Deutschlands Fintechs haben über eine Mrd. Euro Cash verbrannt

Von Heinz-Roger Dohms

Deutschlands Fintechs haben aggregiert schon mehr als 1 Mrd. Euro verbrannt. Das zeigen Berechnungen von „Finanz-Szene.de“ auf Basis öffentlich zugänglicher Dokumente. Konkret schauten wir uns die Abschlüsse praktisch aller relevanten deutschen Finanz-Startups bis ins Jahr 2017 an. Allein hierbei ergaben sich kumulierte Verluste von mehr als 760 Mio. Euro – obwohl einige Fintechs mit mutmaßlich hohem Cashburn (Smava, Raisin …) ausweislich des Bundesanzeigers schon seit Jahren keine Abschlüsse mehr publizieren.

Zudem darf man plausiblerweise davon ausgehen, dass die Verluste 2018 nochmal ein höhere Niveaus erreicht haben als 2017, als es mehr als 230 Mio. Euro waren. Denn: Einige deutsche Fintechs nähern sich zwar langsam der Profitabilitätsschwelle; andere hingegen drehen – frisch versorgt mit frischen Fundings – gerade erst so richtig auf. Das gilt praktisch für den gesamten Insurtech-Sektor. Aber zum Beispiel auch für das Berliner Milliarden-Fintech N26, das laut seines 2017er-Abschlusses stark steigende Verluste für 2018 prognostizierte.

Doch bevor wir uns verquatschen: Hier nun die Tabelle, welches deutsche Fintech bis 2017 wieviel Geld verbrannt hat (sämtliche methodischen und sonstigen Anmerkungen – und das sind einige – finden Sie unterhalb der Tabelle). Angaben > 10 Mio Euro sind der Übersichtlichkeit halber auf ganze Zahlen gerundet.

Kreditech -193
N26 GmbH -56
Auxmoney -47
Finanzcheck -32
Lendico Deutschland GmbH* -28
Smava* -25
Solarisbank -25
Deposit Solutions -23
Orderbird -23
Simplesurance -23
Friendsurance (Alecto GmbH)* -20
Traxpay -19
Crosslend -18
Finleap -16
Ayondo GmbH -16
Finanzchef24 -13
Paymill GmbH (bis 2014)* -12
Raisin* -10
Barzahlen (Cash Paym. Sol. GmbH) -9,2
Scalable Capital -8,6
CollectAI -8,6
Wefox -8,5
Optiopay -8
Naga -7,8
Figo -7,6
Liqid -6,6
Mambu GmbH -6,5
Ottonova -6,3
Exporo -5,9
Getsafe* -5,6
Compeon -5,5
Bonify (Forteil GmbH) -5,4
Bergfürst -5,3
Stocard -4,9
Finiata -4,9
ID Now -4,7
Clark (FL Fintech E GmbH) -4,4
Gini -4
Payworks -3,8
Trustbills -3,8
Kapilendo -3,8
Elinvar -3,6
Givve -3,3
Volders -3,2
FintecSystems -2,1
Fincompare -2
Creditshelf -1,9
Billie -1,8
Cringle -1,8
WebID -1,7
Companisto GmbH -1,7
Authada -1,7
Savedroid -1,6
Funding Circle Deutschland GmbH* -1,6
Decimo -1,3
Fincite 0,8
Finstreet 0,8
Fino 1,8
Gesamt bis Ende 2017
-762,7

Disclaimer:

