Warum hat der „Robo“ der DKB 2,5 Jahre Verzug?

Von Heinz-Roger Dohms

„Robo Advice ist ein spannendes Thema. Wir gucken uns das an und haben auch schon Gespräche mit Anbietern geführt.“ So sagte es DKB-Chef Stefan Unterlandstättner bei der Bilanz-Pressekonferenz am 22. März 2017.

Danach? War von der zweitgrößten deutschen Onlinebank zum Thema Robo Advice nie mehr was zu hören. Bis gestern Früh. Da ließ sich Privatkunden-Vorstand Tilo Hacke in der „Börsen-Zeitung“ wie folgt vernehmen: Man habe sich „für eine Zusammenarbeit mit Elinvar [Anm.: Das ist das Fintech, bei dem Goldman einsteigt …] im Bereich der digitalen Vermögensverwaltung entschieden, die wir noch im aktuellen Jahr für unsere Kunden anbieten“.

Noch im aktuellen Jahr? Dann wären zwischen Unterlandstättners Ankündigung und dem Produktstart Pi mal Daumen satte zweieinhalb Jahre vergangen. Wie kann das sein?

Ein kleines Lehrstück über die DKB und Robo Advice im Besonderen – sowie über die deutschen Banken und die Digitalisierung der Finanzbranche im Allgemeinen:

1. Akt: Die Bilanz-PK

Seit Digitalisierung und Fintech die alles überlagernden Buzzwords in der Branche sind, sehen sich viele Bankvorstände unter Druck, zumindest einmal jährlich (nämlich zur Bilanz-PK) irgendwas Digitales anzukündigen, auch wenn es noch nicht wirklich was anzukündigen gibt. Das gilt …

  • … inbesondere für die Chefs von Banken, die von der Öffentlichkeit als irgendwie besonders digital wahrgenommen werden, auch wenn sie soooooo digital dann doch nicht sind. Siehe z.B. auch die Ankündigung des „digitalen KMU-Kredits“ bei der ING-Diba-Bilanz-PK 2018 bzw. die Ankündigung eines „digitalen Finanzberaters“ bei der  ING-Diba-Bilanz-PK 2019.

Und es gilt …

  • … ganz besonders bei Themen, die gerade medial besonders gehypt werden, so wie das Anfang 2017 mit Robo Advice der Fall war

2. Akt: Zwischen Ankündigung und Wirklichkeit

In den Belegschaften stoßen derlei Ankündigungen gern mal auf Verwunderung. Motto: „Ich dachte, ich soll mich erstmal um Apple Pay kümmern …“ Nun gab es Anfang 2017 zwar noch kein Apple Pay in Deutschland, Verwunderung – so wurde uns berichtet – herrschte in der DKB aber trotzdem. Motto: „Robo? Wir?“

3. Akt: Die DKB sagt Hü

2018 nahm das Thema laut Informationen von „Finanz-Szene.de“ innnerhalb der DKB dann aber doch Fahrt auf. Der Erzrivale ING Diba war inzwischen mit seinem Robo-Partner Scalable Capital durchaus imposant gestartet, der Druck stieg also. Angeblich gab es damals sogar eine Art Ausschreibung und angeblich sogar einen Fintech-Partner, der bei dieser Ausschreibung das Rennen zu machen schien – nämlich besagtes Berliner Finanz-Startup Elinvar. Bei der DKB äußert man sich hierzu nicht.

4. Akt: Die DKB sagt Hott

Dann hörte „Finanz-Szene.de“ zum Jahreswechsel 2018/19 aus zuverlässigen und übereinstimmenden Quellen plötzlich jedoch von einer angeblichen neuen bzw. zweiten Ausschreibung. Diese soll so zugeschnitten gewesen sein, dass nun kein Digitalisierungs-Tüftler wie Elinvar gesucht wurde, sondern ein reinrassiger Robo Advisor wie zum Beispiel Scalable Capital, Quirion oder Investify (auch hierzu: aus Berlin kein Kommentar). Warum es zu dem Schwenk kam, das wissen wir nicht genau. Nach allem, was man hört, gab es innerhalb der DKB (die sich zuletzt mit bekannten Digitalköpfen verstärkt hat) aber unterschiedliche Ansichten zum Thema. Anders gesagt: Die Berliner wussten, dass sie einen Robo Advisor wollen – aber nicht, welchen.

