Der 38%-Coup: Allianz, Goldman und Co. kapern Robo-Fintechs

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Erinnern Sie sich noch an unsere Schlagzeile „Blackrocks fette Wette auf den deutschen Robo-Advisor-Markt“ aus dem Januar? Damals hatten wir im britischen Handelsregister entdeckt, dass sich der US-Gigant am hiesigen Robo-Marktführer Scalable Capital weit umfangreicher beteiligt hat als bekannt – nämlich mit rund 35%.

Dieser Tage nun sind wir (diesmal im deutschen Handelsregister) auf einen artverwandten Fund gestoßen. Denn: Der Anteil der Allianz am britisch-italienischen Robo Advisor Moneyfarm ist ebenfalls viel größer als gedacht: Per Ende Dezember hielt der Münchner Versicherer gut 38% an dem Scalable-Rivalen, der jüngst eine Großattacke im deutschen Markt angekündigt hat.

Wenn man bedenkt, dass der dritte große europäische Robo-Angreifer (also Nutmeg) im Januar von Goldman Sachs gekapert wurde, lässt sich sagen: Den großen Investmentfirmen ist geglückt, was die großen Retailbanken versäumt haben – nämlich die wesentlichen Fintech-Player in ihrem Beritt an die kurze Leine zu nehmen.

Und für alle, die es interessiert, hier noch ein kurzer Vergleich der drei großen europäischen Robos im Vergleich zu den drei größen deutschen Robos hinter Scalable Capital:

AuM* Cahburn in ‘17 Gesellschafter
Nutmeg 1,7 Mrd. € (Jan. ‘19) 13,6 Mio. € Goldman (?)
Scalable 1,5-2 Mrd. € 6-7 Mio. € Blackrock (35%)
Moneyfarm 0,7 Mrd. € (Jun. ’19) 15,8 Mio. €* Allianz (38%)
Cominvest 0,4 Mrd. € (Dez. ‘18) k.A. Comdirect (100%)
Liqid 0,35-0,45 Mrd. € 3,7 Mio. € Toscafund (34%)
Quirion 0,24 Mrd. € (Jun. ‘19) k.A. Quirin (100%)

Anmerkungen:

  • Beim verwalteten Vermögen haben wir entweder den bis heute letzten veröffentlichten Wert genommen (siehe das Datum hinter der Summe) oder – wenn schon lange keine Summe mehr veröffentlicht wurde – einen Schätzwert genommen.
  • Was den Cashburn angeht: Cominvest und Quirion sind (bzw. im Fall von Quirion: waren damals) keine eigenständigen Gesellschaften und veröffentlichen daher keine Geschäftszahlen. Aktuellere Werte als die von 2017 liegen noch nicht vor.

* Beim Cashburn von Moneyfarm war uns ein Umrechnungsfehler unterlaufen, sodass wir zunächst einen Wert von 18,0 Mio. Euro angegeben hatten. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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Warum Paypal (angeblich) den deutschen Standort kahlschlägt

Wie kann es sein, dass Paypal an seinem Standort in Berlin-Wilmersdorf nach Angaben von Verdi 309 von 355 Stellen streichen will? Einer unserer gut informierten Leser hat sich hierzu ein paar – wie wir finden – erhellende Gedanken gemacht:

„Paypal hat in Deutschland zwei „Standorte“, nämlich den in Wilmersdorf und dann noch einen zahlenmäßig kleineren in Dreilinden. Dort sitzen Produktion, Verwaltung, Entwicklung und Sales – und dort wird es wohl keine so dramatischen  Einschnitte geben. In Wilmersdorf hingegen, wo sich quasi das Call-Center befindet, allem Anschein nach schon.

Was man dazu wissen muss: Wilmersdorf war nie ein originärer Paypal-Standort. Traditionell war und ist der Customer Support (bzw. Telesales) eine Sache, die von Dublin aus erledigt wird, und zwar nicht nur auf Englisch, sondern in allen europäischen Sprachen. Das „Call Center“ Wilmersdorf dagegen wurde erst im Outsourcing mit der Bertelsmann-Tochter Arvato aufgebaut.

