Wie Mannesmann und die Deutsche Bank einmal eine Internet-Bank gründen wollten

Von Ralf Keuper*

Im Jahr 2000 schickten sich der Technologie- und Mobilfunkkonzern Mannesmann und die Deutsche Bank an, eine Internet-Bank zu gründen (Vgl. dazu: Mannesmann und Deutsche Bank gründen Web-Bank). Die „Tele-Commerce Bank“ wollte im vierten Quartal 2000 zunächst in Deutschland starten. Weitere europäische Länder waren im Visier. Als Kontonummer sollte die Telefonnummer fungieren. Zu einem späteren Zeitpunkt war die Einführung eines Online-Wertpapierhandels geplant.

Das Projekt war überaus ambitioniert. Mit der Integration von Telekommunikation und Informationstechnologie wollten Mannesmann und Deutsche Bank die „Bankdienstleistung in der Internet-Welt neu definieren“, wie in „Mannesmann plant Internet-Banking zu lesen war. Durch die Verknüpfung von Telefon- und Kontonummer würden

das Festnetz- und Mobiltelefon sowie der Internetzugang „zur persönlichen, individuellen Bankfiliale“. Durch die Integration des Bankgeschäfts mit der monatlichen Telekommunikationsrechnung werde ein konkurrenzloses „Zahlungsverkehrssystem“ angeboten.

Auch sonst war man optimistisch:

Mit diesem Verfahren sei die neue Bank exzellent auf die „New Economics“ im Internet vorbereitet. Dies gelte für den bargeldlosen Zahlungsverkehr über Handy, den Zahlungsvorgang im Internet sowie die etablierten Formen des Bankgeschäfts

Mit dem Angebot werde man die Direktbanken abhängen.

Die neue Tele-Commerce-Bank werde sich gegenüber den bisher am Markt aktiven Filial- und Direktbanken durch Verfügbarkeit, Schnelligkeit, globalen Zugang, Komfortabilität und Benutzerfreundlichkeit auszeichnen.

Mit der gemeinsamen Aktion wollte man die Übernahme von Mannesmann durch Vodafone verhindern. Dieses Vorhaben schlug, wie wir wissen, fehl. Damit war auch die “Tele-Commerce Bank” Geschichte. Bis heute versucht die Deutsche Bank, im Internet mit einer digitalen Bank Fuss zu fassen (wobei sie es manchmal auch nicht versucht, sondern den jeweiligen Versuch einfach abbricht). Bislang mit überschaubarem Erfolg.

Die Idee der Tele-Commerce-Bank zeigt indes, dass man sich vor bald 20 Jahren durchaus im Klaren darüber war, wohin die Reise im Banking gehen würde. Den Gedanken konsequent zu Ende geführt und in die Realität umgesetzt haben hingegen Paypal, Alipay, WeChat, Wirecard und einige Fintech-Startups wie N26.

Der Artikel erschien zuerst bei „Bankstil“.

*Ralf Keuper ist selbständiger Consultant – und einer der renommiertesten deutschen Finanzblogger. In seinem Blog „Bankstil“ analysiert er seit Jahren einen (so Keupers großes Credo) „Stilwandel im Banking, der weit über das Thema Technologie hinausgeht“.

Das endcoole Kreditbuch einer kleinen thüringischen Volksbank

Sorry, dass wir Ihnen heute schon wieder mit der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden (das ist die mit dem 10-Mio.-Euro-Kredit für Atletico Madrid) kommen – aber: Dieses Geldhaus ist echt der Hammer! Wie wir diversen Mitgliederbriefen des Instituts entnehmen, war die Sache mit dem spanischen Europapokalsieger nämlich kein One-Off. Stattdessen hat die thüringische Kleinbank das „nationale und internationale Fußballgeschäft“ inzwischen zu einem ihrer Kernfelder erklärt (Mitgliederbrief Sommer 2018); zu den Kunden gehört unter anderem der 1. FC Köln (Mitgliederbrief Herbst 2018). Im kürzlich veröffentlichten Jahresabschluss ist zudem zu lesen, dass der Bereich „Organisationen ohne Erwerbszweck/Fußball“ per Ende 2017  bereits für 13,4% der Kundenforderungen in Höhe von 432 Mio. Euro gestanden habe. Das wären 57,9 Mio. Euro. Wobei: Natürlich macht die Bank nicht nur Fußball. Auch bei Erneuerbaren Energien mischt sie kräftig mit. Und nebenbei scheint sie auch noch ein genossenschaftliches  N26 gegründet zu haben (Name: „VR-Perfekt: Das perfekte Online-Konto“). Das ist mal eine Bank!

Das hier sind die bislang größten Fundings im deutschen Fintech-Markt

Von Heinz-Roger Dohms

41,5 Mio. Euro Eigenkapital hat der Berliner Fintech-Inkubator Finleap in seiner aktuellen Fundingrunde erlöst. Hier die bislang größten Finanzierungen im deutschen Markt (Quelle: Unternehmensangaben; eigene Recherchen):

Mio. Euro Jahr
N26 130 2018
Kreditech 82 2015
Kreditech 80* 2017
Deposit Solutions 50-65* 2018
Solarisbank 57 2018
Finleap 41,5 2018
N26 36 2016
Smava 35-40* 2018
Finleap 35* 2017
Finanzcheck 33 2016
Raisin („Weltsparen“) 30 2017
Scalable 30 2017
Kreditech 29 2014

*Die mit Sternchen gekennzeichneten Werte beruhen auf (teils sehr groben) Schätzungen unsererseits. Grund: In die offiziell kommunizierten Zahlen waren (unseren Recherchen bzw. Vermutungen zufolge) auch Secondaries bzw. Fremdmittel eingerechnet.

Der Vaamo-Moneyfarm-Deal: Dokumentation der Pressemitteilung

Kann es sein, dass wir die Vaamo-Übernahme durch den englischen Wettbewerber Moneyfarm gestern ein bisschen arg negativ eingeordnet haben? Naja, zumindest war unsere Lesart ziemlich eindimensional (jüngster Beleg für fortschreitende Marktkonsolidierung), während Vaamos eigene Sicht auf die Dinge (Zusammenschluss zu einem echten europäischen Vermögensverwalter) unter den Tisch fiel. Darum hier, um das Bild zu ergänzen, die Dokumentation der gestern Vormittag rumgeschickten offiziellen Pressemitteilung:

Moneyfarm, einer der führenden europäischen Online-Vermögensverwalter mit Hauptsitz in London, übernimmt Vaamo (Vaamo Finanz AG), Deutschlands ersten unabhängigen Robo-Advisor für Privatanleger. Mit der Übernahme von Vaamo beschleunigt Moneyfarm seinen Eintritt in den deutschen Markt und weitet damit die europäische Präsenz um Deutschland als dritten Kernmarkt neben Großbritannien und Italien aus. Der Zusammenschluss ist für beide Unternehmen die Grundlage, einen wirklich europaweit tätigen Online-Vermögensverwalter aufzubauen.

Die Vaamo-Gründer Dr. Thomas Bloch und Dr. Oliver Vins werden Mitglieder des Executive Committees von Moneyfarm. Dr. Bloch wird verantwortlich für das Deutschland-Geschäft und den Ausbau des europaweiten B2B-Geschäfts von Moneyfarm sein. Dr. Oliver Vins wird zukünftig die Themen Produkt-Management und –Entwicklung bei Moneyfarm gruppenweit verantworten.

„Für uns ist Vaamo der ideale Partner, um unsere Präsenz in Europa zu stärken. Wir sehen Deutschland als attraktiven Wachstumsmarkt mit großem Potential für die digitale Vermögensverwaltung. Die Vision von vaamo, die private Geldanlage besser und einfacher zu machen, deckt sich mit unseren Zielen, die wir bei Moneyfarm verfolgen“, sagt Giovanni Daprà, Vorstandsvorsitzender von Moneyfarm.

[…]

Finleap erhält 41,5 Mio. Euro von chinesischem Versicherer Ping An

Es ist eines der höchsten Fundings für eine deutsche Fintech-Unternehmung überhaupt: Der Berliner Fintech-Inkubator Finleap erhält 41,5 Mio. Euro vom chinesischen Versicherungsriesen Ping An. „Finanz-Szene.de“ dokumentiert die Pressemitteilung, die vor wenigen Minuten rausgegangen ist:

Finleap, Europas größter Fintech Company Builder, sammelt 41,5 Millionen Euro vom Ping An Global Voyager Fund ein. Ping An, ein führendes chinesisches Finanzdienstleistungsunternehmen und anerkannter Fintech- und Healthtech-Innovator, ist nach Marktkapitalisierung das weltweit größte Versicherungsunternehmen und belegt im Fortune Global 500 Ranking Platz 29.

