Das 1-Mrd.-Euro-Problem der Hamburger Sparkasse

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Die Hamburger Sparkasse leidet offenbar seit Jahren unter einem schwerwiegenden, in seinen Ausmaßen öffentlich bislang unentdeckten Bilanz-Problem. Konkret geht es dabei um die „Rückstellungen für Pensionen“, die laut Recherchen von „Finanz-Szene.de allein in den vergangenen vier Jahren unfassbare 325 Mio. Euro verschlungen haben. Das ist mehr Geld, als die Haspa – bei der er sich um die größte deutsche Sparkasse handelt – trotz exzellenter Zinsergebnisse und niedrigster Kreditausfälle im gleichen Zeitraum an kumulierten Gewinnen erwirtschaften konnte.

Alles in allem summieren sich die Pensions-Rückstellungen der Haspa laut öffentlich einsehbaren Geschäftsberichten mittlerweile auf rund 1 Mrd. Euro (um genau zu sein: Laut Abschluss der Hamburger Sparkasse AG sind es 944 Mio. Euro, laut Konzernabschluss der darüber hängenden Haspa Finanzholding liegt der Wert bei 1.069 Mio. Euro). Das ist ein Vielfaches dessen, was andere große Sparkassen für die Altersvorsorge ihrer zurückgelegt haben. In München zum Beispiel waren es (auf Basis der jüngsten einsehbaren Abschlüsse) zuletzt 209 Mio. Euro, in Frankfurt 132 Mio. Euro, bei der Sparkasse KölnBonn 75 Mio. Euro und bei der Kreissparkasse Köln 114 Mio. Euro.

Die Haspa nimmt für sich in Anspruch, mit ihren Pensionslasten „transparent“ umzugehen, da diese im Geschäftsbericht ausgewiesen würden. Auch habe Vorstandschef Harald Vogelsang die Auswirkung der Niedrigzinsphase auf die Pensionsrückstellungen bei den Jahres-PKs „wiederholt ausführlich und sehr transparent“ dargestellt. Ob die interessierte Öffentlichkeit von der 1-Mrd.-Euro-Bürde aber wirklich weiß, darf bezweifelt werden. Ein Beispiel: In der vierseitigen, eng beschriebenen Pressemitteilung, die die Hamburger Sparkasse Ende Februar zu ihren 2018er-Zahlen an Journalisten verschickte („Haspa macht sich fit für die Zukunft“), tauchte das Stichwort „Pensionen“ an keiner Stelle auf. Stattdessen wurde der Rückgang des Jahresüberschusses eher allgemein mit „außerordentlichen Belastungen der Niedrigzinsphase“, „hohen regulatorischen Aufwänden“,  „erheblichen Volatilitäten an den Kapitalmärkten“ sowie mit „Investitionen“ begründet.

In einem Interview mit der „Welt“ in diesem Februar wurde Haspa-Chef Harald Vogelsang sogar explizit gefragt, warum das Jahresergebnis denn gesunken sei, wo die Entwicklung doch immer so positiv dargestellt werde. Hierauf gab Vogelsang zwar eine ausführliche Antwort (200 Mio. Euro für Investitionen, 145 Mio. Euro für die IT-Migration etc. pp), über die Pensionen verlor er aber auch hier: kein Wort.

Fairerweise: Als Finanz-Szene.de (siehe unser Stück: „Der Kosten-Wahnsinn bei der Hamburger Sparkasse„) neulich nachfragte, ob die enormen „sonstigen betrieblichen Aufwendungen“ denn auch mit Pensionszusagen zusammenhängen, wurde dies von einem Haspa-Sprecher eindeutig bejaht. Da waren wir es dann, die zu diesem Zeitpunkt zu blöd waren, die wahren Ausmaße des Problems zu erkennen (bzw. im Geschäftsbericht an den richtigen Stellen nachzusehen).

Tatsächlich dürften die Pensionslasten der wesentliche Grund sein, warum die Haspa trotz einzigartiger Rahmenbedingungen (eine extrem starke Marktposition in einer boomenden Stadt) schon seit Jahren nur noch mickrige Ergebnisse erwirtschaftet. 2018 betrug der Jahresüberschuss 70 Mio. Euro – was 0,16 % der Bilanzsummen entsprach. Zum Vergleich: In den frühen Nullerjahren hatte die Hamburger Sparkasse trotz damals deutlich kleiner Bilanzsumme noch regelmäßig Überschüsse von 140 Mio. Euro und mehr erwirtschaftet.

Wie sehr die Zuführungen zu den Pensionen den Überschuss inzwischen belasten, zeigt sich, wenn man die Entwicklung der beiden Kenngrößen direkt miteinander vergleicht. Damit’s nicht zu unübersichtlich wird, haben wir uns auf die Geschäftsjahre 2006, 2009, 2012, 2015 und 2018 beschränkt (übrigens: Dass, wie und warum die Haspa immer aalglatte Gewinne ausweist, wäre mal eine Geschichte für sich wert).

Jahresüberschuss Veränderung der Pensions-Rückstellungen
2006 145 Mio. € 1 Mio. €
2009 60 Mio. € 3 Mio. €
2012 75 Mio. € 37 Mio. €
2015 80 Mio. € 109 Mio. €
2018 70 Mio. € 87 Mio. €

Was ebenfalls auffällt: Während Sparkassen und Volksbanken normalerweise bemüht sind, wann immer es geht, Reserven gemäß 340g HGB zu bilden („Fonds für allgemeine Bankrisiken“), hat die Haspa der Schlechtwetter-Rücklage seit 2015 überhaupt kein Geld mehr zugeführt.*

Zuführung zu 340g Veränderung der Pensions-Rückstellungen
2015 0 109 Mio. €
2016 0 72 Mio. €
2017 0 57 Mio. €
2018 0 87 Mio. €

Haben die hohen Pensionslasten womöglich verhindert, dass die Haspa in den letzten Jahren Reserven hätte bilden können, die angesichts des sich abzeichnenden Zinstiefs nochmal wichtig werden können?

Eine Sprecherin weist das auf Anfrage klar zurück: „Angesichts der sich aus Basel III abzeichnenden Anforderungen sowie des Wachstums im Kundengeschäft haben wir das Eigenkapital der Haspa in den vergangenen Jahren planmäßig weiter erhöht. Zum Ende des Jahres 2018 lag dieses bei rund 2,73 Mrd. Euro und der Fonds für allgemeine Bankrisiken, welcher aufsichtsrechtlich dem harten Kernkapital zugeordnet wird, bei 0,7 Mrd. Euro. Damit verfügt die Haspa über eine gute Eigenkapitalausstattung. “

Mit Blick auf die Zukunft stellen sich aus Sicht von „Finanz-Szene.de“ zwei wesentliche Fragen. Die erste lautet:

1.) Hat nur die Haspa das Problem – oder haben es andere Sparkassen auch, nur dass man es dort nicht so gut sieht?

Wer unsere Berichterstattung zu den explodierenden Vergütungen von Sparkassen-Vorständen verfolgt hat (siehe hier und hier), der weiß, dass es für die steigenden Pensionslasten grosso modo zwei Erklärungen gibt: a) Üppige Zusagen. Und b) Das Zinstief, das dazu führt, dass sich die Anlagen für die Pensionäre am Kapitalmarkt immer schlechter verzinsen – und entsprechend mehr Geld aus den GuV abgezwackt werden muss, um die Zusagen zu erfüllen.

Bei den meisten von Finanz-Szene.de in den letzten Wochen untersuchten Sparkasse ist es nun aber so, dass der weit überwiegende Teil der Pensions-Rückstellungen dazu dient, den Vorständen und Ex-Vorständen ein sorgenarmes Alter zu ermöglichen. Ein gutes und einigermaßen repräsentatives Beispiel hierfür ist die Sparkasse KölnBonn. Bei der belaufen sich allein die Rückstellungen für ehemalige Mitglieder des Vorstands und deren Hinterbliebenen auf sage und schreibe 52 Mio. Euro. Allerdings: Da kommt dann eben auch nicht mehr viel anderes dazu, denn die gesamten Pensions-Rückstellungen betragen (siehe oben) nur rund 75 Mio. Euro.

Bei der Hamburger Sparkasse indes stellen sich die Dinge bilanziell völlig anders dar. Die Pensionslasten sind dort so krass, dass neben den Vorständen auch ein markanter Anteil der übrigen Belegschaft pensionsberechtigt sein muss – anders ließe sich die Summe von 1 Mrd. Euro nicht erklären.

Ist die Haspa also ein völliger Sonderfall? Ehrlich gesagt stehen wir, was diesen Punkt betrifft, mit unserer Recherche erst am Anfang. Die Hamburger Sparkasse allerdings deutet in ihrer Stellungnahme an, dass sie mit dem Problem nicht alleine stehe:

„Im Gegensatz zu anderen Sparkassen nehmen wir [die Pensionsrückstellungen] direkt auf die eigenen Bücher, während einige andere Unternehmen diese z.B. in weiten Teilen ausgelagert haben und nicht mehr in der eigenen Bilanz ausweisen. „

Klar: Die Haspa weist ihre Rückstellungen transparent aus. Das bedeutet auch, dass die Öffentlichkeit über die Bilanz über die tatsächliche Höhen sensibilisiert werden. Das macht den Fall dann indes noch interessanter. Denn wie eine „normale“ Sparkasse ohne die besonderen Standortvorteile der Haspa eine solche Bürde stemmen soll – das ist zumindest uns unklar. Denn dass Lasten und Rückstellungen ausgelagert werden, bedeutet schließlich nicht, dass die Ansprüche verschwinden.

Womit wir bei der zweiten Frage wären:

2.) Falls das Zinstief anhält, wofür ja alles spricht – muss die Haspa den Pensions-Rückstellungen in den nächsten Jahren dann ähnliche Beträge zuführen wie in den letzten Jahren?

Bei allem, was man an der Haspa kritisieren mag (hohe Kosten, Missmanagement in IT-Fragen, üppigstes Vorstandsgehälter …) – ein Ertragsproblem scheint sie bislang nicht zu haben. 2018 war der Zinsüberschuss sogar höher als 2014, während er beispielsweise bei der Sparkasse KölnBonn im gleichen Zeitraum um fast ein Fünftel gesunken ist. Was aber wird passieren, wenn sich das Zinstief in den nächsten Jahren dann doch mal in die Erträge fressen wird – kann die Haspa ihre Pensionslasten dann überhaupt noch stemmen?

