Liebe Sparkassen, steht es wirklich so schlimm um Euch?

Von Heinz-Roger Dohms

Das Jahr hat 365 Tage. An einem dieser Tage, nämlich immer am Tag der großen Bilanzpressekonferenz, erzählen einem die Sparkassen, wie gut es ihnen geht (dabei geht es ihnen sooooo gut ja gar nicht). Und an den übrigen 364 Tagen? Erzählen sie einem, wie schlecht es ihnen geht.

Nun hat dieses sog. „Schleweis-Gestöhn“ (früher: „Fahrenschon-Gewimmer“) über die Jahre natürlich „Rechtes-Ohr-rein-linkes-Ohr-raus-Charakter“ bekommen. Dieser Tage allerding ist das Lamento dermaßen laut, dass nicht mal wir es noch ignorieren können. Erst Schleweis‘ in geschliffenem Englisch („Dear Mr Draghi“) formulierter Klagebrief an den EZB-Chef. Gestern dann Schleweis‘ gefühlt 34-seitiges „Handelsblatt“-Interview, in dessen Verlauf manche Träne geflossen sein muss („Die Möglichkeiten der Sparkassen … sind endlich“).

Jedenfalls: Geht es den Sparkassen denn wirklich soooo schlecht? Dieser Frage will Finanz-Szene.de aus obigem Anlass in einer dreiteiligen analytisch-anekdotischen Serie nachgehen. Heute „Teil 1“ zum Thema: Stimmt es wirklich, dass diese Woche die letzte bayerische Sparkasse – wie deren Chef behauptet – genau deshalb ihr Kostenlos-Konto abschaffen musste, weil sie so sehr unter der EZB-Politik leidet?

1. Um welche Sparkasse geht es?

Um die „Stadt- und Kreissparkasse Erlangen Höchstadt Herzogenaurach“, die so heißt, wie sie heißt, weil es sich um eine Fusions-Sparkasse handelt. Bilanzsumme: 6,1 Mrd. Euro. Kunden: 130.000.

Wir erlauben uns, die „Stadt- und Kreisparkasse Erlangen Höchstadt Herzogenaurach“ im weiteren Verlauf dieses Artikels der Einfachheit halber „Sparkasse Erlangen“ zu nennen.

2. Was hat ihr Chef genau gesagt?

Die Sparkasse Erlangen hat diese Woche mitgeteilt, ihr kostenloses Girokonto (das letzte dieser Art bei einer bayerischen Sparkasse) zum Jahresende abzuschaffen. Vorstandschef Johannes von Hebel begründete dies regionalen Medien zufolge explizit und ausschließlich mit der EZB-Politik.

„‚Wir haben am längsten durchgehalten“, sagt Johannes von Hebel […] Er ist stolz darauf, die letzte Sparkasse in Bayern zu sein, die ein kostenloses Online-Girokonto anbietet. Doch auch damit ist Ende des Jahres Schluss. Die Sparkasse Erlangen muss ihre Gebühren anheben. Der Grund dafür ist für von Hebel […] die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. […] ‚Wir werden ein Stück weit geopfert, um den wirtschaftlichen Zusammenhalt in Europa zu erhalten‘, sagt der Erlanger Sparkassenchef.“

3. Wie geht es der Sparkasse Erlangen ausweislich ihrer wichtigsten Erfolgskennziffern?

Nicht mehr tippi-toppi, aber immer noch ordentlich und besser als gedacht.

  • Das Betriebsergebnis vor Bewertung lag 2018 bei 0,76% der durchschnittlichen Bilanzsumme. Das liegt leicht unter dem Sparkassen-Mittel (0,82%) und ist nicht mehr wie in den goldenen Zeiten, als die Sparkassen einen Wert von mindestens 1,0% anstrebten. Aber es sollte immer noch auskömmlich sein. Und es liegt auffällig deutlich über dem Planwert (0,67%). Wenn ein semi-seriös gemeinter Quervergleich erlaubt sei: Die ultrageile Sparkasse Aachen, über „ähnlich profitabel arbeitet wie die Citigroup“, kam zuletzt auf 1,12%. So profitabel wie die Citigroup arbeitet die Sparkasse Erlangen also nicht. Aber muss ja auch vielleicht nicht sein.
  • Auch andere Kennziffern scheinen zu passen. So gibt die Sparkasse Erlangen beispielsweise ihre Cost-Income-Ratio für 2018 mit 64,2% an. Auch das ist ordentlich und deutlich besser als der Planwert (68,2%).

4. Welchen Einfluss hat die EZB-Politik auf die Sparkasse Erlangen?

Einen immensen und negativen (es sei denn, man argumentiert jetzt ganz makromäßig, dass ohne die aggressive EZB-Zinspolitik letztlich alles zusammengebrochen wäre, also auch die GuV der Sparkassen Erlangen – aber diese Debatten sind nicht unser Bier hier). In Zahlen:

  • Der Zinsüberschuss ist von 2016 auf 2017 um 9% gesunken und im vergangenen Jahr um weitere 6% (wegen der vor zwei Jahren vollzogenen Fusion lassen sich leider keine längeren Zeiträume vergleichen)
  • Die Zinsspanne lag zuletzt nur noch bei 1,47% der DBS.  2017 waren es noch 1,63% gewesen, im Jahr davor 1,81%.
  • Die Tendenz bleibt negativ. Für 2019 erwartet die Sparkasse, dass sich die Zinsspanne auf nur noch 1,34% verengt.

5. Ist also tatsächlich alles ganz schlimm? Und liegt die Schuld allein bei der EZB?

Was auffällt, wenn man dieser Tage durch die Halbjahreszahlen deutscher Banken streift: Bei vielen Instituten hat sich der Zinsüberschuss zuletzt stabilisiert oder zieht sogar wieder an. Bei der LBBW stiegt im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 um 2%, bei der HSBC Deutschland um 10%, bei der Apobank um 5%.

Und übrigens: Das mit den wieder steigenden Zinsüberschüssen ist nicht zwingend nur ein 2019er-Phänomen. Bei der Apobank zum Beispiel (das fiel uns dieser Tage zufällig auf, als wir wegen einer anderen Sachen in der letztjährigen GuV waren) ist das Zinsergebnis auch 2018 schon um hübsche knapp 6% gestiegen.

Nun ist das „deutsche Ärzte- und Apothekertum“ eine andere Zielgrupe als „die Menschen in der Region Erlangen“. Und wenn man so frech ist, die Sparkasse Erlangen mit der LBBW oder der deutschen HSBC zu vergleichen – dann muss man fairerweise hinzufügen, dass die Sparkassen auf der Funding-Seite schwierigeren Bedingungen unterliegen. Denn: Eine Großbank, die sich überwiegend über „Wholesale“ refinanziert, profitiert von den Negativzinsen am Kapitalmarkt, während die Sparkassen ihren Sparern immerhin noch einen Nullzins anbieten.

Doch trotz all dieser Einschränkungen. Tatsache ist: Es gibt Banken, die es momentan schaffen, den Verfall beim Zinsergebnis trotz EZB-Politik zu stoppen bzw. den Trend sogar umzukehren. Die Sparkassen Erlangen schafft es (warum auch immer) nicht.

Und Teil der Wahrheit ist auch, dass die Sparkasse Erlangen unter der EZB-Politik nicht nur leidet, sondern teilweise von ihr profitiert, auch wenn Herr von Hebel das nicht öffentlich sagt. So wurde der Anstieg bei den Einlagen (um gut 300 Mio Euro auf rund 5 Mrd. Euro) durch den parallelen Anstieg der Kreditvolumens (um gut 200 Mio. Euro auf 3,5 Mrd. Euro) fast vollständig absorbiert. In ihrem Abschluss räumt die Sparkasse unumwunden ein, dass der Niedrigzins das Geschäft massiv anschiebt:

„Die Forderungen an Kunden […] sind um 8,1 % auf 4.033.132 TEUR gestiegen. […] Darüber hinaus sind erneut hohe Kreditzusagen im Wohnungsbau- Finanzierungsgeschäft zu verzeichnen. Wir führen diese Entwicklung auf das ungebrochene Bedürfnis unserer Kunden nach Sachwerten bei einer anhaltenden Niedrigzinsphase zurück. Aufgrund dieser Sachverhalte wurden unsere Erwartungen übertroffen.“

Letzter Punkt: Der oft zitierte Strafzins der EZB  ist in der GuV der Sparkasse Erlangen eine überschaubare Größe: Das Volumen „abgesetzter negativer Zinsen“ lag zuletzt bei gut 600.000 Euro.

6. Resümee

Natürlich setzen die niedrigen Zinsen der Sparkasse Erlangen zu. Das bislang kostenlose Online-Girokonto zu bepreisen, ist vor diesem Hintergrund ein nachvollziehbarer und vermutlich auch vernünftiger Schritt.

Zumal: Angesichts von rund 90.000 Kunden, die dieses Modell bislang nutzen und künftig 3,95 pro Monat berappen sollen, ist da durchaus was zu holen. Angenommen, 90% der betroffenen Kunden bleiben der Bank trotz Entgelt treu – dann spült die Maßnahme im nächsten Jahr fast 4 Mio. Euro Ertrag in die Kasse. Das ist das Sechsfache dessen, was die Franken in diesem Jahr an Strafzinsen an die EZB überweisen mussten. Kein schlechter Deal.

So – um diese Zahlen aber auch nochmal in ein anderes Verhältnis zu setzen: In der 2018er-GuV findet sich ein Posten, der sich „Erträge aus Zuschreibungen zu Forderungen und bestimmten Wertpapieren sowie aus der Auflösung von Rückstellungen im Kreditgeschäft“ nennt.  Diese Erlösposition war im vergangenen Jahr stolze 41,5 Mio. Euro schwer, taucht im Jahresüberschuss dann aber gar nicht mehr auf (der nämlich belief sich gerade mal auf 8,5 Mio. Euro).

Was ist passiert? Die Sparkasse Erlangen hat im vergangenen Jahr mal eben stille Reserven in Höhe von rund 43 Mio. Euro gehoben, etwa das 65-Fache der an die EZB abgeführten Strafzinsen

Die Möglichkeiten der Sparkassen sind endlich? Och, ein bisserl was scheint noch zu gehen.

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Als er kam, ging’s bergab: Die UBS-Bilanz des Martin Blessing

Von Christian Kirchner

Am 1. September 2016 trat Ex-Commerzbank-Chef Martin Blessing seinen Job als Vorstand der Schweizer Großbank UBS an. Was glauben Sie – welche Aktie hat sich seitdem besser entwickelt: die seines neuen Arbeitgebers die seines alten?

Die Commerzbank, trotz eines Kursrutschs von 24%. Denn bei der angeblich ach so tollen UBS waren es sogar 27%.

Dabei hatte Blessing, so hieß es damals, in seinem neuen Job endlich mal in die Offensive kommen wollen. Stattdessen wird er die UBS Ende dieses Jahres schon wieder verlassen, wie gestern offiziell verlautete.