  • Wir glauben, mit der nötigen Sorgfalt gearbeitet zu haben. Sollte uns trotzdem ein Fehler unterlaufen sein – geben Sie uns bitte Bescheid, dann korrigieren wir das.
  • Bei der Auswahl der Fintechs haben wir uns mehr oder weniger an der hochoffiziösen Fintech-Definition von „Finanz-Szene.de“ orientiert. Um einen klaren Schnitt zu machen, beschränkten wir uns dabei auf Finanz-Startups, die nach 2010 gegründet wurden – wobei wir hiervon zwei Ausnahmen gemacht haben. Denn: Smava und Auxmoney sind solch prototypische Fintechs, dass wir sie nicht außen vorlassen wollten, obwohl sie vor 2010 gegründet wurden.
  • Falls Sie Namen vermissen (und ganz sicher tun Sie das): Einige Fintechs haben noch gar keinen Jahresabschluss veröffentlicht, zum Beispiel, weil sie noch sehr jung sind. Bei anderen ist es so, dass wir sie nicht kennen oder uns ihr Name nicht einfiel. Oder: Sie haben irgendwelche in Luxemburg oder der Schweiz ansässige Holdings. Einige Fintechs haben wir zudem ausgeklammert, weil sie Teil größerer Strukturen sind oder waren (Paydirekt, Yapital) und darum nicht ersichtlich wird, wo die Verluste, die diese Firmen mit großer Sicherheit angehäuft haben, letztlich angefallen sind.
  • Ebenfalls rausgelassen haben wir die gut 27 Mio. Euro Miese, die die SumUp Services GmbH allein bis Ende 2016 verursacht hat. Weil: Wir wissen nicht, inwieweit diesen Verlusten womöglich Gewinne in anderen SumUp-Gesellschaften in UK und Luxemburg entgegenstehen
  • Dadurch, dass nicht nur Yapital, Paydirekt und Sumup fehlen, sondern durch den harten Schnitt „nach 2010 gegründet“ auch Unternehmen wie Sofort, Ratepay oder Billpay fehlen, ist der gesamte Beritt „Payment/Rechnung“ leider unterrepräsentiert
  • Nun zu den Fintechs mit Stern …
  • Smava: Der letzte veröffentlichte Abschluss stammt aus 2014. Zudem haben wir im Geschäftsbericht eines Gesellschafters einen Wert für 2015 gefunden, den wir einfach mal eingerechnet haben. 2016 und 2017 fehlen definitiv. Werden wir ergänzen, sobald uns endlich mal jemand (gern auch anonym) das IPO-Factsheet zukommen lässt. Wir warten sehnsüchtig.
  • Raisin: Der letzte einsehbare Abschluss stammt aus 2015
  • Friendsurance/Alecto: Hier fand sich im 2017er-Abschluss zwar der Verlustvortrag für Ende 2016 (also die 20 Mio. Euro), aber soweit für uns erkennbar keine Angabe, was 2017 noch dazugekommen ist
  • Getsafe: Auch hier fehlt uns der 2017er-Wert
  • Paymill: Hier haben wir die Verluste der „alten“, pleitegegangen Paymill GmbH bis einschließlich 2014 erfasst
  • Funding Circle Deutschland: Auch hier fehlt der 2017er-Wert. Zudem sind wir unsicher, inwiefern die Verluste der Vorgängerfirma Zencap in den Verlustvorträgen der „neuen“ Firma berücksichtigt sind
  • Lendico: Hier haben wir die Werte der alten (mittlerweile zur ING Deutschland) zählenden Lendico Deutschland GmbH genommen, sind aber aufgrund der komplexen Lendico-Struktur und mindestens einer Umbenennung nicht sicher, ob das die letztgültige Summe ist, die wir da erwischt haben

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Radikalo-Banking: Was Apollo mit der OLB vorhat

Von Christian Kirchner

Es ist eine Konstellation, wie sie merkwürdiger nicht sein könnte: Da ist allenthalben die Rede vom völlig „overbanked“ Deutschland. Weil sich Sparkassen, Genobanken, Privatbanken, Landesbanken und zuletzt verstärkt Auslandsbanken wechselseitig mit Kreditkonditionen unter- und mit Neukundenangeboten überbieten.

Und dann kommt da der US-Finanzinvestor Apollo mit illustren Co-Investoren wie dem texanischen Lehrer-Pensionsfonds und dem britischen Grovepoint (Eigenbeschreibung: „Investment Management für anspruchsvolle Anleger“ – was die Frage aufwirft, ob es je einen Investment Manager für anspruchslose Anleger gegeben hat) daher.  Und kauft mal eben eine Hand voll Banken unter dem Dach der Oldenburgischen Landesbank (OLB) größtenteils im Nordwesten der Republik zusammen. Genauer: Eben die OLB, das Bankhaus Neelmeyer, die Bremer Kreditbank und die Wüstenrot Bank *{Nachtrag: deren im März 2018 vereinbarter Kauf noch unter dem Vorbehalt der Zustimmung der Aufsichtsbehörden steht} . Alles in allem ein Haus mit nunmehr rund 500.000 Kunden, über 200 Filialen inklusive SB-Zweigstellen,  1900 Mitarbeitern und 19 Mrd. Euro Bilanzsumme zuzüglich bald der Wüstenrot Bank mit weiteren gut 300.000 Kunden und 1,5 Mrd. Bilanzsumme.