5. Akt: Die DKB sagt doch wieder Hü

Nun hat sich letzten Endes also doch Elinvar durchgesetzt, was aus mehreren Gründen bemerkenswert ist:

  • Eine Robo-Lösung z.B. mit Scalable (so wie es die ING macht) oder mit Quirion (so wie es Deposit Solutions macht)  wäre im Normalfall ziemlich geradeaus gewesen: Die DKB hätte ihre Kunden an einen Robo Advisor weitergeleitet und im Gegenzug einen Anteil an den laufenden Erträgen erhalten. Branchenexperten sprechen von einem „kuratierten Ansatz“: Die Bank sagt ihrem Kunden, welchen Robo sie ihm empfiehlt – und  hält sich ansonsten weitgehend zurück.
  • Im Vergleich hierzu ist Elinvars Plattform-Modell komplexer (was leider auch heißt, dass wir hier von „Finanz-Szene.de“ es nicht so richtig verstehen) und irgendwie wohl auch gestaltbarer. Die DKB könnte über Elinvar zwar ebenfalls einen „kuratierten Ansatz“ fahren, heißt es. Denkbar sei aber auch, über die Elinvar-Plattform verschiedene Anbieter bzw. Produkte anzubieten (sofern wir wenigstens das richtig verstehen). Angeblich müssen die DKB und Elinvar in den nächsten Wochen aber erst noch konkretisieren, was sie dann in den nächsten Monaten eigentlich genau bauen wollen. Die Ankündingung von Herrn Hacke diente wohl auch dem Zweck, erst einmal ein Signal nach innen und außen zu setzen, dass die DKB das Thema nicht vergessen hat.
  • Elinvar ist in erster Linie ein digitaler Enabler – verfolgt also keine eigene Anlagestrategie, wie das Scalable oder Quirion tun. Da die DKB als produktschlanke Onlinebank aber nun ebenfalls kein „Chief Investment Office“ unterhält, braucht die DKB-Elinvar-Kombi nach unserem Verständnis noch einen dritten Partner. Vielleicht Warburg? (mit denen kooperiert Elinvar ja schon länger). Oder gar Goldman (also der neue Elinvar-Investor?)

Conclusio

Das Lustige ist nun wiederum, dass sich viele deutsche Banken zuletzt vom reinen Robo-Ansatz  mehr oder weniger wieder verabschiedet haben (siehe unsere Artikel vom 4. Oktober 2018  bzw. vom 7. Mai 2019). Wie zu hören ist, wurde diese Entwicklung auch in der DKB aufmerksam beobachtet – und könnte zu der Entscheidung, nun mit Elinvar einen Robo-Ansatz sui generis zu verfolgen, beigetragen haben. In diesem Fall hätten die Hauptstädter von ihrer mangelnden Agilität ironischerweise sogar profitiert.

Vielleicht lesen wir demnächst ja mal in einem dieser immer sehr langen „Handelsblatt“- oder „Börsen-Zeitung“-Interviews folgende Passage:

Herr Unterlandstättner, wie sieht Ihre digitale Agenda für die nächsten ein, zwei Jahre aus?

Unterlandstättner: „In den nächsten ein, zwei Jahren wollen wir erst einmal weiter beobachten, was sich da draußen so tut. Das ist auch das, was uns die Consultants empfehlen: ‚Nehmt mal ein bisschen Agilität raus.‘ Daran halten wir uns.“

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Hat die eigentliche BayernLB im Q1 rote Zahlen geschrieben?