Die Haspa teilt hierzu mit:

„Solange die Niedrigzinsphase anhält, stellen die Pensionsrückstellungen naturgemäß eine hohe Belastung dar, die die Haspa jedoch tragen kann und wird. Wenn die Zinsen wieder steigen, wird dies zu einer spürbaren Entlastung führen.“

Der Jahresabschluss, der dem Pensionsproblem mittlerweile eine Art Sonderbericht widmet („Besonders wichtige Prüfsachverhalte“) indes zeigt, dass die Zeiten zumindest nicht besser werden:

„Das Betriebsergebnis vor Bewertung“ – also die entscheidende Steuerungsgröße im Sparkassensektor – „erwarten wir auf Basis der dargestellten Planungen deutlich niedriger als im Jahr 2018.“

—-

*Intime Haspa-Kenner werden wissen, dass die Hamburger Sparkasse AG ihre 340g-Reserve 2014 um 200 Mio. Euro aufgestockt hat. Dabei allerdings handelte es sich, soweit wir wissen, um die Umwandlung stiller Reserven. Heißt: Auch das Geld kam nicht aus dem aktuellen Ergebnis.

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Wie die Commerzbank zum Fintech-Starinvestor avancierte

Von Heinz-Roger Dohms

Ob die Commerzbank wirklich so digital ist, wie es tut, sei mal dahingestellt. Was aber unser ständiges Gemäkel an den Fintech-Investments der beiden hauseigenen VC-Investoren „CommerzVentures“ und „Main Incubator“ betrifft – da ist diese Woche der Punkt erreicht, an dem wir uns mal selbst zu einer Gegendarstellung verdonnern müssen. Denn: Zumindest die Commerz-Ventures-Leute reiten neuerdings auf einer fast schon beängstigenden Erfolgswelle. Glauben Sie nicht?

Payworks:

  • Im Februar 2018 verkündete das Münchner Payment-Fintech eine Finanzierungsrunde über 14,5 Mio. Dollar. Einer der Lead-Investoren: CommerzVentures
  • Am 17. Juli 2019 teilte Visa die Übernahme von Payworks mit. Auch wenn kein Kaufpreis genannt wurde, darf als sehr wahrscheinlich gelten, dass die Commerzbank ihren Einsatz mehr als raus hat

Marqeta:

  • Im Herbst 2015 war CommerzVentures einer der frühen Investoren des damals noch kaum bekannten US-Open-API-Startups Marqeta (Größe der Runde: 25 Mio. Dollar)
  • Heute gehört Marqeta zu den Stars der amerikanischen Fintech-Szene, hat jüngst eine spektakuläre Finanzierung von 260 Mio. Dollar eingeworben. Zu den Investoren gehörten Kaliber wie Goldman Sachs und Visa

Mambu:

Iwoca:

  • Mitte 2015 gab das deutsche-britische KMU-Kredit-Fintech Iwoca eine 20 Mio. Dollar schwere Finanzierung bekannt. CommerzVentures gehörte zu den Lead-Investoren
  • Im Februar dieses Jahres folgte eine weitere Funding-Runde bei Iwoca, diesmal angeblich über 20 Mio. Pfund. Trotz der nur mäßig spektakulären Summe gehen Beobachter von einer „Up-Round“ aus – die initiale Beteiligung der Commerzbank hätte sich also auch hier gelohnt.

Getsafe:

  • Ende 2015 stieg die Commerzbank bei dem Heidelberger Insurtech ein
  • Nachdem Getsafe zunächst eine wechselvolle Entwicklung hinlegte, setzte das Versicherungs-Fintechs Mitte dieses Jahres mit einer 17,5 Mio. Dollar schweren Finanzierungsrunde ein Ausrufezeichen. Gut vorstellbar, dass die Commerzbank auch bei Getsafe – Stand heute – ihren Schnitt gemacht hat.

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Das Geschäftsmodell des Null-Gebühren-Brokers Trade Republic

Von Christian Kirchner

Warum bekommt das Berliner Broker-Fintech Trade Republic von namhaften Investoren 8,5 Mio. Euro? Wo der deutsche Online-Trader-Markt doch nur ein Schein-Wachstum erzielt. Wo Dax, Dow und Co. in der Nähe von Rekordhochs stehen, aber hierzulande trotzdem keine Aktienbegeisterung zu spüren ist. Und wo gefragt werden muss: Wie will Trade Republic mit seinem „Null-Gebühren“-Modell denn überhaupt Geld verdienen?

Was auffällt: Trade Republic ist medial zwar sehr präsent, nur übers Geschäftsmodell erfährt man wenig. Grund genug, das Ganze – unter anderem auf Basis der AGBs und vieler Gesprächen mit Protagonisten der Broker- und Zertifikate-Branche – einfach mal zu sezieren:

Reduktion auf das Wesentliche

Trade Republic ist ein rein Smartphone-basierter Broker. Das beschränkt die Zielgruppe schon einmal auf jene Personen, die sich überhaupt zutrauen, mit dem Handy Wertpapier-Transaktionen zu tätigen – und die in der Regel nicht so service- und betreuungsintensiv wie der klassische Brokerage-Kunde sind. Es mindert auch den technischen Aufwand. Hinzu kommt: Die anstehende PSD2-Regulierung privilegiert das Smartphone. Denn es reicht aus, Bank- und Brokerage-Geschäfte zu betreiben, während für andere Kanäle wie Laptops und PCs noch ein weiterer Authentifizierungskanal vonnöten ist.

Verkürzung der Prozesse auf „Tap, Tap, Trade“

Der Berliner Frühfinanzierer Project A  Ventures – einer der Geldgeber der jüngsten Runde, legt in einem kleinen Blogbeitrag dar, warum man bei Trade Republic ein „Double down“ betrieben habe: Die Simplifizierung der Prozesse habe unter anderem dazu geführt, dass sich die Zahl der nötigen Schritte von im Schnitt 12 bei Brokern auf 3 reduziert hätte für eine Transaktion. Das ist, wie auch eine Depoteröffnung binnen weniger Minuten, ebenfalls per Smartphone, ein großer Vorteil – sind doch zu viele Schritte im Onboarding eines Anbieters oder Wertpapiertransaktionen generell ein massiver „Conversion Killer“.

Ansprache der (gar nicht mal bescheidenden) Millennials

Die Quote der Aktionäre unter den (obendrein Smartphone-affinen) 25- bis 34-Jährigen ist in Deutschland mit 9% nur unwesentlich geringer als etwa bei den 55- bis 64-Jährigen. Die Älteren mögen das Geld haben. Die jüngeren aber paradoxerweise oft die für Broker profitable Gier.

Bei ihnen trifft die typische Unerfahrenheit und Ungeduld für Wertpapieranlagen auf überzogene Renditeerwartungen: 12% sollten es für die „Millennials“ schon sein pro Jahr, ermittelte Schroders in seiner „Investment Study 2019“ unter 25.000 Anlegern. Zum Vergleich: Tatsächlich erzielt wurden im Superbullenmarkt der letzten zehn Jahre 6% pro Jahr.

Das Geschäftsmodell: Leitplanken ziehen, Gebühren umverpacken,

Wie verdient man Geld, wenn man Kunden außer einer Transaktionskosten-Pauschale von einem Euro je Order nichts berechnet (und auch die übrigen wesentlichen Depotleistungen tatsächlich kostenlos sind)?

Im Grunde ist das Modell ein alter Hut und fußt auf einem Vorgehen, das  auch Sparkassen, Genossenschaftsbanken und selbst Strukturvertriebe nutzen: Man verengt schlicht die Palette angebotener Produkte und Handelspartner auf hauseigene Produkte und einige wenige Partner, an denen man verdient und die technisch möglichst wenig Arbeit machen.

Im Falle von Trade Republic heißt das, dass Kunden aktuell in einem virtuellen Käfig stecken, in dem sie Transaktionen ausschließlich über die elektronische Handelsplattform LS Exchange oder direkt mit dem Zertifkateanbieter HSBC Trinkaus durchführen können. Mal eben ein paar Bayer-Aktien an der Börse Frankfurt kaufen? Geht nicht. „Am anderen Ende“ der Transaktion stehen entweder die Händler der Plattform LS Exchange – oder die von HSBC Trinkaus.  „Eine Anbindung an mehrere Ausführungsplätze würde auf Seiten von Trade Republic einen erheblichen administrativen Mehraufwand mit sich bringen“, heißt es in den AGBs.

Natürlich vereinfacht und verbilligt das Prozesse in der Abwicklung. Vor allem aber stellt es sicher, dass die Kunden nur Geschäfte tätigen, die Trade Republic auch etwas bringen – weil man, wie in der klassischen Anlageberatung in Deutschland auch, die Rückvergütung von den Plattformen und dem Partner, etwa HSBC, bekommt. Und man eben die transparenten Kosten von Orderspesen mit eben jener Rückvergütung – im AGB-Deutsch von Trade Republic „Abwicklungskosten-Zuschüsse“ genannt – substituiert. „Im Zusammenhang mit der Ausführung der Wertpapier-Geschäfte kann Trade Republic Zahlungen von den Betreibern der Ausführungsplätze bzw. Kontrahenten der Ausführungsgeschäfte für die Platzierung der Aufträge (…)  erhalten. Diese Zahlungen z.B. sog. Abwicklungskostenzuschüsse belaufen sich auf bis zu € 3,00 pro Kundenorder“, heißt es in den AGB.

Verboten ist das nicht. Im Gegenteil, derlei Provisionen sind auch bei anderen Online-Brokern üblich. Und: Während der klassischen Börsen-Handelszeiten (und auch nur dann!) schreibt die Richtlinie Mifid II vor, dass Kunden auf alternativen Handelsplattformen nicht schlechter gestellt werden dürfen als an den Börsen. Klar ist aber auch: Die Händler bei Handelsplattformen wie LS Exchange und HSBC – ob menschlich oder automatisiert – haben nichts zu verschenken. Und machen ihrerseits ihren „Schnitt“ an den Kundenordnern. Bei Zertifikaten kommt hinzu, dass Laien den fairen Wert der Zertifikate und somit faire Kursstellungen kaum beurteilen können.

Das Prinzip Overconfidence

Online-Broker sind in einem üblen Gewissenskonflikt: Je mehr Kunden handeln, desto unprofitabler agieren sie in der Regel für sich selbst. Desto größer aber der Gewinn für die Broker. In der Verhaltensökonomik wird dies mit dem „Overconfidence Bias“ beschrieben: Viele handeln sehr häufig, weil sie sich für klüger als der Markt halten. Trade Republic und andere verdienen an Aktivität, nicht an Stillhalten.

Die rasante Simplifizierung auf nur drei Schritte und die Niederschwelligkeit des Smartphone-Einsatzes sind somit in jedem Fall optimal für einen Anbieter. Aber sind sie es auch für den Kunden, die „Tap, Tap, Trade“ praktizieren?