„Seit unserem Start vor vier Jahren verändern wir mit unserem einzigartigen Ökosystem aus Technologieunternehmen, digitalen Angeboten und Partnern maßgeblich die Finanzindustrie. Wir freuen uns sehr, Ping An nun im Finleap Ökosystem begrüßen zu dürfen und gemeinsam an der Zukunft der Digitalisierung der Finanzindustrie in Europa zu arbeiten. Wir haben in der Vergangenheit schon viel erreicht, aber natürlich können wir von einem Weltmarktführer, dessen DNA 100 Prozent digital ist und an der Spitze der Innovation agiert, noch viel lernen“, sagt Ramin Niroumand, Gründer und CEO von Finleap.

Jonathan Larsen, Ping An Group Chief Innovation Officer, kommentiert: “Wir waren von finleaps breiter und tiefer Expertise im europäischen Fintech-Markt beeindruckt. Durch das erhebliche Investment erwartet Ping An, dass finleap in der Lage sein wird, sinnvoll auf seinen bestehenden Erfolgen aufzubauen und eine noch bedeutendere Rolle bei der Ablösung traditioneller Finanzdienstleistungen in ganz Europa zu spielen.”

http://finanz-szene.de/exklusiv-wie-gut-ist-finleap-wirklich-teil-eins-des-grossen-venture-checks/

Ping An schließt sich einer langen Liste von strategischen Investoren von finleap an, darunter Hannover Rück, SIGNAL IDUNA, NIBC, MS&AD Ventures und SBI.

Das neue Kapital unterstützt finleap auf dem weiteren Wachstumskurs und wird für die Entwicklung neuer Technologien und Unternehmen sowie zur weiteren geographischen Expansion eingesetzt. “Alle unsere Investoren haben ein herausragendes internationales Profil und vielfältige Stärken, wovon wir in unserer weiteren Entwicklung enorm profitieren werden. Wir haben eine Versicherung, einen Rückversicherer, Partner für die internationale Expansion, eine Bank und nun einen Vorreiter bei technologischen Entwicklungen”, so Niroumand weiter.

Finleap wird das neue Kapital auch für den weiteren Ausbau der Fintech-Plattformen für kontextuelles Finanzwesen, Finreach solutions und Infinitec Solutions, nutzen. Beide Plattform-Systeme ermöglichen es Kooperationspartnern, Paket- und Komplettlösungen mit Fintechs, Finanzprodukten und Mehrwertservices wie in einem Baukasten bedarfsgerecht zu einem digitalen Finanzunternehmen zusammenzustellen.

Nach Abschluss der Investitionsrunde wird Donald Lacey, Managing Director und Chief Operating Officer von Ping An Global Voyager, Vorsitzender des Finleap Beirats. Lacey sagt zum Investment: „Bei Ping An Global Voyager investieren wir in Unternehmen, von denen wir glauben, dass eine Zugehörigkeit zur Ping An Gruppe den Wert des Partners erheblich steigern wird. In finleap sehen wir einen fokussierten und qualitativ hochwertigen Company Builder, der in der Lage ist, Großes zu erreichen. Unser Anspruch ist, die Entwicklung neuer Portfolio-Unternehmen in ganz Europa zu beschleunigen, indem wir die umfangreichen Technologien von Ping An, insbesondere aus den Bereichen Künstliche Intelligenz und Blockchain, einbringen.”

Asiatische Investoren kapern deutsche Fintechs

Erst Moneymap, dann Lendstar, nun Vaamo: Beginnt jetzt die große Fintech-Konsolidierung?

Das große Fintech-Sterben ist oft prophezeit worden – und kam dann doch nicht. Indes: Wenn der Eindruck nicht täuscht, dann verdichten sich zumindest die Anzeichen für eine Marktkonsolidierung. Fintura und Cringle sind verschwunden; Moneymap, Lendstar und partiell auch Getsafe haben Unterschlupf gefunden – und nun tut sich der Frankfurter Robo-Advisor Vaamo mit dem britischen Widersacher Moneyfarm zusammen und könnte auf Sicht als eigenständige Marke verschwinden, berichtet das „Handelsblatt“ (S. 28). Die Gründe für die Konsolidierung? 1.) Fintechs gibt es zu viele; 2.) Speziell der Payment-Drops scheint ausgelutscht; 3.) Wer sich in B2B flüchten will, muss bisweilen feststellen, dass die Banken lieber kopieren als kaufen; 4.) Bei manchen Fintechs geht das Geld zur Neige. 5.) Die Fundings werden zwar immer größer, verteilen sich aber auf immer weniger Fintechs. Siehe auch: weiter unten die nächste Meldung.

Erst Solarisbank, dann N26, nun Finleap: Asiatische Investoren kapern deutsche Fintechs

An große Finanzierungsrunden für deutsche Finanz-Startups hat man sich mittlerweile gewöhnt – insofern verwundert nicht, dass die 41,5-Mio.-Euro-Runde, die der Berliner Fintech-Inkubator Finleap gestern verkündet hat, den meisten Zeitungen heute Früh nur eine kleine Meldung wert ist. Zugegeben: Auch bei uns löst der schiere Betrag keine Schnappatmung aus. Was wir indes bemerkenswert finden, das ist der Absender des Geldes. Die Millionen kommen nämlich (fast komplett!) vom chinesischen Versicherer Ping An. Und das, nachdem auch schon bei N26 (Tencent) und bei Solaris (SBI) Asiaten eingestiegen sind. Damit geben bei den großen deutschen Fintechs nun drei Gruppen von Investoren den Ton an: 1.) Besagte Asiaten. 2.) Angelsächsische VCs. Und 3.) Westliche Strategen (darunter Aegon bei Auxmoney, Paypal bei Weltsparen, Blackrock bei Scalable sowie BBVA, ABN Amro & Visa bei Solaris). Und aus Deutschland? Sind zwar Versicherer am Start (Allianz, Talanx, Signal Iduna …). Aber nach allem, was wir wissen, keine einzige Bank. Seltsam? Seltsam! Finanz-Szene.de (Dokumentation der Pressemitteilung); Finanz-Szene.de (Liste der größten Fundings)

Wie gut ist Finleap wirklich? Teil eins des großen Venture-Checks

Von Heinz-Roger Dohms

Finleap – das ist eine Geschichte, die europaweit ihresgleichen sucht: Ein auf Fintechs spezialisierter Company Builder, der vier Jahre nach seiner Gründung schon mehr als 15 Finanz-Startups hervorgebracht hat, darunter hochbewertete Player wie Solarisbank oder Clark …

Gleichwohl: Im Dauerjubel um das Berliner Fintech-Imperium ist eine Frage eigentlich noch nie gestellt worden: Wie gut sind die Ventures wirklich? Ist zum Beispiel die Solarisbank das viele Geld überhaupt wert? Was machen Fintechs wie Billfront oder Valendo, von denen man kaum noch etwas hört? Und wer sind die wahren Perlen in dem gewaltigen Portfolio?

„Finanz-Szene.de“ hat in den vergangenen Wochen jedes Finleap-Venture einzeln untersucht. Was dabei herausgekommen ist, wollen wir Ihnen nun in einer dreiteiligen Serie berichten. Im ersten Teil geht es heute um Finreach, Savedo, Moneymap und die Solarisbank. Die weiteren Teile folgen kommende Woche.

Solarisbank

Als „Finanz-Szene.de“ im Sommer die Ertragszahlen der Solarisbank veröffentlichte, war das ein kleiner Schock für die Startup-Gemeinde: Was, beim Parade-Fintech aus Berlin haben sich Zins- und Provisions-Überschuss 2017 nur auf 2 Mio. Euro summiert? Wobei: Der Whitelabel-Spezialist ist ja so richtig erst 2016 gestartet. Die Erlöszahlen waren insofern noch nicht allzu aussagekräftig. Kein Grund zur Panik.

Zumal: Im Frühjahr haben Investoren wie BBVA oder ABN Amro die Solarisbank mit satten 57 Mio. Euro ausgestattet. Ebenfalls positiv stimmt, dass zurzeit fast wöchentlich ein neuer Kooperationspartner (=Kunde) öffentlich wird. Zuletzt waren das unter anderem Crosslend, Bitwala, Tomorrow oder Modifi. Und noch ein Indiz, dass die Dinge bei Solaris nach wie vor in die richtige Richtung laufen: Das Topmanagement ist seit dem Start relativ stabil geblieben, mal abgesehen davon, dass dem Gründerteam zwischenzeitlich ein externer CEO aufgepfropft wurde. Dieser Schritt war aber angeblich von langer Hand geplant.

