Russischer Milliardär kapert deutsche Kredit-Fintechs

Von Heinz-Roger Dohms

Der deutsche Markt für Konsumentenkredite ist nicht nur riesengroß (wir schätzen auf Basis unterschiedlicher Quellen mal ganz grob: 100 Mrd. Euro Neugeschäft jährlich) – er lockt auch die unterschiedlichsten Player an. Die Commerzbank zum Beispiel beackert das Feld mit ähnlichem Ehrgeiz wie die Volksbanken, die Autobanken sind hier genauso unterwegs wie die Auslandsbanken, und dann sind da natürlich die Smavas und Auxmoneys und ohnehin und sowieso: Check24.

Und dann: Ist da noch ein Name, der den meisten von  Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vermutlich nichts sagt – den Sie sich aber möglicherweise merken sollten: Oleg Boyko, russischer Multi-Investor, laut „Forbes“ 1,2 Mrd. Euro schwer und im globalen Reichen-Ranking zurzeit auf Position 1818 gelistet. Laut Recherchen von Finanz-Szene.de (unterstützt vom Internetportal „Startupdetector.de„) gehören Boyko über das mit seiner Familie verbundene* Investmentvehikel „Tirona Limited“ seit Kurzem rund 25% am Frankfurter Kredit-Fintech Cashcape.

Der 2017 gelaunchte Anbieter vergibt Minidarlehen an klamme Verbraucher – sei es, weil die sich einen Fernseher kaufen, die Miete zu bezahlen haben oder einen Kredit ablösen wollen. Das Ganze geschieht

  • per App,
  • bis zu einer Höhe von 2500 Euro,
  • nach eigenen Angaben ohne Schufa
  • und natürlich zu entsprechenden Zinsen.

„Pay-day loans“, nennt man so etwas traditionellerweise in der angelsächsischen Welt. Sprich: Kredite, die die Tage bis zum nächsten Gehaltscheck überbrücken sollen. Zurückzahlen müssen die Cashcape-Kunden das Geld – je nach Ausgestaltung des Kredits – innerhalb von 14 bis 90 Tagen. Auf Anfrage von Finanz-Szene.de bestätigte Cashcape-Gründer Jan Weitzel den Einstieg von Tirona.

Was das Investment so interessant macht: Zum Boyko-Imperium gehören diversen Medienberichten zufolge nicht nur die Tirona Limited, sondern auch die Finstar Gruppe, mit der wiederum das 2008 gegründete lettische Groß-Fintech 4Finance zu verbandelt sein scheint. 4Finance hatte schon 2017 das Berliner Fintech Vexcash übernommen, dessen Geschäftsmodell dem von Cashcape stark ähnelt. Und: Ein Jahr zuvor war Boyko laut damaligen Medienartikeln beim Berliner Kredit-Fintech Spotcap eingestiegen.

Auch wenn Spotcap, anders als Cashcape und Vexcash, bislang nicht auf dem deutschen Markt aktiv ist – es drängt sich die Frage auf: Ist es Boykos Ziel, den deutschen Markt für Mikrokredite unter seiner Führung zu konsolidieren?

An den Ambitionen des Milliardärs bestehen jedenfalls keine Zweifel. So schrieb die britische Branchen-Postille „Finextra“ vor rund einem Jahr in einem Artikel über europäische Fintech-Investoren:

„[…] One such company is the Finstar Financial Group, led by international investor Oleg Boyko. His company has recently committed $150 million to in-house research and investment in startup fintech companies (to a maximum of 20 such companies). Boyko plans to use this money to provide them with expert advice and the freedom to grow at their own pace, among the sectors – payment services, marketing, data processing and credit-risk management.“

Dazu passt, dass sich inzwischen auch im deutschen Handelsregister eine „4Finance GmbH“ findet. Deren Unternehmenszweck wird wie folgt definiert:

„Die Suche nach und Analyse von Start-up Unternehmen im FinTech Bereich sowie damit verbundene Technologien mit gutem Wachstumspotential in Deutschland und Europa, um im Konzern der 4finance Gruppe, Investitionsvorschläge zu unterbreiten.“

Als Geschäftsführer der in Frankfurt eingetragenen Gesellschaft firmiert ein gewisser André Achstätter. Der wiederum ist laut Impressum auch Vorstandschef von Vexcash – also jenem Berliner Kredit-Fintech, dass schon vollständig zum Boyko-Imperium gehört.

