Fintechs im Funding-Wahn: 24 Stunden, 6 Runden, >400 Mio. €

Von Heinz-Roger Dohms

Es begann am Montagabend: Da kamen Finanz-Szene.de und parallel die „BÖZ“ mit der Geschichte auf den Markt, dass Goldman Sachs mit 25 Mio. Euro beim Berliner Fintech Raisin einsteigt.

Gestern Früh gegen 9 Uhr verschickte dann das  Payment-Startup SumUp die Mitteilung, 330 Mio. Euro eingeheimst zu haben (interessanterweise: komplett Fremdkapital). Danach folgten: das Broker-Fintech Trade Republic mit 8,5 Mio. Euro und der Gutschein Spezialist Optiopay mit einem „zweistelligen“ Millionen-Funding – bevor Finanz-Szene.de am Dienstagbend schließlich den Einstieg der DWS und einer Coba-Tochter beim Fintech Arabesque und das spektakuläre 30 Mio.-Euro-Funding von Billie vermeldete.

Die Lehren dieser verrückten 24 Stunden? 1.) Der Fintech-Boom hält an. 2.) Dennoch lohnt es sich, bei jedem Funding einzeln hinzuschauen. So teilte Optiopay auf Nachfrage mit, die „Finanzierungsrunde in zweistelliger Millionenhöhe“ setze sich zusammen aus der „Konvertierung von Darlehen“ sowie „neuen Darlehen“.

Also auch hier zumindest nicht das ganz klassische Equity-Funding, wenn wir das so sagen dürfen …

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Wären private Sparkassen der „Big Bang“ für Deutschland?

Von Jim Leaviss *

Wer nach den limitierenden Faktoren für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone  sucht – der landet schnell bei der  Schwäche der Banken. Zwar hat Europas Kreditwirtschaft ihre Rentabilität in den zurückliegenden Jahren verbessert, zuletzt erreichten die Banken der Eurozone immerhin eine Eigenkapitalrendite von 6% (im Vergleich zu 3% im Jahr zuvor). Trotzdem, so hielt die EZB fest, reichte das nicht, um die langfristigen Kapitalkosten, die bei den meisten Banken zwischen 8% und 10% liegen dürften, zu decken.

Was also tun? Gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, die Rentabilität der Banken zu stärken – und auf diesem Wege zugleich die Wirtschaft anzukurbeln? Und was hieße das für Deutschland, wo die fünf größten Banken nur 31,4% des Gesamtvermögens der Kreditwirtschaft auf sich vereinen?

Lassen Sie mich einen Gedanken formulieren: Eine „Demutualisierung“ (also quasi: eine Privatisierung) der Sparkassen könnte beide Probleme auf einmal lösen. Ich möchte darlegen, wie ich hierauf komme:

Knapp 400 Sparkassen gibt es in Deutschland mit 50 Mio. Kunden. Diese werden als kommerzielle Betriebe geführt, sind aber in der Regel im Besitz der Kommunen (auch wenn im Sparkassen-Sektor lieber von „kommunaler Trägerschaft“ als von „kommunalem Besitz“ gesprochen wird). Einer der Kritikpunkte an den Sparkassen lautet nun, dass sie – weil sie nicht der Profitmaximierung verpflichtet sind – die Auseinandersetzung mit unprofitablen Firmenkunden scheuen. Zumal dann, wenn enge, langwierige Beziehungen zu den Unternehmen bestehen. Folge: Die „Zombifizierung“ ganzer Branchen, weil die Sparkassen einfach zu viele Unternehmen am Leben halten.

Ist das eine gute oder schlechte Sache? Schlecht ist es, wenn man der Ansicht ist, dass die Aufrechterhaltung verlustbringender Firmen andere Unternehmen mit deulich mehr Potenzial in ihrer Entwicklung behindert.

Was nun würde die Demutualisierung der Sparkassen hieran ändern? Um das zu verstehen, hilft ein Blick nach Großbritannien. Denn dort ermöglichte der sogenannte „Butterfill Act“ von 2007 den 59 britischen Bausparkassen, entweder zu fusionieren oder zu demutualisieren.