Als Paypal noch zu Ebay gehörte, waren Einschnitte und Verlagerungen im Customer Support ein sehr gängige Mittel, um Kosten zu sparen. Ebay betrieb zum Beispiel von Dreilinden aus den EU-weiten Customer Support. Doch als der Betriebsrat – jedenfalls nach dem Empfinden des angelsächsisch geprägten Managements – übers Ziel hinausgeschossen ist, kam 2009 die Entscheidung, diese Dienstleistungen fast komplett nach Dublin zu verlegen.

Meine These lautet: Auch wenn es bei Paypal auf globaler Ebene eine Reorganisation zu geben scheint, dürfte es für den offenbar geplanten Kahlschlag in Wilmersdorf andere Gründe geben:

  • Die Kosten werden im Vergleich zu Dublin bzw. im Vergleich zu Osteuropa als zu hoch erachtet
  • Womöglich soll der Customer Support wieder stärker zentralisiert werden
  • Und last but not least: die klassische amerikanische Angst vor diesem komischen deutschen Thema Betriebsrat …“

—–

Wir baten Paypal, zu den Einschätzungen und Thesen Stellung zu nehmen – hier die wesentlichen Passagen aus dem Statement:

„Die Entscheidung erfolgt nicht aus Kostengründen. Paypal überprüft regelmäßig die Struktur und personelle Besetzung seiner globalen Standorte. So soll sichergestellt werden, dass an jedem Standort der Service und die Dienstleistungen erbracht werden, die am besten den jeweiligen Anforderungen und Erwartungen auf Kundenseite entsprechen.  […] Paypal beabsichtigt, den Standort Berlin Wilmersdorf neu zu strukturieren und hat den Betriebsrat am 18. Juni 2019  über diesen Vorschlag informiert. Der Vorschlag des Unternehmens sieht vor, dass Teile der Arbeit von den Teams in Berlin Wilmersdorf an andere Paypal-Standorte oder Standorte externer Partner verlegt werden. Dieser Vorschlag unterliegt der Mitbestimmung durch den Betriebsrat am Standort Berlin Wilmersdorf. […]

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Fünf teils unerwartete Erkenntnisse über den deutschen Bankenmarkt

Von Christian Kirchner

Um Missverständnissen vorzubeugen: Finanz-Szene.de hat nicht vor, zur Research-Halde der UBS zu werden. Aber manchmal sind die Dinge halt so, wie sie sind. Und momentan sind sie eben so, dass wir binnen kurzer Zeit auf zwei Analysen der Schweizer Großbank zum (deutschen) Bankenmarkt gestoßen sind, die wir allesamt für berichtenswert halten. Und deshalb: Wollen wir nach „Woran krankt das deutsche Bankentum wirklich“ und „Was der Filial-Kahlschlag bringen würde – nämlich wenig …“ heute auch noch den dritten (und letzten …) Teil unserer kleinen UBS-Research-Trilogie folgen lassen. Titel, siehe oben: „Fünf teils unerwartete Erkenntnisse über den deutschen Bankenmarkt“. Los geht’s:

Ohne Bankenabgaben lägen die Eigenkapitalrenditen deutscher Banken (mindestens) um rund ein Drittel höher.

Dass die deutschen Banken zu wenig profitabel seien, ist ein alter Klassiker. Tatsächlich betrug die Eigenkapitalrendite der hiesigen Kreditwirtschaft 2017 laut UBS-Analyse gerade mal 3,1% – während die Banken in Großbritannien, Italien, Frankreich und der Schweiz auf rund 4% bis 6% kamen. Allerdings zeigt die Studie der Züricher Großbank sehr schön, dass die (vermeintliche) Schmalspur-Rendite zum Teil auch auf bilanzielle Besonderheiten zurückzuführen ist.  Allein die Bereinigung um die Rückstellungen für den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ (eine deutsche Spezialität nach Paragraph 340g HGB) würde den „Return on Equity“ auf 4,2% steigen lassen. Übrigens ist der UBS-Analyse auch zu entnehmen, wie hoch die kumulierten 340g-Reserven der deutschen Banken insgesamt sind. Per Ende 2018 beliefen sie sich demnach auf 110 Mrd. Euro.

