06/12/18: Beben bei der Coba, Chaos bei den Sparkassen, Megathema Onboarding

Stühlerücken bei der Commerzbank: Reuther und Annuscheit gehen, wer folgt den beiden?

„Was wird nun aus Herrn Reuther?“, fragte „Finanz-Szene.de“, als Mitte September bekannt wurde, dass die Commerzbank zwar die Verträge der Vorstände Mandel (Privatkunden) und Orlopp (Personal) verlängert hatte, nicht aber den Kontrakt des Vorstands Reuther (Firmenkunden). Seit gestern Nachmittag, 17.42 Uhr, weiß man die Antwort. Denn da schickte die Coba die Mitteilung rum, dass Michael Reuther die Bank mit Auslaufen seines Vertrages im kommenden September verlassen werde, ebenso übrigens wie IT-Vorstand Frank Annuscheit, der seinen Posten bereits Ende Februar „aus gesundheitlichen Gründen“ abgibt. Während der Nachfolger für Annuscheit bereits gefunden ist (Strategiechef Jörg Hessenmüller), stellt sich bei Reuther nicht nur die Frage, wer dessen Posten übernehmen soll, sondern auch, wer das überhaupt will. Naheliegend, aber nicht unbedingt wahrscheinlich: Auf Reuther folgt Mandel, und auf den wiederum Comdirect-Chef Walter. Müssten wir wetten, würden wir jedoch eher wetten: Frau Orlopp wird’s. Oder aber: eine externe Lösung. Finanz-Szene.de (Dokumentation der Pressemitteilung), Reuters

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Chaos bei den Sparkassen: Zur großen Baustelle NordLB kommt jetzt noch die kleine Baustelle Deka

Das hatte sich der gute Herr Schleweis (also der Präsident der deutschen Sparkassen) so schön gedacht: Man kombiniere die Helaba mit der NordLB, gebe mit der Zeit dann noch die LBBW, die Deka und die Berlin Hyp hinzu, rühre einmal kräftig um – und fertig ist die Super-Sparkassen-Landesbank. Sektor konsolidiert. NordLB gerettet. Alle happy. Sechs Wochen ist es her, dass diese Idee erstmals ventiliert (bzw: von Quertreibern geleakt) wurde. Was seitdem passiert ist, hat jeder mitgekriegt: Die LBBW brauchte keine zwei Tage, um sich von den Plänen zu distanzieren, die Helaba hat sich mit den niedersächsischen Sparkassen verkracht, die NordLB ist ungeretteter denn je – und gestern Nachmittag dann der nächste Hammer: Die Deka braucht völlig überraschend einen neuen Vorstandschef. Der jetzige, Michael Rüdiger, wird nämlich in ein paar Monaten aus seinen eigentlich noch bis 2021 laufenden Vertrag ausscheiden. „Aus Gründen der persönlichen Lebensplanung“, wie es offiziell heißt und wie es womöglich ja auch wirklich der Fall ist. Großes Chaos statt Grand Design. Börsen-Zeitung

News

Exklusiv – Yabeo steigt bei Finleap aus: Nach exklusiven Informationen von „Finanz-Szene.de“ hat der Venture-Capital-Spezialist (hinter dem der frühere HVB-Vorstand Matthias Sohler und Ex-Sofortüberweisung-CEO Gerrit Seidel stehen) im Zuge der jüngsten Funding-Runde seine Anteile am Fintech-Inkubator verkauft. An den Finleap-Ventures Solarisbank, Pair Finance und Clark bleiben die Münchner jedoch beteiligt, heißt es. Yabeo gehörte zu den ganz frühen Begleitern des Berliner Company-Builders. Besonders eng war die Zusammenarbeit beim Aufbau der Solarisbank, deren Aufsichtsrat Seidel vorsteht (und auch weiterhin vorstehen soll).   

Seit Jahren erzählt Florian Christ, Gründer und Chef des Kasseler B2B-Fintechs Fino (Kernprodukt: Kontowechsel), dass seine Firma profitabel arbeite: … und dann entdeckt man im Bundesanzeiger den kürzlich veröffentlichten Abschluss für 2017 und stellt fest – anders als bei anderen Fintechs stimmt das mit der Profitabilität bei Fino wirklich! Rund 570.000 Euro betrug der Jahresüberschuss, nach gut einer Mio. Euro im Jahr zuvor. Das mögen Zahlen sein, über die die Berliner „Skalierungs-Fintechs“ und die Hamburger „Traction-Fintechs“ nur lachen können. Andererseits: Dafür gehört Christ die eigene Firma wirklich, während einige andere deutsche Fintech-Gründer längst bis auf die Unterhose verwässert sind.