Was steckt dahinter? Galt nicht die UBS als Post-Lehman-Musterbank, weil sie das Investmentbanking radikal zusammenstrich und stattdessen auf die sichere und profitable Vermögensverwaltung setzte? Und Blessing gar als künftiger CEO, war er doch 2016 gerade erst 53 Jahre alt …

Tatsächlich liegen bei Blessings jetzigem Abgang schlichte Performancegründe nahe. Ende 2017 stieg der Deutsche zum Co-Chef des Global Wealth Management (GWM) auf. Seitdem verantwortet er das Geschäft gemeinsam mit US-Chef Tom Naratil. Die GWM-Sparte steht für zwei Drittel der UBS-Gewinne. Seit Blessings Amtsbeginn, ob man da nun eine Kausalität sehen will oder nicht, geht’s mit dem Bereiche stetig bergab:

Kennzahlen  Global Wealth Management UBS seit dem Antritt Blessings als Co-Chef Anfang 2018

Gewinn vor Steuer in Mio. USD Cost-Income- Ratio
Q1 / 2018 1,196 73%
Q2 / 2018 1,009 76%
Q3 / 2018 936 77%
Q4 / 2018 808 80%
Q1 / 2019 873 78%
Q2 / 2019 886 78%

Quelle: Quartalsberichte, in USD

Vergleich man nun explizit Nordamerika (also Naratils Reich) mit den Regionen, die Blessing verantwortete, dann ergibt sich sogar folgendes Bild:

Gewinn vor Steuern USA/Rest der Welt der Sparte Global Wealth Management

Quelle: Quartalsberichte, in USD, gerundet

…. was heißt: in den USA konnte die UBS ihre Gewinne halbwegs verteidigen. In Blessings Reich hingegen … Sie sehen’s ja selbst.

Dabei rechnet man ihm bei der Commerzbank immer noch an, die Bank durch ihre existenzielle Krise 2008-2009 geführt zu haben – eine Krise, an der Blessing selbst keine Schuld trug: Kurz nach seinem Antritt 2008 bekam die Coba die Dresdner Bank aufgedrückt. Und Tage später ging dann Lehman pleite, und bei der Commerzbank türmten sich plötzlich die Lasten. Der Staat sprang ein, Blessing arbeitete (wegen der Staatshilfe regulatorisch bedingt) jahrelang zum Discount-Tarif – und verabschiedete sich 2016 mit einer Bank, die wieder eine schmale Dividenden zahlte. Aber dann eben auch von seinem Nachfolger Martin Zielke kurz nach der Amtsübernahme zum Sanierungsfall erklärt wurde.

Pikanterie am Rande: Öffentlich ist die UBS in den vergangenen Monaten mehrfach aggressiv auf dem Kurznachrichtendienst Twitter gegenüber Journalisten aufgetreten. Im Juli sprach sie in einem (inzwischen gelöschten) Tweet an ihre rund 400.000 Follower von einer „beschämenden Berichterstattung“ durch den FT-Journalisten Stephen Morris.

Im Januar schon nahm sich UBS-CEO Sergio Ermotti persönlich das „Manager Magazin“ vor und erklärte, ein Bericht enthalte nicht die „Wahrheit“ und sei „verzweifelt“ und „inakzeptabel“.

Was die Kollegen berichtet hatten?

Dass die UBS einen Nachfolger für Blessing suche.

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Mastercard schlampt bei Schließung der Priceless-Plattform

Von Christian Kirchner

Wer kennt das nicht: Da schließt man vor der Abfahrt in den Sommerurlaub die Haustür gleich dreimal ab, geht noch zweimal prüfend zurück – und dann fällt einem auf der Autobahn ein, dass die Terrassentür offensteht.

Und was hat das mit Mastercard zu tun? Eine ganze Menge. Am vorletzten Montag tauchte eine Liste mit über 80.000 Kundendaten im Netz auf: Volle Namen, Adresse, Email-Adresse, Geburtsdatum, Telefonnummer – ein Fest für Daten- und Identitätsdiebe. Zwei Tage später kam eine umfangreiche Liste (echter) Kreditkartennummern hinterher. Betroffen waren die Teilnehmer des deutschen Mastercard-Bonusprogramms „Priceless Specials“.

Als erste Maßnahme donnerte Mastercard sicherheitshalber die Tür zum Bonusprogramm zu und hängte eine Schloss dran. Man habe das Programm „sofort ausgesetzt“, heißt es seitdem auf der entsprechenden Seite. 

Tage später fand Mastercard dann auch seine Worte wieder mit einem „FAQ“ und schrieb die Kunden an. Und eifrige Internetdiskutanten fanden heraus, dass sich für die Konzeption des Bonusprogramms die Firma – bitte jetzt keine Namenswitze! – „Brain Behind“ verantwortlich zeichnete.

Nun wird es allerdings skurril. Denn googelt man den Begriff „Mastercard Brain Behind“, ist der erste Treffer die Adresse

https://valuemaster.brain-behind.com/MC_Faq.aspx

Und diese Seite enthielt bis gestern Abend noch – neben Informationen über das Programm – waaas? Einen Button für die Registrierung beim Programm. Und einen für den Login bestehender Nutzer. Und beide funktionierten – Finanz-Szene.de hat das ausprobiert – tadellos.

Wir konnten uns einloggen und Profildaten, einen Tchibo-Willkommensgutschein sowie – natürlich – unsere bei dem Programm im vergangenen Jahr hinterlegte Mastercard-Kreditkarte samt gehashter Nummer, Namen und vor allem dem Ablaufdatum sehen.

Mit anderen Worten: Mastercard hat zwar die Tür zum Programm verriegelt, ehe noch mehr Unsinn getrieben wird, als ohnehin schon passiert ist. Aber der Hintereingang war offenbar zehn volle Tage lang offen – ehe Mastercard dann bildlich gesprochen den Nachbar anrief, die Tür doch mal bitte zu schließen. Gegen 22 Uhr war die Seite nicht mehr erreichbar, nachdem sich die „geöffnete Balkontür“ in einem Vielfliegerforum und auf Twitter herumgesprochen hatte.

Ein Skandal? Natürlich nicht. Aber doch ein erstaunlicher Vorgang angesichts der Tatsache, dass Mastercard das Programm aus gutem Grund „sofort aussetzt“, aber niemand zu überwachen scheint, ob es denn nicht noch Tage später Zugriffe auf das System und damit auch die Daten gibt.

Unterdessen formieren sich in Foren erste Nutzer, die auf die Wiedereröffnung des Programms drängen. Denn Opfer eines Datenleaks geworden zu sein, ist die eine Sache. Deshalb aber womöglich seine Gutscheine verloren zu haben, die man sich sauer verdient hat über den Kreditkarteneinsatz – das geht dann doch einigen zu weit.

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Hier kommen die Theorien zum großen Kontenraub bei der OLB

Von Christian Kirchner

Liebe Leserinnen und Leser, dürfen wir Sie heute ausnahmsweise mal übellaunig begrüßen? Weil: Unzählige Stunden hat die Finanz-Szene.de-Redaktion in den letzten Tagen, Wochen und Monaten in Recherchen wie die zur „großen IT-Panne bei der Commerzbank“, zum „Daten-GAU bei der deutschen Mastercard“ oder jetzt zum „2000-fachen Kontenraub bei der OLB“ gesteckt“ … Und um ganz offen zu sein: Solche Recherchen enden oft im Zustand der körperlichen wie seelischen Dissatisfaktion. Denn, egal mit wie vielen Menschen man zu solchen Themen telefoniert, unterm Strich ist es meist so: Die, die was sagen, wissen nichts. Und die, die was wissen, sagen nichts. Bzw.: Manchmal sagen die, die was wissen, doch mal was. Und dann wird’s besonders schmerzhaft. Denn was von dem stimmt, was die, die es wissen, sagen – das wissen nur die selbst.

Jedenfalls: Eigentlich waren wir gestern angetreten, Ihnen heute Früh zu erzählen, was wirklich Sache ist bei der Oldenburgischen Landesbank. Stattdessen, siehe Überschrift, haben wir nur ein paar halbgare Theorien für Sie.

Doch vorweg kurz der Status quo:

  • Mehr als 2000 Konten bei der OLB sind von Cyber-Gangstern zwar nicht vollständig, aber doch in teils erheblichem Maße geplündert worden
  • Betroffen waren ausschließlich Kunden, die eine Debit Mastercard benutzen
  • Die OLB selbst spricht von einem  „Betrugsvorfall aus der organisierten Cyberkriminalität mit gefälschten Karten und Terminals, der aus Brasilien heraus begangen wurde“.

Und jetzt zu den Theorien:

Was die meisten Theorien gemeinsam haben

Erstens ist die von der Bank in Umlauf gebrachte Erklärung wohl zutreffend, es seien „keine Konto- oder Kartendaten bei der OLB oder einem Drittanbieter gehackt worden“. Zweitens weisen viele Experten darauf hin, dass die von vielen Banken forcierte Umstellung auf Debitkarten unerwünschte Nebenwirkungen mitbringe. Denn, klar: Eine Debitkarten-Transaktion schlägt sich umgehend auf dem Konto des Kunden nieder – bei einer betrügerischen Debitkarten-Transaktion ist es mithin dasselbe. Greifen Cyber-Kriminelle hingegen mittels Kreditkartenbetrug auf ein Kundenkonto zu, hat die kartenausgebende Bank –  weil es nur eine Liquidation pro Monat gibt – genügend Zeit, den Schaden zu beheben, bevor es der Kunde überhaupt bemerkt.

Ersetzt die Debitkarte hingegen die klassische Girocard, dann gilt: Mit der „neuen“ Karte lässt sich im Gegenzug zur alten auch online shoppen. Natürlich ist das ein Feature und kein Bug. Bloß: Ein Feature mehr heißt halt auch – ein Feature mehr, das ein Einfallstor für Betrüger sein kann.

Die „Brut Force“-Theorie

Der geschätzte Kollege Achim Jürschick vom  „IT Finanzmagazin“ hat sich gestern festgelegt: Bei dem Angriff habe es sich um „eine ‚Brut Force‘-Attacke mittels Fake-Terminals“ gehandelt. Das heißt: „Die Transaktionen wurden mit echten und gefälschten POS-Terminals aus Brasilien ausgelöst, über die in enorm hoher Zahl und mit geratenen Kreditkartendaten – höchstwahrscheinlich automatisiert und über einen kurzen Zeitraum – die Bank bombardiert wurde“.

Nun mag es eine rhetorische Feinheit sein, aber definiert eine „geratene“ Kreditkartennummer auch eine „gefälschte Karte“, wie die OLB selbst schreibt? Und sind die Algorithmen der Betrugserkennung wirklich so plump, erst nach mehr als 2000 tatsächlichen Abbuchungen (und nicht schon viel früher) anzuspringen, wenn es aus Brasilien massenhaft zu Abbuchungen und Abbuchungs-Versuchen bei den Debitcard-Kunden einer einzelnen deutschen Regionalbank kommt? Was zur zweiten Theorie führt….

Die  „Brazilian Job“-Theorie

Einer der Security-Experten, mit denen wir gestern gesprochen haben, wies uns auf Folgendes hin: Die Wortwahl der OLB (Brasilien, Einsatz von gefälschten Karten und Terminals) passe verblüffend gut zu einem Betrugssystem, das vom russischen Softwarehaus Kaspersky vor gut einem Jahr identifiziert und auf der Website dokumentiert wurde. Das System trägt den Namen „Brazilian Job“.

