Warum N26 vom Grover-CFO des „Diebstahls“ bezichtigt wurde

Von Heinz-Roger Dohms

Irgendwann im Laufe des vergangenen Donnerstags ist Thomas Antonioli dann der Kragen geplatzt.

Was man dazu wissen muss: Antonioli ist Absolvent der Insead Business School. Er ist ein früherer „Assistant Vice President“ der Commerzbank. Er ist zudem früherer „Vice President Corporate Finance“ von Kreditech. Und aktuell firmiert er als Finanzchef des bekannten Berliner Startups Grover. Man darf sich Antonioli also als jemanden vorstellen, der seine Worte zu wägen weiß.

Jedenfalls: Von den vier Sprachen, die Antoniolo nach eigenen Angaben beherrscht, wählt er die englische und haut bei Linkedin am vergangenen Donnerstag folgenden öffentlichen Rant gegen die Berliner Smartphone-Bank N26 raus:

„Dear N26,

that your employees are misreading a positive for a negative account balance is in itself already surprising for a bank. That on this basis you close the account without warning, keep the positive balance, hand over the (non-existent) claim to a Debt Collection agency and then stop answering any emails is outright theft and the worst user experience one can have with a bank. I really want to support you as one of the biggest German startup success stories, but this is definitely unacceptable treatment. Please sort it out.“

Uff. „Outright theft“, regelrechter Diebstahl also.

Da schluckt man erstmal. Schließlich ist es kein alltäglicher Vorgang, dass ein Topmanager eines Berliner Startups ein anderes Berliner Startup (und noch dazu das prominenteste der Stadt) eines Verbrechens bezichtigt.

Doch trotz dieses fast schon maximalen Vorwurfs kommt von N26: vier Tage lang keinerlei Reaktion.

Dafür reagieren viele andere. Übers Wochenende bekommt Antoniolis Linkedin-Beitrag mehr als 200 hochgereckte Daumen, unter anderem von zwei Raisin-Managern und vom Friday-CEO Christoph Samwer (was insofern bemerkenswert ist, als sich manche Fintech-Jungs den Daumen eher absägen lassen würden, als ihn unter einen N26-kritischen Post zu platzieren).

Es werden allerdings nicht nur Daumen hochgereckt. Es werden auch die ersten Kommentare abgesetzt. Ein „Software Developer“ von SAP zum Beispiel empfiehlt Antonioli, sich an die Bafin zu wenden. Er hoffe aufrichtig, dass das nicht nötig sein werde, antwortet der Grover-CFO.

Eine junge Dame erkundigt sich „aus purem Interesse“, ob Antonioli irgendein Feedback seitens N26 auf seinen Beitrag erhalten erhalten. „Nope“, gibt Antonioli zurück, dasselbe gelte für die fünf E-Mails, die er in den zurückliegenden 14 Tagen an die Digitalbank geschrieben habe.

„Es wäre beinah witzig, wenn es nicht so traurig wäre“, kommentiert eine andere junge Frau. Gäbe es bei Linkedin neben der „Thumbs up“- auch eine „Big Hug“-Funktion, Antonioli wäre in den vergangenen Tagen ziemlich oft virtuell in den Arm genommen worden.

Indes, nicht jeder, der mit Antonioli fühlt, will gleich den Stab über N26 brechen. Der Coindex-Manager Kai Kuljurgis schreibt:

„Well, guys I get all your thoughts and I really feel for Thomas Antonioli (I would be really pissed if my account was closed w/o notice with funds held back!) – BUT I do not get how people use events like this to rant about successful companies like N26 Group. For me the fact that more issues like this are being reported is in close correlation to the fact that their users are way more digital and online than the ones of e.g. Commerzbank AG (who had even more and more serious issues, while offering a worse product and UX). […]“

Weil N26 erfolgreich ist, soll man sich mit Kritik zurückhalten? Interessante Sicht der Dinge. Aber sei’s drum. Kuljurgis‘ Umarmung jedenfalls ist so allumfassend, dass sie gleich für beide reicht, für den Grover-CFO und für die Digitalbank.