Aufklärung wird vermutlich erst die nächste handfeste Börsenkrise bringen – die letzte ist schließlich schon über ein Jahrzehnt her.

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Wie Paydirekt eine Studie erst finanzierte – und dann gewann

Von Heinz-Roger Dohms

Die „ibi Research an der Universität Regensburg GmbH“ gehört zu den angesehensten und einflussreichsten Forschungseinrichtungen innerhalb der deutschen Payment- und Bankenbranche. Laut Selbstbeschreibung folgt das Unternehmen dabei einer „Vision“. Und die lautet: „Unser Innovationsansatz macht Finanzdienstleistungen und den Handel messbar erfolgreicher!“ Offenbar wird diese Vision von ziemlich vielen Unternehmen geteilt. Denn das sogenannte ibi-Partnernetzwerk gleicht einem „Who is Who“. Die Allianz gehört dem Kreis ebenso an wie Arvato, die Commerzbank genauso wie die Consorsbank, die Datev genauso wie der Deutsche Sparkassenverlag und die Fiducia genauso wie die IT-Finanzinformatik, Paydirekt  oder Paypal.

Die Folge dieses Renommees: Veröffentlicht das „ibi Research“ eine Studie (was relativ häufig geschieht), wird diese in den einschlägigen Medien für Handel und Zahlungsverkehr meist breit gecovered. So auch Anfang Juli, als die Regensburger Forscher eine 61-seitige Untersuchung veröffentlichten, die sich mit den Kosten befasst, die Online-Händlern bei unterschiedlichen Bezahlverfahren entstehen. „Händler schätzen Payment-Kosten falsch ein“, war daraufhin bei „Internet World“ (4. Juli) zu lesen, „Kostenfalle Bezahlverfahren?“, fragte „IT-Zoom“ (4.Juli), „Online-Händler unterschätzen laut ibi Research Kosten der Zahlungsverfahren deutlich“, schrieb das „IT-Finanzmagazin“  (5. Juli).

Indes: Nicht nur Medien berichteten über die Studie. Sondern auch die Pressestelle von Paydirekt, dem Online-Bezahlverfahren der deutschen Kreditwirtschaft. Was auch nicht weiter verwunderte. Denn: Paydirekt hatte bei der Studie sozusagen gewonnen.

Laut eigener Darstellung hatten die ibi-Forscher drei Szenarien kalkuliert. 1.) Die Gesamtkosten im Fall eines großen Bekleidungsversenders; 2.) Die Gesamtkosten im Fall eines kleinen Geschenkartikelversenders; 3.) Die Gesamtkosten im Fall eines Elektronikversenders.

Die Unterschiede zwischen Paydirekt und konkurrierenden Bezahlverfahren waren dabei teilweise frappierend. Im „Szenario 2“ zum Beispiel lagen die „Gesamtkosten in % des Warenkorbs“ bei Paydirekt gerade mal bei 1,69%. Bei Sofortüberweisung hingegen kamen die Forscher auf 2,51%, bei Paypal gar auf 5,75%, bei Zahlung auf Rechnung auf 6,81%.

Und so erschien auf der Website von Paydirekt am 10. Juli ein Interview mit Holger Seidenschwarz, dem Studienleiter bei ibi Research, der sich unter anderem wie folgt äußerte:

  • „Im Vergleich zu anderen Zahlverfahren haben die indirekten Kostenfaktoren bei Paydirekt mit 26 Prozent den geringsten Anteil an den Gesamtkosten.“
  • „Im sogenannten Basisfall der Studie, der den ‚Durchschnitts-Händler‘ der Umfrageteilnehmer darstellt, schnitt Paydirekt daher am besten ab. Das liegt wohl hauptsächlich an der Art und Weise, wie das Verfahren abgewickelt wird: durch die Zahlungsgarantie fallen zum Beispiel die Kosten für Risiko- und Debitorenmanagement relativ gering aus.“
  • „Die Ergebnisse unserer Studie können daher sicher auch als Anreiz dienen, Händlern die Vorteile von Paydirekt nahe zu bringen.“

Was Studienleiter Seidenschwarz hingegen nicht sagte, das war, wer die Studie gesponsert hatte. Dabei hätte diese Auskunft durchaus in das Interview gepasst. Denn Sponsor war Recherchen von Finanz-Szene.de zufolge: ebenfalls Paydirekt.

Zum ersten Mal hatte sich „Finanz-Szene.de“ in der Angelegenheit am 5. Juli an das „ibi Research“ gewandt. Unsere Frage lautete eher allgemein:

„[…] Würden Sie mir noch kurz sagen, wer der Sponsor [der Studie] war – oder gab es da keinen und das war komplett eigenfinanziert Ihrerseits?“

Worauf „ibi Research“ antwortete:

„Wir finanzieren das ibi und unsere Studien im Kern über drei Wege: 1. einige über den Verkauf nach Durchführung der Studie, die meisten über 2. das ibi-Partnernetzwerk (grundständige nicht-themenbezogene Finanzierung, die uns erlaubt, ohne konkretes „Projekt“ an Themen zu forschen) oder 3. über themenbezogene Finanzierung/Sponsoring. Dabei kann der Sponsor wählen, ob er nach außen erscheinen möchte oder nicht. In jedem Fall sind die Ergebnisse unserer Forschung neutral und unabhängig, ohne Einfluss der Financiers auf die Studienergebnisse und deren Veröffentlichung. Dazu sind wir natürlich als An-Institut der Uni Regensburg per Satzung verpflichtet, das entspricht aber auch unserem Selbstverständnis als neutrale Plattform. Zu unseren Partnern und Financiers zählen viele Zahlungsdienstleister sowie diverse Anbieter rund um die Rechnung, vgl. www.ibi.de/netzwerk/partner.“

Am 9. Juli hakte „Finanz-Szene.de“ nach:

„Natürlich gehen wir davon aus, dass alle Studien unabhängig durchgeführt und ausgewertet werden. Allerdings meinte ich von anderen ibi-Studien zu wissen, dass es eben den Fall des themenbezogenen Sponsorings (wie Sie es als 3. Fall dann ja auch aufführen) gibt. Und wenn das in diesem Fall so war, würden wird das gern so zusammen mit den Studienergebnissen berichten, um da Transparenz walten zu lassen. Daher die Frage, ob die besagte Studie gesponsert wurde und wenn ja, von wem?“

Antwort „ibi Research“:

„Ja, die Studie wurde von externen Sponsoren mitfinanziert. Wir können aber die Financiers nicht nennen, weil wir vertraglich Stillschweigen vereinbart haben. Ich bitte um Ihr Verständnis. Um möglichen Missverständnissen vorzubeugen, möchten wir kurz klarstellen, dass die Unterstützer nie Zugriff auf die Daten (vor und nach Qualitätssicherung) hatten und auch die Auswertung nicht beeinflusst haben.“

Schließlich fragte „Finanz-Szene.de“ direkt bei Paydirekt nach. Und bekam  die Antwort:

„Ja, die Studie ‚Gesamtkosten von Zahlungsverfahren im deutschen E-Commerce 2019′ wurde von der Paydirekt GmbH mitfinanziert. Als ’noch junges‘ Online-Bezahlverfahren der deutschen Banken und Sparkassen wurden wir noch nicht hinsichtlich der Gesamtkosten untersucht. Die letzten Studien zu den Gesamtkosten von Zahlungsverfahren liegen bereits mehrere Jahre zurück. Es ist uns deswegen ein Anliegen gewesen, ein unabhängiges Institut zu finden, welches erneut eine Studie zu dieser Forschungsthematik durchführt. Unsere Wahl ist auf das universitätsnahe Forschungsinstitut ibi research gefallen, zu welchem Paydirekt von Beginn an eine Partnerschaft unterhält. Über die Ergebnisse der unabhängigen Studie – welche uns durchaus positiv überrascht haben – freuen wir uns natürlich sehr.“

Die transparente Antwort gegenüber Finanz-Szene.de spricht für Paydirekt. Warum das „ibi Research“ und offenbar auch Paydirekt (siehe die Aussage, es sei „vertraglich Stillschweigen vereinbart“ worden) ebendiese Transparenz allerdings zuvor den Lesern der Studie verweigert hatten – das bleibt ein großes Rätsel.

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„Frankfurts Banken spüren nichts von Bewerbermangel“

Nachdem wir am Dienstag unter Berufung auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (bzw. deren IAB-Institut) ein „Azubi-Armaggedon“ bei Frankfurts Banken vermeldet hatten, fühlt sich „Leser W.“ zum Widerspruch herausgefordert. Herr W. arbeitet nämlich bei der DZ Bank. Und dort sei von einem Mangel an Bewerbern nichts zu spüren.

„Ihre Meldung zum ‚Talent-Armageddon‘ hat mir keine Ruhe gelassen. Denn bei den Frankfurter Banken werden die Ausbildungsplätze sehr wohl besetzt, die Attraktivität der Ausbildung „Bankkaufleute / Büromanagement“ ist unvermindert hoch.

Lassen Sie mich dies am Beispiel der Bank, für die ich arbeite, nämlich die DZ Bank, skizzieren: In diesem Jahre hatten wir insgesamt 19 Ausbildungsplätze ausgeschrieben (Bankkaufleute, Büromanagement und Fachinformatiker) und 690 (!) Bewerber. Dabei haben sich allein für die zehn Plätze „Bankkaufleute“ 387 junge Menschen beworben. In Frankfurt selbst waren es 193 Bewerber für fünf Plätze. Dagegen zählt die Statistik des IAB-Instituts für Frankfurt 2017 insgesamt nur 66 Bewerber.

Dass die Statistik nicht wirklich stimmen kann, zeigen auch die Daten der Volks- und Raiffeisenbanken, die im vergangenen Jahr 96% ihrer rund 3000 Ausbildungsplätze besetzt haben. Die Zahl zeigt, dass auch die Genossenschaftsbanken in der Fläche als Ausbildungsbetrieb eine hohe Attraktivität haben. Zugegeben: Die Gesamtzahl der Auszubildenden bei den genossenschaftlichen Ortsbanken ist zuletzt von 9450 (2017) auf 8350 (2018) gesunken. Das liegt aber nicht am mangelnden Bewerberinteresse – sondern am Abbaus von Geschäftsstellen und der Fusionen von Genossenschaftsbanken. Einziger Wermutstropfen: Fluch der guten Ausbildung – die Absolventen werden verstärkt abgeworben, auch von kommunalen Institutionen.“

Anm. der Redaktion: Wir haben uns von den DZ Bank bestätigen lassen, die Zahlen, die der Mitarbeiter uns gegenüber nannte, korrekt sind.