Von Christian Kirchner

Da haben wir doch gestern einen Quartalsgewinn von 51 Mio. Euro bei der BayernLB vermeldet, aber versäumt, im Folienpack des Zahlenwerks bis auf Seite 39 vorzudringen. Dort findet sich nämlich Interessantes …

  • Zum Beispiel, dass die Ertragsperle DKB (ein Drittel Ergebnisbeitrag 2018, selbst wenn man Einmaleffekte außen vor lässt) inzwischen noch heller glänzt. Die hat im ersten Quartal ein Ergebnis vor Steuern von 96 Mio. Euro erwirtschaftet. Nach Abzug von Bankenabgabe und Regulierungskosten in Höhe von 28 Mio. Euro.
  • Zudem erfuhren wir bei der Lektüre der Präsentation, dass die übrigen Sparten/Bankbereiche – also Corporate & Mittelstand, Immobilien & Sparkassen/Verbund sowie Financial Markets auf zusammen 55 Mio. Gewinn vor Steuern kamen. Allerdings vor Abzug von Bankenabgabe und Regulierungskosten. Die (65 Mio. Euro) werden nämlich separat ausgewiesen im Segment „Zentralbereiche und Sonstiges“.

Will heißen: Ohne die DKB wäre das Quartal operativ rot gewesen (auch wenn die verbindliche Verbuchung der Bankenabgabe fürs Gesamtjahr in Q1 die Betrachtung hier etwas verzerrt).

Zum selber nachrechnen: Hier die Präsentation.

Und für alle, die sich fragen, ob die schwachen Zahlen womöglich die rund um die BayernLB und das weitere Vorgehen in Sachen DKB köchelnde Strategiedebatte befeuern könnten: Gut möglich! Zumal wir ja kürzlich erst berichtet haben, dass  der Abgang von Kapitalmarkt-Vorstand Woitschig mit einem Neuzuschnitt des Vorstands-Ressorts zu tun haben können:

Exklusiv: Kapitalmarkt-Vorstand Woitschig verlässt BayernLB

War noch was? Ach ja: der Bereich Kapitalmärkte bzw. „Financial Markets“ war auch ohne Abgabe und Gedöns im ersten Quartal defizitär.

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Wieso eine „ING Commerzbank“ durchaus Sinn ergäbe

Von Christian Kirchner

Die Unicredit? Die ING? Oder doch wer anders? Die Liste der angeblichen Interessenten für die Commerzbank ist lang, und so richtig 100% sattelfest sind auch nur wenige in der Frage, woran es denn nun gelegen hat, dass es mit der Deutschen Bank und der Coba nichts wurde.

Da trifft es sich gut, dass gelegentlich auch Teams ihr Wissen aufschreiben, die sich hauptberuflich mit den Rationalen von Bankenfusionen und -übernahmen auseinandersetzen. Und wir hier in unserem journalistischen Kleinbetrieb namens „Finanz-Szene.de“ das Material dann von wohlgesonnen Lesern zugeschickt bekommen.

… was wiederum zur Folge hat, dass wir die Ergebnisse einer taufrischen Citigroup-Analyse zur Lage bei Deutscher Bank und der Commerzbank heute gleich mal mit Ihnen teilen können.

Im Einzelnen:

Wie wahrscheinlich ist eine Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit?

Nicht sehr wahrscheinlich, sagt die Citi. Und taxiert die Chancen auf dieses Szenario auf 20%. Der Vorteil der Kombination bestünde vor allem aus Kostensynergien beim Übernahmeziel Coba und einer geringeren Abhängigkeit der Unicredit von der (teuren) Refinanzierung in Italien. Da Italien aber schon jetzt „nur“ für 50% der Refi stehe, käme man künftig hier inklusive Commerzbank auf 40%. Und bei den Kosten müsste man schon Synergien von 20 bis 25% erreichen (geholzt würde natürlich bei der Commerzbank), damit das alles Sinn ergibt.

Klingt zwar grundsätzlich machbar.  Müsste aber, so die Citi, vor allem über die Personalschiene umgesetzt werden. Bei der HVB hätte die Mutter Unicredit in den letzten drei Jahren 10% der Kosten und 16% des Personals abgebaut, schreibt die Citi (was, merken wir jetzt mal an, in HVB-Kreisen schon als die kaum erträgliche und harte Knute Mailands interpretiert wurde). Summa summarum: In der Theorie sei das ja alles vielleicht ganz okay, berge aber in der Praxis große Umsetzungsrisiken. Und erfordere nicht weniger als einen harten Strategiewechsel (Übernahme statt organisches Wachstum) bei der Unicredit, die es überdies nicht einfach haben dürfte, ihre Aktionäre zu überzeugen.