Unterdessen wird die Kommentar-Spalte unter Antoniolis Beitrag immer länger. Nun schlägt die Stunde der Lösungsorientierten, die versuchen, diverse N26-Manager per „Tag“ auf Antoniolis Problem aufmerksam zu machen.

„Martin Schilling, surely this can be sorted“, schreibt ein Nutzer, der sich selber ohne falsche Bescheidenheit als „astute, experienced and decisive business leader“ charakteristiert.

Martin Schilling, das zur Erläuterung, ist der COO von N26. Doch der COO reagiert nicht. N26 ist zwar eine digitale Bank, aber mit Linkedin, so scheint es, haben ihre Manager eher wenig am Hut.

Noch ein Versuch: „Let see if the INSEAD network works“, schreibt ein mutmaßlicher Insead-Absolvent und taggt Will Sorby an, der auch ein Insead-Alumni ist, vor allem aber UK-Chef von N26. Doch auch hier: Keine Reaktion.

Erste Fintech-Promis versuchen, ihre Kontakte spielen zu lassen. Sven Weizenegger, Mitgründer von Perseus, schreibt: „Gerrit Glass. Can you help?“ Gerrit Glass, bei N26 für die internationale Expansion zuständig, rührt sich nicht. René Griemens, dem früheren Finanzchef von Kreditech, wird die Sache jetzt zu bunt. Er will die Dinge offenbar regeln, wie man sie früher geregelt hat, von Mann zu Mann, von C-Level zu C-Level, auf dem kurzen Dienstweg.  Also schreibt er einfach nur: „Valentin S.“ Doch auch der auf diese Weise getaggte Valentin Stalf, Gründer und CEO von N26, reagiert nicht.

Verflixt.

Der Freitag vergeht. Der Samstag vergeht. Der Sonntag vergeht. Der Montag geht auf Mitternacht zu. Und plötzlich meldet sich: Georg Hauer, der neue N26-General-Manager für den deutschen Markt. Offenbar gibt es bei der Berliner Digitalbank also wenigstens einen Großkopferten, der mitbekommt, dass bei Linkedin zu diesem Zeitpunkt seit rund 100 Stunden über N26 abgelästert wird.

 could you please send me a PM? I do not know the context or why this happened but our team will be happy to look into it.“

Nun sei mal dahingestellt, wie „happy“ das Team wirklich ist. Jedenfalls passiert der Linkedin-Timeline zufolge nach dem Hauer-Kommentar rund neun Stunden lang nichts (mag sein, dass der Grover-CFO ein Mann mit einem gesegneten Schlaf ist) – bis Thomas Antonioli schließlich antwortet: „Thanks Georg, PM‘d you.“

Daumen hoch!, kann man da nur sagen.

Und jetzt noch, wie es zu alldem gekommen ist.

Also: Nach Recherchen von Finanz-Szene.de soll Antonioli tatsächlich im Dispo gewesen sein, kommt ja mal vor, zumal bei einem N26-Konto. Ein Kundenbetreuer bat ihn daraufhin, den Dispo auszugleichen, nannte in der entsprechenden E-Mail aber eine viel zu niedrige Summe (offenbar ein Vertipper). Antonioli jedenfalls überwies den Betrag, den ihm N26 genannt hatte, und sogar noch ein bisschen mehr. Damit wähnte er das Konto (aus seiner Sicht: zurecht …) wieder im Plus, in Wahrheit war es aber weiterhin im Minus, wenn auch nicht mehr so stark.

Danach müssen die Dinge irgendwie eskaliert sein: N26 kündigte schließlich das Konto, Antonioli beschwerte sich, kam damit aber offenbar nicht durch, und irgendwann sah er keinen anderen Ausweg mehr, als seinen Rant bei Linkedin abzusetzen. Den Rest, liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie. Ach nein, das Ende kennen Sie noch nicht. Antonioli und N26 haben sich ausgesprochen, der Grover-CFO bleibt Kunde bzw. wird wieder Kunde, Big Hug.

Was zurückbleibt, ist die Frage: Mal angenommen, Herr Antonioli wäre nicht Herr Antonioli, sondern irgendein x-beliebiger Kunde, der nicht in der Lage ist, die halbe Berliner Startup-Community sowie das Insead-Netzwerk aufzuscheuchen … Wie wäre der Fall dann ausgegangen?