Was ansonsten auffällt: Die Solarisbank hat zwar in kurzer Zeit dutzende kleine Partner gewonnen. Ein Vorzeigekunde – also einer mit dem gewissen Wow-Faktor – aber fehlt bislang. Hinzu kommt, dass sich einer der wenigen größeren Partner, nämlich Autoscout, zwischenzeitlich Finanzcheck einverleibt hat. Es würde daher nicht überraschen, wenn Autoscout die Solarisbank irgendwann nicht mehr braucht.

Unterm Strich: Trotz kleinerer Rückschläge bleibt die Solarisbank (geschätzte Bewertung: 225 Mio. Euro) vorerst der größte Hoffnungsträger (oder zumindest: die größte Wette) im Finleap-Portfolio.

Unsere Bewertung: 6 bis 8 Congrats (maximal möglich: 10)

Savedo

Als der Finleap-Einlagenvermittler Savedo im vergangenen Jahr mit dem Hamburger Rivalen Deposit Solutions („Zinspilot“) zusammenging, schrieb eine Wirtschaftszeitung von der „Fintech-Hochzeit im Zinsgeschäft“. Die Realität war eine andere. Denn alle verfügbaren Indizien sprechen dafür, dass Savedo damals nicht vermählt, sondern aufgefangen wurde (eines dieser Indizien sieht so aus, dass Finleap heute einen Anteil von nullkomma-irgendwas Prozent an Deposit Solutions hält, wie sich im Handelsregister nachlesen lässt. Vermutlich die Entschädigung, die Finleap damals immerhin noch kassierte).

Bleibt die Frage, warum Savedo sich nicht durchgesetzt hat. Insider sagen: An der Einlagenplattform als solcher habe es nicht gelegen, die sei technologisch richtig gut. Ein Problem dürfte eher gewesen sein, dass sich Finleap – salopp formuliert – die falschen Gegner ausgesucht hat. Denn die beiden Stand-Alone-Konkurrenten Raisin („Weltsparen“) und Deposit Solutions („Zinspilot“) gehören seit Jahren zu den bestgeführten deutschen Fintechs. So spielte Raisin frühzeitig seine Funding-Vorteile aus (und das üppige Netzwerk seines Teams), während Deposit sich dank seiner parallel zum B2C-Geschäft vorangetriebenen B2B-Plattform rasch bei den Banken etablierte. Und Savedo? Kam da nicht mit.

Womöglich unterlief Finleap hier auch eine grundsätzliche Fehlannahme. Nämlich die, dass man als großer Inkubator seine Startups generell schneller am Markt skalieren lassen kann, als das stand-alone möglich ist. Bei Rocket Internet und also im E-Commerce hatte diese Logik noch gegriffen. Im Fintech-Bereich hingegen scheinen andere Gesetze zu gelten, vielleicht auch, weil die notwendige Technologie zum Aufbau erfolgreicher Startups heutzutage billiger ist als vor zehn Jahren. Was in dem Zusammenhang übrigens auffällt: Die Samwers selber sind beim Versuch, in der Finanzbranche Fuß zu fassen, weitgehend gescheitert. Siehe auch: Rockets 2016 gestartete eigene Einlagenplattform „Zinsgold“, von der man nie mehr was gehört hat.

Savedo dagegen: Existiert immerhin noch. Und: Die nullkomma-irgendwas Prozent, die Finleap heute an Deposit Solutions (aktuelle Bewertung: angeblich 500 Mio. Dollar) hält, sind inzwischen sogar ein bisschen was wert. Darum zum Trost immerhin noch:

3-4 Congrats

Finreach

Eine der ersten Finleap-Unternehmungen. Und als B2B-Spezialist eine Art Role Model für Finleaps weitere B2B-Ventures wie Solarisbank, Element, Elinvar oder Infinitec Solutions. Was heute allerdings kaum noch jemand weiß: Eigentlich war Finreach mal als Ad-Company gestartet (Idee: ein Performance-Marketing-Spezialist für die Finanzbranche). Nach wenigen Monaten folgte dann allerdings ein Pivot von 180 Grad. Und aus dem Marketing-Spezialisten wurde ein Kontowechsel-Spezialist.

Der machte sich bald einen Namen als das vielleicht solideste unter den Finleap-Ventures. Warum? Weil Finreach 1.) nach allgemeinem Dafürhalten ein gutes Management-Team hatte, weil Finreach sich 2.) den richtigen Markt aussuchte (denn Konten werden nun mal gewechselt; der politische Druck auf die Banken tat ein Übriges), weil Finreach 3.) schon bald über eine namhafte Kundenbasis verfügte (Deutsche Bank, DKB, Bawag etc.pp), und weil Finreach 4.) anders als Savedo mit dem wichtigsten Stand-Alone-Konkurrenten (in diesem Fall: das Kasseler Fintech Fino) von Anfang an sehr gut mithielt.

Die Strategie von Finreach sah nach unserem Eindruck lange Zeit so aus, dass man die mit dem Kontowechsel-Service gewonnenen Banken peu à peu für weitere Dienstleistungen begeistern wollte (Depotwechsel, KI-Anwendungen …). Ging der Mutter Finleap diese Entwicklung womöglich nicht schnell genug? Jedenfalls: In diesem Sommer verkündete der Inkubator plötzlich, dass Finreach unter dem Namen Finreach Solutions zu einem plattformbasierten Komplettanbieter von Retailbanking-Services ausgebaut werden soll. (immer noch unklar: War das der Grund, warum die Geschäftsführung wechselte?).

Dieser Ansatz klingt zwar ähnlich wie das, was Finreach ohnehin vorhatte. Scheint aber nun deutlich größeren Ambitionen zu folgen. Sprich: Mächtiger Angriff statt sukzessive Weiterentwicklung. Mehr Risiko. Mehr Chancen. Unter Vorbehalt:

6-7 Congrats

Moneymap

In unserer exklusiven Berichterstattung über den „ersten großen Portfolio-Umbau bei Finleap“ neulich hatten wir ja schon angedeutet: Einerseits können wir die Einbringung des Vertragsmanagers Moneymap in die neu geschaffene „Finreach Solutions“ inhaltlich nachvollziehen. Andererseits hegen wir den Verdacht, dass diese Transaktion ein wenig den Umstand verschleiern sollte, dass Moneymap nie wirklich durchgestartet ist.

Für diese Lesart spricht zum einen der Rückzug der Hypo-Vereinsbank aus dem einstigen Joint-Venture. Und zum anderen, dass abgesehen von der HVB und der Berliner Sparkasse nie ein B2B-Partner genannt wurde, der Moneymap wirklich einsetzte (gab es überhaupt weitere Partner?). Hinzu kommt: B2C – sagen Eingeweihte – war die Nachfrage nach der Moneymap-App ohnehin überschaubar.

Und das Positive? Angeblich war das Moneymap-Tool eines der Argumente, mit denen Finleap die Deutsche Vermögensberatung vor einigen Monaten für das Joint Venture „Fintech Solutions“  gewann. Sollte dem tatsächlich so gewesen sein, dann mit ein bisschen gutem Willen:

2-3 Congrats

Im nächsten Teil geht es dann u.a. weiter mit Clark, Billfront und Zinsbaustein.

Quartalszahlen: Wirecards Bankschulden belaufen sich inzwischen auf rund 1,3 Mrd. Euro

Kann es sein, dass die Wirecard-Investoren inzwischen ein bisschen zu verwöhnt sind? Um bis zu 7,5% brach die Aktie des Dax-Neulings gestern ein – und das, obwohl die am Morgen veröffentlichten Q3-Zahlen eigentlich ganz hervorragend aussehen: Die Prognose fürs Gesamtjahr wurde abermals angehoben (auf 550-570 Mio. Euro Ebitda), zudem erwartet das Management für 2019 eine „starke Beschleunigung des  Geschäfts“. Reicht das nicht? Was derweil auffällt: Wirecards Wachstum zeigt sich nicht nur bei den Gewinnen, sondern auch in anderen Bilanzpositionen. So stiegen die „verzinslichen Verbindlichkeiten“ (vulgo: die Bankschulden) trotz üppigen Cashflows seit Jahresbeginn um 23% auf nunmehr rund 1,3 Mrd. Euro. Wer die kreditgebenden Banken sind? Weiß man nicht. Jedoch tauchte das Wirecard-Logo neulich in einer „Wholesale“-Präsentation der ING Diba auf. Und Commerzbank-Chef Zielke sagte letzthin ja den schönen Satz: „Wirecard ist einer unserer Kunden!“ Quartalsbericht (PDF)

Billpay-Gründer Holzner startet Plattform für Handelsfinanzierungen

Von Heinz-Roger Dohms

Für angeblich 70 Mio. Euro ging das Berliner Payment-Startup Billpay Anfang vorigen Jahres an das schwedische Unicorn Klarna – nun feiert Billpay-Gründer Nelson Holzner (nach einem sehr kurzen Intermezzo als CEO des Diebold-Nixdorf-Konzern-Fintechs Aevi)  sein Comeback, wie er dieser Tage im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“ verriet.