Kaspersky zufolge ist es den „Brazilian Job“-Betrügern gelungen, Karten mit eingebauten Chipkarten zu klonen und anschließend an Bezahl-Terminals einzusetzen. Zwar liegt es im Wesen der Karte, Transaktionen mit Geheimnummern bestätigen zu müssen. Dabei installieren die Betrüger aber zusätzliche eine Mini-App, die dafür sorgt, dass intern die „Geheimzahl ist OK“-Meldung ausgelöst wird.

Das heißt: Die geklonten Karten lassen sich für Zahlungen nutzen, selbst wenn man die Geheimzahl gar nicht kennt; das Eintippen einer beliebigen Zahl genügt. Vereinfacht: Solange Betrüger generell gültige Kartennummern ermitteln können (durch Abgriff oder eben durch „Probieren“), sind sie in der Lage, daraus auch ohne Geheimnummer funktionsfähige Debitkarten zu „klonen“. Wir haben die Oldenburgische Landesbank gestern mit der „Brazilian Job“-Theorie konfrontiert. Reaktion: Die Bank will keine Auskünfte geben, die über das hinaus gehen, was bereits verlautbart wurde. Zudem seien die Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.

Und sonst? Steht der Fall symbolisch für drei grundsätzliche Entwicklungen:

„CNP“-Betrug dominiert

Zwar stützt sich die Europäische Zentralbank in ihrem jüngsten „Report on card fraud“ auf Daten von 2016. Dennoch diagnostiziert sie auch auf Basis ihrer Befragungen der Industrie, dass es eine markante Verschiebung beim Kartenbetrug hin zu „Card not present“ (CNP)-Fällen gebe – in Abgrenzung zu Betrugsfällen, in denen tatsächlich die physische, echte Karte zum Einsatz komme. Auf „CNP“-Betrug entfiel demnach 73% des Volumens beim Kartenbetrug.

Brasilien ist das Maracana des Kartenbetrugs

Der südamerikanische Staat hat seit Jahren ein massives Problem mit Kartenbetrug und verfügt über eine vitale Szene an entsprechenden Akteuren. Der Grund hierfür ist paradoxerweise, dass in Brasilien physische Transaktionen schon seit Jahren mit dem sogenannten EMV-Chip abgesichert werden – was eine Verlagerung der Betrugsaktivitäten in den Onlinebereich (und damit eben, siehe oben, in den CNP-Bereich) forciert hat. Dieses Knowhow setzen brasilianische Cyber-Gangster auch schon seit Jahren international ein. Beim Online-Kartenbetrug liegt das Land auf Rang 2 weltweit hinter Mexiko.

Die Vorfälle stärken die 2FA-Apologetiker

Sollte die starke Authentifizierung (bzw. die Zwei-Faktor-Authentifizierung -> siehe unsere ausladende Berichterstattung zur PSD2 in den vergangenen Wochen) irgendwann denn dann doch mal verpflichtend werden, dann wird das zwar den Online-Karteneinsatz für den Verbraucher verkomplizieren. Allerdings: Es dürfte auch den Betrug verkomplizieren.

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CRX Markets fundet heimlich – und ist jetzt 65 Mio. € wert

Von Heinz-Roger Dohms

Einer der „Hidden Champions“ unter den deutschen Fintechs, nämlich das Working-Capital-Startup CRX Markets, hat nach Informationen von Finanz-Szene.de und unserem Recherchepartner „startupdetector.de“ die nächste Finanzierungsrunde durchgezogen. Bereits Anfang Juni sicherten sich die Münchner von Investoren 6 Mio. Euro und kommen nun auf eine Post-Money-Bewertung von rund 65 Mio. Euro. Damit dürfte CRX Markets zu den 20 größten deutschen Fintechs  gehören.

Das Geschäftsmodell von CRX basiert auf der Supply-Chain-Finanzierung. Dazu haben die Münchner eine digitale Plattform aufgebaut, über die – vereinfacht und unvollständig ausgedrückt – Lieferanten ihre Forderungen an Investoren verkaufen können. Ähnliche Geschäftsmodelle betreiben hierzulande beispielsweise das Frankfurter Finanz-Startup Traxpay oder die hiesige Tochter des US-Fintech-Riesen 2CFO, an dem unter anderem die Allianz beteiligt ist. Gemessen an der Prominenz der Kunden dürfte CRX Markets zu den Marktführern gehören – denn hierzu gehören beispielsweise Nestlé, die Lufthansa oder Vattenfall

Vorstandschef Frank Lutz bestätigte gestern Abend auf Anfrage von Finanz-Szene.de die Finanzierung. Bei den Investoren handele es sich wie auch schon bei vorherigen Funding-Runden „um keine Venture-Capital-Fonds, sondern um Unternehmer-Persönlichkeiten, die zum Teil auch unserem Management bzw. dem Aufsichtsrat angehören“. Chef der CRX-Aufsichtsrats ist Philip Holzer, früher bei Goldman Sachs Deutschland die Nummer zwei hinter Alexander Dibelius.

Zudem gehört auch Carlo Kölzer dem Kontrollgremium an. Er und sein Kompagnon Moritz von den Linden hatten CRX Markets 2012 gegründet. Drei Jahre später wurde das Duo dann wegen eines anderen Unternehmens über die Fintech-Szene hinaus bekannt, nämlich als sie den ebenfalls von ihnen gegründeten Devisen-Handelsplatz 360T für mehr als 700 Mio. Euro an die Deutsche Börse verkauften.

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LBBW und HSBC: Wie wenig vom Zinswunder übrig bleibt

Von Heinz-Roger Dohms

Der Disclaimer vorweg: Weil gestern echt wenig Zeit war (jedenfalls bei uns hier), sind wir in die Halbjahresberichte von LBBW und HSBC Deutschland nicht wirklich tief eingestiegen (wobei die HSBC ohnehin nur ein paar dürre Zeilen für die Öffentlichkeit bereithielt).

Falls man allerdings davon ausgeht, dass das, was man auf den ersten Blick gesehen hat, die Wirklichkeit einigermaßen sauber widerspiegelt – dann sind die Zahlen hochinteressant und bestätigen zwei Trends, die wir in den vergangenen Wochen (z.B. hier und hier) ja schon mal angedeutet hatten:

  1. Die Risikovorsorge, die jahrelang kein Thema war, wird allmählich wieder eines.
  2. Unseren Banken (siehe auch die Sechs-Monatszahlen von „Deutscher“ und „Coba“) gelingt es auf fast schon wundersame (oder sagen wir besser: auf kontraintuitive) Art und Weise, an ihren Zinsergebnissen zu drehen.

Sehr schön zeigt sich das an der LBBW, die auf ihrer Homepage dankenswerterweise auch die Halbjahresberichte der vergangenen Jahre bereithält. Dadurch dauerte es keine drei Minuten um festzustellen, dass der Zinsüberschuss zuletzt vier Jahre in Folge geschrumpft war (einmal sogar um 14%) – nur um nun zum ersten Mal wieder zu steigen, und zwar um 1,9% auf 811 Mio. Euro.

Zinsergebnis der LBBW per 30. Juni, prozentuale Veränderung im Vergleich zum Sechs-Monats-Ergebnis des jeweiligen Vorjahres

2015 -14,2%
2016 -6,1%
2017 -2,1%
2018 -0,1%
2019 1,9%

Für die deutsche HSBC haben wir einen ähnlichen Mehrjahres-Vergleich auf die Schnelle nicht erstellen können. Allerdings darf man davon ausgehen, dass auch die Düsseldorfer Briten in den vergangenen Jahren mit dem Zinsergebnis das ein oder andere Mal gehadert haben werden – während es diesmal um satte 10% auf 113 Mio. Euro raufging.

Wie kommt’s?

Dieser Tage  hatte wir ja die Vermutung geäußert, dass die deutschen Banken den kapitalen Zinsrutsch der vergangenen Monate genutzt haben, um ihre Margen zumindest für den Moment ein bisschen nach oben zu schieben – schlicht, indem die günstigen Refikosten nur bedingt weitergegeben werden.

Wir würden ja vermuten, dass es bei HSBC und LBBW genau so gewesen ist, auch wenn die Pressemitteilung der deutschen HSBC in dieser Hinsicht wenig Erhellendes bietet (stattdessen wird im gleichen Satz, in dem der 10-prozentige Anstieg verkündet wird, fast habituell behauptet, der Zinsüberschuss habe unter dem Niedrigzins „gelitten“) und die Bank auf Nachfrage den „Verdacht“ einer Margenausweitung zurückweist.

Offenherziger ist da der Halbjahresbericht der LBBW, in dem es heißt: „Dabei waren insbesondere im Geschäft mit Mittelstandskunden und Großunternehmen stabile Finanzierungsmargen zu verzeichnen“ (wir sind so frei, „stabil“ einfach mal mit „leicht steigend“ zu übersetzen).

Interessanterweise waren die Zinsergebnisse nicht das Einzige, was stieg. Auch bei den Provisionen legten sowohl die LBBW (sogar um 6,5%) als auch die HSBC Deutschland (5,2%) zu. Dass die Ergebnisse alles in allem dennoch bescheiden ausfielen – das wiederum lag: an der Risikovorsorge. Bei derLBBW stieg sie markant von 33 Mio. Euro auf 63 Mio. Euro, noch deutlich schlimmer (jedenfalls in Relation zum Kreditportfolio) traf es die HSBC. Sie hatte letztes Jahr zwischen Januar und Juni durch die Auflösung von Risikovorsorge noch 2,6 Mio. Euro „verdient“. Diesmal hingegen wurde das Ergebnis um satte 29,2 Mio. Euro belastet. In der Pressemitteilung ist sogar von „hohen Einzelwertberichtigungen“ die Rede. Uff.

Was das alles unterm Strich heißt? Dass die Lage so mäßig bis trist ist wie sie es seit Jahren schon ist, freilich nicht nur in Stuttgart und Düsseldorf: Die LBBW hat auf Sechs-Monats-Sicht aus 265 Mrd. Euro Bilanzsumme kümmerliche 219 Mio. Euro Nachsteuergewinn herausgeschabt (also 0,08%), bei HSBC Trinkaus (wie man früher sagte) waren es 30,9 Mio. Euro Überschuss aus 28,1 Mrd. Euro Bilanzsumme (also 0,10%). So sind die Zeiten.

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Warum N26 vom Grover-CFO des „Diebstahls“ bezichtigt wurde

Von Heinz-Roger Dohms

Irgendwann im Laufe des vergangenen Donnerstags ist Thomas Antonioli dann der Kragen geplatzt.

Was man dazu wissen muss: Antonioli ist Absolvent der Insead Business School. Er ist ein früherer „Assistant Vice President“ der Commerzbank. Er ist zudem früherer „Vice President Corporate Finance“ von Kreditech. Und aktuell firmiert er als Finanzchef des bekannten Berliner Startups Grover. Man darf sich Antonioli also als jemanden vorstellen, der seine Worte zu wägen weiß.

Jedenfalls: Von den vier Sprachen, die Antoniolo nach eigenen Angaben beherrscht, wählt er die englische und haut bei Linkedin am vergangenen Donnerstag folgenden öffentlichen Rant gegen die Berliner Smartphone-Bank N26 raus:

„Dear N26,

that your employees are misreading a positive for a negative account balance is in itself already surprising for a bank. That on this basis you close the account without warning, keep the positive balance, hand over the (non-existent) claim to a Debt Collection agency and then stop answering any emails is outright theft and the worst user experience one can have with a bank. I really want to support you as one of the biggest German startup success stories, but this is definitely unacceptable treatment. Please sort it out.“

Uff. „Outright theft“, regelrechter Diebstahl also.