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Cyber-Gangster rauben bei Regionalbank mehr als 2000 Konten aus

Von Heinz-Roger Dohms

Liebe Oldenburgische Landesbank, seit wann sind wir bei Dir denn nicht mehr auf dem Presseverteiler? Kürzlich waren wir es doch noch. Und nun, wo Du endlich mal was Spannendes zu erzählen hast, hätten wir es fast nicht mitbekommen. Fast so, als hättest Du es genau darauf angelegt …

Also, was ist passiert: Cyber-Kriminelle haben auf mehr als 2000 (!) Konten bei Dir zugegriffen und dabei 1,5 Mio. Euro erbeutet. Seltsam, dass die Online-Medien gestern und die Zeitungen heute Früh nicht voll sind von der Geschichte. Man muss sich das mal vorstellen: >2000 Konten bei Regionalbank ausgeraubt!!! Was dagegen war im Frühjahr bei N26 und jüngst bei Revolut los, als es um jeweils einen (!) dokumentierten Fall ging …

Wie gut, dass es die „Emder Zeitung“ gibt, die die Sache aufgedeckt hat. Und die regionale „dpa“, die gestern nachhakte und von Dir mitgeteilt bekam, „Konten- oder Kartendaten seien nicht gehackt worden“. Wie beruhigend! Jedenfalls: Wir selber wollen uns die Causa heute mal näher angucken auch um zu sehen, was Mastercard mit der Sache zu tun hat, den deren Debitkarte war ja offenbar das Einfallstor. Bis dahin vertrösten wir unsere Leser mit der Dokumentation der Pressemitteilung, die uns zwar nicht erreicht hat, die wir aber auf deiner Website gefunden haben:

„In der vergangenen Woche hat es eine missbräuchliche Nutzung von Debit Master-Cards gegeben. Betroffen war ein Teil der Karten, die die OLB an ihre Kunden ausgegeben haben. Andere Produkte als die Debit Mastercard waren oder sind nicht betroffen: Kunden, die also beispielsweise eine OLB Girocard, eine Visa-Kreditkarte oder eine normale Mastercard-Kreditkarte nutzen, waren oder sind nicht betroffen.

Es lag ausdrücklich kein Datenschutzfall vor: Konto- oder Kartendaten sind weder bei der OLB noch bei einem Drittanbieter gehackt worden. Es handelte sich um einen Betrugsvorfall aus der organisierten Cyberkriminalität mit gefälschten Karten und Terminals, der aus Brasilien heraus begangen wurde.

Insgesamt beschränkte sich der Betrug auf etwas mehr als 2.000 betroffene Konten. Alle betroffenen Kunden hat die Bank schnell ermittelt und schriftlich informiert. Allen Betroffenen, denen durch die missbräuchliche Verwendung ihrer Debit Mastercards Schaden entstanden ist, wurde der Schaden umgehend vollständig erstattet. Der Kunde musste dafür nichts unternehmen.

Aus Vorsorge sind sofort alle Debit Mastercards gesperrt worden. Anstelle der gesperrten Debit Mastercards sendet die OLB ihren Kunden neue Debit Mastercards zu. Die Debit Mastercard ist ein attraktives Produkt, das für die Kunden die Möglichkeiten in der Bargeldversorgung erweitert. Mit der OLB Debit Mastercard kann man an allen Geldautomaten mit Mastercard-Symbol Geld abheben, innerhalb des Euroraums ist dies in der Regel gebührenfrei.

Die Sicherheit insbesondere der Daten und der Geldeinlagen der Kunden hat für die OLB höchste Priorität. Es ist in diesem Kontext auch gut und wichtig, dass die Schutzmechanismen frühzeitig angeschlagen haben. Wie in der gesamten Finanzbranche wird die Bank in Zusammenarbeit mit allen Dienstleistern die Abwehrmechanismen gegen Cybercrime kontinuierlich weiterentwickeln.“

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5% short! Wer gegen die Deutsche Bank wettet und warum

Von Christian Kirchner

Bei der Deutschen Bank läuft’s eigentlich ganz gut. Seit Tagen schon wackelt kein Vorstand. Die Aktie hat den Absturz gestoppt (+11% seit dem Kurstief vor zwei Wochen). Und was den Frankfurter Krisenvoyeurismus angeht – der richtet sich momentan eher auf die Commerzbank.