Die neue Firma heißt Modifi und will digitale Handelsfinanzierungen für global tätige KMUs anbieten. „Die Kreditentscheidungen werden in der Regel binnen 48 Stunden fallen“, kündigt Holzner an. Modifi ist zum Start nach eigenen Angaben mit rund 3 Mio. Euro Eigenkapital ausgestattet, als Bankpartner fungiert die Berliner Solarisbank.

Hier Auszüge aus der Pressemitteilung, die heute versandt werden wird:

Modifi hat es sich zur Aufgabe gemacht, die internationale Entwicklung durch Handelsfinanzierungen zu fördern. Dazu bringt Modifi diesen Monat ein innovatives neues Produkt auf den Markt, […] eine vollständig digitale Plattform […], über die kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) Handelsfinanzierungen erhalten können. […] 

Ohne lästigen Verwaltungsaufwand bei der Kreditbeantragung und das ständige Hin- und Her zwischen Kreditgeber und Unternehmen ermöglicht Modifi kleinen und mittelgroßen Unternehmen, Einkaufsfinanzierungen in weniger als zehn Minuten komplett online zu beantragen. Die Kreditentscheidungen erfolgen in der Regel innerhalb von 48 Stunden, so dass die Kunden ihr Geschäft durch erhöhte Einkaufsvolumina ausbauen können und gleichzeitig profitabler werden, da sie Skonti nutzen können.

Der digital-first-Ansatz des Unternehmens spiegelt sich in der Partnerschaft mit der innovativen Solarisbank wider, der lizenzierten Partnerbank von Modifi. Die API-Integration der Dienstleistungen der Solarisbank ermöglicht es Modifi, einen vollständig digitalen End-to-End-Prozess von der Identifizierung (KYC) bis zur Auszahlung anzubieten.“ […]

Ex-Sparkassen-Funktionärin wird Chefin von Berliner Fintech Kontist

Von Heinz-Roger Dohms

Außergewöhnliche Personalie in der deutschen Fintech-Branche: Die langjährige Sparkassen-Funktionärin Sibylle Strack wird nach exklusiven Informationen von „Finanz-Szene.de“ Geschäftsführerin des Berliner Finanz-Startups Kontist, das eine mobile Kontolösung für Freelancer anbietet. Dort soll die Payment-Expertin fortan eine gleichberechtigte Doppelspitze mit Gründer Christopher Plantener bilden.

Während sich Plantener in Zukunft vor allem um die kürzlich geschlossene Kooperation mit dem Software-Anbieter Haufe Group kümmern will, soll Strack  die Beziehungen zu den Banken vertiefen. Bislang bilden das Geschäftskonto (hinter dem die Solarisbank steht) und die Kreditkarte (die von Wirecard kommt) den Kern des Kontist-Angebots. Mithilfe weiterer Partnerbanken soll die Palette nun um andere Produkte ergänzt werden. „Dazu gehören ein Dispo-Angebot und mittelfristig sicherlich auch weitere Finanzierungsarten“, sagte die 50-Jährige.

Strack gehörte dem DSGV von 2004 bis 2017 an, die letzten vier Jahre leitete sie den Bereich Zahlungsverkehr und Kartenstrategie. Dabei ist sie von Haus aus eigentlich Consultant, denn vor ihrer Sparkassenzeit arbeitete ist fast zehn Jahre lang für Accenture. Der Wechsel zu Kontist kommt weniger überraschend, als es auf den ersten Blick scheint. Denn: In der Payment- und Fintech-Szene ist Strack seit vielen Jahren gut vernetzt, mit Plantener zum Beispiel war sie auch bislang schon per Du. „Sibylle war meine absolute Wunschkandidatin. Das matched perfekt“, sagt Plantener.

Wenn Fintech-Gründer einen Teil ihrer Macht abgeben und externe Geschäftsführer in die Führung holen, geschieht das häufig auf Druck  der Investoren. Bestes Beispiel: Das Hamburger Finanz-Startup Kreditech, wo sich Alexander Graubner-Müller zu Beginn dieses Jahres selbst vom CEO zum Vize-CEO degradierte, bevor er das Unternehmen vor wenigen Wochen schließlich verließ.

Bei Kontist hingegen spricht vieles dafür, dass die Dinge anders gelaufen sind. Denn: Plantener – ein passionierter Gründer – holte auch schon bei seinem letzten Startup, einer dänischen Firma namens Debitoor, nach wenigen Jahren einen weiteren Partner an Bord, mit dem er sich die Geschäftsleitung teilte. „Man darf nicht vergessen, dass ich ursprünglich aus einer anderen Branche komme. Darum war es – jetzt, wo die Aufbaujahre hinter uns liegen – an der Zeit, das Management um jemanden mit explizitem Banking-Knowhow zu erweitern.“ Druck vonseiten der Geldgeber gab es demzufolge keinen, so Plantener: „Im Gegenteil, den meisten Investoren ist es normalerweise lieber, wenn sie nur einen CEO als Ansprechpartner haben.“

Seit ihrem Ausscheiden beim DSGV im August vergangenen Jahres arbeitete Strack als freie Beraterin. Diese Erfahrung komme ihr nun zupass, sagt sie: „Ich habe in den vergangenen Monaten genau die Schmerzen kennengelernt, die viele andere Freelancer auch haben. Darum kann ich mich in unsere Kunden gut hineinversetzen.“ Dass sie als Kontist-CEO eine der ganz, ganz wenigen Frauen an der Spitze eines deutschen Fintechs sein wird, ist Strack natürlich bewusst. Allzu hoch hängt sie dieses Thema im Interview aber nicht – wobei sie dann doch sagt: „Natürlich sehe ich das ein Stück weit auch als Auftrag, andere Frauen zu unterstützen. Das habe ich allerdings bislang auch schon getan.“

„Es muss piepen!“ – Was passiert, wenn man in Deutschland einen Tag lang kontaktlos zahlen will

Eigentlich sollte kontaktloses Bezahlen längst an der Tagesordnung sein. Schließlich sind zwei Drittel der 820.000 Terminals im deutschen Handel schon mit NFC-Technologie ausgestattet. Und: 35 Millionen Girocards haben den notwendigen Chip installiert, genauso wie die meisten Kreditkarten. Warum jedoch handelt es sich dann noch immer um ein Nischenphänomen (laut Buba wurden 2017 nur 1,1% aller Zahlungen kontaktlos ausgeführt)? Genau diese Frage hat sich der Journalist Christian Kirchner gestellt und einen eintägigen Selbstversuch unternommen. Seine Payment-Odyssee führte ihn durch drei Städte (Frankfurt, München, Berlin) und an ein Dutzend Points of Sale (von Starbucks über McDonald’s und „Gosch Sylt“ bis hin zur Bahnhofstoilette). Um das Ergebnis vorwegzunehmen: Nur vier der 13 Versuche waren erfolgreich. Lesen Sie hier Kirchners Reportage „Es muss piepen! Es muss piepen!“: Capital

Woher kommt Wirecards „deutsches“ Transaktionsvolumen in Höhe von 18,9 Mrd. Euro?

Analysten lieben Wirecard. Bis letzte Woche galt dieser Satz quasi uneingeschränkt. Denn wie hoch die Aktie des Dax-Neulings auch steigen mochte – die Sellside hielt das Papier trotzdem für unterbewertet. Bestes Beispiel sind die Researcher von Goldman Sachs, die der Aktie einen Sprung auf sagenhafte 250 Euro zutrauen.

Dann aber meldete sich dieser Tage Merrill Lynch zu Wort – und stufte das Kursziel von 192 Euro auf 150 Euro herunter. Bemerkenswerter noch als der Downgrade als solcher war die Begründung: „Nach eingehender Analyse der Zahlungsabwickler im deutschen Onlinehandel“ mache man sich „Sorgen um die Wettbewerbsposition von Wirecard und die Nachhaltigkeit der inzwischen eingepreisten Wachstumsdynamik“, so Analyst Adithya Metuku. Eine ungewöhnlich heftige Kritik. Berechtigt?

„Finanz-Szene.de“ hat vergangene Woche (die Parallelität, das versichern wir, ist reiner Zufall) ein paar ähnliche Untersuchungen angestellt. Und auch unser Eindruck ist: So wahnsinnig viele namhafte deutsche Online-Händler findet man tatsächlich nicht, die ihre Zahlungstransaktionen über Wirecard abwickeln. Die Frage lautet: Muss das was heißen?