Da schluckt man erstmal. Schließlich ist es kein alltäglicher Vorgang, dass ein Topmanager eines Berliner Startups ein anderes Berliner Startup (und noch dazu das prominenteste der Stadt) eines Verbrechens bezichtigt.

Doch trotz dieses fast schon maximalen Vorwurfs kommt von N26: vier Tage lang keinerlei Reaktion.

Dafür reagieren viele andere. Übers Wochenende bekommt Antoniolis Linkedin-Beitrag mehr als 200 hochgereckte Daumen, unter anderem von zwei Raisin-Managern und vom Friday-CEO Christoph Samwer (was insofern bemerkenswert ist, als sich manche Fintech-Jungs den Daumen eher absägen lassen würden, als ihn unter einen N26-kritischen Post zu platzieren).

Es werden allerdings nicht nur Daumen hochgereckt. Es werden auch die ersten Kommentare abgesetzt. Ein „Software Developer“ von SAP zum Beispiel empfiehlt Antonioli, sich an die Bafin zu wenden. Er hoffe aufrichtig, dass das nicht nötig sein werde, antwortet der Grover-CFO.

Eine junge Dame erkundigt sich „aus purem Interesse“, ob Antonioli irgendein Feedback seitens N26 auf seinen Beitrag erhalten erhalten. „Nope“, gibt Antonioli zurück, dasselbe gelte für die fünf E-Mails, die er in den zurückliegenden 14 Tagen an die Digitalbank geschrieben habe.

„Es wäre beinah witzig, wenn es nicht so traurig wäre“, kommentiert eine andere junge Frau. Gäbe es bei Linkedin neben der „Thumbs up“- auch eine „Big Hug“-Funktion, Antonioli wäre in den vergangenen Tagen ziemlich oft virtuell in den Arm genommen worden.

Indes, nicht jeder, der mit Antonioli fühlt, will gleich den Stab über N26 brechen. Der Coindex-Manager Kai Kuljurgis schreibt:

„Well, guys I get all your thoughts and I really feel for Thomas Antonioli (I would be really pissed if my account was closed w/o notice with funds held back!) – BUT I do not get how people use events like this to rant about successful companies like N26 Group. For me the fact that more issues like this are being reported is in close correlation to the fact that their users are way more digital and online than the ones of e.g. Commerzbank AG (who had even more and more serious issues, while offering a worse product and UX). […]“

Weil N26 erfolgreich ist, soll man sich mit Kritik zurückhalten? Interessante Sicht der Dinge. Aber sei’s drum. Kuljurgis‘ Umarmung jedenfalls ist so allumfassend, dass sie gleich für beide reicht, für den Grover-CFO und für die Digitalbank.

Unterdessen wird die Kommentar-Spalte unter Antoniolis Beitrag immer länger. Nun schlägt die Stunde der Lösungsorientierten, die versuchen, diverse N26-Manager per „Tag“ auf Antoniolis Problem aufmerksam zu machen.

„Martin Schilling, surely this can be sorted“, schreibt ein Nutzer, der sich selber ohne falsche Bescheidenheit als „astute, experienced and decisive business leader“ charakteristiert.

Martin Schilling, das zur Erläuterung, ist der COO von N26. Doch der COO reagiert nicht. N26 ist zwar eine digitale Bank, aber mit Linkedin, so scheint es, haben ihre Manager eher wenig am Hut.

Noch ein Versuch: „Let see if the INSEAD network works“, schreibt ein mutmaßlicher Insead-Absolvent und taggt Will Sorby an, der auch ein Insead-Alumni ist, vor allem aber UK-Chef von N26. Doch auch hier: Keine Reaktion.

Erste Fintech-Promis versuchen, ihre Kontakte spielen zu lassen. Sven Weizenegger, Mitgründer von Perseus, schreibt: „Gerrit Glass. Can you help?“ Gerrit Glass, bei N26 für die internationale Expansion zuständig, rührt sich nicht. René Griemens, dem früheren Finanzchef von Kreditech, wird die Sache jetzt zu bunt. Er will die Dinge offenbar regeln, wie man sie früher geregelt hat, von Mann zu Mann, von C-Level zu C-Level, auf dem kurzen Dienstweg.  Also schreibt er einfach nur: „Valentin S.“ Doch auch der auf diese Weise getaggte Valentin Stalf, Gründer und CEO von N26, reagiert nicht.

Verflixt.

Der Freitag vergeht. Der Samstag vergeht. Der Sonntag vergeht. Der Montag geht auf Mitternacht zu. Und plötzlich meldet sich: Georg Hauer, der neue N26-General-Manager für den deutschen Markt. Offenbar gibt es bei der Berliner Digitalbank also wenigstens einen Großkopferten, der mitbekommt, dass bei Linkedin zu diesem Zeitpunkt seit rund 100 Stunden über N26 abgelästert wird.

 could you please send me a PM? I do not know the context or why this happened but our team will be happy to look into it.“

Nun sei mal dahingestellt, wie „happy“ das Team wirklich ist. Jedenfalls passiert der Linkedin-Timeline zufolge nach dem Hauer-Kommentar rund neun Stunden lang nichts (mag sein, dass der Grover-CFO ein Mann mit einem gesegneten Schlaf ist) – bis Thomas Antonioli schließlich antwortet: „Thanks Georg, PM‘d you.“

Daumen hoch!, kann man da nur sagen.

Und jetzt noch, wie es zu alldem gekommen ist.

Also: Nach Recherchen von Finanz-Szene.de soll Antonioli tatsächlich im Dispo gewesen sein, kommt ja mal vor, zumal bei einem N26-Konto. Ein Kundenbetreuer bat ihn daraufhin, den Dispo auszugleichen, nannte in der entsprechenden E-Mail aber eine viel zu niedrige Summe (offenbar ein Vertipper). Antonioli jedenfalls überwies den Betrag, den ihm N26 genannt hatte, und sogar noch ein bisschen mehr. Damit wähnte er das Konto (aus seiner Sicht: zurecht …) wieder im Plus, in Wahrheit war es aber weiterhin im Minus, wenn auch nicht mehr so stark.

Danach müssen die Dinge irgendwie eskaliert sein: N26 kündigte schließlich das Konto, Antonioli beschwerte sich, kam damit aber offenbar nicht durch, und irgendwann sah er keinen anderen Ausweg mehr, als seinen Rant bei Linkedin abzusetzen. Den Rest, liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie. Ach nein, das Ende kennen Sie noch nicht. Antonioli und N26 haben sich ausgesprochen, der Grover-CFO bleibt Kunde bzw. wird wieder Kunde, Big Hug.

Was zurückbleibt, ist die Frage: Mal angenommen, Herr Antonioli wäre nicht Herr Antonioli, sondern irgendein x-beliebiger Kunde, der nicht in der Lage ist, die halbe Berliner Startup-Community sowie das Insead-Netzwerk aufzuscheuchen … Wie wäre der Fall dann ausgegangen?

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Cyber-Gangster rauben bei Regionalbank mehr als 2000 Konten aus

Von Heinz-Roger Dohms

Liebe Oldenburgische Landesbank, seit wann sind wir bei Dir denn nicht mehr auf dem Presseverteiler? Kürzlich waren wir es doch noch. Und nun, wo Du endlich mal was Spannendes zu erzählen hast, hätten wir es fast nicht mitbekommen. Fast so, als hättest Du es genau darauf angelegt …

Also, was ist passiert: Cyber-Kriminelle haben auf mehr als 2000 (!) Konten bei Dir zugegriffen und dabei 1,5 Mio. Euro erbeutet. Seltsam, dass die Online-Medien gestern und die Zeitungen heute Früh nicht voll sind von der Geschichte. Man muss sich das mal vorstellen: >2000 Konten bei Regionalbank ausgeraubt!!! Was dagegen war im Frühjahr bei N26 und jüngst bei Revolut los, als es um jeweils einen (!) dokumentierten Fall ging …

Wie gut, dass es die „Emder Zeitung“ gibt, die die Sache aufgedeckt hat. Und die regionale „dpa“, die gestern nachhakte und von Dir mitgeteilt bekam, „Konten- oder Kartendaten seien nicht gehackt worden“. Wie beruhigend! Jedenfalls: Wir selber wollen uns die Causa heute mal näher angucken auch um zu sehen, was Mastercard mit der Sache zu tun hat, den deren Debitkarte war ja offenbar das Einfallstor. Bis dahin vertrösten wir unsere Leser mit der Dokumentation der Pressemitteilung, die uns zwar nicht erreicht hat, die wir aber auf deiner Website gefunden haben:

„In der vergangenen Woche hat es eine missbräuchliche Nutzung von Debit Master-Cards gegeben. Betroffen war ein Teil der Karten, die die OLB an ihre Kunden ausgegeben haben. Andere Produkte als die Debit Mastercard waren oder sind nicht betroffen: Kunden, die also beispielsweise eine OLB Girocard, eine Visa-Kreditkarte oder eine normale Mastercard-Kreditkarte nutzen, waren oder sind nicht betroffen.

Es lag ausdrücklich kein Datenschutzfall vor: Konto- oder Kartendaten sind weder bei der OLB noch bei einem Drittanbieter gehackt worden. Es handelte sich um einen Betrugsvorfall aus der organisierten Cyberkriminalität mit gefälschten Karten und Terminals, der aus Brasilien heraus begangen wurde.

Insgesamt beschränkte sich der Betrug auf etwas mehr als 2.000 betroffene Konten. Alle betroffenen Kunden hat die Bank schnell ermittelt und schriftlich informiert. Allen Betroffenen, denen durch die missbräuchliche Verwendung ihrer Debit Mastercards Schaden entstanden ist, wurde der Schaden umgehend vollständig erstattet. Der Kunde musste dafür nichts unternehmen.

Aus Vorsorge sind sofort alle Debit Mastercards gesperrt worden. Anstelle der gesperrten Debit Mastercards sendet die OLB ihren Kunden neue Debit Mastercards zu. Die Debit Mastercard ist ein attraktives Produkt, das für die Kunden die Möglichkeiten in der Bargeldversorgung erweitert. Mit der OLB Debit Mastercard kann man an allen Geldautomaten mit Mastercard-Symbol Geld abheben, innerhalb des Euroraums ist dies in der Regel gebührenfrei.

Die Sicherheit insbesondere der Daten und der Geldeinlagen der Kunden hat für die OLB höchste Priorität. Es ist in diesem Kontext auch gut und wichtig, dass die Schutzmechanismen frühzeitig angeschlagen haben. Wie in der gesamten Finanzbranche wird die Bank in Zusammenarbeit mit allen Dienstleistern die Abwehrmechanismen gegen Cybercrime kontinuierlich weiterentwickeln.“

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5% short! Wer gegen die Deutsche Bank wettet und warum

Von Christian Kirchner

Bei der Deutschen Bank läuft’s eigentlich ganz gut. Seit Tagen schon wackelt kein Vorstand. Die Aktie hat den Absturz gestoppt (+11% seit dem Kurstief vor zwei Wochen). Und was den Frankfurter Krisenvoyeurismus angeht – der richtet sich momentan eher auf die Commerzbank.

Eine gute Gelegenheit also, endlich mal zu arbeiten (und die anstehende Restrukturierung voranzutreiben), ohne sich zugleich um mäkelnde Journalisten und nölende Analysten kümmern zu müssen.