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Fintech-Lobby ruft den PSD2-Ausnahmezustand aus

Von Christian Kirchner

Zwei Monate, bevor am 14. September die zweite und entscheidende Stufe der PSD2-Direktive in Kraft tritt, warnen einige der prominentesten deutschen Fintech-Vertreter vor einem kolossalen Scheitern der neuen Richtlinie. Eigentlich sollte die sicherstellen, dass Drittanbieter künftig nach klaren Regeln auf Kontodaten bei Banken zugreifen können – immer vorausgesetzt, der Kunden hat dem zugestimmt. Tatsächlich aber seien die notwendigen Schnittstellen der Banken „nicht marktreif“, komplette Use-Cases von Banken, Fintechs und Softwareunternehmen würden „zertrümmert“, und statt zur erhofften Marktöffnung drohe nun „Marktstandard der Abschottung“, der zahlreiche Anbieter in den Ruin treiben könne.

So zumindest äußern sich FintecSystems-Gründer Stefan Krautkrämer sowie die beiden Figo-Manager André Bajorat und Cornelia Schwertner in einem rund einstündigen, geharnischten Podcast, den Bajorat auf seinem Blog „Paymentandbanking“ heute veröffentlichen will – und der Finanz-Szene.de vorab zur Verfügung gestellt wurde.

Nun sind Krautkrämer, Bajorat und Schwertner natürlich keine unabhängigen Branchenexperten, sondern Lobbyisten ihrer selbst. Figo und Fintecsystems gehören – ebenso wie beispielsweise NDGIT, finAPI oder BANKSapi – zu jenen Fintechs, die als API-Spezialisten von der PSD2-Richtlinie besonders zu profitieren hofften, weil sie es sind, die die Schnittstellen zwischen Banken und Drittanbietern managen wollen.

In dem Podcast ein bloßes Lobbyisten-Geklingel zu sehen, greift aber dennoch zu kurz. Denn erstaunlicherweise ist aus der etablierten Finanzbranche zu hören, dass auch viele Banken nicht wirklich glücklich seien mit dem Stand der PSD2-Umsetzung. Das liegt zum einen anderen, dass Banken auch selber jene Drittanbieter seinen können, die mit Zustimmung ihrer Kunden auf deren Konto bei anderen Banken zugreifen.

Institute wie die Deutsche Bank, die sich explizit als Konten-Aggregator positionieren wollen, haben also durchaus ein Interesse an einer möglichst reibungslosen Einführung von PSD2. Zum anderen scheint es aber auch einfach so zu sei, dass die Schwertners, Bajorats und Krautkrämers mit ihrer inhaltlichen Kritik objektiv betrachtet gar nicht so falsch liegen. Das jedenfalls räumen Bankenvertreter unter der Hand ein.

„Ein Problem ist, dass in diesem Prozess bis zum 14. September keinerlei Schalter eingebaut wurde, mit dem man das Ganze notfalls stoppen könnte. Das bringt einen unglaublichen Druck in die Situation“, heißt es von einem Banken-Lobbyisten. Nachdem dieser Tage vonseiten diverser Fintechs wiederum ordentlich Druck beim Kartellamt und bei der Bafin gemacht wurde, wird hinter den Kulissen nun offenbar an einem Ausweg gearbeitet, ist von verschiedenen Seiten zu hören. Eine Lösung könnte so zum Beispiel so aussehen, dass die Bafin – mit Duldung der europäischen Aufsichtsbehörde EBA – die Mitte-September-Deadline eben doch aufweicht. Genauer: Eben nicht zu akzeptieren, dass Banken alle übrigen Zugänge zu Kunden abknipsen können, solange sie nur dokumentieren, dass sie die neuen Richtlinien formal umgesetzt haben.

Um überhaupt zu verstehen, wie es zu dem Schlamassel kommen konnte, muss man das Wesen der PSD2-Richtlinie verstehen. Die Direktive (Slidedeck dazu: hier) soll zwei miteinander verwobene Sachverhalte regeln: Das eine ist der bereits skizzierte Kontenzugriff. Und das zweite die stärkere Kunden-Authentifizierung. Diese läuft darauf hinaus, dass Login und Passwort nicht mehr fürs „Einloggen“ und eine papierne Tan-Liste nicht länger für das Ausführen von Transaktionen genügen. Stattdessen kommen nun neue Formen der Authentifizierung ins Spiel, etwa eine zweite App, ein von einer App generierter Code oder eine mobile, eigens generierte TAN.

Zugespitzt ist gesagt ist es so, dass der Kontenzugriff dem Prinzip der Marktöffnung folgt – während die starke Authentifizierung demselben Prinzip tendenziell zuwiderlaufen kann.

Die Klagen Bajorats, Schwertner, Krautkrämers (und anderer Fintech-Vertreter, die aber lieber im Hintergrund bleiben) laufen nun darauf hinaus, dass der Spielraum, den alle Beteiligten bei der Umsetzung von PSD2 haben, ausgenutzt werde, um das ursprüngliche Ziel der Marktöffnung zu unterlaufen.  „Es gibt Banken, die haben PSD2 vom ersten Moment an als gute Gelegenheit gesehen, die Türen zu schließen – und das wurde von jenen, die sich fair verhalten, zu spät erkannt“, beschreibt ein Beteiligter die Lage.

Andere Praxisberichte stützen das. Das britische Fintech Salt Edge dokumentierte gestern seine gesammelten Erfahrungen mit europaweit  insgesamt 250 „Schnittstellen-Teilnehmern“, also Aggregatoren ebenso wie Banken. Problemlos klappt die Schnittstelle demnach mit 10% aller Akteure. Mit 70% aller weiteren funktioniere nun zwar das „Onboarding“, alles sei gleichwohl ein komplizierter, teils zwei Monate dauernder Prozess gewesen“. 20% der Akteure blockierten demnach offen und bewusst ihre Schnittstelle.

Die typischen Schwierigkeiten der „grauen Mitte“ der 70%: Eine nicht dem Standard entsprechende Datenschnittstelle, zusätzliche oder gar nicht PSD2-konforme Verifikationsanforderungen, Zwang zum willkürlichen Kanalwechsel bei der Identifikation bis hin zu „Rufen Sie uns an“, Limitierung der Testversuche, Verkomplizierung der Datenschutzabfragen. Kurz: Wer anderen Ärger machen will, hat dazu technisch reichlich Gelegenheit.

Diese technischen Schwierigkeiten erhöhen den Druck zusätzlich: Viele Akteure sind offenbar noch gar nicht in der Lage, überhaupt mit praxisnahen Tests zu beginnen. So waren die PSD2-Regeln erst 2018 von der EBA genau gefasst worden; im März dieses Jahres begann dann das sogenannte „Sandbox-Testing“; seit Mitte Juni schließlich befinden sich nun alle Akteure im „vorgezogenen Produktionsbetrieb“ (in dem es aber, siehe oben, offenbar an allen Ecken und Enden zu haken scheint); und Mitte September soll dann das neue Regime gelten. Das heißt: Jeder Akteur, der die formalen Kriterien an die neue Schnittstelle erfüllt, kann sich aus dem bisher geltenden Regime verabschieden. Oder anders gesagt: Er kann Drittanbieter-Zugänge, die heute schon existieren, im Extremfall einfach abklemmen.

Ob es wirklich so kommt? Nach allem, was wir hören, eher nicht. Denn ein paar nölende Fintechs mögen den Banken wurscht sein. Einen Streit mit der Bafin oder dem „Open Banking“-freundlichen Bundeskartellamt hingegen dürfte die Branche eher nicht riskieren.

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Warum ist PSD2 so komplex? Und worüber wird genau gestritten?

Von Christian Kirchner

„Fintech-Lobby ruft den PSD2-Ausnahmezustand aus“, schreibt Finanz-Szene.de heute Morgen. Was sind die Hintergründe? Und wie geht es jetzt weiter? Unser FAQ:

Worum geht es allgemein bei PSD2?

Die Payment Services Directive 2 -kurz: PSD2 – regelt zwei miteinander verwobene Sachverhalte: Zum einen, dass Banken grundsätzlich eine Schnittstelle zur Verfügung stellen müssen, mit denen andere Banken und Drittanbieter auf die Kundendaten zugreifen können, sofern diese dies wünschen und erlauben.

In der Praxis bedeutet das etwa, dass Kunden auch mit einem Zugang bei der ING auf ihr Konto bei einer Sparkasse zugreifen und Überweisungen auslösen können – oder mit einer bankenunabhängigen Finanzapp auf alle ihre Konten.

Zum anderen schreibt PSD2 eine stärkere Kundenauthentifizierung vor. Login und Passwort genügen nicht mehr für ein „Einloggen“, eine papierne Tan-Liste nicht länger für Transaktionen. Ins Spiel kommen weitere Formen der Authentifizierung, etwa über eine zweite App, ein von einer App generierter Code oder eine mobile, eigens generierte TAN.

Die „Schnittstellenregelung“ sorgt, sofern sie funktioniert, im Prinzip für eine Marktöffnung, die Kundenauthentifizierung dienst zwar der Sicherheit, erschwert aber auch bisherige simple Zugänge, sorgt also tendenziell eher für eine Abschottung der Anbieter.

Was hat es mit der Deadline des 14.9. genau auf sich?

Die Umsetzung der 2018 bekannt gegebenen allgemeinen Richtlinien ist Sache der Staaten. Es gibt – anders als zeitweise erwogen wurde – keine europaweit einheitlichem Standard, was zur großen Verärgerung fast aller Beteiligter Effizienzgewinne schon vorab erschwert.

Den Bedarf nach neuen Richtlinien können Endkunden bislang kaum erkennen, Multibanking-Angebote von Aggregatoren (Numbrs, Check24, Miles and More, Outbank und Co.) und Banken selbst funktionieren häufig bereits reibungslos. Das liegt allerdings daran, dass bislang diverse Technologien für diesen Weg zulässig sind die Kundendaten  abzurufen- etwa den Befehl: Greife auf mein Konto bei Bank X zu – und die Authentifizierungsvorschriften noch nicht verschärft wurden.

In Deutschland haben sich weite Teile der Finanzbranche der Vereinigung „Berlin Group“ angeschlossen, die die Rahmenbedingungen definieren, wie die neuen gemeinsamen Schnittstellen aussehen sollen.

Der 14. September ist nun keine Deadline im eigentlichen Sinne, sondern der frühestmögliche Termin, zu dem sich eine Finanzdienstleister darauf zurück ziehen kann, lediglich noch einige einzige Schnittstelle zur Verfügung zu stellen für Interaktionen mit anderen Banken oder Drittanbietern – nämlich genau jenen Standard, den man nun gemeinsam technisch spezifiziert hat. Die übrigen Wege kann er anschließend technisch „unterbinden“ oder muss sie nicht länger „offen“ halten.