Etwa 15 von ihnen taten dies, darunter Abbey National, C&G, Alliance & Leicester, Halifax und Northern Rock. Die Sparer dieser Institute erhielten einen unerwarteten Gewinn aus Barmitteln oder Aktien. In Lambeth bekamen die Menschen  je 500 Pfund, während die 7,5 Mio. Halifax-Kunden jeweils 333 Aktien bekamen, die zusammen mehr 2000 Euro wert waren. Dies wirkte in bisschen wie Helikoptergeld, obwohl die Wirtschaft den Anreiz zu diesem Zeitpunkt gar nicht so sehr brauchte. Und die Folge für die Branche? Der britische Bankenmarkt wurde zumindest ein Stück weit konsolidiert.

Würde Deutschland diesem Beispiel folgen, könnte gleich zwei Probleme angegangen werden: 1.) Deutschland hat zu viele Banken. 2.) Deutschland hat eine sehr schwache Aktienkultur – mit der Folge, dass die deutschen Haushalte in den letzten Jahren nicht an den Vermögenseffekten steigender Aktienmärkte teilgenommen haben.

Eine Demutualisierung der Sparkassen könnte also a) einen unerwarteten Geldsegen für die deutschen Verbraucher freisetzen und somit das Wachstum ankurbeln, b) dem Bankensektor (ein zweischneidiges Schwert, ich weiß) und damit der Wirtschaft insgesamt weniger Wettbewerb und höhere Gewinne bescheren, c) die Effizienz der Banken durch Größenvorteile und Konsolidierung verbessern und d) die Beteiligung der deutschen Haushalte am Aktienmarkt erhöhen.

Hat das bei den britischen Bausparkassen gut funktioniert? Bis zu einem gewissen Punkt. Keine der demutualisierten Gesellschaften existiert noch als eigenständige Einheit, und einige, wie Northern Rock, gingen  spektakulär Pleite. Tatsächlich steht zu befürchten, dass ein verminderter Wettbewerb  auch Konsequenzen haben könnte (z.B. höhere Gebühren und Kreditkosten), die dem Ziel einer besseren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung entgegenstehen.

Ein letzter Gedanke. Braucht Deutschland solche revolutionär anmutenden Ideen, um zu wachsen? In meinen Jahren an den Anleihemärkten haben Ökonomen und Strategen clevere Strategien entwickelt, um Japan aus seiner schrecklichen Notlage zu befreien. Diese Notlage beinhaltete indes eine fast vernachlässigbare Arbeitslosenquote, geringe Kriminalität, hohe Bildung, sozialen Zusammenhalt und ein hohes Pro-Kopf-Vermögen. Das ist nicht viel anders als im heutigen Deutschland. Ist das niedrige Wachstum der deutschen Wirtschaft also überhaupt so eine schlechte Sache?

* Jim Leaviss ist globaler Anleihenchef des britischen Vermögensverwalters M&G, der rund 320 Mrd. Euro für private und institutionelle Kunden verwaltet. Zuvor arbeitete Leaviss für die britische Notenbank. Er betreibt zudem den viel beachteten https://www.bondvigilantes.com/. Bei dem Artikel handelt es sich um die von der Finanz-Szene.de-Redaktion gekürzte und bearbeitete Version eines englischsprachigen Original-Artikels.

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30 Mio. € für Billie – wo bleiben die anderen Factoring-Fintechs?

Von Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene.de) und Caspar Schlenk (Gründerszene)

Von den diversen deutschen Factoring-Fintechs, die in den letzten Jahren gegründet wurden, scheint zumindest eines durchzustarten – nämlich der Berliner Anbieter Billie. Wie Co-Founder Christian Grobe gestern im Gespräch mit „Finanz-Szene.de“ verriet, hat sein Unternehmen dem mit 10 Mio. Euro dotierten Serie-A-Funding von Ende 2017 nun die zweite Finanzierungs-Runde folgen lassen – und zwar diesmal sogar über 30 Mio. Euro.

