseaten zum Beispiel Joint-Ventures mit Hauck & Aufhäuser und der Deutschen Börse. Als eines der wenigen Fintechs gehören sie dem Bankenverband an. Und sie wissen als Großaktionär den chinesischen Investor Fosun hinter sich, der gerade mit Bafin-Plazet in Deutschland Fuß zu fassen versucht. Darum sei die Frage erlaubt: Wo sind die 50 Mio. Dollar aus dem Naga-ICO eigentlich gelandet? Eine Spurensuche mit verblüffendem Ergebnis.

Fangen wir an mit einem Rückblick: Es war ein Debüt, das einem Sommernachtstraum glich, als „The Naga Group AG“ vor einem Jahr an die Frankfurter Börse ging. Zu einem Ausgabepreis von 2,60 Euro emittiert, schoss der Kurs innerhalb weniger Tage bis auf einen Rekordwert von über 15 Euro, ein Plus von fast 500%. Der Börsenwert lag plötzlich bei mehr als einer halben Milliarde Euro, womit es sich bei der bis dahin weitgehend unbekannten Naga AG urplötzlich um das – jedenfalls auf dem Papier – wertvollste deutsche Fintech handelte. Das Geschäftsmodell freilich war schon damals schwer zu dechiffrieren. Irgendwas was mit Online-Trading. Und irgendwas mit Krypto.

Dabei warf nicht nur das Geschäftsmodell Fragen auf. Wer sich damals etwas näher mit dem Börsenprospekt beschäftigte, stieß auf manches Mysterium. Anstelle von Zahlen, die einen wirklich Einblick in die tatsächliche Vermögens-, Finanz- und Ertragslage des Konzerns ermöglicht hätten, bot der Prospekt an einer Stelle „Pro-Forma-Finanzinformationen“, die lediglich „illustrativen Zwecken“ dienen sollten. Es war eine Kapitalmarkt-Story, wie man sie nicht alle Tage erzählt bekommt. Umso erstaunlicher, dass die Börse stolz verkündete, die Naga AG sei als „erstes Unternehmen aus dem Deutsche Börse Venture Network“ im neuen Wachstumssegment „Scale“ gelistet worden.

Im Dezember folgte der nächste Coup, nach dem IPO nun der ICO. Dazu muss man wissen: Während Naga aus dem IPO lediglich 2,6 Mio. Euro erlöste (bevor  Fosun im September weitere 3,3 Mio. Euro an Finanzmitteln zur Verfügung stellte), sollte der ICO bis zu 220 Mio. in die Kasse spülen (hier wurde von Unternehmensseite allerdings in Dollar gerechnet, nicht in Euro). Ganz so viel Geld kam zwar nicht zusammen. Immerhin sammelte Naga aus dem Token-Verkauf nach eigenen Angaben aber rund 50 Mio. Dollar ein. Ein stattlicher Erfolg!

Tatsächlich erreichte die Naga-Aktie (nachdem sie zwischenzeitlich eingebrochen war) im Zuge des Initial Coin Offerings wieder alte Höchststände – denn immerhin konnte man bei oberflächlicher Betrachtung der Ansicht sein, dass die Naga AG jetzt über 50 Mio. Dollar mehr als vorher verfügte. Dann allerdings brach die Aktie erneut ein. Lag der Kurs Anfang Januar noch bei mehr als 10 Euro, geht es seitdem fast nur noch nach unten. Gestern Nachmittag notierte das Papier nur mehr bei 2,25 Euro.

Warum? Einen ersten Hinweis darauf, dass es mit dem ICO womöglich nicht ganz so gelaufen ist, wie es sich manche Aktionäre wohl vorgestellt hatten, fand sich bereits im Februar in einer Ad-hoc-Meldung zum vorläufigen Ergebnis 2017. Dort stand nämlich, dass die Finanzkennzahlen „entscheidend durch einmalige Umsatzerlöse in Höhe von 6,3 Mio. EUR für Dienstleistungen im Rahmen des erfolgten Token Sales der NAGA Development Association Ltd geprägt“ worden seien. Übrigens: Kurz darauf kam noch eine zweite Ad-hoc, in der das Wort „einmalige“ plötzlich fehlte. Die Naga AG spricht auf Anfrage davon, die erste Version sei versehentlich hochgeladen worden. Korrekt seit die zweite.

Interessanter an der Ad-hoc war allerdings ohnehin ein anderer Aspekt: Was hatte es mit der Naga Development Association Ltd. auf sich? Was war denn das plötzlich für ein Unternehmen?