Im Klartext: Entweder klappt dann der neue Weg des einzigen gemeinsamen Standards. Oder aber es kommt praktisch zu einer Abschottung. Frühestmöglicher Termin heißt: Man dokumentiert gegenüber der damit beauftragten Finanzaufsicht, dass es die Schnittstelle gibt und sie den Anforderungen entspricht.

Warum stecken die Vorbereitungen in einer Sackgasse? 

Hier nennen die von Finanz-Szene.de befragten Beteiligten zwei Gründe: Weil erstens ein irrer Zeitdruck im Spiel sei und zweitens die Regelungen enorm viel Spielraum für die Umsetzung ließen, der faktisch zu einer Abschottung – also dem Gegenteil der geplanten Marktöffnung führe.

Der Zeitdruck ergibt sich aus der Zeitleiste: Erst im März begann das so genannte „Sandbox-Testing“ jener Regelungen, die erst 2018 präzisiert wurden. Seit Mitte Juni befindet man sich im „vorgezogenen Produktionsbetrieb“, und das ist nun jene Phase, in der alle Akteure merken, wie wenig tatsächlich bereits zu funktionieren scheint. Schon am 14. September kann nun aber jeder Akteur, der die formalen Kriterien an die neue Schnittstelle erfüllt, aus dem alten Regime diverser Zugänge zu Daten und Interaktion „abklemmen“ – ganz unabhängig, ob die neue sinnvoll ist oder nicht.

Der Spielraum für die Umsetzung ergibt sich aus den laut Meinung der Akteure zu hektisch definierten und damit teils wirklichkeitsfremden und abstrakten Formulierungen der Standards. Je nach Schätzung klappen bestenfalls 10 bis 20% der Schnittstellen wirklich reibungslos. Aber auch die Direktive selbst enthält von Beginn an Vorschriften, die in der Praxis große Schwierigkeiten machen…..

Wie sehen die konkreten Probleme aus?

…dazu fünf Beispiele:

  • Greift ein Kunde über seine Bank oder eine Multibanking-App auf ein anderes Konto zu, kommt künftig der Zwang zu einer weiteren, starken Authentifizierung sowie (optional) der erneuten Angabe der vollständigen  IBAN ins Spiel, wenn ein Kunde etwa über eine via Schnittstelle angepingte Bank Überweisung veranlassen will – also etwa aus dem Online-Banking der Deutschen Bank für ein Zweitkonto bei einer Sparkasse. Beide Schritte sind klassische „Conversion-Killer“, in der die Kunden diese wenige praktikable Lösung aus Zeit- und Bequemlichkeitsgründen mutmaßlich werden abbrechen und es sodann nicht mehr so schnell versuchen könnten. Faktisch also ein Rückschritt, der das Ziel der Marktöffnung konterkariert.
  • Der neue Standard schreibt nicht zwingend vor, dass Banken Kundennamen zurückmelden müssen, sofern eine andere Bank oder ein Drittanbieter auf die Kundendaten zugreift. Das ist, reichlich schwammig, laut Vorschrift der Aufseher nur dann nötig, wenn es das „Geschäftsmodell“ erfordere. Klassische B2B-Anwendungen zwischen Banken – etwa eine Bonitätsanfrage – werden so aber ad absurdum geführt, da Finanzdienstleister weitreichende Entscheidungen auf Basis von Drittanbieterdaten nur dann treffen werden, wenn sie die absolute Sicherheit haben, dass die Kundendaten auch mit dem Namen übereinstimmen. Eine praktische und populäre Anwendung (und mit auch ein Grund, warum selbst Banken unglücklich sind) ist hier etwa die klassische Bonitätsanfrage, wenn ein Kunde einen Immobilienkredit aufnimmt: Banken und Vermittler können bislang problemlos die Zahlungshistorie, Gehaltseingänge und mehr des Kreditinteressenten über seine Konten auch bei anderen Instituten abrufen, sofern diese(r) ihnen die Erlaubnis dazu erteilt. Das verbessert und beschleunigt den Entscheidungsprozess (und aus Kundensicht auch womöglich die Kreditkonditionen) in der Kreditvergabe. Anonyme Rückmeldungen sind hier aber quasi wertlos.
  • Mögliche „Tester“ sind teils bis heute noch nicht in der Lage, überhaupt praktisch und umfangreich zu „testen“, weil die Schnittstelle technisch schlicht (noch) nicht immer funktioniert
  • Die technische Spezifikation erlaubt es grundsätzlich, „Umleitungen“ zu legen, wenn es um Datenabfragen und Transaktionen von Kundendaten durch Dritte geht. Sie werden eher schwammig als „optional“ und „falls nötig“ erlaubt. Das kann dann allerdings praktisch die Abruf- und vor allem Transaktionsprozess so in die Länge ziehen, dass Abbrüche wahrscheinlich sind – und ebenfalls eher abschottend wirken.
  • Die Kombination aus einer Verengung auf nur noch eine, womöglich technisch nicht ausgereiften Schnittstelle auf der einen Seite, wie sie ab 14. September möglich ist und der eingeforderten „starken Authentifizierung“ auf der anderen verstärkt sich wechselseitig. Denn der Fluss der Daten und Transaktionen wird an gleich zwei Stellen verengt: An der Schnittstelle sowie bei der Authentifizierung – das Ziel einer Marktöffnung gerät so in Gefahr.

Darüber hinaus steht Akteuren eine breite Palette an Möglichkeiten zur Verfügung, den Datenaustausch zu unterlaufen – im britischen Blog Fintech Finance legt der Konzern „Salt Edge“ seine (deprimierenden) Erfahrungen mit 90% der 250 kontaktierten Finanzdienstleister offen.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Schlichtes Nichtstun ändert nichts. Wie aus dem Bankenumfeld verlautet und Rundschreiben der Aufsicht EBA nahe legen, sieht die Direktive keine weiteren Fristen oder Ausstiegsmöglichkeiten vor. In ihrer Not wurden insbesondere Drittanbieter, deren Geschäftsmodell nun in Frage steht, bereits beim Kartellamt vorstellig, da sie den eigentlich geplanten Wettbewerb nicht nur in Frage gestellt sehen, sondern im Gegenteil eine massive Abschottungsmöglichkeit seitens Banken erwarten.

Beim Kartellamt hält man sich diesbezüglich bedeckt. Man erwarte „eine diskriminierungs- und behinderungsfreie Umsetzung der PSD2 und deren Ziele“ und sei „in Gesprächen mit Bankenverbänden, dritten Zahlungsdienstleistern und der Bafin“.

Zugleich lässt man aber den Ball auch ins Feld jener Aufseher kullern: „Es ist vor allem Aufgabe der Bankaufsichtsbehörden in Deutschland und Europa, auf einen diskriminierungs- und behinderungsfreien Zugang hinzuwirken“; heißt es auf Anfrage von Finanz-Szene.de zum Sachverhalt. Erst wenn die Test- und Implementierungsphase Hinweise auf missbräuchliche Behinderungen geben, werde man prüfen ob man „in Ergänzung zu Maßnahmen der Finanzaufsicht mit der kartellrechtlichen Missbrauchsaufsicht eingreifen müssen.“

Aber was könnte die Aufsicht tun? Nach Recherchen von Finanz-Szene.de sehen die Optionen in Ermangelung von formalen Verlängerungs-Möglichkeiten wie folgt aus

  • Es passiert gar nichts – und die Geschäftsmodelle zahlreicher Drittanbieter wie B2C und B2B-Fintechs und Softwarekonzernen stehen ab Mitte September vor einer harten Prüfung, die Funktionalität der Multibanking-Angebote der Banken selbst litte auch.
  • Die Aufseher halten schlicht selbst völlig still und verzichten auf die formale Dokumentation, dass die neue Schnittstelle den Anforderungen entspricht – was dann auch in der Ableitung heißt, dass nicht die übrigen Zugangsmöglichkeiten abgeklemmt werden können, sondern weiter funktionieren
  • Der Ausschließlichkeitsanspruch an die neue Schnittstelle fällt durch Implementation einer „Fallback-Regelung“ – grundsätzlich sollte die neue Schnittstelle den Anforderungen entsprechen, allerdings auch alternative Lösungen weiter funktionieren im Falle von Schwierigkeiten, und das so lange, bis die neue, gemeinsame Schnittstelle sauber ausgereift ist

Wie sieht also die Finanzaufsicht das Thema, der nun offenbar eine entscheidende Rolle bei der rasanten Fahrt in die Sackgasse zukommt?

Zum Thema Schnittstelle will sich die Bafin nicht äußern – allerdings zum Thema „starke Authentifizierung“. Dazu teilt die Bafin mit, dass „das Anwendungsdatum für die Pflicht zur Starken Kundenauthentifizierung – der 14.09.2019 – durch den europäischen Gesetzgeber festgesetzt wurde und nur durch diesen geändert werden“ könne. Ein kürzlich veröffentlichter Brief der europäischen Finanzaufsicht EBA erkenne aber auch an, dass „nicht wenige Markteilnehmer am 14.09.2019 wahrscheinlich noch nicht ausreichend auf die neuen Anforderungen vorbereitet sein werden.“

Im Klartext: Wie vertrackt die Lage ist, erkennen inzwischen selbst die Aufseher an.

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Anlageprofis verlieren Glauben an Deutsche-Bank-Aktie

Von Christian Kirchner

Fragen Sie sich angesichts des zerbröselten Aktienkurses der Deutschen Bank gelegentlich auch einmal: Wo sind eigentlich noch die Optimisten? All jene, die glauben, dass es ja auch gut gehen könnte mit der Bank, ihren ja durchaus profitablen Bereichen?

Bereits im März legte Finanz-Szene.de offen, dass trotz sinkender Kurse die Zahl der Aktionäre laufend steigt – mithin also vor allem Kleinanleger auf eine baldige Wende wetten. Alleine 2018, als die Deutsche Bank 56% abschmierte, gewann die Bank 50.000 neue Aktionäre.

Und was ist mit den Profis? Finanz-Szene.de hat einen Blick in die Portfolios  jener Investoren geworfen, die täglich hauptberuflich damit beschäftigt sind, deutsche Aktien zu beobachten, analysieren und entsprechend zu disponieren  – den Verwaltern von Fonds für deutsche Standardwerte.

Mit einem erschreckenden Ergebnis: Von den 29 Aktienfonds für deutsche Standardwerte mit wenigstens 100 Mio. Euro verwaltetem Volumen halten 22 laut dem jeweils letzten verfügbaren Jahres- oder Halbjahresbericht überhaupt keine einzige Deutsche-Bank-Aktie mehr. Dabei entfällt im Deutschen Aktienindex Dax noch immer ein Gewicht von 1,2% auf die Deutsche Bank. Ein einziger Fonds hält laut letzten verfügbaren Angaben dabei überhaupt anteilig mehr als diese 1,2% und gewichtet die Aktien mithin optimistisch über: Der Oddo BHF Frankfurter Effekten.