Doch halt – ein Problem ist da ja doch noch. Und das wird die Deutsche Bank nun schon seit Wochen nicht los: Milliardenschwere angelsächsische Hedge-Fonds wetten im großen Stil gegen Aktie des größten Geldinstitute der Republik. Inzwischen sind knapp 5% (!) aller Deutsche-Bank-Aktien meldepflichtig leerverkauft. Wie hoch die Zahl genau ist, weiß niemand. Mutmaßlich dürfte sie aber noch etwas höher sein, da die Fonds ihre Positionen nur dann anzeigen müssen, wenn sie mehr als 0,5% ausmachen (oder kürzlich ausmachten).

Hier die letzten meldepflichtigen Positionen;

Name letzte Leerverkaufsposition
AQR Capital Management 2,40%
Marshall Wace 0,86%
Caxton Associates 0,62%
World Quant 0,59%
Capital Fund Management 0,49%
Summe 4,96%
Stand: 27.8.2019, Quelle: Bundesanzeiger

Bei einem Börsenwert von aktuell 13,3 Mrd. Euro haben die 5% leer verkauften Aktien einen Wert von gut 660 Mio. Euro.

Zur Einordnung: Beim kontrovers diskutierten Zahlungsdienstleister Wirecard sind aktuell lediglich 1,3% der Aktien vom gleichen Phänomen betroffen (Wert: 230 Mio. Euro). Und höhere Quoten an leerverkauften Aktien als bei der Deutschen Bank gibt es hierzulande in der Breite momentan allenfalls bei Industriewerten, bei denen sich Sorge vor einem scharfen Abschwung mit individuellen Problemen kreuzen – etwa Bilfinger, Leoni, Aixtron, Heidelberger Druck oder Thyssen-Krupp.

Was also treibt die Leerverkäufer um? Simpel gesprochen: Die Wette auf weiter fallende Kurse. Dass die Leerverkäufer ihre Positionen selbst dann nicht glattstellten, als die Kurse vor der jüngsten Minimalerholung fielen und fielen, spricht eine deutliche Sprache: Ganz offensichtlich sehen die Hedge-Fonds die Aktie auch auf aktuellem Kursniveau nicht als unterbewertet oder auskorrigiert an.

Hinzu kommt: Hinter den Leerverkaufs-Positionen stehen keine kurzfristigen No-Name-Zocker, sondern bekannte Investoren.

  • AQR Capital Management ist das Vehikel u.a. des US-Investors Cliff Asness, das sich auf empirische Kapitalmarktforschung spezialisiert hat und knapp 200 Mrd. US-Dollar verwaltet. AQR hat die mit Abstand größte Shortpositionen – und diese seit Herbst 2016, damals zu noch deutlich zweistelligen Kursen, auf- und sukzessive ausgebaut.
  • Marshall Wace ist ein britischer Hedge-Fonds, der sich auf Arbitrage-Strategien spezialisiert hat, sprich: Shortpositionen einer Aktie stehen meist Longpositionen anderer gegenüber, und der Fonds wettet auf die relative Kursentwicklung. Welcher Aktien und Indizes genau, Ist Betriebsgeheimnis. Marshall Wace ist ebenfalls schon länger short bei der Deutschen Bank (erste meldepflichtige Position: Februar 2016), anders als …
  • Caxton Associates, die erst im April 2019 als meldepflichtige Leerverkäufer auftauchten. Dabei handelt es sich um jenen Hedge-Fonds, der in den 80er Jahren von dem Trader Bruce Kovner gegründet wurde und weltweit Makrowetten mit dem Fokus auf Trendfolge eingeht – plausibel, denn bei der Deutschen Bank-Aktie geht es ja jetzt schon seit einer Weile trendstark in den Kurskeller.
  • World Quant und Capital Fund Management sind eher kleinere Hedge-Fonds mit ein- bzw. niedrigem zweistelligen Milliarden-Anlagevermögen. Auffällig: World Quant hält weitere kleinere Leerverkaufspositionen in deutschen zyklischen Aktien wie Thyssen-Krupp, Salzgitter, Koenig & Bauer, das Gleiche gilt für Capital Fund Management (Thyssenkrupp, Eon, Salzgitter). Das legt nahe, dass die Hedge-Fonds nicht auf individuelle Themen bei der Deutschen Bank setzen, sondern offenbar eine eher skeptische Haltung gegenüber deutschen Werten mit individuellen Problemen generell haben.

Und bei der Commerzbank? Da muss man zwar bis Herbst nun unter verschärftem Druck des Kapitalmarkts eine neue Strategie ausklamüsern. Immerhin: Leerverkäufer hat die Bank aber nicht am Hals. Seit Jahren taucht allenfalls sporadisch mal eine Adresse mit einer Mini-Position auf.

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Hohe Verluste, Ziele verfehlt: Die üblen Zahlen von Merck Finck

Von Christian Kirchner

Klappern gehört bekanntlich auch in feinen Privatbank-Kreisen zum Handwerk. Anders ist nicht zu erklären, dass das Münchener Geldhaus Merck Finck seit einem Jahr ein wahres Feuerwerk der guten Nachrichten verbreitet. Im Januar war von einer „Wachstumsoffensive“ die Rede, weil 20 neue Mitarbeiter kommen sollten.  Ein paar Tage später verkündete das Traditionshaus „neue Mitarbeiter für Frankfurt“, dann „Verstärkung für den Standort Aachen“, dann den Ausbau der Präsenz im Rheinland, später 15 neue Mitarbeiter in ganz Deutschland.

Noch im Januar berichtete darüber hinaus „Bloomberg“ und kurz darauf die „Börsen-Zeitung“, Merck Finck sei quasi auf „Shopping-Tour“ und habe eine Liste von Übernahmezielen, nachdem 2018 wieder Nettozuflüsse verzeichnet worden seien. Die verwalteten Mittel? Wollte man binnen fünf Jahren verdoppeln. Das waren freilich nicht die ersten Meldungen dieser Art. Denn schon im vergangenen Sommer hatte es bereits geheißen, der „Turnaround“ sei geschafft, Merck Finck prüfe unter anderem Akquisitionen sowie die Anwerbung von Teams.

Expansion, Wachstum, Übernahmen, Verdopplung, Ausbau, Neueinstellungen – so geht das nun also schon seit Monaten bei den noblen Privatbankiers, die im nächsten Jahr ihr 150-jähriges Jubiläum feiern.

Wie es bei Merck Finck in Wirklichkeit aussieht, darüber gibt der jüngst erschienene 2018er-Abschluss Auskunft. Nämlich: düster, um es milde zu formulieren. Und in Sachen Auskunftsbereitschaft über die Zahlen: zappeduster.

Vorgenommen hatte man sich laut Jahresabschluss einen ohnehin eher schmalen operativen Gewinn von 2 Mio. Euro. Geworden ist es dann ein operativer Verlust von 10 Mio. Euro, auch weil die geplanten Erträge und die Höhe des verwalteten Vermögens um rund 20% (!) verfehlt wurden. Das ist selbst gemessen am Zustand der Peer Group eine Performance, die ihresgleichen sucht.

Wie konnte das passieren? Die Bank spricht in ihrem Geschäftsbericht von „Abgängen von wichtigen Beratern insbesondere in den Niederlassungen Düsseldorf und Hamburg“. Die haben, wie in der Branche üblich, offenbar auch zahlreiche Kunden mitgenommen. Statt wie geplant 10,6 Mrd. Euro verwaltete die Bank zum Jahresende lediglich 8,5 Mrd. Euro und arbeitete mit einer selbst für die Branche irre hohen Cost-Income-Ratio von 120% nach bereits 101% im Vorjahr (also jenem Jahr, das laut Vorstandschef Schellenberg „den Turnaround“ markierte).

Die 10 Mio. Euro operativer Verlust sind indes noch nicht alles. Zieht man noch das bankenübliche Gedöns aus Risikovorsorge, sonstigen Zu- und Abflüssen und Abgaben dazu, musste die Muttergesellschaft „die negativen Ergebnisbeiträge durch Ertragszuschüsse in Höhe von 15,8 Mio. € ausgleichen“, wie es im Geschäftsbericht wörtlich heißt.

Einer, der sich von den blumigen Ausführungen über Wachstum und Digitalisierung nicht blenden lassen dürfte, ist Jürg Zeltner. Der hat es vor einigen Tagen zur Prominenz gebracht, weil er neues Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Bank werden soll.

Hauptberuflich wird sich Zeltner aber unter anderem auch mit der Zukunft von Merck Finck beschäftigen müssen. Denn deren Muttergesellschaft ist die KBL-Gruppe, ein Privatbanken-Konglomerat mit Unterstützung eines Großaktionärs aus Katar. Und seit Mai 2019 einem neuen Chef: Ex-UBS-Mann Zeltner.

Was wird nun aus Merck Finck? Unter dem KBL-Dach hausen nicht weniger als acht Banken. Unter Zeltners Regie soll Anfang 2020 europaweit einen neuen Markenauftritt entstehen, wie das Schweizer Portal „Finews.ch“ vor zwei Wochen berichtete. Wie es mit den Standorten, zentralen Aufgaben und auch den Markennamen weitergeht, dürfte spannend werden.

Wesentliche Kennziffern Merck Finck 2018 (gerundet, in Mio. Euro)

GuV in Mio. € 2018 2017
Zinsüberschuss 4 4
Provisionsüberschuss 43 49
Erträge aus dem laufenden Bankgeschäft 50 57
Verwaltungsaufwand -60 -57
Operatives Ergebnis -10 0
Risikovorsorge 1 2
Ergebnis aus Finanzanlagen 0 2
Saldo sonstige betriebliche Erträge/sonstige betriebliche Aufwendungen 0 -10
Saldo außerordentliche Erträge/außerordentliche Aufwendungen 16 7
Zuführung Fonds für allgemeine Bankrisiken -6 0
Jahresüberschuss 0 1
Mitarbeiter 259 288

Quelle: Geschäftsbericht

Was sagt der Geschäftsbericht von Merck Finck nun zu den Planungen für dieses und die nächsten Jahre? Nicht viel. Im Ausblick präzisiert die Bank kein Ertrags- oder Vermögensziel. Kein Wort von der einst angekündigten Verdopplung des verwalteten Vermögens.

Eher abstrakt ist die Rede von einer „deutlichen Verbesserung der wesentlichen finanziellen und nichtfinanziellen Leistungsindikatoren“, zugleich schränkt man aber ein, dass „ein Teil der Maßnahmen, die 2019 umgesetzt werden, ihre volle Wirkung erst in den Folgejahren entfalten“.

Man rechne „mit einem sukzessiven Ausbau der Geschäftsbeziehungen, einem kontinuierlichen Wachstum der Assets under Management und somit einer Steigerung der Erträge und einer verbesserten Cost-Income-Ratio“, heißt es reichlich unpräzise.

Verbesserung Wachstum, Ausbau, Steigerung – das übliche Vokabular eben.

