Das komplette Bilanz-Drama der deutschen Privatbanken

Von Christian Kirchner

Das Bilanz-Drama der hiesigen Privatbanken wurzelt viel tiefer als öffentlich bekannt. Zu diesem Ergebnis kommt eine über mehrere Jahre erstreckte Auswertung von Geschäftsberichten durch Finanz-Szene.de. Konkret analysierten wir die jeweils aktuellsten verfügbaren Abschlüsse von 13 namhaften deutschen Privatbanken*, darunter Schwergewichte wie Bethmann, Merck & Finck, MM Warburg oder Berenberg – und verglichen die Zahlen mit denen von 2013. Heraus kam: Aggregiert sind die Gewinne innerhalb der letzte vier bzw. fünf Jahre um fast zwei Drittel gesunken. Und noch schlimmer: Dass die Branche in Summe überhaupt noch schwarze Zahlen ausweist, ist die Folge von Einmaleffekten.

Dabei hat sich die Ertragsseite bei einigen der untersuchten Banken sogar ausgesprochen positiv entwickelt. Zwar sank das Zinsergebnis aggregiert auf 309 Mio. Euro – nachdem es 2013 in Summe noch 381 Mio. Euro gewesen waren (-19%). Dieser Rückgang wurde über die Gebührenschiene absolut betrachtet mehr als kompensiert: Lag der Provisionsüberschuss vor fünf Jahren über alle untersuchten Banken hinweg bei  852 Mio. Euro, so waren es zuletzt 1.075 Mio. Euro – ein Anstieg um 26%.

Das Problem: Die Kostenseite frisst die zusätzlichen Provisionen mehr als auf. Vor fünf Jahren kamen die Institute noch mit Verwaltungsaufwendungen von 1.114 Mio. Euro aus. Laut der 2017er- bzw. 2018er-Abschlüsse waren es zuletzt aber schon 1.421 Mio.  Euro, ein sehr deutlicher Anstieg um rund 300 Mio. Euro oder 28%.

Veränderung Zins- und Provisionsüberschusses, der Kosten und des Überschusses 2018 vs. 2013 der großen dt. Privatbanken

Quelle: Geschäftsberichte

Auffällig: Bei keiner der 13 größten untersuchten Privatbanken sind die Aufwendungen gesunken – alle Institute suchen Ihr Heil offenbar im Wachstum, anstatt die Ertragsschwierigkeiten über die Kostenseite in den Griff zu bekommen. Dabei deutet vieles darauf hin, dass sich die Probleme in der jüngsten Vergangenheit sogar noch verschlimmert habe. So verglich Finanz-Szene.de bei den 10 Banken, die schon Zahlen für 2018 vorgelegt haben, ebendiese Zahlen mit denen von 2017. Ergebnis:  Hier sank in der aggregierten Betrachtung nicht mehr nur der Zinsüberschuss (-7%), sondern auch der Provisionsüberschuss (-10%) – und trotzdem stiegen die Verwaltungskosten weiter an (1%).

Was es hier jedoch fairerweise zu beachten gilt: Im eingebrochenen Provisionsergebnis schlägt sich vor allem das schlechte Geschäftsjahr von Berenberg nieder – und wegen seines starken Fokus aufs Investmentbanking sind die Hamburger ja nicht unbedingt repräsentativ für die ganze Branche. Die hier kleineren Privatbanken „bewegen die Nadel nicht“.

Was sind nun die Gründe für den Niedergang?