Eine gute Gelegenheit also, endlich mal zu arbeiten (und die anstehende Restrukturierung voranzutreiben), ohne sich zugleich um mäkelnde Journalisten und nölende Analysten kümmern zu müssen.

Doch halt – ein Problem ist da ja doch noch. Und das wird die Deutsche Bank nun schon seit Wochen nicht los: Milliardenschwere angelsächsische Hedge-Fonds wetten im großen Stil gegen Aktie des größten Geldinstitute der Republik. Inzwischen sind knapp 5% (!) aller Deutsche-Bank-Aktien meldepflichtig leerverkauft. Wie hoch die Zahl genau ist, weiß niemand. Mutmaßlich dürfte sie aber noch etwas höher sein, da die Fonds ihre Positionen nur dann anzeigen müssen, wenn sie mehr als 0,5% ausmachen (oder kürzlich ausmachten).

Hier die letzten meldepflichtigen Positionen;

Name letzte Leerverkaufsposition
AQR Capital Management 2,40%
Marshall Wace 0,86%
Caxton Associates 0,62%
World Quant 0,59%
Capital Fund Management 0,49%
Summe 4,96%
Stand: 27.8.2019, Quelle: Bundesanzeiger

Bei einem Börsenwert von aktuell 13,3 Mrd. Euro haben die 5% leer verkauften Aktien einen Wert von gut 660 Mio. Euro.

Zur Einordnung: Beim kontrovers diskutierten Zahlungsdienstleister Wirecard sind aktuell lediglich 1,3% der Aktien vom gleichen Phänomen betroffen (Wert: 230 Mio. Euro). Und höhere Quoten an leerverkauften Aktien als bei der Deutschen Bank gibt es hierzulande in der Breite momentan allenfalls bei Industriewerten, bei denen sich Sorge vor einem scharfen Abschwung mit individuellen Problemen kreuzen – etwa Bilfinger, Leoni, Aixtron, Heidelberger Druck oder Thyssen-Krupp.

Was also treibt die Leerverkäufer um? Simpel gesprochen: Die Wette auf weiter fallende Kurse. Dass die Leerverkäufer ihre Positionen selbst dann nicht glattstellten, als die Kurse vor der jüngsten Minimalerholung fielen und fielen, spricht eine deutliche Sprache: Ganz offensichtlich sehen die Hedge-Fonds die Aktie auch auf aktuellem Kursniveau nicht als unterbewertet oder auskorrigiert an.

Hinzu kommt: Hinter den Leerverkaufs-Positionen stehen keine kurzfristigen No-Name-Zocker, sondern bekannte Investoren.

  • AQR Capital Management ist das Vehikel u.a. des US-Investors Cliff Asness, das sich auf empirische Kapitalmarktforschung spezialisiert hat und knapp 200 Mrd. US-Dollar verwaltet. AQR hat die mit Abstand größte Shortpositionen – und diese seit Herbst 2016, damals zu noch deutlich zweistelligen Kursen, auf- und sukzessive ausgebaut.
  • Marshall Wace ist ein britischer Hedge-Fonds, der sich auf Arbitrage-Strategien spezialisiert hat, sprich: Shortpositionen einer Aktie stehen meist Longpositionen anderer gegenüber, und der Fonds wettet auf die relative Kursentwicklung. Welcher Aktien und Indizes genau, Ist Betriebsgeheimnis. Marshall Wace ist ebenfalls schon länger short bei der Deutschen Bank (erste meldepflichtige Position: Februar 2016), anders als …
  • Caxton Associates, die erst im April 2019 als meldepflichtige Leerverkäufer auftauchten. Dabei handelt es sich um jenen Hedge-Fonds, der in den 80er Jahren von dem Trader Bruce Kovner gegründet wurde und weltweit Makrowetten mit dem Fokus auf Trendfolge eingeht – plausibel, denn bei der Deutschen Bank-Aktie geht es ja jetzt schon seit einer Weile trendstark in den Kurskeller.
  • World Quant und Capital Fund Management sind eher kleinere Hedge-Fonds mit ein- bzw. niedrigem zweistelligen Milliarden-Anlagevermögen. Auffällig: World Quant hält weitere kleinere Leerverkaufspositionen in deutschen zyklischen Aktien wie Thyssen-Krupp, Salzgitter, Koenig & Bauer, das Gleiche gilt für Capital Fund Management (Thyssenkrupp, Eon, Salzgitter). Das legt nahe, dass die Hedge-Fonds nicht auf individuelle Themen bei der Deutschen Bank setzen, sondern offenbar eine eher skeptische Haltung gegenüber deutschen Werten mit individuellen Problemen generell haben.