Klarer wurde das Ganze, als die Naga AG Anfang Juli ihren Abschluss für 2017 vorlegte (der freilich untestiert daherkam, was für ein börsennotiertes Unternehmen dann doch sehr ungewöhnlich anmutet). In diesem Dokument war nun endgültig zu lesen, dass das Geld aus dem Token-Verkauf – also die 50 Mio. Dollar – gar nicht dem Hamburger Naga-Konzern und also dessen Aktionären zustehen. Sondern tatsächlich besagter Naga Development Association Ltd. (NDAL). Sitz: Belize.

Dazu muss man wissen: Obwohl auch die Gesellschaft in Belize das „Naga“ im Namen trägt, steht sie dennoch nicht im Eigentum der Naga AG, sondern gehört dem Managing Director der Belize-Gesellschaft, einem gewissen Nicholas Thomas. Im Geschäftsbericht der Naga AG heißt es hierzu wörtlich: „Bei dem Kooperationspartner Naga Development Association Ltd. […] handelt es sich um eine Gesellschaft, die in keiner gesellschaftsrechtlichen Beziehung zur Naga AG bzw. ihren Tochterunternehmen steht. Die NDAL wurde von dem Unternehmer Nicholas Thomas gegründet und erbringt Dienstleistungen im Bereich der Blockchain-Technologien.“

Haben die Aktionäre und die Token-Käufer gewusst, wem der Erlös aus dem ICO zufließt?  War der Umstand, dass die NAGA Development Association Ltd. nicht der „Naga Group AG“ gehört, allgemein bekannt und für jeden zu erkennen? „Unserer Auffassung nach ja“, schreibt uns Naga-Chef Benjamin Bilski auf Anfrage. „Denn die Website und sämtliche Dokumente zum Token Sale weisen eindeutig die NAGA Development Association Ltd. als Anbieterin und Verkäuferin der Tokens aus. Das von der NAGA Development Association Ltd. herausgegebene NAGA COIN Whitepaper ist zudem eines der vollumfänglichsten, detailliertesten und verständlichsten in der ICO-Landschaft.“

Tatsächlich war das Whitepaper zum ICO deutlich dünner als der Prospekt zum Börsengang. Für den IPO mit einem Erlös von 2,6 Mio. Euro fertigte die Naga AG ein Börsenprospekt von sage und schreibe 360 Seiten. Der ICO dagegen kam mit einem Whitepaper im Umfang von 96 Seiten aus – einschließlich vieler bunter Bilder und Grafiken.  Die „Token Sales Terms & Conditions“ (TSTC) zum Token-Verkauf umfassten sogar nur 11 Seiten. Nun ist Qualität nicht gleich Quantität. Die wichtigsten Grundregeln eines Geschäfts lassen sich auch auf 11 Seiten zusammenfassen.

Dabei sind zwei Fragen aus Anlegersicht entscheidend: 1.) Was kaufe ich da eigentlich? Und 2.) Wer ist der Verkäufer, dem also der Erlös zufließt?

Laut den „Token Sales Terms & Conditions“ kam beim Verkauf der Naga-Token ein Vertrag zwischen dem Token-Käufer und dem Eigentümer der Website https://www.nagaico.com zustande. Die TSTC nennen als Website-Owner explizit die NAGA Development Association Ltd. Diese ist also eindeutig Verkäuferin der Token. Ruft man die entsprechende Website jedoch heute auf, wird man auf die Website der „NAGA Group AG“ geleitet. Schaut man in den einschlägigen Domain-Registern nach, wem die Domains gehören, wird man auch nicht schlauer, da als Registrant nicht der Eigentümer, sondern für alle Websites der gleiche Hosting-Anbieter genannt wird. In welchem Verhältnis stehen also nun die NDAL und die Naga Group AG zueinander?

Das Whitepaper beginnt mit dem Satz: “The NAGA Development Association Ltd. has partnered with The NAGA Group AG to introduce the NAGA COIN (NGC), a token that will serve as the unit of calculation in all existing and future projects of the NAGA Group AG.” Wir sind geneigt, dies wie folgt zu übersetzen: „Die ‚NAGA Development Association Ltd.‘ hat sich mit der ‚NAGA Group AG‘ zusammengeschlossen (bzw. verpartnert), um den NAGA COIN (‚NGC‘) einzuführen, eine Währung (bzw. einen Token), die/der als Recheneinheit in allen bestehenden und zukünftigen Projekten der NAGA Group AG dienen wird.“

Eine Währung, die als Recheneinheit dienen soll? Heißt das, dass der eigentliche Naga-Konzern nur die Währung als Recheneinheit verwenden darf, oder bekommt er auch den Erlös?.