Kurzmeldungen: Nicht nur, aber auch an uns war vorbeigegangen, dass sich der Venture-Arm der Commerzbank dieser Tage an einer 30-Mio.-Dollar-Runde eines amerikanischen API-Spezialisten namens OpenLegacy beteiligt hat (Pressemitteilung) +++ Für die Nerds: Die Finanz-Informatik (also der IT-Dienstleister der Sparkasse) hat gestern bekanntgegeben, welche neuen Kernbank-Lösungen sie den Ortsbanken in diesem Herbst zur Verfügung stellt (IT-Finanzmagazin) +++ Nicht ganz so nerdig, aber selbe Veranstaltung: 43 Sparkassen starten diese Woche mit Überweisungen per Google-Sprachassistent (Turi2.de; Handelsblatt/Paywall)

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Seit über 10 Jahren setzt der von Professor Weber von der Universität Mannheim initiierte Fonds ARERO erfolgreich auf breite Diversifikation und konsequent passives Investieren. Für physische Umsetzung und günstigere steuerliche Behandlung wurde das Konzept zu Beginn 2018 weiter verbessert. Überzeugen Sie sich selbst von AREROs wissenschaftlichem Konzept auf www.arero.de.

Gästeblog

Momentan werden so viele Studien zum Thema „Onboarding“ publiziert, dass man sich fragt. Handelt es sich einfach nur um das nächste Modethema, das die Consultants wie die Sau durchs Dorf treiben? Nein, sagt unser Gastautor Sascha Dewald, Ex-CEO von Finreach. Denn: Onboarding sei kein bloßes Nice-to-have wie der bankeneigene Instagram-Kanal. Und auch keine schwer zu fassende Zukunftsvision wie die Blockchain. Sondern: „Onboarding ist für klassische Banken eine Schicksalsfrage. Wer es nicht beherrscht, wird im digitalen Zeitalter nicht überleben.“ Finanz-Szene.de

Linktipps

Wenn wir in Zukunft alle mit dem Smartphone bezahlen, tun wir das dann (natürlicherweise?) mit Apple Pay bzw. Google Pay, oder tun wir das dann (natürlicherweise?) mit der Payment-App unserer Bank? Bluecode-Chef Christian Pirkner glaubt (oder vielleicht sollte man besser sagen: hofft), dass letzteres der Fall ist. Hier legt er ausführlich dar, warum er das glaubt bzw. wenigstens hofft: Mobilbranche.de

Der Bitcoin? Ist weder ein Zahlungsmittel, noch ist er ein Wertspeicher, und schon gar nicht ist er sicher oder demokratisch oder sonst was. Sondern: Er ist klinisch tot. So jedenfalls sieht das ein Autor der Süddeutschen Zeitung.

Ist die Berliner Smartphone-Bank N26 (die ja gerade versucht, in Großbritannien Fuß zu fassen) besser als die dortigen Platzhirsche Monzo und Starling? Ein Vergleich: which.co.uk

Klickfavorit

… war gestern die Apobank-Geschichte (die bis zum Abend von deutlich mehr als 2000 unserer mittlerweile gut 10.700 Abonnenten gelesen wurde, was wir ziemlich krass finden). Finanz-Szene.de

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Beben bei der Commerzbank: Reuther und Annuscheit gehen, wer folgt den beiden?

Von Heinz-Roger Dohms

„Was wird nun aus Herrn Reuther?“, fragte „Finanz-Szene.de“, als Mitte September bekannt wurde, dass die Commerzbank zwar die Verträge der Vorstände Mandel (Privatkunden) und Orlopp (Personal) verlängert hatte, nicht aber den Kontrakt des Vorstands Reuther (Firmenkunden). Seit gestern Nachmittag, 17.42 Uhr, weiß man die Antwort. Denn da schickte die Coba die Mitteilung rum, dass Michael Reuther die Bank mit Auslaufen seines Vertrages im kommenden September verlassen werde, ebenso übrigens wie IT-Vorstand Frank Annuscheit, der seinen Posten bereits Ende Februar „aus gesundheitlichen Gründen“ abgibt. Während der Nachfolger für Annuscheit bereits gefunden ist (Strategiechef Jörg Hessenmüller), stellt sich bei Reuther nicht nur die Frage, wer dessen Posten übernehmen soll, sondern auch, wer das überhaupt will. Naheliegend, aber nicht unbedingt wahrscheinlich: Auf Reuther folgt Mandel, und auf den wiederum Comdirect-Chef Walter. Müssten wir wetten, würden wir jedoch eher wetten: Frau Orlopp wird’s. Oder aber: eine externe Lösung.