Auf geht’s:

Zunächst zu dem, was Merrill Lynch sagt. Eine gute Zusammenfassung der Studie liefert die „Financial Times“:

Merrill Lynch downgraded Wirecard to “underperform” and raised Ingenico to “neutral” as part of a payments sector review. A deep dive into the industry in Germany “reduces our confidence in the sustainability of growth that is being priced into Wirecard’s shares”, it said. Merrill cited “the lack of clarity on demand drivers at merchants that Wirecard classifies as ecommerce merchants”. Wirecard “is perceived by some investors we speak to as a key payment processing player in the German ecommerce landscape”, said Merrill. But its analysis suggested that only five merchants from the top 100 in Germany used Wirecard as their processor, accounting for 1.2 per cent of total volume. Based on volume alone Wirecard appeared to be 10th in the German market, yet the company’s reported figures have indicated a market share far in excess of that level, the broker said. The discrepancy might be because Wirecard provides services other than processing, such as risk management, but the pricing for these services looks significantly higher than peers and so may not be sustainable, said Merrill. The broker also speculated that a significant chunk of Wirecard’s German transaction revenue may be from in-store purchases on cards issued by Wirecard Bank, where the company receives interchange fees. Again, this would raise questions of sustainability, it said. The doubts led Merrill to cut its target on Wirecard to €150. “Ingenico appears to be better placed than Wirecard within the German ecom payment processing environment,” it told clients.

Merrill Lynch geht also von folgender Prämisse aus: Wenn Kursziele wie die von Goldman Sachs gerechtfertigt sein sollen (der Börsenwert läge bei einem Kurz von 250 Euro  bei rund 30 Mrd. Euro), dann sollte man  annehmen dürfen, dass Wirecard in seinem Heimatmarkt (Deutschland) und dort in seinem Kerngeschäft (Payment Service Processing bzw. Acquiring im Onlinehandel) eine große Nummer ist. Diese hohen Erwartungen werden dann allerdings nicht erfüllt.

So ganz neu ist das, was Merrill hier aufdeckt oder vorgibt aufzudecken, freilich nicht. So tauchte Mitte August bereits in der „Wirtschaftswoche“ die Vermutung auf, …

dass Wirecard für den deutschen Onlinehandel offenbar nicht sonderlich relevant ist. Wirecard sagt, eines der wesentlichen Alleinstellungsmerkmale des Unternehmens sei, dass man anders als viele Wettbewerber „das komplette Angebotsportfolio“ abdecke und nicht nur Teilbereiche. „So kann Wirecard Kunden aus allen Industrien branchenspezifische Komplettlösungen anbieten.“ Gleichzeitig schreiben die Aschheimer, dass der überwiegende Anteil des Konzernumsatzes aus Geschäftsbeziehungen zu Internetfirmen kommt. Beides zusammengenommen ließe vermuten, dass Wirecard im Onlinehandel ein echter Platzhirsch sein müsste, gerade im Heimatmarkt Deutschland. Doch Zweifel an dieser Darstellung sind angebracht. Das EHI, ein wissenschaftliches Institut des gleichnamigen Vereins, der 800 Händler zu seinen Mitgliedern zählt, führte unter den 1000 größten deutschen Onlinehändlern eine Umfrage durch. Sie wollten wissen, über welche Dienstleister die Händler Kreditkartenzahlungen abrechneten. 42 Teilnehmer antworteten. Nur fünf Prozent gaben an, über Wirecard abzurechnen. Die deutsche Concardis nutzten dagegen 26 Unternehmen, BS Payone sogar 33. Eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter den 100 größten deutschen Onlinehändlern kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Von 51 teilnehmenden Unternehmen, erklärten lediglich vier, dass sie ihre Zahlungen über Wirecardabwickeln. Das Unternehmen wollte hierzu keine Erläuterung geben.

Besagte Investoren (also die, mit denen Merrill sich austauscht) kannten diesen Artikel offensichtlich nicht. Das mag erklären, warum der „Wiwo“-Artikel seinerzeit keine sonderlichen Reaktionen am Markt hervorrief, während die Wirecard-Aktie am vergangenen Freitag nach Bekanntwerden der Merrill-Lynch-Studie um 6,5% auf nur noch 151,75 Euro abrutschte (bis gestern Abend erholte sich der Kurs übrigens ein Stück weit)

Was hat es nun mit unserer eigenen Recherche auf sich?

Also: Unser Erkenntnisinteresse galt diesmal (trotz unseres Faibles für Wirecard) gar nicht so sehr dem Dax-Aufsteiger selber. Sondern: Als Payment-Medium Ihres Vertrauens wollten wir ganz grundsätzlich der Frage nachgehen, wer denn die Schlüsselspieler im hiesigen PSP- bzw. Acquiring-Geschäft sind (zur Erklärung: Payment Service Provider werden die Dienstleister genannt, die die unterschiedlichen Bezahlmöglichkeiten wie Kreditkarte oder Paypal in den Händlershop integrieren. Dagegen handelt es sich beim Acquirer klassischerweise um die „Akzeptanzbank“, die gegenüber Visa und Mastercard für das Ausfallrisiko haftet.) Dabei trieb uns u.a. die Frage um, ob man solche Informationen wirklich nur umfragebasiert bekommt. Denn: Eine Rücklaufquote von 51%, wie sie die „Wiwo“ bei ihrer Befragung verzeichnete, ist zwar imposant – dennoch ist festzuhalten, dass jeder zweite Händler eben nicht antwortete. Und bei der EHI-Untersuchung blieben laut „Wiwo“ ja sogar satte 96% der Händler die Antwort schuldig.

Was haben wir also gemacht? Wir haben zum einen offizielle Verlautbarungen sowohl der Händler als auch der Zahlungsdienstleister gescreent. Von denen gibt es zwar nicht so wahnsinnig viele (da die Geschäftsbeziehungen oft nicht veröffentlicht werden), aber doch einige. Zum anderen sind wir in die Datenschutzbestimmungen (bzw. in sonstige Website-Angaben) der Händler hinabgestiegen. Denn: Nicht bei allen, aber doch bei relativ vielen Onlineshops finden sich dort Hinweise auf PSPs bzw. die Acquirer. Was wir einräumen müssen: In den Details gestaltete sich die Recherche derart vertrackt, dass wir heute (noch) nicht mit einer großen, fertigen, zu 100% sattelfesten Liste auf Sie zukommen. Aber ein paar Aussagen lassen sich in jedem Fall treffen, jedenfalls zu den Top-40-Händlern, auf die wir unsere Recherchen beschränkt haben.

  • Unter den 40 größten Händlern (auch wir stützen uns auf die EHI-Liste, übrigens genauso wie Merrill) scheinen vor allem Computop (als PSP), Concardis (als Acquirer) und BS Payone (sowohl als PSP als auch als Acquirer) eine starke Marktstellung zu besitzen.
  • Bei den großen „Ausländern“ (also bei Amazon, Apple und Ikea) ließen sich die Zahlungsdienstleister – jedenfalls für uns – nicht recherchieren. Nach Gesprächen mit diversen Branchenexperten halten wir es allerdings zumindest im Falle von Amazon und Apple für naheliegend, dass diese das Processing selber betreiben und beim Acquiring in erster Linie auf global tätige US-Player (JP Morgan Chase?) vertrauen.
  • Neben Amazon, Apple und Ikea gibt es ungefähr eine Handvoll weiterer Unternehmen, über deren Payment-Partner man so gut wie nichts herausbekommt.
  • Die Marktposition von Wirecard scheint überschaubar zu sein, wenn auch nicht ganz so bescheiden, wie Merrill Lynch dies suggeriert.

Konkret: Wir stießen in den Datenschutzbestimmungen bzw. Website-Angaben von vier Top-40-Händlern auf Hinweise, dass Wirecard dort der Acquirer sein dürfte: Lidl.de, QVC.de, HSE24.de und Medion.de. Hinweise, dass Wirecard unter den Top-40 auch PSP-Mandate innehat, fanden wir nicht. Allerdings stellt der Münchner Zahlungsdienstleister auf Nachfrage klar, dass er auch PSP-seitig Kunden unter den 40 größten Online-Händlern habe (weiter unten, was Wirecard sonst noch sagt).

Die Methodik von Merrill Lynch wiederum verstehen wir so, dass es der US-Investmenbank in erster Linie um das Processing ging, nicht ums Acquiring. Merrill initiierte nämlich offenbar mittels Testkaufs einen Checkout, um anhand der entsprechenden URL nachzuvollziehen, welcher Zahlungsdienstleister das sogenannte Payment-Gateway des Händlers betreibt (oder anders gesagt: wer der PSP ist).