Zu den Investoren gehören Creandum (also die, die zzt. überall investieren), Speedinvest (also die Österreicher), Global Capital Founders (also die Samwers), Picus Capital (also auch Samwer) sowie die N26-Gründer und die Raisin-Gründer. Das Geld solle in den „Ausbau des Produktspektrums“ fließen, sagte Grobe. Ziel: „In zwei Jahren wollen wir Europas führender Anbieter für digitale Factoring-Lösungen sein.“

2016/2017 hatte es in Deutschland eine regelrechte Welle von Neugründungen im Factoring-Bereich gegeben. Blickt man heute zurück, fällt die Zwischenbilanz allerdings ernüchternd aus. Der von Rocket Internet gepushte Berliner Anbieter Innolend wurde Anfang 2018 liquidiert; das Schweizer Fintech Advanon, das quasi parallel zum Aus von Innolend angekündigt hatte, nach Deutschland zu expandieren, wurde kurz darauf zum Opfer eines spektakulären Betrugsfalls; das Berliner Factoring-Startup Decimo trat jüngst als Juniorpartner in ein Bündnis mit der Elbe Finanzgruppe ein (siehe „Finanz-Szene.de“ vom 25. Juni); und über das einstige Sebastian-Diemer-Fintech Finiata (bzw. „bezahlt.de“) berichtete „Gründerszene“ just diese Woche, dass nach einem Mini-Funding in Höhe von 2 Mio. Euro jetzt erst einmal das Geschäftsmodell gedreht wird.

Und sonst so? Gibt’s noch Flex Payment, Fundflow – und eben Billie. Warum also kriegt Billie 30 Mio. Euro, während anderen Factoring-Startups der Durchbruch bislang verwehrt geblieben ist?

Spricht man mit Branchenkennern (und zwar solchen, die dem Markteintritt der Fintechs durchaus offen gegenüberstanden), dann hört man zuallererst, dass sich die Newcomer allesamt ein schwieriges Terrain ausgesucht hätten – nämlich Factoring für alles, was im weitesten Sinne unter „kleine KMUs“ fällt. Dazu muss man wissen: Factoring, also die Vorfinanzierung von Rechnungen, ist klassischerweise ein Geschäft, in dem die Kunden zumindest auf einen Jahresumsatz in zwei- oder dreistelliger Millionenhöhe kommen. Ein traditioneller Factoring-Anbieter hat in der Regel mehrere Hundert solcher Kunden – und kann hiervor, wenn es gut läuft, trotz dünner Margen einigermaßen leben.

Die Strategie der Fintechs lief darauf hinaus, die bestehenden Anbieter nicht in deren Kerngeschäft anzugreifen – sondern sich eKunden zu erschließen, die zuvor noch gar kein Factoring betrieben, beispielsweise Startups, kleine Händler, Handwerker, Kanzleien oder Freiberufler. Die Idee dahinter: Wenn es gelingt, dieses Geschäft zu standardisieren, dann wird es sich eines Tages trotz kleiner Ticketgrößen sehr profitabel betreiben lassen.

Einer, der die Fintechs bei der Umsetzung dieser Strategie von Anfang an eng begleitet, sagt: „Der Gedanke als solcher war ja gar nicht verkehrt. Im Moment deutet aber vieles darauf hin, dass die finanziellen Risiken und prozessualen Schwierigkeiten, die mit diesem Geschäft verbunden sind, unterschätzt wurden.“

Was auffällt: Anders als beispielsweise Finiata oder Innolend ging Billie quasi von Start weg mit einer vollwertigen Lizenz der Finanzaufsicht Bafin zu Werke. Das wirkte anfangs wie ein überflüssiges Accessoire – schließlich lässt sich Factoring auch auf bescheidenerer rechtlicher Grundlage betreiben. Grobe aber sagt im Rückblick: „Es war wichtig, dass wir zunächst auf die Basics geachtet haben, wozu neben den diversen Lizenzen auch das Backoffice und die Prozessautomatisierung gehören.“

Dies sei auch eine Lehre gewesen, die er und sein Mitgründer Matthias Knecht aus dem Aufbau ihres vorherigen Fintechs gezogen hätten – dem nach allem, was man weiß, eher mäßig erfolgeichen Kreditmarktplatz Zencap, der bald nach der Gründung vom britischen Wettbewerber Funding Circle übernommen wurde. „Bei Zencap haben wir uns noch stark auf das Frontend fokussiert. Bei Billie dagegen sind selbst heute noch rund 70% unserer knapp 60 Mitarbeiter tendenziell eher dem Backend zuzuordnen – einfach weil sich der Erfolg im Factoring-Geschäft unter der Haube entscheidet. Nach außen sehen die meisten Angebote ohnehin nahezu identisch aus.“

Das alles bedeutet nicht, dass Billie schon ein wahrnehmbarer Player wäre. Das annualisierte Factoring-Volumen beziffert Grobe auf momentan rund 250 Mio. Euro – wenn man bedenkt, dass der deutschen Factoring-Markt etwa 250 Mrd. Euro groß sein soll, entspricht das einem Marktanteil von einem Promill. Mit dem 30-Mio.-Euro-Funding allerdings ist die Basis für weiteres Wachstum (bis Jahresende soll die „Run Rate“ bei rund 500 Mio. Euro liegen) erst einmal gelegt. Mal abwarten, wann das nächste Factoring-Fintech mit einer ähnlichen Nachricht ums Eck kommt. Und ob überhaupt.