Hier die Dokumentation der Pressemitteilung:

Der Firmenkundenvorstand der Commerzbank AG Michael Reuther hat heute dem Aufsichtsrat mitgeteilt, dass er seinen bis Ende September 2019 laufenden Vertrag gern erfüllen, aber ein mögliches Angebot einer Vertragsverlängerung nicht annehmen möchte. In der gleichen Sitzung hat der Aufsichtsrat mit Bedauern dem Wunsch von Chief Operating Officer Frank Annuscheit entsprochen, aus gesundheitlichen Gründen zum 28. Februar 2019 aus dem Vorstand auszuscheiden. Frank Annuscheits Nachfolger wird Jörg Hessenmüller. Die Berufung von Jörg Hessenmüller in den Vorstand mit Wirkung zum 1. Januar 2019 steht noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Aufsicht.
 
Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann hat das bevorstehende Ausscheiden von Frank Annuscheit und die Ankündigung von Michael Reuther mit Bedauern zur Kenntnis genommen und seine Anerkennung für die langjährige erfolgreiche Arbeit bekundet.
 
Zu den Gründen für seine Entscheidung sagte Michael Reuther: „Mir hat die Arbeit bei der Commerzbank und mit meinen Kollegen im Vorstand immer sehr viel Spaß gemacht. Ich möchte aber nach dann 13 Jahren im Commerzbank Vorstand nochmal ein neues Kapitel in meinem beruflichen Leben aufschlagen. Eine weitere Verlängerung meines Vertrages wäre für meine derzeitige Lebensplanung nicht mehr in Frage gekommen. Deswegen möchte ich der Bank genügend Zeit einräumen, eine geeignete Nachfolge zu finden und in meinem letzten Jahr bei der Bank die Neuaufstellung des Firmenkundensegments erfolgreich zum Abschluss bringen. Ich glaube, dass dies dann auch ein guter Zeitpunkt für einen Führungswechsel im Firmenkundengeschäft ist. Meine Nachfolge kann sich dann voll und ganz auf das weitere Wachstum des Geschäfts konzentrieren.“
 
Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank, erklärte: „Ich bedauere Michael Reuthers Entscheidung, respektiere sie aber. Michael Reuther ist ein geschätzter Kollege mit einem breiten internationalen Profil und einer tiefen Marktexpertise. Er hat die Neuorganisation im Firmenkundengeschäft sehr gut vorangebracht und ich bin froh darüber, dass er den Übergang und seine Nachfolge mit uns aktiv gestaltet. Bei der Übernahme der Dresdner Bank hat er sehr erfolgreich die Handelsgeschäfte der beiden Investmentbanken integriert. Die Fokussierung auf das Kundengeschäft hat uns zu einem Vorreiter in der Industrie gemacht. Das verdient große Anerkennung. Dafür danke ich Michael Reuther ganz herzlich.“
 
Frank Annuscheit sagte zu den Gründen für sein Ausscheiden: „Ich war über 15 Jahre für die Technologie- und Operationsbereiche der Bank verantwortlich, davon 11 Jahre im Vorstand. Das ist eine lange Zeit mit einer Vielzahl von Transformationen, die mich beruflich wie auch persönlich geprägt haben. Deswegen ist mir die Entscheidung, mich aus dem operativen Geschäft zurück zu ziehen, nicht leicht gefallen. Jetzt ist es für mich aber an der Zeit, andere Prioritäten zu setzen.“
 
Martin Zielke, Vorstandschef der Commerzbank, erklärte dazu: „Frank Annuscheit ist uns ein wichtiger Impulsgeber gewesen. Den jüngst beschlossenen Umbau der Zentrale, durch den wichtige IT-Funktionen in die Produktentwicklung integriert werden, hat er mit angestoßen. Dieser Schritt ist für die Bank mutig und richtungsweisend. Auch die erfolgreiche Integration der IT der Dresdner Bank war sein Verdienst. Dafür danke ich Frank Annuscheit und freue mich, dass er sich auch künftig für die Bank engagieren wird.“
 
Frank Annuscheit weiter: „In einem digitalen Technologieunternehmen muss die IT noch enger in die Produkt- und Prozessverantwortung eingebunden sein. Es ist ein guter Zeitpunkt vor Beginn der entscheidenden Phase dieses Umbaus die Verantwortung in neue Hände zu übergeben. Ich freue mich, dass die Bank mit Jörg Hessenmüller einen Nachfolger gefunden hat, der diese Aufgabe mit großer Leidenschaft und Energie umsetzen wird.“
 
Jörg Hessenmüller, derzeit Bereichsvorstand für den Konzernbereich Digital Transformation & Strategy, soll die Nachfolge von Frank Annuscheit antreten.
 