Nun ist der Geschäftsbericht (auf die übliche Bilanzpressekonferenz wurde verzichtet) mit dem Abschluss 2018 zumindest mit Blick auf die Veränderungen zum Vorjahr wenig aussagekräftig. Denn: Die Verschmelzung lässt alle absoluten Zahlen zum Vorjahr deutlich ansteigen lässt.

Interessante Hinweise auf das, was das Kalkül von Apollo ist, wie man in Deutschland mit einer Bank in der Fläche Geld verdienen kann, liefert das Dokument aber dennoch.

Konkret:

  • Unter den fünf Schlüsselkennzahlen – neudeutsch „Key Performance Indicators“ – seien drei in Ordnung (Kapitalquote, Liquidität, Deckungsquote Liquiditätsbedarf). Bei den zwei übrigen indes wird eine „deutliche Verbesserung“ angestrebt. Und zwar bei der Eigenkapitalrendite nach Steuern (von aktuell 2,0%) und der Cost-Income-Ratio (die liegt aktuell bei 76%). Nun ist das Ansinnen bei der Eigenkapitalrendite objektiv verständlich (auch kein Mitarbeiter wird das anders sehen) – die Cost-Income-Ratio indes sieht angesichts der 2018 vollzogenen Umbauarbeiten gar nicht sooo übel aus. Jedenfalls für eine Bank, die tatsächlich noch mit Filialen aus Steinen statt aus Bits und Bytes arbeitet. Zur Einordnung: Laut letzten vorliegenden Bundesbank-Zahlen arbeiteten Deutschlands Banken insgesamt per 2017 mit eine CIR von 76%, Landesbanken mit 83%, Privatbanken mit 86%, Großbanken mit 95%. Sei’s drum. Apollo jedenfalls sind die 76% deutlich zu viel.
  • Aber wie senkt man die Kosten, ohne den Ertrag zu gefährden? Etwas verquast heißt es im Geschäftsbericht, man wolle „im Jahr 2019 intensiv an der Schaffung der Voraussetzung für die Anwendung eigener interner Modelle für die Messung von Kreditrisiken im Bereich des von der Bremer Kreditbank und dem Bankhaus Neelmeyer erworbenen Kreditgeschäft“ arbeiten. Was konkret heißt: Das Geschäft soll künftig mit einer geringeren Kapitalunterlegung laufen –  was natürlich der Profitabilität hülfe.
  • Aber wie steigert man Erträge, ohne die Kosten zu gefährden? Dazu hilft ein bisschen deduktive Logik: Die Bank ist nun in vier verschiedene Kern-Geschäftsbereiche aufgeteilt, von denen einer den schönen Namen „Spezialfinanzierung“ trägt. Dahinter stecken gewerbliche Immobilien- , Projekt- und Akquisitionsfinanzierungen. Und gerade diesen Bereich „Spezialkredite“, verriet OLB-Chef Axel Bartsch kürzlich „Capital“, wolle man im großen Stil ausbauen und das Volumen „durchaus verdoppeln“. Auch im Geschäftsbericht wird dieser Bereich jenes Kerngeschäftsfeld geflaggt, in dem es „Wachstumsmöglichkeiten“ mit einer „gezielten Potenzialabschöpfung“ gebe. Was insofern interessant ist, als dass uns ja jüngst auffiel, dass auch die (im Vergleich zur OLB nicht minder einlagenstarke) ING Diba die segensreiche Wirkung des hochprofitablen Großkundengeschäfts entdeckt hat. Sehen ausländische Adressen hier etwas, was deutsche Banken nicht sehen oder deren Ausbau  ihnen zu riskant ist? Hinweise bitte gerne an uns!
  • Und sonst? Plant die Bank also nicht weniger als steigende Erträge und sinkende Kosten zugleich. Und wird es bei näherer Lektüre dann an einigen Stellen doch ziemlich, wie sagt man, „angelsächsisch“ (Hervorhebungen durch uns). Denn die Digitalisierung böte „die Möglichkeit, vielfältige Beratungsdienstleistungen unabhängig von Standorten und Öffnungszeiten anzubieten sowie durch automatische Geschäftsprozesse und -abläufe den Mitarbeiterbedarf zu reduzieren„. Des weiteren rechnet die Bank mit der Schaffung „weiterer Synergien im Bereich der Betriebs- und Stabsfunktionen„. Und im Bereich der Aufwendungen erwartet die Bank, dass unter anderem auch eine „Neugestaltung des Filialnetzes (…) eine Senkung der Kosten ermöglicht.“

Im Klartext:  Es wird demnächst wohl ziemlich windig im Nordwesten.

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