Benjamin Bilski sagt: „Bei dem NAGA Coin der NDAL handelt es sich um einen „Utility-Token“, einem Token der im NAGA Ökosystem eingesetzt werden kann. Da der Token keinerlei Erlösfunktion im Smart-Contract hat (da auch keine Equity-Token oder auch kein Security-Token), gibt es auch keinerlei Erlösansprüche.“

Nächster Punkt: Nicholas Thomas, der CEO und Eigentümer der Belize-Gesellschaft. In der letzten Fassung des Whitepapers vom 30. November 2017 wird Thomas als Mitglied des Naga- Teams in seiner Funktion als Managing Director der „NAGA Development Association Ltd.” vorgestellt. Es findet sich allerdings kein Hinweis darauf, dass er auch der Eigentümer der Gesellschaft ist. Schaut man sich derweil das Whitepaper in seiner ersten Fassung vom 1. November 2017 an, taucht Nicholas Thomas lediglich als Legal Advisor für den Token Sale auf. Ein bemerkenswerter Aufstieg vom Legal Adviser zum Managing Director in nur vier Wochen. Auch scheint es kurz vor dem ICO Änderungen im Beraterteam gegeben zu haben. Zwei weitere englisch klingende Namen fallen hier ins Auge, die Anfang November noch zum Team der Berater gehörten, in der letzten Fassung des Whitepapers aber nicht mehr genannt werden. Nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ handelt es sich um zwei Geschäftsleute, die eng mit Nicholas Thomas verbandelt sind.

Bilski schreibt uns zu diesem Komplex: „Der gesamte ICO- und Whitepaper-Prozess wurden sehr zügig durchgeführt, es gab unter den Advisorn diverse Abstimmungen, und laut Aussage der NDAL wurde das Whitepaper im Anschluss daran entsprechend angepasst. Herr Thomas war von Beginn an Managing Director der NAGA Development Association Ltd. Jedoch war es aus Sicht der NAGA Development Association Ltd. eine reine Formulierungsfrage, ob Herr Thomas durch seine langjährige Erfahrung in der Blockchain-Szene (auch) als Berater oder nur als Managing Director der NAGA Development Association Ltd. aufgeführt werden solle. Diese Anpassung hat somit nichts am Einfluss oder der Aufstellung von Herrn Thomas im Projekt geändert und ist auch nicht weiter relevant.“

Bleibt die Frage, in welcher Beziehung die Gesellschaft in Belize und die Gesellschaft in Hamburg zueinander stehen. Hierzu teilt Bilski mit: Beide Firmen sind Kooperationspartner, wie im Whitepaper beschrieben.“ Und auf die Frage, in welcher Beziehung Nicholas Thomas zur Naga AG und deren handelnden Personen steht (bzw. vice versa), heißt es: Thomas sei „der Managing Director von NDAL, mit der die NAGA AG kooperiert.“ Und umgekehrt: „Die handelnden Personen der NAGA AG arbeiten für die NAGA Group AG und betreuen die Projekte sowie Kooperationen (wie z.B. mit der NDAL) der NAGA AG als Teil ihres normalen Geschäftsbetriebs.“

Letzte Frage – aus unserer Sicht die entscheidende:  „Wo liegen die 50 Mio. Dollar bzw. das daraus verbliebene Geld aus dem ICO? Wem gehört dieses Geld, wer hat in letzter Konsequenz den Zugriff darauf, was soll damit passieren?“ Auch hier bleibe Bilski eine Antwort nicht schuldig: „Der Token wurde von der NDAL erstellt und distribuiert und verkauft. Daher gehören ihr auch die aus dem Verkauf eingenommenen Mittel. Die NDAL hat auch den Zugriff auf diese Mittel. Mit den Einnahmen aus dem Token Sale wird basierend auf der Roadmap im Whitepaper für das Naga Ökosystem Technologie entwickelt und Marketing betrieben. Dies läuft erfolgreich und alle geplanten Initiativen werden eingehalten.“

Mit anderen Worten: Es ist die Gesellschaft in Belize, der die 50 Mio. Dollar zuflossen – nicht die Hamburger Naga AG. Glaubt man Bilski, dann brauchen sich die Anleger aber keinerlei Sorgen zu machen: „Auf Basis des Whitpapers haben die Naga AG und ihre Gruppengesellschaften mit der NDAL Verträge geschlossen, die die Verwendung der Einnahmen aus dem Token Sale für die im Whitepaper beschriebenen Zwecke sicherstellt.“