Der Vorstandschef der Commerzbank Martin Zielke sagte: „Ich freue mich sehr, Jörg Hessenmüller bei uns im Vorstand begrüßen zu können. Jörg Hessenmüller hat als Strategiechef Commerzbank 4.0 von Beginn an aktiv mitgestaltet. Dasselbe gilt für den Umbau der Konzernzentrale. In seiner neuen Verantwortung kann er die digitale Transformation der Bank federführend vorantreiben und umsetzen. Bereits als Vorstand bei der mBank in Polen hat er sich intensiv mit technologischen Zukunftsthemen auseinandergesetzt und maßgeblich zu ihrer Umsetzung beigetragen.“

Warum Onboarding für deutsche Banken zur Schicksalsfrage wird

Von Sascha Dewald*

Onboarding? Dieses Schlagwort ist allgegenwärtig dieser Tage. „Wie digital ist das Client Onboarding im deutschen Bankensektor?“, fragt eine große Beraterfirma. „Herausforderung Onboarding – Wo stehen die Banken?“, ist ein andere Studie überschrieben. Und ein bekannter Banken-Blog stellt unter der Überschrift „Onboarding als Herausforderung im Retailbanking“ gleich mehrere aktuelle Untersuchungen zum Thema vor.

Ein Modethema?

Ja und nein. Tatsächlich ist Onboarding momentan in aller Munde. Das heißt aber nicht, dass es sich um eine der, mit Verlaub, Säue handelt, die einmal durchs Dorf getrieben und dann nie mehr gesichtet werden. Denn: Onboarding ist kein Nice-to-have wie beispielsweise der bankeneigene Instagram-Kanal. Und es handelt sich auch nicht um eine schwer zu fassende Zukunftsvision wie die Blockchain. Sondern: Onboarding ist für klassische Banken eine Schicksalsfrage. Wer es nicht beherrscht, wird im digitalen Zeitalter nicht überleben.

Kurz die Basics: Onboarding bezeichnet den Prozess, in dem ein Interessierter zum Kunden wird. Hierbei wird auf die gesamte Wertschöpfungskette, neudeutsch end-to-end, geschaut, beginnend mit der Phase, in der ein potentieller Kunde sich mit den Produkten beschäftigt, über das Ausfüllen spezifischer Antragsstrecken bis hin zum Kauf und schließlich zur Nutzung des Produkts.

Bei vielen deutschen Banken ist ein Großteil dieses Prozesses noch immer manuell und analog. Das heißt: Um allen notwendigen Richtlinien in puncto Regulatorik, Compliance und Datenschutz gerecht zu werden, muss intern eine Vielzahl von papierhaften Vorgängen angestoßen werden. Bei zahlreichen Produkten gilt das sogenannte Schriftformerfordernis, sprich: die originäre Unterschrift auf Papier. Die Regulatorik setzt dabei teilweise noch auf steinzeitliche Technologie, um Kommunikation, Übertragung und Prozesse sicher zu standardisieren. So weist das 2016 in Kraft getretene Zahlungskontengesetz alle deutschen Banken an, für die Initiierung eines ZKG-konformen Kontowechsels die Zahlungshistorie des Kunden via Fax zu versenden. Onboarding 1.0 – und das im Zeitalter von verschlüsselten Email-Protokollen und Datenformaten.

Die fortschrittlichen Player auf dem deutschen Markt lassen sich von solchen Eskapaden freilich nicht aufhalten. Direktbanken wie die ING Diba oder die DKB gewinnen Jahr für Jahr hunderttausende neue Kunden, die Berliner Smartphone-Bank N26 hat gut dreieinhalb Jahre nach ihrem Start schon mehr als 1,5 Millionen Nutzer akquiriert, die meisten davon in Deutschland. Zugleich ist die Zahl der Giro- und Tagesgeldkonten laut Bundesbank-Zahlen zuletzt nur noch um 0,3% gestiegen, bei den Zahlungskonten für sich genommen war sogar ein Nullwachstum zu konstatieren. Das heißt logischerweise: Viele Sparkassen, Volksbanken und sonstige klassische Filialbanken verlieren Kunden. Oder sie müssen hohe Marketingausgaben tätigen, um die Verluste durch die Gewinnung neuer Kunden auszugleichen.

Hier kommt nun das Onboarding ins Spiel. Denn die sogenannten Dropout-Raten – sprich: Wie viele Interessierte gehen im Anmeldeprozess verloren? – sind bei vielen deutschen Banken erschreckend hoch. Wie hoch genau? Darüber sprechen Banker selbst hinter vorgehaltener Hand extrem ungern. Entweder weil ihnen die Zahl peinlich ist. Oder weil sie die Dropout-­­Rate noch nicht einmal beziffern können. Bei vielen Geldinstituten sind die Tracking- und Analysesysteme nämlich derart veraltet, dass kaum verwertbare Zahlen generiert werden.