  • Die zusätzliche Regulierung seit der Finanzkrise belastet die deutsche Bankenbranche mit rund 10% ihrer früheren Gewinne pro Jahr, zeigt eine Studie im Auftrag des BMF. Vieles spricht dafür, dass die Privatbanken hiervon überproportional betroffen sind, zum einen aufgrund ihrer Größe, zum anderen, weil sich Regeln wie z.B. Mifid II aufs Private Banking besonders stark auswirken
  • Eine ähnliche Argumentation gilt, was den Investitionsbedarf in IT-Systeme betrifft
  • Viele Privatbanken klagen (zumindest in Hintergrundgesprächen) über die in Nullzins-Zeiten immer knausrigeren Top-Kunden. Die typische Haltung sehe so aus: Wenn schon Einlagen, Festgeld und sichere Anleihen keine garantierte Rendite mehr bringen – warum dann dort überhaupt Geld allokieren und dafür auch noch Gebühren zahlen?
  • Gerade in der Vermögensverwaltung und Firmenkundengeschäft jagen sich die Banken gute Mitarbeiter mit lukrativem Kundenstamm oft wechselseitig zu hohen Gehältern ab
  • Die im Kapitalmarktgeschäft aktiven Privatbanken leiden unter der Zyklik des Geschäfts: Sie müssen ihre Mitarbeiter durchgehend bezahlen – ob es aber stets genügend lukrative Mandate für die Platzierung von Aktien, Anleihen und Schuldscheinen oder für andere Dienstleistungen gibt, ist jedes Jahr von neuem offen.

Was steht unter dem Strich? Aufaddiert betrug der Überschuss der untersuchten Banken im letzten Jahr immerhin noch 62 Mio. Euro. Aber spiegelt die Summe der ausgewiesenen Zahlen tatsächlich jedes Jahr  die Ertragslage wider? Zweifel sind hier angebracht, wie ein genauerer Blick in die Geschäftsberichte offenbart – denn überhaupt schwarze Zahlen auszuweisen, ist den Instituten extrem wichtig.

Nun gilt das fairerweise natürlich auch für Teile der Kosten, die einmalig sein können. Ebenfalls bei Berenberg fiel etwa 2018 ein zweistelliger Millionen-Restrukturierungsaufwand an.

Dennoch: Eine baldige Wende? Ist nicht in Sicht. Die Hoffnungen vieler Institute (und auch die entsprechenden Kosten- und Ertragsplanungen) ruhten für 2019, spätestens 2020 eigentlich auf einer Entspannung an der Zinsfront.

Stattdessen aber sind die Zinsen regelrecht kollabiert: Erst Ende vergangener Woche sackte auch die Rendite 30jähriger Bundesanleihen auf 0%. Das heißt: Das vollständige Universum an Bundesanleihen weist nun negative Renditen auf – und mit positiven Einlagezinsen ist nicht vor 2022 zu rechnen.

Und im Provisionsgeschäft? Hängt viel am Aktienmarkt als guter Gradmesser für die Frage, ob sich Neugeschäft generieren lässt. Wohin die Reise mit Dax & Co, geht, wissen aber nicht einmal gut bezahlte Privatbanker. In den vergangenen vier Wochen jedenfalls: kräftig abwärts.

*Die 13 untersuchten sind Berenberg, Metzler, Bethmann, Donner & Reuschel, Merck Finck, Lampe, Hauck & Aufhäuser, MM Warburg, Fürst Fugger, Ellwanger&Geiger, Fürst Castell’sche Privatbank, von der Heydt und Bank Schilling.

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Bund stellt Commerzbank-Beteiligung auf den Prüfstand

Von Christian Kirchner

Hatten wir nicht gestern noch geschrieben, die Coba-Strategie „Mittlere Spur, komme, was wolle“ sei nicht länger haltbar? Das sieht offenbar auch die Politik so. Wie die Kollegen der „Börsen-Zeitung“ unter Berufung auf das „Deutsche Vergabeportal“ berichten, will der Bund die strategischen Perspektiven des Instituts durchleuchten lassen. Dazu habe er ein externes Mandat zur „Beratung bzg. Commerzbank-Beteiligung“ ausgeschrieben.

Der Sinn der Übung: Offenbar will der Bund eng dran sein, wenn die Commerzbank im Herbst ihre künftige Strategie vorstellt. Und wer weiß: Vielleicht bereitet Berlin ja auch den Ausstieg vor.  Zwar galt jahrelang die Losung, der Bund veräußere seinen 15%-igen Anteil nicht, bevor das Aktienpaket wieder so viel kostet, wie es dies zum Zeitpunkt der Rettung tat (5 Mrd. Euro). Angesichts eines aktuellen Werts von 1,1 Mrd. Euro ist daran aber nicht mehr zu denken.