Und bei der Commerzbank? Da muss man zwar bis Herbst nun unter verschärftem Druck des Kapitalmarkts eine neue Strategie ausklamüsern. Immerhin: Leerverkäufer hat die Bank aber nicht am Hals. Seit Jahren taucht allenfalls sporadisch mal eine Adresse mit einer Mini-Position auf.

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Hohe Verluste, Ziele verfehlt: Die üblen Zahlen von Merck Finck

Von Christian Kirchner

Klappern gehört bekanntlich auch in feinen Privatbank-Kreisen zum Handwerk. Anders ist nicht zu erklären, dass das Münchener Geldhaus Merck Finck seit einem Jahr ein wahres Feuerwerk der guten Nachrichten verbreitet. Im Januar war von einer „Wachstumsoffensive“ die Rede, weil 20 neue Mitarbeiter kommen sollten.  Ein paar Tage später verkündete das Traditionshaus „neue Mitarbeiter für Frankfurt“, dann „Verstärkung für den Standort Aachen“, dann den Ausbau der Präsenz im Rheinland, später 15 neue Mitarbeiter in ganz Deutschland.

Noch im Januar berichtete darüber hinaus „Bloomberg“ und kurz darauf die „Börsen-Zeitung“, Merck Finck sei quasi auf „Shopping-Tour“ und habe eine Liste von Übernahmezielen, nachdem 2018 wieder Nettozuflüsse verzeichnet worden seien. Die verwalteten Mittel? Wollte man binnen fünf Jahren verdoppeln. Das waren freilich nicht die ersten Meldungen dieser Art. Denn schon im vergangenen Sommer hatte es bereits geheißen, der „Turnaround“ sei geschafft, Merck Finck prüfe unter anderem Akquisitionen sowie die Anwerbung von Teams.

Expansion, Wachstum, Übernahmen, Verdopplung, Ausbau, Neueinstellungen – so geht das nun also schon seit Monaten bei den noblen Privatbankiers, die im nächsten Jahr ihr 150-jähriges Jubiläum feiern.

Wie es bei Merck Finck in Wirklichkeit aussieht, darüber gibt der jüngst erschienene 2018er-Abschluss Auskunft. Nämlich: düster, um es milde zu formulieren. Und in Sachen Auskunftsbereitschaft über die Zahlen: zappeduster.

Vorgenommen hatte man sich laut Jahresabschluss einen ohnehin eher schmalen operativen Gewinn von 2 Mio. Euro. Geworden ist es dann ein operativer Verlust von 10 Mio. Euro, auch weil die geplanten Erträge und die Höhe des verwalteten Vermögens um rund 20% (!) verfehlt wurden. Das ist selbst gemessen am Zustand der Peer Group eine Performance, die ihresgleichen sucht.

Wie konnte das passieren? Die Bank spricht in ihrem Geschäftsbericht von „Abgängen von wichtigen Beratern insbesondere in den Niederlassungen Düsseldorf und Hamburg“. Die haben, wie in der Branche üblich, offenbar auch zahlreiche Kunden mitgenommen. Statt wie geplant 10,6 Mrd. Euro verwaltete die Bank zum Jahresende lediglich 8,5 Mrd. Euro und arbeitete mit einer selbst für die Branche irre hohen Cost-Income-Ratio von 120% nach bereits 101% im Vorjahr (also jenem Jahr, das laut Vorstandschef Schellenberg „den Turnaround“ markierte).