Die drohenden Konsequenzen sind existenzieller Natur, siehe Kodak, siehe Nokia. Denn auch wenn die Einstiegsbarrieren für neue Akteure im Banking höher sind als in anderen Branchen – immun sind die Platzhirsche nicht. Dutzende Startups auf der ganzen Welt arbeiten seit Jahren daran, das Onboarding für unterschiedlichste Branchen so sicher, kosteneffizient und barrierefrei wie möglich zu gestalten. Wo hiesige Banken noch mit Kernbankensystemen aus den 1970ern (und auf Basis von Programmiersprachen wie Cobol und Assembler …) operieren, sind anderswo modernste Cloud-Architekturen, digitale Signaturen sowie Stimm- und Gesichtserkennung als Standard etabliert. Für die deutsche Kreditwirtschaft heißt das: Wer beim Onboarding den Anschluss verliert, wird irgendwann für den Kunden irrelevant werden, eine Entwicklung, die durch folgende drei Faktoren sogar noch beschleunigt wird:

  1. Dank der GAFAs und anderer Tech-Unternehmen besitzen die Kunden heutzutage eine ganz andere Nutzererfahrung als noch vor fünf Jahren. Einfachheit und Schnelligkeit des Onboarding-Prozesses gelten mittlerweile als selbstverständlich, der moderne Verbraucher ist auf fabelhaftes Design, kinderleichte Bedienung, Ladezeiten im Millisekundenbereich sowie auf die automatische Synchronisierung über alle Geräte und Kanäle hinweg konditioniert.
  2. Zur gleichen Zeit unterliegen Banken jedoch regulatorischen Notwendigkeiten zur Geldwäscheprävention und beim Thema „Know your customer“. Dadurch wird das Onboarding umständlich und zeitraubend – was wiederum nicht nur den Kunden abschreckt, sondern enorm viel Aufwand u.a. in den Backoffice-Prozessen erzeugt. Das heißt: Die IT-Kosten steigen weiter. Gift für den Deckungsbeitrag. Zugleich steigt die Dropout-Rate, weil potentielle Kunden lieber zum modernen Wettbewerber gehen, der für den gesamten Prozess weniger als zehn Minuten benötigt.
  3. Challenger Banken nutzen neueste Technologie und entwickeln jeden Prozess von Beginn an so, dass er sich schnell und massiv skalieren lässt. Coole und beliebte User Interfaces wie AirBnB, Uber oder Instagram werden im Produktdesign herangezogen, anstatt Prozesse aus Bankproduktsicht zu entwickeln. Mit dieser Haltung und enormen Marketingbudgets werden Heerscharen an Wechselwilligen angelockt und innerhalb von wenigen Minuten zu echten Kunden.

Wie können die klassischen Banken diese Entwicklung aufhalten? Die naheliegende Antwort wäre: indem sie sich beim Onboarding an Playern wie der DKB, der ING Diba oder N26 orientieren. Dieser Ansatz allerdings wäre zu kurz gesprungen. Denn in der angelsächsischen Welt, in Asien oder in Südamerika sind manche Banken bereits einige Schritte weiter – ganz zu schweigen von Unternehmen aus anderen Branchen. Rund 20 dieser Use Cases habe ich mir in den vergangenen Monaten detailliert angeschaut. Mehr hierzu in den nächsten Tagen im zweiten Teil meines Gästeblogs: „So geht Onboarding richtig: Was deutsche Banken von globalen (Nicht-)Banken lernen können“.

*Der Banking- und Payments-Experte Sascha Dewald hat mehrere Fintechs gegründet und war zuletzt CEO von Finreach

Eigenkapitalrendite? 196 Prozent. Der geheime Schatz der Apobank

Von Heinz-Roger Dohms

Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank greift nach einem Schatz. Es ist allerdings ein Schatz, von dem kaum jemand weiß. Ein Geheimschatz, wenn man so will. Wer den Schatz entdecken will, muss einen verschlungenen Weg auf sich nehmen, und dieser Weg beginnt auf der Website des Bundeskartellamts, Unterseite: „Fusionskontrolle“, Rubrik: „Laufende Verfahren“. Dort findet sich seit wenigen Wochen – genauer: unter dem Datum des 7. November – das Aktenzeichen „B3-164/18“. Der entsprechende Antrag lautet:

„Deut­sche Apo­the­ker- und Ärz­te­bank eG, Düs­sel­dorf (D); Auf­sto­ckung der Be­tei­li­gung von 24% auf 50% mi­nus ei­ne Ak­tie an PRO­FI Ers­te Pro­jekt­fi­nan­zie­rungs- und Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaft AG (Fir­men­grup­pe Dr. Gül­de­ner)“