Warum ist das alles nun überhaupt relevant? Kurz gesagt: Weil Wirecard zwar seit Jahren fantastische Geschäftszahlen vorlegt, es von außen aber nicht wirklich ersichtlich ist, wo die jeweiligen Umsätze bzw. Gewinne eigentlich genau herkommen. Aus einer Präsentation, die Wirecard im April vor Investoren hielt, weiß man aber immerhin: Global wickelte das Unternehmen 2017 nach eigenen Angaben Transaktionen im Wert von 91,0 Mrd. Euro ab. Davon seien 18,9 Mrd. Euro auf „Deutschland“ entfallen.

Das macht nun insofern stutzig, als die 100 größten Onlinehändler laut EHI-Liste zuletzt zusammen gerade mal auf gut 30 Mrd. Euro Umsatz kamen. Zieht man hiervon Amazon ab, bleiben noch gut 20 Mrd. Euro. Und subtrahiert man hiervon wiederum die Otto-Gruppe (die vor allem auf Computop und Concardis zu setzen scheint), sinkt das Volumen sogar merklich unter 20 Mrd. Euro.

Nun sind die „Top 100“ noch nicht der Gesamtmarkt; und zu berücksichtigen ist auch, dass die EHI-Zahlen z.B. keine virtuellen Güter (das Sky-Abo, das Microsoft-Office-Paket, das Bahnticket …) erfassen. Und doch bleibt als erster Eindruck zurück, dass die 18,9 Mrd. Euro von Wirecard gemessen am Marktvolumen  sehr hoch gegriffen sind.

Was sagt Wirecard nun selber? Anders als offenbar gegenüber der „Wiwo“ nahm das Unternehmen uns gegenüber ausführlich Stellung. Hier die wichtigsten Punkte:

  • Die Methodik von Merrill Lynch sei sehr zweifelhaft, u.a. weil man über den Checkout zwar in einigen Fällen den PSP erkenne, aber eben nicht den Acquirer. Und die Wertschöpfung finde nun einmal in erster Linie über das Acquiring statt.
  • Auch wir von „Finanz-Szene.de“ hätten (siehe auch oben) mit unserer Methodik nicht alle Händler erfasst. So generiere Wirecard z.B. auch Acquiring-Volumen über Zooplus (Platz 24 im EHI-Ranking). Weitere namhafte Partner seien unter anderem Hugo Boss oder Triumph. Insgesamt unterhalte man Geschäftsbeziehungen zu 18 der Top-100-Händler.
  • Zudem sei Wirecard dank des stark standardisierten „Wirecard Checkout Portals“ vor allem bei kleinen Online-Shops beliebt. Insgesamt habe man in Deutschland rund 18.000 Händler.
  • Wer sich nur auf das EHI-Ranking stütze, der unterschätzte ganz generell die Bedeutung virtueller Güter. Das gelte u.a. für den Travel-Bereich, wo Wirecard mit Kunden wie Check24 oder AERTicket stark aufgestellt sei.
  • Schließlich: Die 18,9 Mrd. Euro bezögen sich nicht auf „Transaktionen im deutschen Markt“. Sondern auf „Transaktionen deutscher Händler“. Heißt: Wenn ein deutscher Händler seine Produkte, sagen wir, in Irland verkauft, dann fließt diese Transaktion laut Wirecard in die 18,9 Mrd. Euro ein.
  • Und was man auch noch wissen müsse: Von den 18,9 Mrd. Euro entfielen nur rund 15 Mrd. Euro auf Processing und  Acquiring im Online-Bereich. Etwa 1,5 Mrd. Euro Transaktionsvolumen generiere Wirecard am stationären Point of Sale, weitere rund 2 Mrd. Euro durch die Herausgabe von Karten („Issuing“).

Liegt Merrill Lynch also schlicht falsch mit seiner Kritik? In diesem Fall wären am vergangenen Freitag ziemlich grundlos gut 1,3 Mrd. Euro Börsenwert vernichtet worden. Das sind die Dimensionen, um die es mittlerweile bei Wirecard geht.

Woher kommt Wirecards „deutsches“ Transaktionsvolumen in Höhe von 18,9 Mrd. Euro?

Von Heinz-Roger Dohms

Analysten lieben Wirecard. Bis letzte Woche galt dieser Satz quasi uneingeschränkt. Denn wie hoch die Aktie des Dax-Neulings auch steigen mochte – die Sellside hielt das Papier trotzdem für unterbewertet. Bestes Beispiel sind die Researcher von Goldman Sachs, die der Aktie einen Sprung auf sagenhafte 250 Euro zutrauen.

Dann aber meldete sich dieser Tage Merrill Lynch zu Wort – und stufte das Kursziel von 192 Euro auf 150 Euro herunter. Bemerkenswerter noch als der Downgrade als solcher war die Begründung: „Nach eingehender Analyse der Zahlungsabwickler im deutschen Onlinehandel“ mache man sich „Sorgen um die Wettbewerbsposition von Wirecard und die Nachhaltigkeit der inzwischen eingepreisten Wachstumsdynamik“, so Analyst Adithya Metuku. Eine ungewöhnlich heftige Kritik. Berechtigt?

„Finanz-Szene.de“ hat vergangene Woche (die Parallelität, das versichern wir, ist reiner Zufall) ein paar ähnliche Untersuchungen angestellt. Und auch unser Eindruck ist: So wahnsinnig viele namhafte deutsche Online-Händler findet man tatsächlich nicht, die ihre Zahlungstransaktionen über Wirecard abwickeln. Die Frage lautet: Muss das was heißen?

Auf geht’s:

Zunächst zu dem, was Merrill Lynch sagt. Eine gute Zusammenfassung der Studie liefert die „Financial Times“:

Merrill Lynch downgraded Wirecard to “underperform” and raised Ingenico to “neutral” as part of a payments sector review. A deep dive into the industry in Germany “reduces our confidence in the sustainability of growth that is being priced into Wirecard’s shares”, it said. Merrill cited “the lack of clarity on demand drivers at merchants that Wirecard classifies as ecommerce merchants”. Wirecard “is perceived by some investors we speak to as a key payment processing player in the German ecommerce landscape”, said Merrill. But its analysis suggested that only five merchants from the top 100 in Germany used Wirecard as their processor, accounting for 1.2 per cent of total volume. Based on volume alone Wirecard appeared to be 10th in the German market, yet the company’s reported figures have indicated a market share far in excess of that level, the broker said. The discrepancy might be because Wirecard provides services other than processing, such as risk management, but the pricing for these services looks significantly higher than peers and so may not be sustainable, said Merrill. The broker also speculated that a significant chunk of Wirecard’s German transaction revenue may be from in-store purchases on cards issued by Wirecard Bank, where the company receives interchange fees. Again, this would raise questions of sustainability, it said. The doubts led Merrill to cut its target on Wirecard to €150. “Ingenico appears to be better placed than Wirecard within the German ecom payment processing environment,” it told clients.

Merrill Lynch geht also von folgender Prämisse aus: Wenn Kursziele wie die von Goldman Sachs gerechtfertigt sein sollen (der Börsenwert läge bei einem Kurz von 250 Euro  bei rund 30 Mrd. Euro), dann sollte man  annehmen dürfen, dass Wirecard in seinem Heimatmarkt (Deutschland) und dort in seinem Kerngeschäft (Payment Service Processing bzw. Acquiring im Onlinehandel) eine große Nummer ist. Diese hohen Erwartungen werden dann allerdings nicht erfüllt.

So ganz neu ist das, was Merrill hier aufdeckt oder vorgibt aufzudecken, freilich nicht. So tauchte Mitte August bereits in der „Wirtschaftswoche“ die Vermutung auf, …

dass Wirecard für den deutschen Onlinehandel offenbar nicht sonderlich relevant ist. Wirecard sagt, eines der wesentlichen Alleinstellungsmerkmale des Unternehmens sei, dass man anders als viele Wettbewerber „das komplette Angebotsportfolio“ abdecke und nicht nur Teilbereiche. „So kann Wirecard Kunden aus allen Industrien branchenspezifische Komplettlösungen anbieten.“ Gleichzeitig schreiben die Aschheimer, dass der überwiegende Anteil des Konzernumsatzes aus Geschäftsbeziehungen zu Internetfirmen kommt. Beides zusammengenommen ließe vermuten, dass Wirecard im Onlinehandel ein echter Platzhirsch sein müsste, gerade im Heimatmarkt Deutschland. Doch Zweifel an dieser Darstellung sind angebracht. Das EHI, ein wissenschaftliches Institut des gleichnamigen Vereins, der 800 Händler zu seinen Mitgliedern zählt, führte unter den 1000 größten deutschen Onlinehändlern eine Umfrage durch. Sie wollten wissen, über welche Dienstleister die Händler Kreditkartenzahlungen abrechneten. 42 Teilnehmer antworteten. Nur fünf Prozent gaben an, über Wirecard abzurechnen. Die deutsche Concardis nutzten dagegen 26 Unternehmen, BS Payone sogar 33. Eine Umfrage der WirtschaftsWoche unter den 100 größten deutschen Onlinehändlern kommt zu einem ähnlichen Ergebnis. Von 51 teilnehmenden Unternehmen, erklärten lediglich vier, dass sie ihre Zahlungen über Wirecard abwickeln. Das Unternehmen wollte hierzu keine Erläuterung geben.

