Die Solarisbank kommt gerade mal auf echte Erträge in Höhe von 2 Mio. Euro

Von Heinz-Roger Dohms

Wie gut ist die Solarisbank wirklich? Diese Frage stellt sich, nachdem „Finanz-Szene.de“ im Internet den 2017er-Geschäftsbericht des Berliner Fintechs entdeckt hat, das zu den höchstbewerteten deutschen Finanz-Startups überhaupt zählt. Dem Dokument zufolge kam Solaris im vergangenen Jahr gerade mal auf Provisionserträge in Höhe von 1,9 Mio. Euro und Zinserträge in Höhe von 128.000 Euro –  eher enttäuschend gemessen an den großen Ambitionen der Firma. Denn nur zur Einordnung: Erst vor wenigen Monaten steckten prominente Investoren wie die BBVA und die ABN Amro zusammen knapp 57 Mio. Euro in die Solarisbank. „Finanz-Szene.de“ schätzte die Post-Money-Bewertung seinerzeit auf rund 225 Mio. Euro. Damit wäre das Startup mit dem gut 100-Fachen seiner Erträge (nicht: seines Gewinns) bewertet.

Nun ist zu berücksichtigen, dass die Solarisbank erst 2016 an den Markt gegangen ist – es sich also immer noch um eine Frühphasen-Veranstaltung handelt, was angesichts der hohen Bewertung und des medialen Hypes um das  Unternehmen manchmal übersehen wird. Hinzu kommt: Würden Geldgeber wie die  ABN Amro am Potenzial des Whitelabel-Spezialisten zweifeln, dann wäre die jüngste Funding-Runde sicherlich nicht so hoch ausgefallen (denn natürlich werden die Investoren die 2017er-Zahlen zum Zeitpunkt ihres Einstiegs gekannt haben). Trotzdem: Dass die Solarisbank ihren Firmenwert nicht mit einem markanteren Ertragswachstum zu untermauern weiß, verwundert dann doch. Schließlich hatten sich die Provisions- und Zinserträge auch 2016 schon auf 1,2 Mio. Euro addiert (wobei hier ein Einmaleffekt positiv zu Buche schlug).

Aus dem Jahresabschluss geht detailliert hervor, aus welchen Aktivitäten die operativen Erträge stammen. So verteilen sich die Zinserträge wie folgt:

Konsumentenkredite 57.454,94
SME Lending 1.946,58
Factoring 136.959,08
Kreditinstitute 2.445,18
Girokonten 26.989,95
Negativzinsen -97.426,59
Gesamt 128.369,14

Ins Auge fallen hier unter anderem die Factoring-Einkünfte, die aus Kooperationen wie der mit dem Berliner Factoring-Fintech Finiata („Bezahlt.de“) stammen dürften. Darum noch einmal zur Erinnerung: Das Geschäftsmodell der Solarisbank beruht im Kern darauf, dass sie für andere Startups als „Bank im Hintergrund“ auftritt, sei es in bilanzieller, technologischer oder regularorischer Hinsicht. Bei den Factoring-Kooperationen ist es zum Beispiel so, dass die Forderung auf der Bilanz der Solarisbank liegt, woraus sich dann die Zinseinkünfte ergeben.

Deutlich mehr Einkünfte als aus dem Zinsbereich zieht die Solarisbank bislang aus Provisionsgeschäften. Auch hier liefert der Geschäftsbericht eine Untergliederung:

Erträge aus E-Geld 1.093.487,05
Provisionserträge laut § 4 Nr 8 ff 534.110,85
Nicht steuerbare inländische Provisionserträge 250.620,81
Übrige Erträge 570,52
Gesamt 1.878.789,23

Auch hierzu eine beispielhafte Erläuterung: Die „E-Geld-Erträge“ stammen unter anderem aus der Kooperation mit Fashioncheque, einem Spezialisten für Mode-Geschenkgutscheine, der sich bei der Abwicklung seiner Geschäfte auf die Technologie und die Lizenz von Solaris stützt.

Für das laufende Geschäftsjahr rechnet die Solarisbank laut dem von „Finanz-Szene.de“ gesichteten 2017er-Abschluss mit einem „deutlich gestiegenen Zins- und Provisionsergebnis“. Die Logik dahinter: Zwar existierten Ende vergangenen Jahres bereits 52 „Partnerschaften“ mit Unternehmen, die auf die Whitelabel-Lösungen von Solaris setzen. 32 dieser Kooperationen wurden allerdings erst im Laufe des zweiten Halbjahr 2017 vereinbart – und dürften darum erst in diesem Jahr erste nennenswerte Erträge abwerfen.