Es ist ein unscheinbarer Antrag. Doch die Unscheinbarkeit steht nach Recherchen von „Finanz-Szene.de“ in diametralem Gegensatz zu seiner Bedeutung. Denn: Bei der „Firmengruppe Dr. Güldener“ ist der Name Programm, die Profitabiliät des Unternehmens als golden zu beschreiben, wäre sogar eine grobe Untertreibung. Konkret: 2017 hat die größte der insgesamt drei Güldener-Gesellschaften eine Eigenkapitalrendite von surrealen 196% erzielt.* Dafür brauchte es nicht mal einen außergewöhnlich guten Geschäftsverlauf. 2016 zum Beispiel waren es sogar 243%. Insider schätzen den Wert der öffentlich nahezu unbekannten Unternehmensgruppe auf weit mehr als eine halbe Milliarde Euro.

Wobei: Die finanzielle Dimension ist das eine. Das andere ist die Frage: Kann es sein, dass die Güldener Gruppe der Apobank (die offiziell, siehe oben, ja nur 24% der Anteile hält) längst gehört? Jedenfalls de facto? Und das seit Jahren?

Aber der Reihe nach.

Teil I: Die Apotheker- und Ärztebank

Über die Apotheker- und Ärztebank (Sitz: Düsseldorf, Bilanzsumme: 44,4 Mrd. Euro) weiß man grosso modo zwei Dinge. Erstens ist sie die größte deutsche Genossenschaftsbank (wobei die Genossen ausnahmslos Ärzte und Apotheker sind). Und zweitens hat sie in ihrem Kerngeschäft (nämlich dem mit der eigenen Klientel) eine derart starke Marktposition, dass sie 2016 ein „Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit“ in Höhe von satten 192,8 Mio. Euro auswies.

Was man aber schon nicht mehr so genau weiß: Wie genau verdient die Apobank eigentlich ihr Geld? Ist es nur das gute, alte Kreditgeschäft? Oder steckt mehr dahinter? Genauer: Was verbirgt sich beispielsweise hinter dem weitverzweigten Beteiligungsnetz der Apothekerbank, über das der aktuelle Geschäftsbericht auf Seite 88 detailliert Auskunft gibt. In dieser Liste ist ein Name esoterischer als der andere, von der „ARZ Haan AG“ (Anteil: 23%) über die „Kock & Voeste Existenzsicherung für die Heilberufe GmbH“ (26%) über die medidesign GmbH (50%) bis hin zur CredaRate Solutions GmbH (13%). Insgesamt sind es 20 Firmen, an denen die Apobank „wesentlich beteiligt“ ist. Und eine davon, die dritte von unten in der Liste, ist besagte: „Profi Ers­te Pro­jekt­fi­nan­zie­rungs- und Be­tei­li­gungs­ge­sell­schaft AG“, Sitz: Zürich. Also jenes Unternehmen, das in der Anmeldung beim Kartellamt genannt wird und das hinter der in Stuttgart ansässigen Dr. Güldener Gruppe steht.

Teil II: Die Profi Erste und die Güldener Gruppe

Im Handelsregisteramt des Kantons Zürich taucht die „Profi Erste“ erstmals im Dezember 2003 auf. Offensichtlich wird die Gesellschaft seinerzeit bereits mit einem sehr konkreten Ziel gegründet. Denn neben dem allgemeinen Geschäftszweck findet sich in dem damaligen Eintrag der folgende „besondere Tatbestand“: „Die Gesellschaft beabsichtigt, nach der Gründung Teilgeschäftsanteile an der DZR Deutsches Zahnärztliches Rechenzentrum GmbH […] zu übernehmen.“ Die DZR? Das ist die größte der drei Güldener-Gesellschaften, also die mit der atemberaubenden Eigenkapitalrendite von 196%. Die anderen beiden sind die „Optica Abrechnungszentrum Dr. Güldener GmbH“ und die „Apotheken- und Ärzte-Abrechnungszentrum Dr. Güldener GmbH“.

Die Güldeners gibt es wirklich. Das Unternehmen wurde 1953 von Ludwig Güldener gegründet. Sein Sohn Dr. Volker Güldener trat 1968 in die Geschäftsführung ein. Die dritte prägende Figur war laut der offiziellen Firmenchronik ein gewisser Rudolf Prangen, der 2015 verstarb. Zu den Besitzverhältnissen sagt die Chronik nichts. Allerdings zeigen Recherchen von „Finanz-Szene.de“, dass die Firmengruppe in den vergangenen 15 Jahren offenbar sukzessive unter das Dach der Schweizer „Profi Erste“ geführt wurde.