Besagte Investoren (also die, mit denen Merrill sich austauscht) kannten diesen Artikel offensichtlich nicht. Das mag erklären, warum der „Wiwo“-Artikel seinerzeit keine sonderlichen Reaktionen am Markt hervorrief, während die Wirecard-Aktie am vergangenen Freitag nach Bekanntwerden der Merrill-Lynch-Studie um 6,5% auf nur noch 151,75 Euro abrutschte (bis gestern Abend erholte sich der Kurs übrigens ein Stück weit)

Was hat es nun mit unserer eigenen Recherche auf sich?

Also: Unser Erkenntnisinteresse galt diesmal (trotz unseres Faibles für Wirecard) gar nicht so sehr dem Dax-Aufsteiger selber. Sondern: Als Payment-Medium Ihres Vertrauens wollten wir ganz grundsätzlich der Frage nachgehen, wer denn die Schlüsselspieler im hiesigen PSP- bzw. Acquiring-Geschäft sind (zur Erklärung: Payment Service Provider werden die Dienstleister genannt, die die unterschiedlichen Bezahlmöglichkeiten wie Kreditkarte oder Paypal in den Händlershop integrieren. Dagegen handelt es sich beim Acquirer klassischerweise um die „Akzeptanzbank“, die gegenüber Visa und Mastercard für das Ausfallrisiko haftet.) Dabei trieb uns u.a. die Frage um, ob man solche Informationen wirklich nur umfragebasiert bekommt. Denn: Eine Rücklaufquote von 51%, wie sie die „Wiwo“ bei ihrer Befragung verzeichnete, ist zwar imposant – dennoch ist festzuhalten, dass jeder zweite Händler eben nicht antwortete. Und bei der EHI-Untersuchung blieben laut „Wiwo“ ja sogar satte 96% der Händler die Antwort schuldig.

Was haben wir also gemacht? Wir haben zum einen offizielle Verlautbarungen sowohl der Händler als auch der Zahlungsdienstleister gescreent. Von denen gibt es zwar nicht so wahnsinnig viele (da die Geschäftsbeziehungen oft nicht veröffentlicht werden), aber doch einige. Zum anderen sind wir in die Datenschutzbestimmungen (bzw. in sonstige Website-Angaben) der Händler hinabgestiegen. Denn: Nicht bei allen, aber doch bei relativ vielen Onlineshops finden sich dort Hinweise auf PSPs bzw. die Acquirer. Was wir einräumen müssen: In den Details gestaltete sich die Recherche derart vertrackt, dass wir heute (noch) nicht mit einer großen, fertigen, zu 100% sattelfesten Liste auf Sie zukommen. Aber ein paar Aussagen lassen sich in jedem Fall treffen, jedenfalls zu den Top-40-Händlern, auf die wir unsere Recherchen beschränkt haben.

  • Unter den 40 größten Händlern (auch wir stützen uns auf die EHI-Liste, übrigens genauso wie Merrill) scheinen vor allem Computop (als PSP), Concardis (als Acquirer) und BS Payone (sowohl als PSP als auch als Acquirer) eine starke Marktstellung zu besitzen.
  • Bei den großen „Ausländern“ (also bei Amazon, Apple und Ikea) ließen sich die Zahlungsdienstleister – jedenfalls für uns – nicht recherchieren. Nach Gesprächen mit diversen Branchenexperten halten wir es allerdings zumindest im Falle von Amazon und Apple für naheliegend, dass diese das Processing selber betreiben und beim Acquiring in erster Linie auf global tätige US-Player (JP Morgan Chase?) vertrauen.
  • Neben Amazon, Apple und Ikea gibt es ungefähr eine Handvoll weiterer Unternehmen, über deren Payment-Partner man so gut wie nichts herausbekommt.
  • Die Marktposition von Wirecard scheint überschaubar zu sein, wenn auch nicht ganz so bescheiden, wie Merrill Lynch dies suggeriert.

Konkret: Wir stießen in den Datenschutzbestimmungen bzw. Website-Angaben von vier Top-40-Händlern auf Hinweise, dass Wirecard dort der Acquirer sein dürfte: Lidl.de, QVC.de, HSE24.de und Medion.de. Hinweise, dass Wirecard unter den Top-40 auch PSP-Mandate innehat, fanden wir nicht. Allerdings stellt der Münchner Zahlungsdienstleister auf Nachfrage klar, dass er auch PSP-seitig Kunden unter den 40 größten Online-Händlern habe (weiter unten, was Wirecard sonst noch sagt).

Die Methodik von Merrill Lynch wiederum verstehen wir so, dass es der US-Investmenbank in erster Linie um das Processing ging, nicht ums Acquiring. Merrill initiierte nämlich offenbar mittels Testkaufs einen Checkout, um anhand der entsprechenden URL nachzuvollziehen, welcher Zahlungsdienstleister das sogenannte Payment-Gateway des Händlers betreibt (oder anders gesagt: wer der PSP ist).

Warum ist das alles nun überhaupt relevant? Kurz gesagt: Weil Wirecard zwar seit Jahren fantastische Geschäftszahlen vorlegt, es von außen aber nicht wirklich ersichtlich ist, wo die jeweiligen Umsätze bzw. Gewinne eigentlich genau herkommen. Aus einer Präsentation, die Wirecard im April vor Investoren hielt, weiß man aber immerhin: Global wickelte das Unternehmen 2017 nach eigenen Angaben Transaktionen im Wert von 91,0 Mrd. Euro ab. Davon seien 18,9 Mrd. Euro auf „Deutschland“ entfallen.

Das macht nun insofern stutzig, als die 100 größten Onlinehändler laut EHI-Liste zuletzt zusammen gerade mal auf gut 30 Mrd. Euro Umsatz kamen. Zieht man hiervon Amazon ab, bleiben noch gut 20 Mrd. Euro. Und subtrahiert man hiervon wiederum die Otto-Gruppe (die vor allem auf Computop und Concardis zu setzen scheint), sinkt das Volumen sogar merklich unter 20 Mrd. Euro.

Nun sind die „Top 100“ noch nicht der Gesamtmarkt; und zu berücksichtigen ist auch, dass die EHI-Zahlen z.B. keine virtuellen Güter (das Sky-Abo, das Microsoft-Office-Paket, das Bahnticket …) erfassen. Und doch bleibt als erster Eindruck zurück, dass die 18,9 Mrd. Euro von Wirecard gemessen am Marktvolumen  sehr hoch gegriffen sind.

Was sagt Wirecard nun selber? Anders als offenbar gegenüber der „Wiwo“ nahm das Unternehmen uns gegenüber ausführlich Stellung. Hier die wichtigsten Punkte:

  • Die Methodik von Merrill Lynch sei sehr zweifelhaft, u.a. weil man über den Checkout zwar in einigen Fällen den PSP erkenne, aber eben nicht den Acquirer. Und die Wertschöpfung finde nun einmal in erster Linie über das Acquiring statt.
  • Auch wir von „Finanz-Szene.de“ hätten (siehe auch oben) mit unserer Methodik nicht alle Händler erfasst. So generiere Wirecard z.B. auch Acquiring-Volumen über Zooplus (Platz 24 im EHI-Ranking). Weitere namhafte Partner seien unter anderem Hugo Boss oder Triumph. Insgesamt unterhalte man Geschäftsbeziehungen zu 18 der Top-100-Händler.
  • Zudem sei Wirecard dank des stark standardisierten „Wirecard Checkout Portals“ vor allem bei kleinen Online-Shops beliebt. Insgesamt habe man in Deutschland rund 18.000 Händler.
  • Wer sich nur auf das EHI-Ranking stütze, der unterschätzte ganz generell die Bedeutung virtueller Güter. Das gelte u.a. für den Travel-Bereich, wo Wirecard mit Kunden wie Check24 oder AERTicket stark aufgestellt sei.
  • Schließlich: Die 18,9 Mrd. Euro bezögen sich nicht auf „Transaktionen im deutschen Markt“. Sondern auf „Transaktionen deutscher Händler“. Heißt: Wenn ein deutscher Händler seine Produkte, sagen wir, in Irland verkauft, dann fließt diese Transaktion laut Wirecard in die 18,9 Mrd. Euro ein.
  • Und was man auch noch wissen müsse: Von den 18,9 Mrd. Euro entfielen nur rund 15 Mrd. Euro auf Processing und  Acquiring im Online-Bereich. Etwa 1,5 Mrd. Euro Transaktionsvolumen generiere Wirecard am stationären Point of Sale, weitere rund 2 Mrd. Euro durch die Herausgabe von Karten („Issuing“).