Was sagt die Bank jenseits des testierten Worts und der testierten Zahlen zu alledem? Finanz-Szene.de übersandte Merck Finck gestern vier Fragen:

  • woran die massiven Ergebnisverfehlungen liegen
  • ob es einen Vollzug bei den angekündigten Übernahmen gibt
  • ob abschätzbar sei, was die Planungen in Sachen Marktauftritt für den Standort/die Standorte von Merck Finck in Deutschland heißen und
  • ob Merck Finck ein Update zu Höhe der Assets, Ertragslage und der Cost-Income-Ratio geben kann

Merck Finck wollte dazu keine Stellung nehmen und teilte mit, bei Fragen wende man sich bitte an die KBL (was wir natürlich tun werden), das Thema Übernahme sei aber „nach wie vor aktuell“.

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Raisin („Weltsparen“) schluckt Vorsorge-Spezialisten Fairr

Von Heinz-Roger Dohms

Ein halbes Jahr nach der Übernahme der Frankfurter MHB Bank hat das Berliner Fintech Raisin („Weltsparen“) die nächste spektakuläre Übernahme gelandet. Wie CEO Tamaz Georgadze im Gespräch mit Finanz-Szene.de berichtete, akquiriert der 2013 gestartete Spareinlagen-Vermittler das im gleichen Jahr gegründete Frankfurter Altervorsorge-Startup Fairr. Zum Kaufpreis wollte Georgadze keine konkreten Angaben machen, er soll aber im signifikanten zweistelligen Millionenbereich liegen.

Mit der Akquisition unterstreicht Raisin seinen Ruf als eines der aggressivsten expandierenden deutschen Finanz-Startups. Schon 2017 hatten die Berliner das UK-Fintech PBF Solutions übernommen, um sich frühzeitig auf dem britischen Markt breitzumachen. Auch in Österreich, den Niederlanden, Spanien, Frankreich ist Raisin aktiv. Zudem hat Georgadze angekündigt, in diesem Jahr in zwei weiteren Märkten an den Start zu gehen.

Vor allem aber erweitert Raisin so konsequent wie wenige andere hiesige Finanz-Startups sein Produkt-Portfolio: Gestartet als Vermittler von Spareinlagen (sprich: hiesige Zinsjäger legen ihr Geld über Weltsparen bei ausländischen Hochzinsbanken an), launchte das Fintech Anfang vergangenen Jahres „Weltinvest“, einen ETF-basierten Quasi-Robo für Geldanlage.

Während Raisins Einlagen-Plattform über alle regionalen Märkte hinweg gerechnet laut Unternehmensangaben auf rund 200.000 Nutzer kommt, liegt „Weltinvest“ groben Schätzungen aus der Branche zufolge bei 10.000 bis 15.000 Kunden. Im Mai hatte Finanz-Szene.de berichtet, dass „Weltinvest“ bei den verwalteten Vermögen die 100-Mio.-Euro-Marke geknackt hat.

„Mit der Übernahme von Fairr decken wir nun die drei wichtigsten Säulen im Bereich der Geldanlage ab – nämlich für kurzfristig orientierte Anleger das Tagesgeld, für langfristig orientierte Anleger ETF-basierte Aktienprodukte und für alle, die von staatlicher Förderung profitieren wollen, die Riester- bzw. die Rürup-Vorsorge“, sagte Georgadze.

Fairr vertreibt Riester- und Rürup-Renten auf Online-Basis und soll bereits auf eine fünfstellige Kundenzahl kommen. Nach Georgadzes Angaben erreicht das ebenfalls in Berlin beheimatete Finanz-Startup zurzeit eine Ablaufsumme (also die zugesagten Versicherungs-Beiträge bis zum Vertragsende) von mehr als 1,5 Mrd. Euro. Der Fairr-Gründer und Geschäftsführer Jens Jennissen bleibt an Bord, auch der Markenname soll erhalten bleiben, allerdings künftig im einem Zusatz versehen: „Fairr by Raisin“.

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Er heißt „Joonko“: Finleap startet seinen Check24-Herausforderer

Von Heinz-Roger Dohms

Der Berliner Fintech-Inkubator Finleap macht Ernst mit seinen Plänen, das Münchner Vergleichsportal Check24 mit einer eigenen B2C-Plattform für Finanzprodukte anzugreifen. Nach Informationen von Finanz-Szene.de ist die Website gestern unter „www.joonko.de“ livegegangen. Fürs erste können Interessenten dort allerdings nur ihre E-Mail-Adresse  hinterlassen. Der eigentliche Launch ist für das vierte Quartal geplant.  „Dann werden die Nutzer zunächst Kfz-Policen vergleichen können, bevor wir unser Angebote im kommenden Jahr um weitere Versicherungs- sowie um Bankprodukte erweitern werden“, sagte Finleap-Managerin Carolin Gabor im Interview mit Finanz-Szene.de. Es ist das erste Mal überhaupt, dass sich der Company Builder zu dem Projekt äußert.

Gründerszene und Finanz-Szene.de hatten die ambitionierten Pläne, die mit Investitionen in deutlich zweistelliger Millionenhöhe einhergehen dürften, im Frühjahr publik gemacht. Damals firmierte das Projekt intern noch unter dem Arbeitstitel „Betterchange“, der Name Joonko wurde erst kürzlich festgelegt. „Joonko ist angelehnt an die japanische Bergsteigerin Junko Tabei, die 1975 als erste Frau den Mount Everest bestiegen hatte“, sagte Gabor. „Dass eine Frau den höchsten Berg der Welt erklimmt, widersprach den damals gängigen Konventionen. Genauso wollen auch wir nun vermeintliche Gesetzmäßigkeiten durchbrechen – etwa die, dass manche Finanzprodukte angeblich zu komplex für den digitalen Vertrieb sind.“

Darüber hinaus stehe „Junko“ im Japanischen für Begriffe wie Ehrlichkeit und Reinheit, sagte Gabor, „auch das passt zu Brand“. Dass Finleap das „u“ durch ein doppeltes „o“ ersetzt, habe damit zu tun, dass das „Doppel-o“ in der Internetbranche positiv besetzt sei („Google“, „Facebook“) und der Name internationalisierbar sei, so Gabor. Hinzukommt: Durch „Joonko“ statt „Junko“ vermeidet Finleap, dass sich dem Nutzer weniger wünschenswerte Assoziationen („Junk“) aufdrängen.

Gründerszene und Finanz-Szene hatten im Mai berichtet, dass Finleap den Check24-Rivalen in Kooperation mit dem chinesischen Versicherungsriesen Ping An (der seit Ende 2018 auch Großinvestor bei Finleap ist) aufsetzen wolle. Zudem sollen nach unseren Informationen auch deutsche Versicherer in das Projekt involviert sein. Gabor sagte im Interview lediglich, „dass ‚Joonko‘ ein Kooperationsprojekt ist“, wer genau die Partner sind, wollte sie noch nicht verraten.

Dagegen bestätigte die Managerin unsere Informationen, wonach sie selbst die Führung des neuen Unternehmens übernehmen werde. Dieser Schritt liegt auch insofern nahe, als Gabor die ehemalige Chefin von Toptarif ist, einem frühen Check24-Konkurrenten, der 2014 vom Heidelberger Vergleichsportal Verivox geschluckt wurde. Ihren Job bei Finleap, wo sie noch als „Chief Commercial Officer“ firmiert, wird Gabor dafür ruhen lassen (hierzu passend unser Artikel „Radikal-Umbau bei Finleap“ von Anfang August).

Das Geschäftsmodell von „Joonko“ wird dem von Check24, Verivox und anderer Internet-Vergleiche ähneln: Nicht der Nutzer zahlt für das Angebot – sondern Banken und Versicherer, die für den Vertrieb ihrer Produkte entsprechende Provisionen  berappen sollen. Dennoch werde „Joonko“ mit der „‚Günstiger ist besser‘-Logik vieler bestehender Vergleichsportale brechen“, sagte Gabor. „Uns geht es nicht unbedingt darum, dem Kunden das scheinbar billigste  Produkt zu empfehlen – sondern das, dass am besten zu seinen Bedürfnissen passt.“ Darüber hinaus werde sich „Joonko“ auch „durch eine sehr relevante Marktabdeckung und eine neue Form der Customer Journey“ auszeichnen.

Tatsächlich dürfte der Erfolg von „Joonko“ davon abhängen, ob es Finleap wirklich gelingt, Banken und Versicherer auf seine Seite zu ziehen und eine Plattform zu bauen, die sich entscheidend von Check24 abhebt. Denn: Eine Marketingschlacht gegen die Münchner wird sich zu vertretbaren Kosten kaum gewinnen lassen (und übrigens: Ein klarer Produkt-USP ist  auch insofern unerlässlich, als sich jeder Anbieter im Vergleichsmarkt zumindest latent der Gefahr aussetzt, von Google plattgemacht zu werden).

Zur Schärfung des Produktprofils hat Finleap zwei ausgewiesene Experten für das Managementteam von Joonko gewonnen. Nämlich den ehemaligen Chief Product Officer von Delivery Hero, Eric Lange (hier sein Linkedin-Eintrag), sowie den Gründer des Sprachportals Bab.la, Andreas Schroeter (und hier seiner).

Lesen Sie in unserem Archiv die große Analyse: Finleap vs. Check24 – Der ultimative Clash zwischen zwei Fintech-Welten

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Wie die deutsche ING ihre PSD2-Mopperer besänftigt

Von Christian Kirchner

Zugegeben: Bei unserem Lieblingsthema „PSD2“ ist nach dem Ende letzter Woche verhängten Bafin-Moratorium die ganz große Dringlichkeit erst einmal raus. Trotzdem wollen wir Ihnen den bereits geplanten dritten Teil unserer PSD2-Serie (den wir wegen der Newslage ja erstmal ins Wartehäuschen geschoben hatten) nicht vorenthalten. Denn: An der grundsätzlichen Frage, wie die Banken mit der neuen Richtlinie umgehen sollen, hat sich trotz des Moratoriums ja nichts geändert.

Zoomen wir heute also hinein in das Fallbeispiel einer Bank, deren Namen Sie womöglich schon gehört haben – es geht um die ING Deutschland – und die sich aufgrund ihrer PSD2-Strategie seit Monaten moppernden Kunden ausgesetzt sieht. Womit sie freilich nicht alleine steht. Wir vermuten nämlich ganz stark, dass andere Banken dieser Tage mit ähnlichen Problemen kämpfen, der Fall der deutschen ING also stellvertretend für die Branche steht.

I. Die Vorgeschichte

Die PSD2, das war das ausgerufene Ziel, sollte den Wettbewerb stärken: Banken müssen deshalb in Zukunft zwingend eine Schnittstelle zur Verfügung stellen, über die andere Banken und sogenannte Drittanbieter (zum Beispiel Check24 oder Multibanking-Apps wie Finanzguru) von außen auf  Kontodaten zugreifen können -aber  natürlich nur bei Kunden, die dem explizit zugestimmt haben. Besagte Schnittstellen sollten nun bestimmten technischen Mindeststandards folgen. Dafür sollte den Banken im Gegenzug gestattet werden, bisher gültige Schnittstellen dichtmachen. Ursprünglich war als Stichtag hierfür der 14. September vorgesehen – bevor die Bafin letzte Woche erklärte, dass der Starttermin auf unbestimmte Zeit verschoben sei.

II. Das Problem

Die neu geschaffenen Schnittstellen funktionier(t)en bei Praxistests nicht zuverlässig. Hier nennen von Finanz-Szene.de befragten Beteiligten vor allem zwei Gründe: Erstens sei ein irrer Zeitdruck im Spiel gewesen. Und zweitens hätten die Umsetzungsregeln zu viel Spielraum gelassen – was faktisch dazu geführt habe, das einige Banken ihre neue Schnittstelle eher zur Abschottung als zur Marktöffnung genutzt hätten (was die Bafin offenbar ähnlich sieht, sonst hätte sie nicht ein Moratorium erlassen).