Pikant: Selbst der gemessen am Börsenwert nur gut halb so großen Commerzbank trauen mehr Profis für deutsche Aktien eine positive Aktienkursentwicklung zu. Denn während die Deutsche Bank nur in 7 der 29 Portfolios überhaupt vertreten ist, findet sich die Commerzbank laut den letzten verfügbaren Jahresberichten in mehr als doppelt so vielen Fonds für deutsche Standardwerte – nämlich in 18 der 29. In zehn Fällen sind die Commerzbank-Aktien sogar deutlich übergewichtet.

Das ist insofern überraschend, als dass die Commerzbank im vergangenen Herbst aus dem Dax abgestiegen ist. Im wenig bekannten, aber umfassenderen HDax-Index für alle deutsche Aktien aus den Auswahlindizes Dax, MDax und TecDax kommt sie auf nur 0,5% und damit eine halb so hohe Gewichtung wie die Deutsche Bank.

Pikanterie am Rande: Schlicht überhaupt nicht vertreten ist die Deutsche-Bank-Aktie laut letzten Jahresberichten im größten Deutschland-Fonds ihrer eigenen Tochter DWS, dem DWS Deutschland unter Verwaltung von Tim Albrecht mit 5,4 Mrd. Euro. Der hielt gleichwohl aber per Ende März für 0,6% des Fonds-Vermögens in Commerzbank-Aktien.

Auch im DWS Aktienstrategie-Deutschland ist die Deutsche Bank mit Null gewichtet, während die Commerzbank nach dem Zukauf von 5 Mio. Aktien im Berichtszeitraum 1.10.2018 bis 31.3.2019 auf knapp 1% kommt – was indes auch belegt, dass das Management seinen treuhänderischen Aufgaben gut nachkommt und aus Überzeugung handelt.

„Nullgewichtet“ sind Deutsche-Bank-Aktien auch bei ihrem Ex-Starfondsmanager Henning Gebhardt und dem Berenberg Aktienstrategie Deutschland. Dieser hält indes auch keine Commerzbank-Papiere.

Die Übersicht:

Gewichtung von Deutscher Bank und Commerzbank laut letztem verfügbaren Jahres-/Halbjahresbericht in aktiven Aktienfonds für dt. Standardwerte

Fondsname Volumen in Mrd. € Gewichtung Dt. Bank Gewichtung Commerzbank
DWS Deutschland 5,4 0,6%
DekaFonds 4,5 0,9% 0,5%
DWS Aktienstratege Dtld. 4,0 1,0%
DWS Investa 3,5 0,5% 0,6%
UniFonds 2,3
Concentra 2,0
Fondak 1,8 1,8%
Oddo BHF Frankfurter Effekten 1,7 1,5% 1,5%
UniDeutschland 1,0 1,0% 2,2%
FidelityFunds Germany 0,7
Allianz German Equity 0,7
Allianz Verm.-B. Deutschland 0,7 0,4%
SEB Aktienfonds 0,6
UniAktienFonds net 0,6
Dekalux Deutschland 0,5 1,7%
DWS Invest German Equities 0,5 0,7% 0,6%
Baring German Growth 0,5 0,8%
DWS German Equities Typ 0 0,4 0,01%
Adifonds 0,2
MEAG Proinvest 0,2 1,3%
Al Trust Aktien Deutschland 0,2 1,2% 0,6%
Mediol.Challenge German Eq. 0,2 0,7% 0,6%
Allianz Thesaurus 0,1
Amundi German Equity 0,1 1,1%
LBBW Exportstr. Deutschland 0,1
Metzler Aktien Deutschland 0,1
Berenberg Aktien Str.Dtld. 0,1
UBS Equity Aktien High Div Dtld. 0,1 1,6%
UBS Aktfds. Special Dtld. 0,1 1,5%
z.V.: Dax-Gewichtung 1,22% 0%
z.V.: HDax-Gewichtung 0,93% 0,47%

jeweils gerundet; Quelle: letzte verfügbare Jahres-/Halbjahresberichte, Grundgesamtheit: Kategorie Morningstar Standardwerte Deutschland (aktiv), mindestens 100 Mio. Volumen, Gewichtungen sind aufgrund Dispositionen/ Kursveränderungen laufend Änderungen unterworfen und stellen stets nur eine Momentaufnahme dar. 

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Für andere Banken ist das Gras kaum grüner als für Deutsche und Coba

Von Christian Kirchner

IT-Panne bei der Commerzbank, die DKB einen ganzen Tag offline, die Deutsche Bank inmitten einer Restrukturierung mit der Brechstange, die sie 7,2 Mrd. Euro und 18.000 Stellen kosten wird – viel Holz, wissen wir.  „Ab und zu mal ein paar gute Nachrichten von den Banken wären ja auch mal ganz nett!“, wünscht sich Leser P. per eMail an Finanz-Szene.de, offenbar ermüdet von der Kette an schlechten Nachrichten.

Dem Leser kann geholfen werden. Und zwar mit der Nachricht, dass es der Deutschen Bank und der Commerzbank ausweislich ihrer besorgniserregenden Aktienkursentwicklung nicht gut geht. Aber sie damit immerhin, falls es hilft und tröstlich ist, in schlechter Gesellschaft ist.

Denn: In anderen Ländern der Eurozone mögen Banken rentabler, dividendenstärker, gemessen am Börsenwert größer und gemessen an ihren Ratings sicherer sein. Allein: Auch sie haben es mit zunehmend skeptischeren Investoren zu tun, um es vorsichtig zu formulieren.

  • Beispiel Unicredit: CEO Jean-Pierre Mustier gilt als Star europäischer Banken-CEOs, weil er das Institut rekapitalisiert, faule Kredite abgebaut hat und auf eine Cost-Income-Ratio von 54% getrimmt hat. Damit ist die Bank fraglos besser für künftige Stürme gerüstet als zu seinem Antritt 2016. Die Eigenkapitalrendite des Instituts bewegt sich dennoch mit zuletzt knapp 5% deutlich unter den Kapitalkosten – und dürfte es vermutlich auch über die kommenden Jahre bleiben, glaubt man Analysten. Das Institut und Mustier? Basteln an einer neuen Wachstumsstrategie, die man im Dezember vorstellen wird. Die Aktie? Hat binnen eines Jahres 22% verloren und sich seit 2015 gedrittelt.
  • Beispiel Santander: Die Spanier sind nicht nur groß (200.000 Mitarbeiter), sondern die bilanziellen Posterboys der Eurozone mit zweistelligen Kapitalrenditen, über 5% Dividendenrendite und einer ING-Deutschland-mäßigen Cost-Income-Ratio von unter 50% – und das trotz eines großen Filialnetzes. Die Aktie kommt dennoch mit -13% binnen eines Jahres nicht vom Fleck. In Spanien schrumpft inzwischen die Kreditvergabe im Vergleich zum Vorjahr, ticken die Kreditausfallraten allmählich hoch und bröckelt auch die Profitabilität der Banken (wenngleich von hohem Niveau).
  • Beispiel Société Générale: Hätten Sie’s gewusst: Der Kursverlust der SocGen binnen eines Jahres stellt jenen der Deutschen Bank und der Commerzbank deutlich in den Schatten. 39% büßte die Aktie ein. Mit zuletzt 22 Euro ist die Aktie, um es historisch zu verorten, ungefähr auf dem Niveau, auf dem sie kurz nach der Lehman-Pleite und auch auf dem Höhepunkt der Euro-Krise vor Mario Draghis „Whatever it takes“-Rede lag. Gut: da wären Deutsche und Coba gerne. Dennoch: gerade einmal drei von 23 Analysten können sich zu einem „Kaufen“-Urteil für die SocGen durchringen, die Erträge kommen seit drei Jahren nicht vom Fleck und werden es wohl auch die kommenden drei nicht tun – aktuell läuft, wie bei der Deutschen Bank, eine Restrukturierung. Wie skeptisch der Markt für künftige Zahlungsströme für Aktionäre ist, zeigt ein Blick auf die Dividendenrendite: Gemessen an der letzten Ausschüttung für 2018 beträgt sie nunmehr 10%. Was heißt: Entweder lügt aktuell der viel zu tiefe Kurs. Oder doch die viel zu hohe Dividende. Auflösung: folgt vermutlich schon bald.
  • Beispiel UBS:  Keine Bank der Eurozone – und doch oft jenes Institut, von dem es heißt: Hätte es mal die Deutsche Bank so wie die UBS gemacht, früh sich des riskanten Investmentbankings entledigt und auf die Vermögensverwaltung konzentriert. Gewiss: Dann wäre die Deutsche Bank heute ein sichereres und vermutlich auch profitableres und dividendenstärkeres Institut, hätten Aktionäre wenige Geld über Kapitalerhöhungen nachschießen und über Kursverluste abschreiben müssen. Aber wie sieht es bei der UBS aktuell aus in Sachen Aktienkurs? Über ein Jahr steht ein Minus von 22% in Lokalwährung zu Buche, über vier Jahre annähernd eine Halbierung. Die Bank hat die gleichen Probleme wie ihre Pendants der Eurozone: Die Erträge auch nur zu stabilisieren über die kommenden zwei bis drei Jahre, wäre eine Leistung angesichts der Entwicklung von Zinsen und Konjunktur. Bei der UBS kommt hinzu, dass ihr Kerngeschäft der Vermögensverwaltung unter starkem Margendruck steht – genau wie bei der Deuba-Tochter DWS. Kein Wunder also, dass beide Häuser erwägen, anorganisch über einen M&A-Deal etwas für die Profitabilität zu tun.
  • Beispiel Bankenindex: Einzelfälle? Mitnichten: Während sich die breiten Aktienindizes wieder in der Nähe ihrer Rekordhochs befinden, hat der Bankenindex Euro Stoxx Banks seit Anfang 2018 über 30% verloren – eine Bewegung, der sich nur wenige Institute entziehen konnten.

Die Gemeinsamkeit aller europäischer Banken: Die konjunkturellen Risiken nehmen zu, während die Chancen auf eine nachhaltige Zinswende sich binnen eines halben Jahres in Luft aufgelöst haben. Wie auch bei Deutscher Bank und Commerzbank reflektieren die Kursentwicklungen, dass bei den Banken bei einer Eintrübung der Konjunktur die Kreditausfallrisiken steigen, während zugleich die Zinserträge weiter unter Druck geraten könnten. Die Profitabilität geriete dann quasi von zwei Seiten unter Druck, einen Doppelwhopper aus Kosten wie den Erlösen.