Liegt Merrill Lynch also schlicht falsch mit seiner Kritik? In diesem Fall wären am vergangenen Freitag ziemlich grundlos gut 1,3 Mrd. Euro Börsenwert vernichtet worden. Das sind die Dimensionen, um die es mittlerweile bei Wirecard geht.

Die krasse Wette der Commerzbank auf den deutschen Immobilienmarkt

Von Heinz-Roger Dohms

Lanciert die Commerzbank da gerade eine gigantische Wette auf den privaten deutschen Immobilienmarkt? Dieser Verdacht drängt sich zumindest auf, wenn man Aussagen von Finanzchef Engels im gestrigen Q3-Pressecall  mit Ausführungen von Privatkundenvorstand Mandel aus dem März vorigen Jahres abgleicht. Mandel zufolge kam die Commerzbank Ende 2016 in der privaten Baufinanzierung auf ein Bestandsvolumen von 58 Mrd. Euro; laut Engels waren es Ende September dieses Jahres dann schon 73,9 Mrd. Euro. Zur Einordnung: Die Coba hätte damit in nur 21 Monaten ungefähr soviel zusätzlichen Bestand aufgebaut wie die ING Diba (von der man gemeinhin sagt, sie sei in der privaten Baufinanzierung durchaus aggressiv unterwegs) in den zurückliegenden rund sechseinhalb Jahren.

Nun müssen wir allerdings ein  großes Aber hinzufügen: Die Coba operiert unseren Recherchen zufolge in der öffentlichen Kommunikation ihres Baufi-Volumens mit mindestens drei verschiedenen Kenngrößen. Darum sind die 58 Mrd. und die 73,9 Mrd. laut Aussage der Coba nicht 1:1 vergleichbar. Unser starker Eindruck indes ist: So ungefähr sind die beiden Kennziffern sehr wohl vergleichbar. Hier erklären wir, warum:

  • In ihren Geschäfts- bzw. Quartalsberichten und normalerweise auch in der Kommunikation mit Investoren und Journalisten verwendet die Commerzbank eine Kenngröße, die sich „Exposure at Default“ nennt.  Diese Risikokennzahl umfasst neben der klassischen Baufinanzierung auch die Finanzierung von Immobilienkapitalanlagen.
  • Dieses „Exposure at Default“ betrug per Ende September 80 Mrd. Euro. Davon allerdings entfielen (siehe oben) 73,9 Mrd. Euro auf die normale Eigenheimfinanzierung.
  • Engels gestrigen Erläuterungen zufolge ist der Bestand in der klassischen Baufinanzierung in den zurückliegenden zwölf Monaten (also zwischen Q3 2017 und Q3 2018) um 6,5 Mrd. Euro gestiegen. An dieser Zahl gibt es nichts zu rütteln. Auch hier der Vergleich mit der ING Diba: Die brauchte zuletzt exakt drei Jahre (von Ende 2014 bis Ende 2017), um den Bestand um 6,5 Mrd. Euro aufzublähen. Krass ist das Wachstum der Coba also in jedem Fall, zumal der Gesamtmarkt trotz Immobilienbooms seit Jahren nur bescheiden wächst (das liegt unter anderem daran, dass viele Häuslebauer angesichts der niedrigen Zinsen versuchen, ihre Kreditschulden vorzeitig abzulösen. Es gibt deshalb durchaus Banken da draußen, die Mühe haben, zumindest soviel Neugeschäft zu generieren, dass der Bestand konstant bleibt).
  • Jedenfalls: Aus der Commerzbank verlautet, die 58 Mrd. Euro seien mit den  73,9 Mrd. Euro deshalb nicht direkt vergleichbar, weil sich die 58 Mrd. Euro rein auf die „Filialbank“ bezogen hätten. Nun müssen wir zugeben, dass wir seit jeher nur eine ungefähre Vorstellung davon haben, wodurch die „Filialbank“ sich eigentlich von der „Commerzbank“ unterscheidet. Unser Bauchgefühl allerdings sagt: So wahnsinnig materiell ist diese Unterscheidung im vorliegenden Fall nicht.
  • Können wir dieses Bauchgefühl mit Zahlen unterlegen? Wir denken: Ja. Denn zurück zum „Exposure at Default“ (das ja, siehe oben, ganz wesentlich aus der klassischen Baufinanzierung besteht): Dieses EaD ist  in diesem Jahr (neun Monate) bislang um 4,8 Mrd. Euro gestiegen, in 2017 waren es (zwölf Monate) 8,4 Mrd. Euro. Vieles spricht also dafür, dass die Coba 2017 (jedenfalls gemessen am Bestandswachstum) sogar ein größeres Rad gedreht haben könnte als in diesem Jahr.
  • Dass das Rad, dass die Commerzbank 2017 drehte, jedenfalls ein sehr großes war, das erkennt man daran, dass das Neugeschäft (nicht zu verwechseln mit dem Bestandswachstum) allein in den ersten neun Monaten um 11,3 Mrd. Euro zulegte. Aufs ganze Jahr gesehen waren es sogar 15,0 Mrd. Euro (zum Vergleich die ING Diba: 8,7 Mrd. Euro zugesagtes Neugeschäft in 2017)
  • Kurzum: Auch wenn der Ausgangswert nicht bei 58 Mrd. Euro lag, dann dürfte er doch (nun wieder aus dem Bauch heraus) bei, sagen wir, 60 Mrd. bis 62 Mrd. Euro gelegen haben. Nimmt man hiervon die Mitte (also 61 Mrd. Euro), dann wäre der Bestand in 21 Monaten um 12,9 Mrd. Euro gestiegen. Nochmal zum Vergleich: Hierfür hat die ING Diba zwar nicht sechseinhalb, aber immerhin sechs Jahre gebraucht.

Scalable Capital eröffnet Beratungsbüros. Dokumentation der Pressemitteilung

Analog statt digital: Der größte deutsche Robo-Advisor Scalable Capital bietet seinen Kunden an ausgewählten Standorten in Zukunft auch persönliche Beratung an. Wir dokumentieren Auszüge aus der Pressemitteilung:

München/London, 06. November 2018. Scalable Capital weitet sein Angebot für vermögende Privatanleger aus: Für Investoren mit einem Anlagevermögen ab 100.000 Euro bietet der digitale Vermögensverwalter ab sofort eine persönliche Betreuung an. Damit Kunden für den neuen Service nicht extra nach München in die Unternehmenszentrale reisen müssen, kommt Scalable Capital in regelmäßigen Abständen in diverse deutsche Metropolen. Dabei macht das Fintech keine Abstriche beim Thema Kosteneffizienz – Scalable Capital nutzt für die Gespräche ein mobiles Office der Coworking-Firma WeWork.

„Gerade vermögende Privatanleger kennen und schätzen die Vorteile von Technologie in der Geldanlage. Klar ist aber auch, dass sich manche Investoren bei sechs- und siebenstelligen Anlagesummen eine persönliche Betreuung wünschen. Diesem Wunsch kommen wir nun mit diesem Zusatzangebot nach. So profitieren vermögende Anleger von den Vorteilen einer technologiebasierten Geldanlage, müssen aber nicht auf einen individuellen Service verzichten“, sagt Erik Podzuweit, Gründer und Geschäftsführer von Scalable Capital.

Scalable Capital ist der erste und einzige digitale Vermögensverwalter in Deutschland, der über eine Milliarde Euro an Kundenvermögen verwaltet. Im Durchschnitt lassen Anleger 35.000 Euro von Scalable Capital verwalten. Portfolios mit einem Volumen von über 100.000 Euro machen heute bereits über ein Drittel des verwalteten Gesamtvermögens aus.

In den persönlichen Gesprächen mit erfahrenen Finanzexperten können vermögende Privatanleger ausführlich über ihre finanzielle Ausgangslage und ihre Anlageziele sprechen sowie alle Fragen zur digitalen Vermögensverwaltung klären. Persönliche Termine können bequem über ein digitales Buchungssystem […] vereinbart werden.

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