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DWS und Commerzbank-Tochter steigen bei ESG-Fintech ein

Von Christian Kirchner

Gut möglich, dass Ihnen das Thema ESG und Nachhaltigkeit im Finanzwesen aufgrund extensiver PR-Aktivitäten  manchmal etwas auf den Zeiger geht. Um so spannender dann, wenn nicht nur laut gequatscht wird, sondern Institute (leise) Geld in die Hand nehmen. So wie die DWS und die Commerzbank-Tochter Commerz Real. Denn haben sich laute Recherchen von Finanz-Szene.de in Kooperation mit unserem Partner „Statupdetector“ mit 3% (DWS) bzw. 5% (Commerz Real) an der Arabesque S-Ray GmbH beteiligt.

Die Plattform unter Führung des umtriebigen Ex-Barclays-Bankers Andreas Feiner hat bereits die Allianz an Bord und untersucht fortlaufend die rund 7000 größten Unternehmen der Welt anhand von 200 ESG-Kriterien. Die Bewertung dürfte mit der neuerlichen Finanzierungsrunde (bei der übrigens auch das Land Hessen mitzog) inzwischen bereits bei einem niedrigen dreistelligen Millionenbetrag liegen.

Wie Finanz-Szene.de erfuhr, plant die DWS zusätzlich, sich an der KI-Plattform von Arabesque zu beteiligen.

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Finiata dreht nach Mini-Funding sein Geschäftsmodell

Von Caspar Schlenk (Gründerszene) und Heinz-Roger Dohms (Finanz-Szene.de)

Vor rund einem Jahr hat Sebastian Diemer sein Factoring-Fintech Finiata verlassen, um sich stattdessen dem Cannabis-Startup Farmako widmen, das gerade wieder für Schlagzeilen sorgt. Um Finiata ist es seitdem ruhig geworden.

Im Hintergrund hat der ehemalige Comdirect-Manager Jan Enno Einfeld die Geschäfte übernommen. Er soll Finiata wieder auf Kurs bringen, denn im Laufe des vergangenen Jahres hätten sich die Geschäfte nicht gut entwickelt, lautet die Einschätzung eines Investors. Insgesamt 2 Mio. Euro erhielt das Startup nach „Gründerszene“-Informationen vor einigen Monaten noch einmal, in Form eines Wandeldarlehen. Ein Finanzinstrument, das auch in Umbruchphasen verwendet wird.

Der große Konkurrent Billie – ebenfalls in Berlin ansässig, ebenfalls 2016 gestartet – steht dagegen gerade kurz vor einer großen Finanzierungsrunde, wie „Deutsche Startups“ zuerst berichtet hatte. Driften Billie und Finiata womöglich auseinander? Zu den Zahlen will sich CEO Einfeld nicht äußern, bestätigt das Wandeldarlehen aber gegenüber „Gründerszene“ und „Finanz-Szene.de“.

Strategisch richtet Einfeld Finiata  neu aus. Schon Ende des vergangenen Jahres habe man im neuen Kernmarkt Polen ein Kreditprodukt für Kleinunternehmer mit einer Laufzeit von sechs Monaten ins Angebot aufgenommen.  Das Produkt laufe gut an, heißt es vom Finiata-Chef. Der monatliche Umsatz habe sich Vergleich zu Dezember mittlerweile mehr als verdoppelt.

Auf Nachfrage kündigt der Geschäftsführer an, das Geschäftsmodell von Finiata ändern zu wollen: „Wir werden unseren Small-Business-Kunden eine automatisierte ‚Finanzabteilung‘ zur Verfügung stellen, die sie mit einem Daumen auf ihrem Telefon steuern können“, so Einfeld. Bislang lag der Fokus von Finiata auf dem Factoring, also auf der Vorfinanzierung von Rechnungen.

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