III. Wie die ING die PSD2 umsetzen wollte

Bislang können ING-Deutschland-Kunden auf unterschiedlichen Wegen auf ihr ING-Konto zugreifen – nämlich nicht übers normale Onlinebanking, sondern z.B. auch mit traditionellen Finanzsoftwares, die auf dem alten „deutschen“ Online-Banking-Standard HBCI/FinTS beruhen.  Unser Gastautor Klaus Igel hatte dies bereits vor einigen Monaten in einem Finanz-Szene.de-Gästeblog beschrieben.

Im Frühjahr kündigte die ING Deutschland nun an, den Zugriff auf die Kontodaten künftig nur noch über die PSD2-Schnittstelle zu gestatten. Die anderen Zugangswege – insbesondere die HBCI-Schnittstelle – stünden nicht mehr zur Verfügung. Unser Gästeblogger Igel kritisierte, dass sich die deutsche ING damit „ihre eigene PSD2-Welt“ schaffe. Was man durchaus so sehen kann. Man kann es aber eben auch völlig anders sehen. Denn wie gesagt: Bei der PSD2 sind die Spielräume sind groß und damit auch die Interpretationen vielfältig …

IV. Drei Sichtweisen auf die PSD2-Strategie der ING Deutschland

  • Kritisch gedacht folgt die deutsche ING zwar formell der neuen Richtlinie, diskriminiert aber externe Zugangswege und bürdet den Nutzern damit  Komfortverluste auf (wobei natürlich der Verdacht mitschwingt, dass es der ING letztlich darum geht, die Kunden ins eigene Onlinebanking zu zwingen). Der Gästeblogger Igel kritisierte, dass dieses Vorgehen „dem Grundgedanken der PSD2, den Wettbewerb zu fördern“ zuwiderlaufe. Stattdessen verschaffte sich die ING „einen Wettbewerbsvorteil“.
  • Quatsch, sagen andere aus der Branche. Die Entscheidung, den alten HBCI/FinTS-Zugang abzuklemmen, sei schlicht konsequent. So argumentierte die Fintech-Managerin Cornelia Schwertner im „Paymentandbanking“-Blog, die ING sei eine der wenigen Banken in Deutschland, die zumindest versuchten, die PSD2 fair, in die Zukunft gerichtet entwicklerfreundlich und über den deutschen Tellerrand hinaus zu denken.
  • Die ING selbst argumentiert, von einer Verkomplizierung des Zugangs über Drittanbieter könne keine Rede sein – der Zugriff werde „etwas komplexer, weil der Kunde zwei Faktoren eingeben muss, oder weil der Drittdienstleister ein Zertifikat bei der BaFin beantragen muss“. Beides seien „Vorgaben von PSD2 und daher nicht bankspezifisch.“

V. Die moppernden ING-Kunden

Was auch immer die Motive der deutschen ING gewesen sein mögen, die HBCI/FinTS-Schnittstelle abzuklemmen – mit einem hat die Bank mutmaßlich nicht gerechnet: Der Widerstand der (scheinbar?) kleinen Kundengruppe fällt verblüffend laut aus. Seit Monaten türmen sich auf der entsprechenden Seite der Bank bereits die Beschwerden. Ein kleiner Auszug aus knapp 1.000 Kommentaren:

„Wenn der HBCI Zugang zum Girokonto abgeschafft wird, ist die Ing mich als Kunden los – und mit Sicherheit noch sehr viele weitere.“

„Da HBCI zukünftig nicht mehr unterstützt wird, überleg ich die Bank zu wechseln. Ich kann nicht verstehe, dass das angeblich sicherste Onlineverfahren bei der ING abgeschafft wird.“

„Wie kann man als Bank die Bedeutung der HBCI-Schnittstelle falsch einschätzen? Weil die Verantwortlichen alle „Generation Mobile“ sind und sich nicht vorstellen können, dass viele Leute für die Verwaltungen ihrer KontEN bei BankEN eine Software benutzen, die das komfortabel ermöglich und die se Software mit HBCI arbeitet? Der Mobile-Hype ist nicht das ganze Leben….da gibts auch noch andere Endgeräte (wie einen veralteten PC), die es einem ermöglichen, professionell mit Konten umzugehen.“

„Wie stellt ihr euch eigentlich vor, wie Homebanking effektiv funktioniert? Ich war (Zukunft) schon Kunde als die Bank noch DiBa hieß und nutzte von Beginn an HBCI (heute FinTS).“

„So werde ich mir jetzt wohl eine neue Bank suchen müssen. Ich hatte gehofft die ING-DiBa würde die Kurve noch rechtzeitig kriegen. Ich kenne aktuelle keine Bank, die FinTS anbietet, die Ihren Kunden so in den Rücken fällt.“

„Hinter den Zeilen der ING Kommentare lese ich heraus, dass die ING Drittanbieter heraushalten möchte. Ich werde mein Konto bei der ING langsam auslaufen lassen.“

VI. Wie die ING reagierte

Die ING Deutschland reagiert bei HBCI/FinTS im Grund genauso, wie zuletzt bereits bei der Erst-nicht-und-dann-doch-Einführung von Apple Pay: Sie rudert zurück. Mutmaßlich aufgrund des Kundendrucks erklärt die Bank seit einigen Wochen (also schon vor dem Bafin-Moratorium), zumindest den Lesezugriff über die HBCI-Schnittstelle nun doch erst einmal aufrecht zu erhalten.

Ob die Bank darüber hinaus auch weiterhin den Vollzugriff – also zum Beispiel die Möglichkeit, Überweisungen zu veranlassen – anbietet? Ausgeschlossen scheint selbst diese Volte nicht mehr. Ein ING-Sprecher sagte auf Finanz-Szene.de, dies werde „geprüft“. Jetzt sogar mit mehr Zeit.

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Huch. Numbrs soll ein Fintech-Unicorn sein. Echt jetzt?

Von Heinz-Roger Dohms

Echt jetzt? Numbrs soll das neue N26 sein?  Krass.

Denn eigentlich hätte man bis gestern auch meinen können, das schweizerisch-deutsche Fintech sei ein Multibanking-Anbieter unter vielen da draußen. Vergleichbar mit Finanzguru (gerade mit lumpigen 4 Mio. Euro gefunded). Vergleichbar mit Outbank (2017 pleitegegangen, dann von Verivox aufgefangen). Vergleichbar mit Finanzblick (eine App des mäßig aufregenden Finanzsoftware-Herstellers Buhl).

Seit spätestens gestern allerdings weiß die Welt: Numbrs (Sitz in der Schweiz, genauer: Zürich, tätig am deutschen Markt) spielt in einer ganz, ganz anderen Liga als seine Wettbewerber. Jedenfalls bezogen aufs Funding. Und jedenfalls laut eigenen Angaben. 40 Mio. Dollar soll Numbrs von namentlich nicht genannten Investoren erhalten haben. Wodurch das Gesamtfunding nun bei 200 Mio. Euro liege. Und die Bewertung (halten Sie sich bitte fest …) bei mehr als 1 Mrd. Euro. Ein Fintech-Unicorn also! Und zwar erst das zweite in der DACH-Region nach N26.

Mit Verlaub: Wie war das möglich? Ein FAQ:

Wer ist Numbrs?

Ein am deutschen Markt aktives Schweizer Fintech, hinter dem der Selfmade-Millionär Martin Saidler steht. Auf der Unternehmens-Website wird das Gründungsjahr mit 1999 angegeben, wobei es uns eher so zu scheint, dass die heutige Numbrs erst viele Jahre später entstand. Dafür spricht, dass zwei der drei Gründer (nämlich Dennis Just und Julien Arnold) bei Linkedin ihre Numbrs-Zeit im Jahr 2012 beginnen lassen; und so steht es auch auf einer alten Fintech-Event-Website, auf der auch der mutmaßlich dritte Gründer aufgeführt wird, nämlich Johannes Hübner. Ohne es genau recherchiert zu haben, würden wir tippen, dass sich die Dinge ungefähr so zugetragen haben: Just, Arnold und Hübner haben Numbrs 2012 unter dem Dach der Saidlerschen Firmenimperiums aufgebaut, das Projekt aber bald danach verlassen. Und seitdem verantwortet Saidler de facto auch das operative Geschäft (jedenfalls meistens, zwischendurch gab es auch mal einen Kurzzeit-CEO namens Oivynd Oanes)

Was macht Numbrs?

Das Unternehmen betreibt eine gleichnamige Multibanking-App, über die Nutzer ihre Bankkonten aggregieren können. Erträge generiert das Unternehmen über Produktpartner, von denen es mindestens 30 geben soll, darunter die Axa und die Allianz.

Wie wurde Numbrs zum Unicorn?

Gute Frage. Mal aus der Erinnerung heraus zusammengefasst: Als 2012/2013 der Fintech-Trend begann, da war Numbrs eines der Startups, die medial besonders stark gecovered wurden. Zwischenzeitlich wurde es eher ruhig um das Fintech, bevor dann 2017 plötzlich von einer rund 50 Mio. Dollar schweren Finanzierungsrunde die Rede war (wobei einigen der Zeitungsberichte aus 2017 dann auch zu entnehmen war, dass es ein Jahr zuvor bereits eine noch größere Funding-Runde gegeben haben soll). Trotz der üppigen Finanzierungen berichteten diverse Medien (-> Gründerszene, -> Finews) im Juni 2017 dann unvermittelt von „Massenentlassungen“ bei Numbrs.

Wer sind die Investoren?

Auch eine gute Frage. Die 2017er-Runde wurde angeführt vom Staatsfonds aus Dubai. Auch der frühere Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann soll zu den Geldgebern gehören. In der Pressemitteilung zur gestrigen Finanzierungsrunde ist lediglich davon die Rede, dass sich „sowohl bestehende als auch neue Kapitalgeber beteiligt“ hätten. Namen werden keine genannt.

Was weiß man über die Zahlen von Numbrs?

Weniger, als man gerne wissen würde. Das Unternehmen äußert sich weder zu Geschäftszahlen noch zu Nutzerzahlen.

Welche Erfolgskennziffern werden überhaupt preisgegeben?

Diese drei hier:

  • Anzahl der Downloads der App: aktuell 2,2 Mio.
  • Anzahl der in die App eingebundenen Konten: aktuell 1,7 Mio.
  • Summe der über die App verwalteten Gelder: aktuell 11 Mrd. Euro

Wie sind diese Zahlen einzuordnen?

Laut  Pitch Deck (aus dem Finanz-Szene.de und Gründerszene im Juni exklusiv zitierten) kam der Konkurrent Finanzguru per Frühjahr 2019 auf gut 700.000 Downloads. Geht man naheliegenderweise davon aus, dass Finanzguru seitdem noch ein bisschen gewachsen ist, dann wäre Numbrs gemessen an den Downloads heute etwa zweieinhalb mal so groß wie Finanzguru (wobei Finanzguru deutlich später gestartet ist).