Trotzdem bleiben zwei Fragen:

  • Erstens: Wie viel sind die bislang geschlossenen Kooperationen (deren Zahl mittlerweile von 52 auf mehr als 70 gestiegen ist) letztlich wert? Denn: Bei den Partnern, deren Namen bislang publik gemacht wurden, hält sich der „Wow-Effekt“  noch in Grenzen. Zwar gibt es ein paar verheißungsvolle Bündnisse wie das mit der polnischen Alior-Bank (die mithilfe von Solaris nach Deutschland expandiert) oder dem Düsseldorfer KMU-Finanzierungsvermittler Compeon (der neuerdings einen „volldigitalen Firmenkundenkredit“ der Solarisbank vertreibt). Zum größeren Teil handelt es sich bei den Solaris-Kunden aber bislang um Mittelklasse-Fintechs wie Kontist, Penta oder Cringle, zum Teil auch um exotische Anbieter wie das Scharia-Fintech al Baraka („Insha“). „Unser Ziel ist es, mit unseren Partnern gemeinsam zu wachsen“, sagt hierzu ein Solarisbank-Sprecher, „darüber hinaus stehen wir natürlich auch in Gesprächen mit größeren potenziellen Kooperationspartnern“. Dabei geht der Blick unter anderem nach Asien, wo einer der größten Solarisbank-Investoren sitzt, nämlich der japanische Fintech-Investor SBI Group. Andere mögliche Partner dürften europäische Non-Financials sein, die überlegen, ins Bankgeschäft einzusteigen
  • Zweitens:  Was genau ist in letzter Konsequenz eigentlich das technologische Alleinstellungsmerkmal, das die hohe Bewertung  rechtfertigt – und über das sich große Partner und in der Folge auch entsprechende Erträge generieren lassen? Hierzu fällt bei der Lektüre des 2017er-Abschlusses auf,  dass die Berliner gar kein eigenes Kernbanksystem einsetzen, sondern auf die im Markt zwar anerkannte, aber auch nicht unbedingt revolutionäre Lösung des Aschaffenburger IT-Dienstleisters PASS Consulting setzen (zu dessen Kunden zum Beispiel auch eine klassische Whitelabel-Bank wie Sutor gehört). Hierzu sagt der Solarisbank-Sprecher: „Unsere Stärke liegt im sogenannten ‚Middle Layer‘, also in der technologischen Plattform, die auf der Kernbank aufsetzt – und mit der wir das Kernbanksystem modular aufbrechen, um Schnittstellen zu schaffen, über die unsere Partner genau die Bankdienstleistungen abrufen können, die sie brauchen.“

(wer an dieser Stelle  tiefer eintauchen möchten, dem empfehlen wir einen vor wenigen Tagen erschienenen offiziellen Solaris-Blogpost zum Thema „Core Banking at Solarisbank“)

Jedenfalls, was der 2017er-Abschluss auch zeigt: An den grundsätzlichen Ambitionen der Solarisbank (und dem dahinter stehenden größten deutschen Fintech-Inkubator Finleap) kann es keinerlei Zweifel geben. So war die Belegschaft per 31. Dezember bereits auf 130 Mitarbeiter angeschwollen, davon rund ein Drittel für den IT-Bereich (die Produktmitarbeiter eingerechnet sind es rund 50%). Auch der Personalaufwand in Höhe von 8,6 Mio. Euro mutet für ein nicht mal zwei Jahre altes Fintech beachtlich an – ebenso wie der Umstand, dass sich die Gehälter der drei Vorstände inklusive Aktien auf fast 1,4 Mio. Euro summierten  (übrigens: Teilt man die 8,6 Mio. Euro durch die 98 Beschäftigten, die es im Jahresdurchschnitt waren, dann kommt man auf Personalkosten in Höhe von knapp 87.000 Euro pro Mitarbeiter). Noch eine Zahl: Der Jahresfehlbetrag lag bei 15,7 Mio. Euro.* Demgegenüber stand freilich eine Kapitalrücklage in Höhe von 38,4 Mio. Euro – und das noch ohne die Rekordfinanzierung vom Frühjahr dieses Jahres.

  • In der ursprünglichen Fassung hatten wir den Jahresfehlbetrag fälschlicherweise mit 7,6 Mio. Euro beziffert. Das war das Minus aus 2016.