Die 10 Mio. Euro operativer Verlust sind indes noch nicht alles. Zieht man noch das bankenübliche Gedöns aus Risikovorsorge, sonstigen Zu- und Abflüssen und Abgaben dazu, musste die Muttergesellschaft „die negativen Ergebnisbeiträge durch Ertragszuschüsse in Höhe von 15,8 Mio. € ausgleichen“, wie es im Geschäftsbericht wörtlich heißt.

Einer, der sich von den blumigen Ausführungen über Wachstum und Digitalisierung nicht blenden lassen dürfte, ist Jürg Zeltner. Der hat es vor einigen Tagen zur Prominenz gebracht, weil er neues Aufsichtsratsmitglied bei der Deutschen Bank werden soll.

Hauptberuflich wird sich Zeltner aber unter anderem auch mit der Zukunft von Merck Finck beschäftigen müssen. Denn deren Muttergesellschaft ist die KBL-Gruppe, ein Privatbanken-Konglomerat mit Unterstützung eines Großaktionärs aus Katar. Und seit Mai 2019 einem neuen Chef: Ex-UBS-Mann Zeltner.

Was wird nun aus Merck Finck? Unter dem KBL-Dach hausen nicht weniger als acht Banken. Unter Zeltners Regie soll Anfang 2020 europaweit einen neuen Markenauftritt entstehen, wie das Schweizer Portal „Finews.ch“ vor zwei Wochen berichtete. Wie es mit den Standorten, zentralen Aufgaben und auch den Markennamen weitergeht, dürfte spannend werden.

Wesentliche Kennziffern Merck Finck 2018 (gerundet, in Mio. Euro)

GuV in Mio. € 2018 2017
Zinsüberschuss 4 4
Provisionsüberschuss 43 49
Erträge aus dem laufenden Bankgeschäft 50 57
Verwaltungsaufwand -60 -57
Operatives Ergebnis -10 0
Risikovorsorge 1 2
Ergebnis aus Finanzanlagen 0 2
Saldo sonstige betriebliche Erträge/sonstige betriebliche Aufwendungen 0 -10
Saldo außerordentliche Erträge/außerordentliche Aufwendungen 16 7
Zuführung Fonds für allgemeine Bankrisiken -6 0
Jahresüberschuss 0 1
Mitarbeiter 259 288

Quelle: Geschäftsbericht

Was sagt der Geschäftsbericht von Merck Finck nun zu den Planungen für dieses und die nächsten Jahre? Nicht viel. Im Ausblick präzisiert die Bank kein Ertrags- oder Vermögensziel. Kein Wort von der einst angekündigten Verdopplung des verwalteten Vermögens.

Eher abstrakt ist die Rede von einer „deutlichen Verbesserung der wesentlichen finanziellen und nichtfinanziellen Leistungsindikatoren“, zugleich schränkt man aber ein, dass „ein Teil der Maßnahmen, die 2019 umgesetzt werden, ihre volle Wirkung erst in den Folgejahren entfalten“.

Man rechne „mit einem sukzessiven Ausbau der Geschäftsbeziehungen, einem kontinuierlichen Wachstum der Assets under Management und somit einer Steigerung der Erträge und einer verbesserten Cost-Income-Ratio“, heißt es reichlich unpräzise.

Verbesserung Wachstum, Ausbau, Steigerung – das übliche Vokabular eben.

Was sagt die Bank jenseits des testierten Worts und der testierten Zahlen zu alledem? Finanz-Szene.de übersandte Merck Finck gestern vier Fragen:

  • woran die massiven Ergebnisverfehlungen liegen
  • ob es einen Vollzug bei den angekündigten Übernahmen gibt
  • ob abschätzbar sei, was die Planungen in Sachen Marktauftritt für den Standort/die Standorte von Merck Finck in Deutschland heißen und
  • ob Merck Finck ein Update zu Höhe der Assets, Ertragslage und der Cost-Income-Ratio geben kann

Merck Finck wollte dazu keine Stellung nehmen und teilte mit, bei Fragen wende man sich bitte an die KBL (was wir natürlich tun werden), das Thema Übernahme sei aber „nach wie vor aktuell“.