Ganz nebenbei bedeutet sinkende Profitabilität natürlich auch: weniger Spielraum für Investitionen, um wettbewerbsfähig im Vergleich zu Fintechs zu bleiben, die mit meist privaten Fundings und ohne den Druck der Kapitalmärkte agieren. Die US-Großbank JP Morgan alleine reserviert für Techologieinvestitionen laut ihrem Conference-Call von Mittwoch 11,5 Mrd. Euro pro Jahr.

Gute Nachrichten für die deutschen Großbanken sind zwar auch das nicht. Immerhin aber: Folgt man der Argumentation, die auch Deutsche-Bank-Chef Sewing seiner Milliarden-Restrukturierung zugrunde legt und die Bafin-Chef Felix Hufeld gebetsmühlenartig wiederholt – dass die Banken hierzulande nach wie vor ein Kostenproblem haben – lässt sich daraus auch aus Aktionärssicht ein Vorteil stricken. Es hieße immerhin, dass die Banken hierzulande noch Mittel hätten, etwas gegen eine Ertragserosion etwa über die Zinsseite zu tun. Die teils schon mehrfach restrukturierten Pendants der Eurozone mit heute schon tiefen Cost-Income-Ratios segeln hingegen ohne große Möglichkeiten zum Gegensteuern gegen den aufkommenden Wind.

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Warum Visa das Münchner Payment-Fintech Payworks kauft

Von Heinz-Roger Dohms

Dem 2012 gegründeten Münchner Fintech Payworks ist ein spektakulärer Exit geglückt. Der „Gateway Payment“-Spezialist wird von Visa übernommen, wie der Kreditkarten-Riese am Mittwoch bekannt gab. Die Amerikaner wollen die Cloud-basierte Technologie von Payworks nun mit ihrer digitalen Bezahl-Plattform CyberSource verknüpfen, heißt es in der Mitteilung. Zum Kaufpreis machte Visa keine Angaben.

Payworks hatte so richtig erstmals Anfang vergangenen Jahres für Aufmerksamkeit gesorgt, als diverse Investoren – darunter die Commerzbank und auch damals schon Visa – 14,5 Mio. Dollar in das Startup investierten. Gegenüber dem „Handelsblatt“ hatte Gründer Christian Deger die eigene Technologie damals wie folgt erklärt: Payworks verbinde die Kartenterminals im stationären Handel mit den Händlerbanken – und schaffe über das  „Payment Gateway“ einen Durchgang für die Zahlungsdaten. Das sei zwar nicht grundsätzlich neu. „Doch die Systeme sind veraltet und passen oft nicht mehr zu den heutigen Bedürfnissen“,  so Deger damals gegenüber dem „HB“: „Wir machen das moderner.“

Zu den größten Kunden von Payworks gehörte damaligen Angaben zufolge der deutsche Zahlungsdienstleister Concardis. Und da der frühere Concordis-Chef Marcus Mosen einer unserer regelmäßigen Gästeblogger ist, haben wir ihn gefragt, ob er uns einfach noch 1-2 Gedanken zum Geschäftsmodell von Payworks mit auf den Weg geben kann. Hat er gemacht!

Hier Mosens Einschätzung:

„Bereits die Beteiligung von Visa Inc. an Payworks Anfang 2018 war eine starke Indikation dafür, dass Visa ein hohes Interesse hat, Infrastrukturen und Plattformen, sowie mobile und smarte POS Paymentlösungen an den POS zu bringen und die Entwicklung dort zu unterstützen. Visa, wie auch MasterCard, stoßen mit ihren neuen Debitprodukten auf der Issuing-Seite oft auf nationale, überalterte Debitkartenlösungen.

In der Kombination mit der Onlinepayment und Fraud-Plattform „Cybersource“ und jetzt Payworks wird sich Visa noch stärker als Infrastrukturprovider für den realen und virtuellen POS positionieren. Damit unterstützt sie natürlich auch ihre Debit-Issuing Pläne auf der kartenherausgebenden Seite. Die Akquisition findet im derzeitigen Zeitfenster einer rasch fortschreitenden Konsolidierung von nationalen Paymentunternehmen statt.

Ziel dieser Konsolidierung sind die Schaffung von Plattformen, welche zukunftsfähig aufgestellt sind, mit einer internationalen, bzw. globalen Ausrichtung, und die auch über die notwendigen Skaleneffekte und Innovationskraft verfügen. Hiervon werden m.E. auch viele kleine Händler profitieren – nicht nur in Deutschland.“

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Fintechs im Funding-Wahn: 24 Stunden, 6 Runden, >400 Mio. €

Von Heinz-Roger Dohms

Es begann am Montagabend: Da kamen Finanz-Szene.de und parallel die „BÖZ“ mit der Geschichte auf den Markt, dass Goldman Sachs mit 25 Mio. Euro beim Berliner Fintech Raisin einsteigt.

Gestern Früh gegen 9 Uhr verschickte dann das  Payment-Startup SumUp die Mitteilung, 330 Mio. Euro eingeheimst zu haben (interessanterweise: komplett Fremdkapital). Danach folgten: das Broker-Fintech Trade Republic mit 8,5 Mio. Euro und der Gutschein Spezialist Optiopay mit einem „zweistelligen“ Millionen-Funding – bevor Finanz-Szene.de am Dienstagbend schließlich den Einstieg der DWS und einer Coba-Tochter beim Fintech Arabesque und das spektakuläre 30 Mio.-Euro-Funding von Billie vermeldete.

Die Lehren dieser verrückten 24 Stunden? 1.) Der Fintech-Boom hält an. 2.) Dennoch lohnt es sich, bei jedem Funding einzeln hinzuschauen. So teilte Optiopay auf Nachfrage mit, die „Finanzierungsrunde in zweistelliger Millionenhöhe“ setze sich zusammen aus der „Konvertierung von Darlehen“ sowie „neuen Darlehen“.

Also auch hier zumindest nicht das ganz klassische Equity-Funding, wenn wir das so sagen dürfen …

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Wären private Sparkassen der „Big Bang“ für Deutschland?

Von Jim Leaviss *

Wer nach den limitierenden Faktoren für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone  sucht – der landet schnell bei der  Schwäche der Banken. Zwar hat Europas Kreditwirtschaft ihre Rentabilität in den zurückliegenden Jahren verbessert, zuletzt erreichten die Banken der Eurozone immerhin eine Eigenkapitalrendite von 6% (im Vergleich zu 3% im Jahr zuvor). Trotzdem, so hielt die EZB fest, reichte das nicht, um die langfristigen Kapitalkosten, die bei den meisten Banken zwischen 8% und 10% liegen dürften, zu decken.

Was also tun? Gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, die Rentabilität der Banken zu stärken – und auf diesem Wege zugleich die Wirtschaft anzukurbeln? Und was hieße das für Deutschland, wo die fünf größten Banken nur 31,4% des Gesamtvermögens der Kreditwirtschaft auf sich vereinen?

Lassen Sie mich einen Gedanken formulieren: Eine „Demutualisierung“ (also quasi: eine Privatisierung) der Sparkassen könnte beide Probleme auf einmal lösen. Ich möchte darlegen, wie ich hierauf komme:

Knapp 400 Sparkassen gibt es in Deutschland mit 50 Mio. Kunden. Diese werden als kommerzielle Betriebe geführt, sind aber in der Regel im Besitz der Kommunen (auch wenn im Sparkassen-Sektor lieber von „kommunaler Trägerschaft“ als von „kommunalem Besitz“ gesprochen wird). Einer der Kritikpunkte an den Sparkassen lautet nun, dass sie – weil sie nicht der Profitmaximierung verpflichtet sind – die Auseinandersetzung mit unprofitablen Firmenkunden scheuen. Zumal dann, wenn enge, langwierige Beziehungen zu den Unternehmen bestehen. Folge: Die „Zombifizierung“ ganzer Branchen, weil die Sparkassen einfach zu viele Unternehmen am Leben halten.

Ist das eine gute oder schlechte Sache? Schlecht ist es, wenn man der Ansicht ist, dass die Aufrechterhaltung verlustbringender Firmen andere Unternehmen mit deulich mehr Potenzial in ihrer Entwicklung behindert.

Was nun würde die Demutualisierung der Sparkassen hieran ändern? Um das zu verstehen, hilft ein Blick nach Großbritannien. Denn dort ermöglichte der sogenannte „Butterfill Act“ von 2007 den 59 britischen Bausparkassen, entweder zu fusionieren oder zu demutualisieren.

Etwa 15 von ihnen taten dies, darunter Abbey National, C&G, Alliance & Leicester, Halifax und Northern Rock. Die Sparer dieser Institute erhielten einen unerwarteten Gewinn aus Barmitteln oder Aktien. In Lambeth bekamen die Menschen  je 500 Pfund, während die 7,5 Mio. Halifax-Kunden jeweils 333 Aktien bekamen, die zusammen mehr 2000 Euro wert waren. Dies wirkte in bisschen wie Helikoptergeld, obwohl die Wirtschaft den Anreiz zu diesem Zeitpunkt gar nicht so sehr brauchte. Und die Folge für die Branche? Der britische Bankenmarkt wurde zumindest ein Stück weit konsolidiert.

Würde Deutschland diesem Beispiel folgen, könnte gleich zwei Probleme angegangen werden: 1.) Deutschland hat zu viele Banken. 2.) Deutschland hat eine sehr schwache Aktienkultur – mit der Folge, dass die deutschen Haushalte in den letzten Jahren nicht an den Vermögenseffekten steigender Aktienmärkte teilgenommen haben.

Eine Demutualisierung der Sparkassen könnte also a) einen unerwarteten Geldsegen für die deutschen Verbraucher freisetzen und somit das Wachstum ankurbeln, b) dem Bankensektor (ein zweischneidiges Schwert, ich weiß) und damit der Wirtschaft insgesamt weniger Wettbewerb und höhere Gewinne bescheren, c) die Effizienz der Banken durch Größenvorteile und Konsolidierung verbessern und d) die Beteiligung der deutschen Haushalte am Aktienmarkt erhöhen.

Hat das bei den britischen Bausparkassen gut funktioniert? Bis zu einem gewissen Punkt. Keine der demutualisierten Gesellschaften existiert noch als eigenständige Einheit, und einige, wie Northern Rock, gingen  spektakulär Pleite. Tatsächlich steht zu befürchten, dass ein verminderter Wettbewerb  auch Konsequenzen haben könnte (z.B. höhere Gebühren und Kreditkosten), die dem Ziel einer besseren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung entgegenstehen.