Für deutsche Banken steht ab sofort nicht weniger als 30% ihrer Gewinne auf dem Spiel.

Die Zinsmargen in Deutschland sind – auch wenn Bankern gern anderes behaupten – trotz Zinsverfall seit Jahren stabil. Das lag zum einen daran, dass die Einlagenzinsen sukzessive gegen Null (oder teilweise sogar darunter) gesunken sind. Und zum anderen, daran, dass die Banken lange Zeit von gut verzinsten Altkrediten profitiert haben (und davon, dass Kunden diese Kredite nicht nachverhandelt haben, selbst wenn sie die Möglichkeit dazu gehabt hätten). Beide Effekte laufen nun aber allmählich aus. Mit verheerenden Folgen für die GuVs vieler deutscher Banken. Denn sollten die Zinsen da bleiben, wo sie sind, und gelingt es den Instituten nicht gegenzusteuern, stünden knapp 30% der aktuellen Gewinne auf dem Spiel, schätzt die UBS

Der „Irgendwas ist ja immer“-Effekt war massiv

Seit 2011 haben deutsche Banken 37 Mrd. Euro (!) an Einmalkosten gebucht, unter anderem für Restrukturierungen, Rechtsrisiken, Abschreibungen und andere Sonderbelastungen.

Die deutschen Banken haben eher ein Ertrags- denn ein Kostenproblem

Die Konsolidierung der deutschen Bankenbranche läuft, abzulesen zum Beispiel an der Zahl der Banken (2017: -3%) und der Filialen (2017: -6%). Dass der Aufwand seit 2011 dennoch um 3,8% gestiegen ist, sei u.a. regulatorisch erklärbar, sagen die UBS-Analysten – und konstatieren, die deutschen Banken hätten ihre Kosten mittlerweile „unter Kontrolle“. Problematisch hingegen sei, dass im gleichen Zeitraum die Erträge (-2,4%) gesunken seien. Und dass es an Rezepten mangele, den aufgrund der Niedrigzinsen zu erwartenden weiteren Verfall der Erlöse zu kompensieren.

Nicht die ING-Diba-Kunden sind die mobil-affinsten – sondern angeblich die von Commerzbank, DKB und Deutsche

Wie affin sind deutsche Bankkunden mobilen Anwendungen gegenüber?  Eine simple Frage – die allerdings für die Zukunftsfähigkeit der Geschäftsmodelle von großer Bedeutung ist, schließlich eröffnet es Kostensenkungs- und Ertragspotenziale, wenn die eigene Kundschaft gern mobil arbeitet. Und das Risiko sinkt, von digitalen Wettbewerbern attackiert zu werden. (Nicht zu vergessen die PSD2-Richlinie, die „Mobile Banking“ gegenüber „Desktop Banking“ bevorzugt).

Jedenfalls: Die UBS-Analysten haben eine Kennziffer entwickelt, die den Download-Marktanteil deutscher Banking-Apps in Relation zum Retail-Marktanteil derselben Banken setzt. Laut UBS sind demnach die Commerzbank, die DKB und die Deutsche Bank „am weitesten in der Kurve der mobilen Adaption“. Schwach schneidet hingegen die Postbank ab, und auch die deutsche ING ist unterdurchschnittlich unterwegs.