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Raisin („Weltsparen“) schluckt Vorsorge-Spezialisten Fairr

Von Heinz-Roger Dohms

Ein halbes Jahr nach der Übernahme der Frankfurter MHB Bank hat das Berliner Fintech Raisin („Weltsparen“) die nächste spektakuläre Übernahme gelandet. Wie CEO Tamaz Georgadze im Gespräch mit Finanz-Szene.de berichtete, akquiriert der 2013 gestartete Spareinlagen-Vermittler das im gleichen Jahr gegründete Frankfurter Altervorsorge-Startup Fairr. Zum Kaufpreis wollte Georgadze keine konkreten Angaben machen, er soll aber im signifikanten zweistelligen Millionenbereich liegen.

Mit der Akquisition unterstreicht Raisin seinen Ruf als eines der aggressivsten expandierenden deutschen Finanz-Startups. Schon 2017 hatten die Berliner das UK-Fintech PBF Solutions übernommen, um sich frühzeitig auf dem britischen Markt breitzumachen. Auch in Österreich, den Niederlanden, Spanien, Frankreich ist Raisin aktiv. Zudem hat Georgadze angekündigt, in diesem Jahr in zwei weiteren Märkten an den Start zu gehen.

Vor allem aber erweitert Raisin so konsequent wie wenige andere hiesige Finanz-Startups sein Produkt-Portfolio: Gestartet als Vermittler von Spareinlagen (sprich: hiesige Zinsjäger legen ihr Geld über Weltsparen bei ausländischen Hochzinsbanken an), launchte das Fintech Anfang vergangenen Jahres „Weltinvest“, einen ETF-basierten Quasi-Robo für Geldanlage.

Während Raisins Einlagen-Plattform über alle regionalen Märkte hinweg gerechnet laut Unternehmensangaben auf rund 200.000 Nutzer kommt, liegt „Weltinvest“ groben Schätzungen aus der Branche zufolge bei 10.000 bis 15.000 Kunden. Im Mai hatte Finanz-Szene.de berichtet, dass „Weltinvest“ bei den verwalteten Vermögen die 100-Mio.-Euro-Marke geknackt hat.

„Mit der Übernahme von Fairr decken wir nun die drei wichtigsten Säulen im Bereich der Geldanlage ab – nämlich für kurzfristig orientierte Anleger das Tagesgeld, für langfristig orientierte Anleger ETF-basierte Aktienprodukte und für alle, die von staatlicher Förderung profitieren wollen, die Riester- bzw. die Rürup-Vorsorge“, sagte Georgadze.

Fairr vertreibt Riester- und Rürup-Renten auf Online-Basis und soll bereits auf eine fünfstellige Kundenzahl kommen. Nach Georgadzes Angaben erreicht das ebenfalls in Berlin beheimatete Finanz-Startup zurzeit eine Ablaufsumme (also die zugesagten Versicherungs-Beiträge bis zum Vertragsende) von mehr als 1,5 Mrd. Euro. Der Fairr-Gründer und Geschäftsführer Jens Jennissen bleibt an Bord, auch der Markenname soll erhalten bleiben, allerdings künftig im einem Zusatz versehen: „Fairr by Raisin“.

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Er heißt „Joonko“: Finleap startet seinen Check24-Herausforderer

Von Heinz-Roger Dohms

Der Berliner Fintech-Inkubator Finleap macht Ernst mit seinen Plänen, das Münchner Vergleichsportal Check24 mit einer eigenen B2C-Plattform für Finanzprodukte anzugreifen. Nach Informationen von Finanz-Szene.de ist die Website gestern unter „www.joonko.de“ livegegangen. Fürs erste können Interessenten dort allerdings nur ihre E-Mail-Adresse  hinterlassen. Der eigentliche Launch ist für das vierte Quartal geplant.  „Dann werden die Nutzer zunächst Kfz-Policen vergleichen können, bevor wir unser Angebote im kommenden Jahr um weitere Versicherungs- sowie um Bankprodukte erweitern werden“, sagte Finleap-Managerin Carolin Gabor im Interview mit Finanz-Szene.de. Es ist das erste Mal überhaupt, dass sich der Company Builder zu dem Projekt äußert.