Ein letzter Gedanke. Braucht Deutschland solche revolutionär anmutenden Ideen, um zu wachsen? In meinen Jahren an den Anleihemärkten haben Ökonomen und Strategen clevere Strategien entwickelt, um Japan aus seiner schrecklichen Notlage zu befreien. Diese Notlage beinhaltete indes eine fast vernachlässigbare Arbeitslosenquote, geringe Kriminalität, hohe Bildung, sozialen Zusammenhalt und ein hohes Pro-Kopf-Vermögen. Das ist nicht viel anders als im heutigen Deutschland. Ist das niedrige Wachstum der deutschen Wirtschaft also überhaupt so eine schlechte Sache?

* Jim Leaviss ist globaler Anleihenchef des britischen Vermögensverwalters M&G, der rund 320 Mrd. Euro für private und institutionelle Kunden verwaltet. Zuvor arbeitete Leaviss für die britische Notenbank. Er betreibt zudem den viel beachteten https://www.bondvigilantes.com/. Bei dem Artikel handelt es sich um die von der Finanz-Szene.de-Redaktion gekürzte und bearbeitete Version eines englischsprachigen Original-Artikels.

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30 Mio. € für Billie – wo bleiben die anderen Factoring-Fintechs?

Von Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene.de) und Caspar Schlenk (Gründerszene)

Von den diversen deutschen Factoring-Fintechs, die in den letzten Jahren gegründet wurden, scheint zumindest eines durchzustarten – nämlich der Berliner Anbieter Billie. Wie Co-Founder Christian Grobe gestern im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“ verriet, hat sein Unternehmen dem mit 10 Mio. Euro dotierten Serie-A-Funding von Ende 2017 nun die zweite Finanzierungs-Runde folgen lassen – und zwar diesmal sogar über 30 Mio. Euro.

Zu den Investoren gehören Creandum (also die, die zzt. überall investieren), Speedinvest (also die Österreicher), Global Capital Founders (also die Samwers), Picus Capital (also auch Samwer) sowie die N26-Gründer und die Raisin-Gründer. Das Geld solle in den „Ausbau des Produktspektrums“ fließen, sagte Grobe. Ziel: „In zwei Jahren wollen wir Europas führender Anbieter für digitale Factoring-Lösungen sein.“

2016/2017 hatte es in Deutschland eine regelrechte Welle von Neugründungen im Factoring-Bereich gegeben. Blickt man heute zurück, fällt die Zwischenbilanz allerdings ernüchternd aus. Der von Rocket Internet gepushte Berliner Anbieter Innolend wurde Anfang 2018 liquidiert; das Schweizer Fintech Advanon, das quasi parallel zum Aus von Innolend angekündigt hatte, nach Deutschland zu expandieren, wurde kurz darauf zum Opfer eines spektakulären Betrugsfalls; das Berliner Factoring-Startup Decimo trat jüngst als Juniorpartner in ein Bündnis mit der Elbe Finanzgruppe ein (siehe „Finanz-Szene.de“ vom 25. Juni); und über das einstige Sebastian-Diemer-Fintech Finiata (bzw. „bezahlt.de“) berichtete „Gründerszene“ just diese Woche, dass nach einem Mini-Funding in Höhe von 2 Mio. Euro jetzt erst einmal das Geschäftsmodell gedreht wird.

Und sonst so? Gibt’s noch Flex Payment, Fundflow – und eben Billie. Warum also kriegt Billie 30 Mio. Euro, während anderen Factoring-Startups der Durchbruch bislang verwehrt geblieben ist?

Spricht man mit Branchenkennern (und zwar solchen, die dem Markteintritt der Fintechs durchaus offen gegenüberstanden), dann hört man zuallererst, dass sich die Newcomer allesamt ein schwieriges Terrain ausgesucht hätten – nämlich Factoring für alles, was im weitesten Sinne unter „kleine KMUs“ fällt. Dazu muss man wissen: Factoring, also die Vorfinanzierung von Rechnungen, ist klassischerweise ein Geschäft, in dem die Kunden zumindest auf einen Jahresumsatz in zwei- oder dreistelliger Millionenhöhe kommen. Ein traditioneller Factoring-Anbieter hat in der Regel mehrere Hundert solcher Kunden – und kann hiervor, wenn es gut läuft, trotz dünner Margen einigermaßen leben.

Die Strategie der Fintechs lief darauf hinaus, die bestehenden Anbieter nicht in deren Kerngeschäft anzugreifen – sondern sich eKunden zu erschließen, die zuvor noch gar kein Factoring betrieben, beispielsweise Startups, kleine Händler, Handwerker, Kanzleien oder Freiberufler. Die Idee dahinter: Wenn es gelingt, dieses Geschäft zu standardisieren, dann wird es sich eines Tages trotz kleiner Ticketgrößen sehr profitabel betreiben lassen.

Einer, der die Fintechs bei der Umsetzung dieser Strategie von Anfang an eng begleitet, sagt: „Der Gedanke als solcher war ja gar nicht verkehrt. Im Moment deutet aber vieles darauf hin, dass die finanziellen Risiken und prozessualen Schwierigkeiten, die mit diesem Geschäft verbunden sind, unterschätzt wurden.“

Was auffällt: Anders als beispielsweise Finiata oder Innolend ging Billie quasi von Start weg mit einer vollwertigen Lizenz der Finanzaufsicht Bafin zu Werke. Das wirkte anfangs wie ein überflüssiges Accessoire – schließlich lässt sich Factoring auch auf bescheidenerer rechtlicher Grundlage betreiben. Grobe aber sagt im Rückblick: „Es war wichtig, dass wir zunächst auf die Basics geachtet haben, wozu neben den diversen Lizenzen auch das Backoffice und die Prozessautomatisierung gehören.“

Dies sei auch eine Lehre gewesen, die er und sein Mitgründer Matthias Knecht aus dem Aufbau ihres vorherigen Fintechs gezogen hätten – dem nach allem, was man weiß, eher mäßig erfolgeichen Kreditmarktplatz Zencap, der bald nach der Gründung vom britischen Wettbewerber Funding Circle übernommen wurde. „Bei Zencap haben wir uns noch stark auf das Frontend fokussiert. Bei Billie dagegen sind selbst heute noch rund 70% unserer knapp 60 Mitarbeiter tendenziell eher dem Backend zuzuordnen – einfach weil sich der Erfolg im Factoring-Geschäft unter der Haube entscheidet. Nach außen sehen die meisten Angebote ohnehin nahezu identisch aus.“

Das alles bedeutet nicht, dass Billie schon ein wahrnehmbarer Player wäre. Das annualisierte Factoring-Volumen beziffert Grobe auf momentan rund 250 Mio. Euro – wenn man bedenkt, dass der deutschen Factoring-Markt etwa 250 Mrd. Euro groß sein soll, entspricht das einem Marktanteil von einem Promill. Mit dem 30-Mio.-Euro-Funding allerdings ist die Basis für weiteres Wachstum (bis Jahresende soll die „Run Rate“ bei rund 500 Mio. Euro liegen) erst einmal gelegt. Mal abwarten, wann das nächste Factoring-Fintech mit einer ähnlichen Nachricht ums Eck kommt. Und ob überhaupt.

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DWS und Commerzbank-Tochter steigen bei ESG-Fintech ein

Von Christian Kirchner

Gut möglich, dass Ihnen das Thema ESG und Nachhaltigkeit im Finanzwesen aufgrund extensiver PR-Aktivitäten  manchmal etwas auf den Zeiger geht. Um so spannender dann, wenn nicht nur laut gequatscht wird, sondern Institute (leise) Geld in die Hand nehmen. So wie die DWS und die Commerzbank-Tochter Commerz Real. Denn haben sich laute Recherchen von Finanz-Szene.de in Kooperation mit unserem Partner „Statupdetector“ mit 3% (DWS) bzw. 5% (Commerz Real) an der Arabesque S-Ray GmbH beteiligt.

Die Plattform unter Führung des umtriebigen Ex-Barclays-Bankers Andreas Feiner hat bereits die Allianz an Bord und untersucht fortlaufend die rund 7000 größten Unternehmen der Welt anhand von 200 ESG-Kriterien. Die Bewertung dürfte mit der neuerlichen Finanzierungsrunde (bei der übrigens auch das Land Hessen mitzog) inzwischen bereits bei einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag liegen.

Wie Finanz-Szene.de erfuhr, plant die DWS zusätzlich, sich an der KI-Plattform von Arabesque zu beteiligen.

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Finiata dreht nach Mini-Funding sein Geschäftsmodell

Von Caspar Schlenk (Gründerszene) und Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene.de)

Vor rund einem Jahr hat Sebastian Diemer sein Factoring-Fintech Finiata verlassen, um sich stattdessen dem Cannabis-Startup Farmako widmen, das gerade wieder für Schlagzeilen sorgt. Um Finiata ist es seitdem ruhig geworden.

Im Hintergrund hat der ehemalige Comdirect-Manager Jan Enno Einfeld die Geschäfte übernommen. Er soll Finiata wieder auf Kurs bringen, denn im Laufe des vergangenen Jahres hätten sich die Geschäfte nicht gut entwickelt, lautet die Einschätzung eines Investors. Insgesamt 2 Mio. Euro erhielt das Startup nach „Gründerszene“-Informationen vor einigen Monaten noch einmal, in Form eines Wandeldarlehen. Ein Finanzinstrument, das auch in Umbruchphasen verwendet wird.

Der große Konkurrent Billie – ebenfalls in Berlin ansässig, ebenfalls 2016 gestartet – steht dagegen gerade kurz vor einer großen Finanzierungsrunde, wie „Deutsche Startups“ zuerst berichtet hatte. Driften Billie und Finiata womöglich auseinander? Zu den Zahlen will sich CEO Einfeld nicht äußern, bestätigt das Wandeldarlehen aber gegenüber „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“.

Strategisch richtet Einfeld Finiata  neu aus. Schon Ende des vergangenen Jahres habe man im neuen Kernmarkt Polen ein Kreditprodukt für Kleinunternehmer mit einer Laufzeit von sechs Monaten ins Angebot aufgenommen.  Das Produkt laufe gut an, heißt es vom Finiata-Chef. Der monatliche Umsatz habe sich Vergleich zu Dezember mittlerweile mehr als verdoppelt.

Auf Nachfrage kündigt der Geschäftsführer an, das Geschäftsmodell von Finiata ändern zu wollen: „Wir werden unseren Small-Business-Kunden eine automatisierte ‚Finanzabteilung‘ zur Verfügung stellen, die sie mit einem Daumen auf ihrem Telefon steuern können“, so Einfeld. Bislang lag der Fokus von Finiata auf dem Factoring, also auf der Vorfinanzierung von Rechnungen.

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