Zumal: Hieß der Finanzminister nicht Schäuble, als das Ziel einst ausgegeben wurde? Heute heißt er Scholz.

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Und liebe Fintechs, was machen bei Euch die Kreditausfälle?

Von Heinz-Roger Dohms

Viel ist in den vergangenen Tagen an dieser und anderen Stellen über die Kreditausfälle der Commerzbank und sonstiger europäischer Banken räsoniert worden – was aber ist mit den Kreditausfällen bei den Fintechs?

Interessant (und unschön) ist in diese Hinsicht eine Meldung, die gestern aus London zu uns herüberschwappte. Der größte europäische Marketplace-Lender für SME-Kredite, also Funding Circle, hat ziemlich ernüchternde Halbjahreszahlen vorgelegt – auch weil im UK-Geschäft satte 15% der Darlehen nicht so performen, wie sie es tun sollten, so die Financial Times (Paywall).

Nun ist UK bekanntermaßen Brexit-Land und damit ein Sonderfall. Was machen denn die Zahlen von Funding Circle Deutschland? Versuch einer Interpretation:

  • Für Deutschland nennt der Sechs-Monats-Bericht keine expliziten Ausfallraten. Allerdings ist der Statistik-Seite auf der deutschen Funding-Circle-Website zu entnehmen, dass von den 2016 vergebenen Krediten bis heute 12,5% ausgefallen sind (ganz genau genommen muss es heißen: Von den 2016 vergebenen Krediten sind, als diese im Schnitt 30 Monate alt waren, 12,5% ausgefallen). Schaut man sich hingegen die 2017 ausgereichten Darlehen an, liegt die Quote bei nur 4,1% – wobei diese Kredite im Schnitt ja auch zwölf Monate jünger sind.
  • Stammleser werden sich erinnern, dass wir uns die Ausfallraten bei Funding-Circle Deutschland schon öfter vorgeknöpft haben – zuletzt vor einem Jahr, als wir einen positiven Trend ausmachten. Gilt das nach wie vor?
  • Nicht unbedingt. Denn von den 2017 vergebenen Krediten waren, als diese im Schnitt sechs Monate alt waren, nur 0,5% ausgefallen. Bei den 2018er-Krediten hingegen sind es nach sechs Monate schon 1,0%. Die Datenbasis bzw. der Zeitraum sind noch zu dünn, um daraus eine Trendumkehr abzuleiten. Aber leichterdings beiseite wischen sollte man die Zahl auch nicht.
  • Noch interessanter wird das Ganze, wenn man sich die aktuellen Geschäftszahlen anschaut. Wie neulich schon angemerkt, lag das Kreditvolumen von Funding Circle Deutschland im ersten Halbjahr bei lediglich 53 Mio. Euro – nach 105 Mio. Euro in 2017 insgesamt. Also quasi Stagnation. Die gestern vorgestellten Sechs-Monats-Zahlen gehen nun zwar auf Deutschland nicht explizit ein, wohl aber auf die Region „Developing Markets“, die Deutschland und die Niederlande umfasst. Man erfährt: Der Umsatz in den „Developing Markets“ ist im ersten Halbjahr 2019 verglichen mit dem Vorjahreszeitraum gerade mal um 25% auf 6,5 Mio. Pfund gestiegen – während die Verluste vor Steuern zeitgleich um 71% auf 6,0 Mio gestiegen sind. (Wobei die Verluste de facto höher sein müssten, weil Entwicklungskosten und Overhead-Kosten separat ausgewiesen werden).
  • Lange Rede, kurzer Sinn: Hierzulande stockt das Geschäft – während es in Deutschland PLUS den Niederlanden zwar noch leicht wächst – aber auf Kosten stark steigender Verluste. Dafür kann es viele Gründe geben. Aber ist die Vermutung sehr weit hergeholt, dass die Zahlen auch auf die Straffung von Kreditbedingungen hinweisen könnten?
  • Was sagt Funding Circle Deutschland selber? „Der wichtigste Gradmesser für das Risikomanagement einer Kreditplattform ist die Entwicklung der Renditen – in denen sich ja auch die Ausfallraten widerspiegelt. Und mit dieser Entwicklung sind wir sehr zufrieden.“

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