Wie groß der Mikrokreditmarkt ist (bei dem es sich ja nur um ein kleines  Subsegment des Konsumentenkreditmarkts handelt), lässt sich – jedenfalls für uns – nicht wirklich beziffern. Was allerdings auffällt: Es gibt mittlerweile zumindest eine Handvoll Fintechs, die das Geschäft hierzulande betreiben, darunter Cashpresso, Cashper und Ferratum. Und nicht zu vergessen: Auch das lange Zeit größte deutsche Fintech, nämlich das zuletzt schwer kriselnde Hamburger Startup Kreditech, vergibt Kurzzeit-Kredite an klamme Konsumenten – wenn auch nicht in Deutschand, sondern beispielsweise in Polen oder Spanien (Spanien gehört übrigens auch zu den fünf Märkten, die Spotcap bedient). So ganz unspannend scheint dieser Markt also nicht zu sein, auch wenn irgendwie nie ganz klar ist: Ist hier die Speerspitze der automatisierten Bonitätsanalyse unterwegs – oder geht’s um Wucher 4.0? Gut möglich jedenfalls, dass wir uns das Ganze demnächst nochmal ein bisschen genauer anschauen werden.

Für heute hätten wir dann nur noch einen letzten, auch nicht ganz unspannenden Punkt: Boykos Tirona Limited hat ausweislich des Handelsregisters nicht nur frisches Kapital in Cashcape gepumpt, sondern auch einigen Frühphasen-Investoren deren Alt-Anteile abgekauft.  Darunter zwei der bekanntesten deutschen Banking-Consultants, nämlich Bernd Rolfes und Stefan Kirmße – der eine Gründer, der andere Managing Director der großen Münsteraner Beratungsfirma ZEB.

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*In der ursprünglichen Fassung des Artikels hatten wir geschrieben, Boyko gehörten über sein Investmentvehikel „Tirona Limited“ seit Kurzem 25% an Cashcape.  Hierzu schrieb uns eine Sprecherin der mit Boyko verbundenen Finstar Financial Group: „Tirona Limited is not owned by Mr. Boyko but it is affiliated with Boyko family.“ Darum haben wir die Formulierung entsprechend geändert (Samstag, 1. Juni, 10.31 Uhr)

 

Was die Deutsche Bank im IPO-Geschäft richtig macht

Von Christian Kirchner

Das Schöne am Datenjournalismus ist: Anders als beim Meinungsjournalismus weiß man vorher nicht, was hinterher herauskommt. Neulich zum Beispiel rieben wir uns verwundert die Augen, als unsere Analyse zur Coba-Aktie zeigte: Die (vermeintliche) gelbe Pleiten-Pech-&-Pannen-Bank hat in der Ära Zielke nicht nur die Deutsche Bank meilenweit abgehängt – sondern sogar etwas besser performt als der europäische Branchenindex. Der dröge Herr Zielke ein Investoren-Liebling? Hätten Sie es geahnt?

Ebenso wenig in unser Weltbild passt, was nun diese Woche passiert ist. Da nämlich schnitt bei der Analyse zur grottigen Bilanz der IPO-Banken am deutschen Aktienmarkt ausgerechnet jene Bank ganz und gar nicht grottig ab, an deren Investmentbankern wir normalerweise kein gutes Haar lassen – sprich: die Deutsche Bank. Sie war bei fast jedem dritten Börsengang dabei (starke Präsenz), fehlte speziell bei kaum einem der wirklich großen IPOs (ein Indiz für Marktmacht und kompetitive Gebühren) – vor allem aber: Wenn die Deutsche Bank in den vergangenen zehn Jahren ein Unternehmen an die Börse gehievt hat, dann sind Anleger mit diesem Unternehmen meist gut gefahren – was bei den anderen Emissions-Banken eher selten der Fall war.

Drum hier, als dritter Teil unserer großen IPO-Banken-Analyse, ein Tusch auf den Überraschungssieger Deutsche Bank:

  • Die Deutsche Bank war seit der Finanzkrise bei 29 von insgesamt 99 Börsengängen im regulierten „Prime Standard“ als Konsortialführerin (alleine oder gemeinsam mit anderen) mit von der Partie. Wettbewerber wie Berenberg oder Goldman Sachs kamen dagegen nur bei maximal 20 Börsengängen als lukrative „Global Coordinators“ zum Zuge.
  • Die von Finanz-Szene.de errechnete „Winning Ratio“ – also die Quote jener neuen Aktien, die gemessen am Emissionspreis bis heute besser liefen als der Gesamtmarkt – beträgt bei der Deutschen Bank 55%. Zum Vergleich: Von allen seit 2009 neu platzierten Aktien schafften überhaupt nur 40% ein Kursplus, dagegen stehen 60% gemessen am Emissionspreis unter Wasser. Zugegeben: Die „Winning Ratio“ war bei Goldman Sachs und Morgan Stanley noch ein bisschen besser. Beide kommen allerdings auch nur auf 16  bzw. 12 Konsortialführerschaften.
  • Die Deutsche Bank war bei (fast) allen IPOs mit > 1 Mrd. Euro Platzierungsvolumen dabei, was für Marktmacht und kompetitive Gebühren spricht. Im Einzelnen: Bei insgesamt elf Milliarden-Börsengängen war die Deutsche Bank achtmal „mit dabei“ als Konsortialbank und viermal sogar Konsortialführerin; gefehlt hat sie nur bei Telefonica Deutschland, Scout24 und Rocket Internet (Hinweis: Rocket war zunächst im Open Market gelistet, wechselte dann aber in den Prime Standard).
  • …. was insofern interessant ist, als die Deutsche Bank damit ausgerechnet bei zwei großen Flop-IPOs gefehlt hat – nämlich Telefonica Deutschland (-49% absolut seit IPO, -102 Prozentpunkte relativ) und Rocket Internet (-46% bzw. -72%-Punkte). Das könnte ein Indiz sein, dass die Deutsche Bank womöglich nicht alles mitmacht, was andere Institute so machen (die meist auch keine Privat- und Firmenkunden in Deutschland haben, die ihnen fallende Kurse von durch die Hausbank platzierte Börsenneulinge übelnehmen).
  • Dafür spricht noch eine Beobachtung: Die Deutsche Bank war auch in den vergangenen 12 Monaten eher vorsichtig, während andere Emissionsbanken dadurch auffielen, manchen Börsengang augenscheinlich mit der Brechstange durchzuziehen. Nur einer der letzten zehn deutschen Börsenneulinge seit Frühjahr 2018 notiert gegenüber dem Ausgabepreis im Plus, nämlich Knorr Bremse aus dem Oktober 2018 (+20%). Und wer war da Konsortialführer? Unter anderem die Deutsche Bank. Darüber hinaus werkelte das wichtigste Geldhaus hierzulande bei den IPOs von Qingdao Haier (minus 16 Prozentpunkte relativ zum Gesamtmarkt seit IPO), der DWS (minus 7 Prozentpunkte relativ) sowie Siemens Healthineers (plus 36 Prozentpunkte relativ) mit. Ergibt unter dem Strich in einem sehr schwierigen IPO-Umfeld immer noch eine deutlich positive durchschnittliche Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt.

Fazit: Auch bei den Börsenkandidaten der Deutschen Bank lief nicht alles rund (siehe diese Tabelle). Aber doch auffällig viel.

Und falls Ihnen das zu positiv war – in der kommenden Woche untersucht Finanz-Szene.de im (letzten) Teil IV der IPO-Serie einen großen Börsengang, der symptomatisch für die vielen Flops der letzten zehn Jahre stand – und Fragen nach der Verantwortung der Konsortialbanken aufwirft.

Kursveränderung ab Börsengang Out-/Underperformance in Prozentpunkten zum HDAX gleicher Zeitraum
Befesa 32,1 42,9
Brenntag 172,1 105,9
Covestro 84,5 69,2
Depfa 14,3 14,5
DWS -7,0 -6,6
EDAG Engineering -31,8 -35,0
Electrawinds -100,0 -160,5
Evonik -20,3 -61,3
exceet Group -40,5 -124,7
GSW Immobilien 436,8 390,8
Hapag-Lloyd 26,0 21,1
HelloFresh -11,1 -0,7
innogy 12,8 0,2
Instone Real Estate 3,7 7,4
Jost Werke 9,3 12,2
Kabel Deutschland 390,9 320,1
KION 128,7 86,8
Knorr-Bremse 19,9 15,3
LEG Immobilien 152,8 111,4
Norma Group 76,9 32,2
Osram 21,5 -20,0
Qingdao Haier -8,6 -16,3
RTL -16,9 -57,7
Schaeffler -43,3 -56,9
Senvion -94,7 -109,7
Siemens Healthineers 32,0 36,1
SLM Solutions -48,9 -68,9
Talanx 101,3 48,8
windeln.de -92,2 -94,6

(Stand: 17.5.2019, Vergleichsindex: HDax, jeweils ohne Dividenden)

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