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Auch Factoring-Fintech Decimo verliert Eigenständigkeit

Von Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene.de) und Caspar Schlenk (Gründerszene)

Die Konsolidierung in der deutschen Fintech-Branche gewinnt an Fahrt. Nachdem zuletzt bereits die API-Fintechs Figo (an Finleap/Finreach) und finAPI (an die Schufa), die Challenger-Bank Penta (an Finleap) sowie das Working-Capital-Startup Valendo (an Creditshelf) neue Eigentümer gefunden hatten, verliert nun auch das Factoring-Fintech Decimo seine Eigenständigkeit. Wie per ad-hoc-Meldung  verlautete, wird das 2014 gegründete Berliner Startup mit der in Dresden angesiedelten Elbe Finanzgruppe AG zusammengeführt. Geld soll im Zuge der Transaktion keines fließen, erklärten Elbe-Vorstand Stefan Kempf gestern im Gespräch mit Finanz-Szene.de. Stattdessen erhalten die bisherigen Decimo-Gesellschafter ein Viertel der Anteile an der Elbe Finanzgruppe.

Die Transaktion wirft ein Schlaglicht auf das Segment der Factoring-Fintechs, um die vor zwei, drei Jahren einen regelrechten Hype gegeben hatte. Damals waren binnen kurzer Zeit  gleich mehrere neue Anbieter an den Start gegangen – nämlich Finiata (gegründet vom einstigen Fintech-Enfant-Terrible Sebastian Diemer), Billie (gegründet von den Zencap-Jungs Matthias Knecht und Christian Grobe), Fundflow (mit Geld des Hightech-Gründerfonds) und Innolend (finanziert u.a. von den Samwers). Die Geschäftsidee lag darin, Vorfinanzierungen nicht mehr nur für Großunternehmen und Mittelständler anzubieten – sondern auch für Kleinunternehmen, Selbständige und Freelancer. Genau darauf gründete auch der Business Case von Decimo.

Der Decimo/Elbe-Deal könnte nun …

  • … erstens darauf hindeuten, dass sich das Fintech-Factoring-Segment allmählich zu sortieren beginnt. Innolend wurde bekanntermaßen schon Anfang letzten Jahres liquidiert; um Finiata ist es zuletzt merlich ruhiger geworden. Billie wiederum fokussiert inzwischen auf echte KMUs (also eine Klientel, die klassischerweise von Banken und Sparkassen bedient wird) – und soll inmitten einer größeren Funding-Runde  stehen, wie „Deutsche Startups“ neulich berichtete.
  • Und zweitens? Zeigt der Decimo/Elbe-Deal, dass es nicht unbedingt immer die medialen Hype-Fintechs sind, die den Ton angeben. Denn …

… auch Elbe Finanzgruppe AG, gegründet vom früheren Investmentbanker Kempf und vom Factoring-Manager Matthias Bommer ging erst 2012 an den Start, ist in diesem Sinne also auch ein Fintech – obwohl der Name nicht darauf hindeutet. Dass die öffentlich bislang kaum wahrgenommenen Elbe-Leute nun Decimo schlucken (und nicht umgekehrt), hat gute Gründe:

  • Die Elbe Finanzgruppe AG, die unter dem Produktnamen „Rechnung48“ am Markt agiert, kam im vergangenen Jahr bereits auf ein Transaktionsvolumen von 214 Mio. Euro. Davon dürften einige Hype-Fintechs noch ein gutes Stück entfernt sein (zur Einordnung: bei Decimo waren es zulezt 33 Mio. Euro)
  • Und: Die Elbe Finanzgruppe erzielte ausweislich ihres im Internet einsehbaren 2018er-Abschlusses auf  Basis von Umsätzen in Höhe von 28 Mio. Euro einen Jahresüberschuss in Höhe von gut 260.000 Euro (wobei das Gros des Umsatzes nicht aus klassischem Factoring, sondern sogenanntem Finetrading stammt).

Elbe-Vorstand Kempf begründete im Gespräch mit Finanz-Szene.de den Zusammenschluss mit Decimo vor allem mit der Factoring-Plattform des bisherigen Konkurrenten. „Diese ermöglicht einen komplett automatisierten und online-basierten Abwicklungsprozess – und damit eine hohe Skalierbarkeit.“

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