Was treiben die drei Unternehmen nun? Nach unserem Verständnis (wobei dieses Verständnis in Bezug auf das Gesundheitswesen ein äußerst rudimentäres ist) tun sie alle drei mehr oder weniger dasselbe – sie übernehmen nämlich die Abrechnung von Rezepten und erhalten dafür eine Gebühr. Die eine der drei Güldener-Gesellschaften tut dies für die Zahnärzte, die zweite für sonstige Ärzte und Apotheker und die dritte für die Optiker.  Teilweise wird die reine Abrechnung offenbar um Factoring-Leistungen ergänzt. Das dürfte zum Beispiel dann der Fall sein, wenn es um private Zuzahlungen geht, für die die Kassen nicht aufkommen und bei denen deshalb ein entsprechendes Ausfallrisiko besteht.

Kurzum: Die drei Güldener-Gesellschaften sind Teil eines viele, viele Milliarden Euro schweren Geldkreislaufs. Und viele, viele Millionen davon bleiben bei ihnen hängen. In den güldensten Zeiten der Branche sollen sich die Abrechnungsfirmen laut Fachportalen etwa 0,4% aus dem Kuchen herausgeschnitten haben. Heutzutage seien es vielleicht noch 0,2%. Dennoch weiterhin ein fantastisches Geschäftsmodell.

Teil III: Wo landen die Gewinne der Güldener-Firmen?

Addiert kamen die drei Güldener-Firmen 2017 auf ein „Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit“ in Höhe von 46,7 Mio. Euro, was sich (unter anderem nach Abzug der Steuern) in einen addierten Bilanzgewinn von 33,1 Mio. Euro übersetzte. Das sind Gewinndimensionen, wie sie die „Metzlers“, die „Warburgs“, die „Hauck & Aufhäusers“ oder die „Lampes“ dieser Republik schon lange nicht mehr erreichen. Und selbst, sagen wir, eine Comdirect (Bilanzgewinn in den vergangenen drei Jahren: 113 Mio. Euro, 70 Mio. Euro, 57 Mio. Euro) ist nicht so wahnsinnig weit davon weg. Mit dem feinen Unterschied freilich, dass die Güldener Gruppe kaum Eigenkapital benötigt, um auf solche Ergebnisse zu kommen. „Das ist eine unglaubliche Cashcow“, sagt ein Insider aus der Gesundheitsbranche. Auch Thomas Borgwerth, Teilzeit-Analyst von „Finanz-Szene.de“, war begeistert bzw. entgeistert, als wir ihm den Jahresabschluss zeigten: „Das ist ja unfassbar, wie viel Geld die verdienen.“

Die Frage ist nun, wo dieses Geld hinfließt. „Die Geschäftsführung schlägt der Gesellschafterversammlung vor, den Bilanzgewinn […] vollständig auszuschütten“, steht im 2017er-Abschluss der DZR GmbH. Von kleineren Thesaurierungen abgesehen scheint es in den vergangenen Jahren genauso gewesen zu sein. Jahr für Jahr fließen also rund 20 Mio. Euro  allein aus der DZR GmbH heraus – aber wo landet dieses Geld?

Soweit von außen ersichtlich, müsste das Geld eigentlich größtenteils in der Schweiz landen. Denn laut deutschem Handelsregister hält die „Profi Erste“ aktuell an allen drei Güldener-Gesellschaften die  deutliche Mehrheit:

  • Bei der DZR GmbH sind es 58,7% der Anteile (wobei übrigens 16,2% der DZR-Anteile bei der Apobank unmittelbar liegen, womit man addiert auf 74,9% kommt)
  • Bei der Optica GmbH sind es 74,9%
  • Und bei der Apotheken- und Ärzte-Abrechnungszentrum GmbH sind es ebenfalls 74,9%
Teil IV: Die beiden großen Rätsel

Leider sind die schweizerischen Unternehmensregister nicht so transparent wie die deutschen (bzw.: Vielleicht sind wir von „Finanz-Szene.de“ auch nur zu blöd, in die schweizerischen hineinzukommen). Darum liegen uns weder eine GuV noch die Bilanz der „Profi Erste“ vor. Allerdings lässt sich über den Jahresabschluss der Apobank zumindest indirekt ein bisschen hineinspieken in die „Profi Erste“ – denn: Die Apobank gibt zu jeder ihrer Beteiligungen das Ergebnis des jeweils vorangegangenen Geschäftsjahrs an. Bei der „Profi Ersten“ waren das in den vergangenen Jahren indes jeweils nur 2-3 Mio. Euro. Müsste es nicht eigentlich viel mehr sein angesichts der üppigen Ausschüttungen der Güldener-Gesellschaften? (zumal die „Profi Erste“ einen eher bescheidenen Kostenapparat zu unterhalten scheint, wenn man der Website glauben darf). Jedenfalls: Das ist das eine Rätsel.