Wie wahrscheinlich ist eine Übernahme der Commerzbank durch die ING?

Schon etwas realistischer. 35 bis 45%, sagt die Citi. Wobei uns offen gestanden erst bei der Lektüre erstmals so richtig klar wurde, warum ING-CEO Ralph Hamers bei seinem Werben um die Commerzbank (angeblich) einen Umzug der künftigen ING-Commerzbank nach Deutschland in Aussicht gestellt hat: Dahinter steckt nicht nur eine Konzession an die deutsche Politik. Sondern handfeste wirtschaftliche Interessen. Mit einem Sitz in Deutschland, so die Citi, könnte die fusionierte Einheit niedrigeren Kapitalanforderungen unterliegen als die ING alleine in den Niederlanden.

Konkret: Der Schlüssel wäre ein möglicherweise um 100 Basispunkte niedrigerer Extra-Kapitalpuffer für die sogenannten national systemrelevanten Banken (D-SIB). Dieser könnte in Deutschland maximal 200 Basispunkte betragen, liegt aktuell für die ING indes bei 300. Das Paket würde, merkt die Citi an, deutlich geringere Synergieeffekte (und mithin auch Kürzungen bei Filialen und Personal) erfordern, ganz einfach, weil die ING schon jetzt filiallos in Deutschland arbeite. Und am Ende sei man dennoch mit 22 Mio. Kunden die größte deutsche Bank.

Warum die Citi dem Deal bei aller Plausibilitäte dennoch nur eine Wahrscheinlichkeit von unter 50% zubilligt? Weil auch dieses Manöver große Umsetzungsrisiken berge. Und die ING in ihrem jetzigen Zuschnitt profitabel in den Niederlanden und hyperprofitabel in Deutschland arbeite. Was wiederum heißt: Die ING müsste Aktionäre vermutlich um 7 bis 12 Mrd. Euro anpumpen für einen Deal, bei dem ihre Eigenkapitalrendite hinterher vermutlich sogar etwas niedriger ausfiele als die aktuellen 11%.

Aber woran hat es denn nun gelegen, dass aus der „Deutschen Commerz“ nicht geworden ist?

Laut Citi hätte eine Übernahme der Commerzbank durch die Deutsche Bank unter allen Fusionsoptionen die – je nach Perspektive –  höchsten Kostensynergien eingebracht beziehungsweise erfordert, genauer: vermutlich rund 30% der Commerzbank-Kosten. Viel Holz, schwer vermittelbar, nicht leicht umzusetzen. Ferner hätte die kombinierte Einheit, vermutet die Citi, ab 2022 dann deutlich mehr Eigenkapital vorhalten müssen, wenn nach und nach die Kapitalregeln von Basel IV eingeführt werden. Was wiederum bedeutet: Synergien, so man sie überhaupt erreicht, würden in Teilen wieder aufgefressen. Eine recht vage Perspektive, gerade für Commerzbank-Aktionäre, vor allem dann, wenn die Deutsche Bank mit einer Übernahmeprämie geknausert hätte. Am Ende wäre die Deutsche Bank samt Commerzbank – vielleicht – bei 6% Eigenkapitalrendite gelandet.

Und wie jetzt weiter?

„Buy Commerzbank, sell Deutsche Bank“ lautet das pointierte Urteil der Citi-Analysten. Während die Commerzbank-Aktie die Fundamentaldaten und auch mögliche Übernahmeprämien nicht widerspiegelten, gingen der Deutschen Bank die Optionen aus: Hoffnung, dass sich die Marktverhältnisse für die (niederschwelligen) Ziele von 4% Eigenkapitalrendite besserten, solle sich die Bank eher nicht machen. Dazu sei das wichtige erste Quartal zu durchwachsen gelaufen. Zudem gebe es zu wenig Hoffnung auf volatile Märkte für mehr Geschäft und höhere Zinsen für mehr Zinsmarge. Ohne die Übernahmeoption bleibe der Deutschen Bank nur eine radikale Restrukturierung des Investmentbankings mit einem Rückzug aus den USA und aus dem Aktiengeschäft. Was allerdings teuer würde.

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