Nun sind Download-Zahlen allerdings nicht die entscheidende Kennziffer (Outbank zum Beispiel sprach schon 2017 von 4 Mio. Downloads) – letztlich kommt es darauf an, wie viele Menschen die App nach dem Download auch wirklich nutzen. Hier sagt Numbrs nichts. Bei Finanzguru waren es laut Pitch Deck per Frühjahr 420.000, was eine imposante Conversion Rate von rund 60% wäre. Wir behaupten einfach mal: Wäre die Conversion bei Numbrs genauso hoch – dann gäbe es keinen Grund, die Nutzerzahlen zu verschweigen.

Wirklich überprüfbar sind von außen freilich weder die Download- noch die Nutzerzahlen. Laut Schätzungen des Analysetools Priori Data kam Numbrs per Juni auf gut 1 Mio. Downloads. Das wären nur rund halb so viele wie die offiziell verkündete Zahl. Allerdings, wie gesagt: Solche Tools geben allenfalls Schätzwerte wieder, über deren Verlässlichkeit man geteilter Meinung sein kann.

Noch ein Satz zu den 1,7 Mio. in die Apps eingebundenen Konten: Schon Anfang 2017 war von 1,5 Mio. Konten die Rede. Gemessen daran, dass Performance-Kennziffern bei Startups ja eigentlich stark wachsen sollten, haben wir es hier mit nichts anderem als einer Stagnation zu tun. In einem Handelsblatt-Artikel, der auf einem Gespräch mit Martin Saidler beruhte, wurde die Stagnation vor einigen Monaten damit erklärt, dass Numbrs  „zwischenzeitlich auf Marketing verzichtet“ habe und sich „ganz auf die technische Weiterentwicklung der App“ konzentriert habe.

Was kann Numbrs?

Da wir die App nicht nutzen, können wir zu deren Qualität keine Angaben machen. Erinnerlich ist uns allerdings ein Zitat Martin Saidlers aus besagtem „HB“-Artikel, dass da lautete: „Wir haben keine Zeile Programmcode von außen eingekauft.“ Das klang für uns nach einem technologisch fundierten „From the scratch“-Fintech allererster Güte.

Nicht ganz passen zu diesem Selbstbild will aus unserer Sicht allerdings, dass Numbrs bei einigen seiner Kerntätigkeiten auf die Hilfe des deutschen API-Spezialisten FintecSystems angewiesen zu sein scheint. So lautet gleich der zweite Satz der Numbrs-AGBs (Fettungen im Original):

„Gewisse Dienstleistungen innerhalb der Numbrs App erbringt FinTecSystems GmbH, Gottfried-Keller-Str. 33, 81245 München, Deutschland, soweit es sich um die beschriebenen Kontoinformationsdienste („KID”) und Zahlungsauslösedienste („ZAD”) handelt (siehe §3 unten).“

Weiter unten steht dann:

„Die Numbrs App ermöglicht es Ihnen, Konten, welche nicht als Zahlungskonto unter der Definition der europäischen Zahlungsdiensterichtlinie 2  […] gelten, einzusehen. Numbrs nutzt die technischen Dienstleistungen von dem KIDL / ZADL […], um solche Konten zu aggregieren. Der KIDL / ZADL erbringt zusätzlich die beschriebenen KID und ZAD für Zahlungskonten unter der Definition von PSD2.“

In der Tat ist es so, dass Numbrs bislang noch über keine eigene PSD2-Lizenz (so die landläufige Bezeichnung für die KIDL bzw. die ZADL) verfügt. Gegenüber dem „Handelsblatt“ hatte Saidler Mitte Mai gesagt: „Die Regulierung hat uns zwei Millionen Euro gekostet.“ Allerdings stehe die „finale Zustimmung“ der Aufseher [Anm. d. Red.: die PSD2-Lizenz betreffend] noch aus.

Drei Monate später gibt das Unternehmen auf Anfrage von Finanz-Szene.de nun  zu Protokoll:

„Numbrs hat im Rahmen der PSD2-Umsetzung die Lizenz als Zahlungsauslösedienst (ZAD) in Luxemburg beantragt, erfüllt alle Voraussetzungen und erwartet in Kürze die Zulassung.“

Befragt nach Art und Umfang der Dienstleistungen, die Fintecsystems für Numbrs erbringt, heißt es:

„Es bestehen auf verschiedenen Ebenen Kontakte zwischen Numbrs und FinTech-Systems, u.a. wie aus den AGB ersichtlich, auch im Bereich der Kontoinformations- und Zahlungsauslösedienste. Numbrs hat dadurch (eine Zulassung als ZAD in Luxemburg vorausgesetzt) ab 14. September tatsächlich zwei Zugänge zum deutschen Markt, direkt über den eigenen europäischen Pass und indirekt über Fintechsystems. Da dieser Zugang für Numbrs von großer Bedeutung ist, hat sich Numbrs bewusst für eine Redundanz entschieden. Die Aussage von Herrn Saidler „Wir haben keine Zeile Programmcode von außen eingekauft“ ist damit weiterhin valide.“

Was passiert jetzt mit dem frischen Geld?

Laut Pressemitteilung sind der „Ausbau von Versicherungskooperationen in Deutschland“ sowie die „breite Markteinführung der Numbrs-App in Großbritannien“ geplant.

Gerade das UK-Thema scheint dabei von sehr langer Hand vorbereitet worden zu sein. So sagte der Numbrs-Marketingchef schon 2014 in einem Interview mit „Gründerszene“:

„Die Schweiz ist für uns als Unternehmen ein fantastischer Standort, aber als Markt momentan nicht interessant. Die Komplexität ist hier nicht zuletzt wegen der vier Landessprachen hoch, weshalb wir größere Märkte, wie zum Beispiel England oder die USA, zuerst näher ins Auge fassen. […] In London verfügen wir bereits über ein Büro und sind vor Ort in Gesprächen mit britischen Banken. In den USA ist es uns bereits gelungen, die ersten Banken an Centralway Numbrs anzuschließen. Wann genau wir hier mit der Numbrs-App starten, möchten wir ganz klar davon abhängig machen, dass wir unserem und dem Anspruch unserer Kunden kompromisslos gerecht werden können.“

So wie wir es verstehen ist Numbrs in den USA bislang allerdings noch nicht gestartet.

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Bethmann Bank spart sich zu einem Minimalgewinn

Von Christian Kirchner

Der ein oder andere Leser erinnert sich womöglich  an unsere Geschichte zur mauen Ertragslage bei der Bethmann Bank aus dem Mai. Zwar basierte die Analyse auf den 2017er-Zahlen, denn nur die lagen uns damals schon vor. Allerdings gab uns die Bank zumindest schon mal mündlich eine Indikation, wie denn 2018 gelaufen sei – und zumindest daran erinnen wir uns noch sehr gut: Das „operative Ergebnis“ habe bei 12 Mio. Euro gelegen, hieß es damals. Wobei es sich bei dieser Kennziffer um eine „interne Steuerungsgröße“ handle, die „unter anderem auf IFRS“ basiere.

Interne Steuerungsgröße? Gut und schön. Wir für unseren Teil verlassen uns allerdings lieber auf testierte Zahlen. Und die (also die für 2018) liegen seit einigen Tagen jetzt endlich vor.

Was sieht man? Das HGB-Ergebnis aus der normalen Geschäftstätigkeit ebenso wie der Gewinn, den man an die niederländische Mutter ABN Amro abführt, betragen jeweils in der Tat rund 12 Mio. Euro. Allerdings nur, wenn man zwischen die „1“ und die „2“ ein Komma setzt. Da sind es nämlich nur 1,2 Mio. Euro.

Und wie schon im letzten Jahr (und im Jahr davor) sind es wieder mal  „sonstige betriebliche Erträge“, die das Ergebnis über die Nulllinie hieven. Konkret geht es etwa um 4,3 Mio. Euro, gewonnen unter anderem über die  „Auflösung von Rückstellungen“. Der Unterschied zwischen 1,2 und 12, sagt die Bethmann Bank, erkläre sich durch „transformationsbedingte Aufwendungen, etwa den Standortwechsel in Frankfurt“.

Und was steht sonst so in der 2018er Bilanz?

Bevor hier der Eindruck entsteht, dass bei Finanz-Szene.de nur gemoppert wird: Die Bethmann Bank hat 2018 Nettomittelzuflüsse in Höhe von 370 Mio. Euro generiert – angesichts des schwierigen Börsenjahrs mehr als beachtlich. Zur Erinnerung: Der Dax taumelte 2018 um 18% nach unten.

Und: Während viele Banken inflationär von Kostensenkungen reden, von ebendiesen Senkungen dann aber nichts zu sehen ist, gingen bei Bethmann die Personalkosten – das zweite Jahr in Folge – tatsächlich runter, und zwar markant, um 16%. Die Bank führt das vor allem auf die „positiven Folgen der Restrukturierungsmaßnahmen“ zurück.

Zentrale selbst gesteckten Ziele hat die Bank dennoch verfehlt:  Beim verwalteten Vermögen wollte man zum Jahresende bei 37,5 Mrd. Euro sein – und landete bei 35,3 Mrd. Euro. Hier verhagelte das schlechte Schlussquartal an den Börsen den Zielsprint gründlich.

Auch bei der Cost-Income-Ratio geht es in eine andere Richtung als geplant. Bei (immer noch hohen) knapp unter 90% wollte man 2018 landen. 97% sind es am Ende geworden, „beeinträchtigt durch höhere regulatorische Kosten sowie Sonderabschreibung der Mieteinbauten als auch geringere Erträge als prognostiziert“; wie es dazu wörtlich heißt.

Die Gesamtschau:

Kennziffern Bethmann Bank 2018, in Mio. Euro

2018 2017 Veränderung %
Zinsüberschuss 59 56 5%
Provisionsüberschuss 97 100 -3%
Personalaufwand 56 67 -16%
Verwaltungsaufwand 79 78 1
Ergebnis vor Gewinnabführung 1 6 -80%
Anzahl Niederlassungen 12 12 .
Durchschnitt Mitarbeiter 473 502 -6%

Quelle: Bethmann Bank Geschäftsbericht, gerundet

Das ist, auf einen Blick, in Sachen Ertragskraft alles sehr dünn –  wobei man das ja auch von anderen Privatbanken kenntDie Planungen sind dennoch, gelinde gesagt, sehr ambitioniert. Vereinfacht: Die Erträge sollen schon 2019 endlich rauf, die Kosten (noch) weiter runter, so dass die Cost-Income-Ratio auf 80% sinken soll. Dazu beitragen soll ein massiver Anstieg des verwalteten Vermögens auf 40 Mrd. Euro.

Finanz-Szene.de bat Bethmann um einen Zwischenstand – aktuell liegt die Asset-Basis demnach bei 37 Mrd. Euro, die Cost-Income-Ratio indes weiter bei über 90%.

Und wenn der massive Rutsch der Cost-Income-Ratio auf 80% doch noch gelingt? Könnte man nach drei Jahren der Restrukturierung eigentlich mal durchschnaufen im Marienforum gleich gegenüber der Deutschen Bank, wo die Bethmann Bank unter der Führung des Niederländers Hans Hanegraaf im Frühjahr neue Geschäftsräume als Hauptquartier bezogen hat.

Und dann aber bitte weiter sparen. Denn das Ziel der Cost-Income-Ratio für 2021 hat die Bank verglichen mit dem Ausblick ein Jahr zuvor verschärft – 70% sollen es dann noch sein bei einer Eigenkapitalrendite von 10 bis 15 Prozent.

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