Das andere Rätsel lautet: Wenn der Apobank offiziell 24% an der „Profi Ersten“ gehören – wem gehören dann die übrigen 76%? Auch auf diese Frage finden wir in den Schweizer Registern keine Antwort. Was allerdings öffentlich ist, das sind die Namen der vier Verwaltungsräte der Gesellschaft. Und da fällt nun Folgendes auf:

  • Bei einem handelt es sich um einen aktuellen Apobank-Vorstand (vorausgesetzt, es handelt sich nicht um eine zufällige Namensdopplung)
  • Der zweite gehörte (sofern auch hier keine zufällige Namensdopplung vorliegt) bis vor ein paar Jahren dem Aufsichtsrat der Apobank an
  • Der dritte (er ist der Verwaltungsratschef) taucht in deutschen Registereinträgen als früherer Aufsichtsratschef einer damaligen Apobank-Beteiligung auf (wiederum vorausgesetzt, es handelt sich nicht um eine zufällige Namensdopplung)
  • Und der vierte scheint (wiederum: sofern keine zufällige Namensdopplung vorliegt) derselben Kanzlei wie der dritte anzugehören

Mit aller Vorsicht gefragt: Kann es sein, dass die Apobank, dafür dass sie nicht einmal ein Viertel der Anteile hält, einen erstaunlichen Einfluss auf die „Profi Erste“ haben könnte?

Der Branchendienst „Apotheker Adhoc“ stellte es schon vor zwei Jahren in einem Artikel wie eine Quasi-Tatsache dar, dass die Apobank „über schweizerische Firmen […] de facto […] die Mehrheit am privaten Rechenzentrum Dr. Güldener“ halte. Einen unumstößlichen Beleg für diese Behauptung blieb das Portal gleichwohl schuldig. Die Apobank wollte sich damals nicht äußern, auch auf Anfrage von „Finanz-Szene.de“ zeigt sie sich wortkarg. Allerdings heißt es aus dem Umfeld des Instituts, es gebe „keinen beherrschenden Einfluss“.

(„Finanz-Szene.de“ versuchte in der vergangenen Woche übrigens, abgesehen von der Apobank auch mit der Geschäftsführung der Güldener Gruppe und mit dem Verwaltungsratschef der „Profi Erste“ in Kontakt zu kommen, allerdings vergebens. E-Mail-Anfragen blieb unbeantwortet, Bitten um Rückrufe führten nicht zum Erfolg.)

Teil V: Die Schatzsuche

Was wissen wir nun?

  • Zum einen, dass es den Schatz gibt (er besteht zum einen aus den Güldener-Gesellschaften und zum anderen aus deren über die Jahre erwirtschafteten horrenden Gewinnen)
  • Und zum zweiten, dass die Apothekerbank wenigstens eine Hand an diesem Schatz haben muss (nämlich über die 24% an der „Ersten Profi“, über die geplante Aufstockung auf knapp 50% und über die 16%, die sie an der größten der drei Güldener-Gesellschaften hält).

Was hingegen Spekulation bleiben muss, siehe oben:

  • Wo genau liegt der Schatz?
  • Und wer außer der Apobank hat noch eine Hand am Schatz?

Was noch ganz interessant ist. Laut den Recherchen von „Finanz-Szene.de“ hatte die Apobank diesen Sommer beim Bundeskartellamt schon einmal die Erhöhung ihrer Anteile an der „Profi Erste“ angemeldet. Der jetzige Anlauf ist also bereits der zweite. Aus dem Umfeld der Apobank heißt es: „Das hatte keine inhaltlichen Gründe, sondern war rein prozessual bedingt.“

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*Wie haben wir die Eigenkapitalrendite von 196% errechnet? Also: Der Konzernjahresüberschuss des Unternehmens lag 2017 bei 20,6 Mio. Euro. Dem stand per Ende Dezember ein Konzerneigenkapital von 31,1 Mio. Euro gegenüber. Da diese Eigenmittel aber  zu zwei Dritteln aus dem erwirtschafteten Gewinn bestanden, kommt „Finanz-Szene.de“-Analyst  Thomas Borgwerth zu der Ansicht, „dass man bei streng wirtschaftlicher Betrachtung die 20,6 Mio. Euro eigentlich von den 31,1 Mio. Euro abziehen sollte.“ Bleiben 10,5 Mio. Euro Eigenkapital. Setzt man hierzu wiederum die 20,6 Mio. Euro Gewinn in Bezug, kommt man auf die 196%.