Gründerszene und Finanz-Szene.de hatten die ambitionierten Pläne, die mit Investitionen in deutlich zweistelliger Millionenhöhe einhergehen dürften, im Frühjahr publik gemacht. Damals firmierte das Projekt intern noch unter dem Arbeitstitel „Betterchange“, der Name Joonko wurde erst kürzlich festgelegt. „Joonko ist angelehnt an die japanische Bergsteigerin Junko Tabei, die 1975 als erste Frau den Mount Everest bestiegen hatte“, sagte Gabor. „Dass eine Frau den höchsten Berg der Welt erklimmt, widersprach den damals gängigen Konventionen. Genauso wollen auch wir nun vermeintliche Gesetzmäßigkeiten durchbrechen – etwa die, dass manche Finanzprodukte angeblich zu komplex für den digitalen Vertrieb sind.“

Darüber hinaus stehe „Junko“ im Japanischen für Begriffe wie Ehrlichkeit und Reinheit, sagte Gabor, „auch das passt zu Brand“. Dass Finleap das „u“ durch ein doppeltes „o“ ersetzt, habe damit zu tun, dass das „Doppel-o“ in der Internetbranche positiv besetzt sei („Google“, „Facebook“) und der Name internationalisierbar sei, so Gabor. Hinzukommt: Durch „Joonko“ statt „Junko“ vermeidet Finleap, dass sich dem Nutzer weniger wünschenswerte Assoziationen („Junk“) aufdrängen.

Gründerszene und Finanz-Szene hatten im Mai berichtet, dass Finleap den Check24-Rivalen in Kooperation mit dem chinesischen Versicherungsriesen Ping An (der seit Ende 2018 auch Großinvestor bei Finleap ist) aufsetzen wolle. Zudem sollen nach unseren Informationen auch deutsche Versicherer in das Projekt involviert sein. Gabor sagte im Interview lediglich, „dass ‚Joonko‘ ein Kooperationsprojekt ist“, wer genau die Partner sind, wollte sie noch nicht verraten.

Dagegen bestätigte die Managerin unsere Informationen, wonach sie selbst die Führung des neuen Unternehmens übernehmen werde. Dieser Schritt liegt auch insofern nahe, als Gabor die ehemalige Chefin von Toptarif ist, einem frühen Check24-Konkurrenten, der 2014 vom Heidelberger Vergleichsportal Verivox geschluckt wurde. Ihren Job bei Finleap, wo sie noch als „Chief Commercial Officer“ firmiert, wird Gabor dafür ruhen lassen (hierzu passend unser Artikel „Radikal-Umbau bei Finleap“ von Anfang August).

Das Geschäftsmodell von „Joonko“ wird dem von Check24, Verivox und anderer Internet-Vergleiche ähneln: Nicht der Nutzer zahlt für das Angebot – sondern Banken und Versicherer, die für den Vertrieb ihrer Produkte entsprechende Provisionen  berappen sollen. Dennoch werde „Joonko“ mit der „‚Günstiger ist besser‘-Logik vieler bestehender Vergleichsportale brechen“, sagte Gabor. „Uns geht es nicht unbedingt darum, dem Kunden das scheinbar billigste  Produkt zu empfehlen – sondern das, dass am besten zu seinen Bedürfnissen passt.“ Darüber hinaus werde sich „Joonko“ auch „durch eine sehr relevante Marktabdeckung und eine neue Form der Customer Journey“ auszeichnen.

Tatsächlich dürfte der Erfolg von „Joonko“ davon abhängen, ob es Finleap wirklich gelingt, Banken und Versicherer auf seine Seite zu ziehen und eine Plattform zu bauen, die sich entscheidend von Check24 abhebt. Denn: Eine Marketingschlacht gegen die Münchner wird sich zu vertretbaren Kosten kaum gewinnen lassen (und übrigens: Ein klarer Produkt-USP ist  auch insofern unerlässlich, als sich jeder Anbieter im Vergleichsmarkt zumindest latent der Gefahr aussetzt, von Google plattgemacht zu werden).

Zur Schärfung des Produktprofils hat Finleap zwei ausgewiesene Experten für das Managementteam von Joonko gewonnen. Nämlich den ehemaligen Chief Product Officer von Delivery Hero, Eric Lange (hier sein Linkedin-Eintrag), sowie den Gründer des Sprachportals Bab.la, Andreas Schroeter (und hier seiner).

Lesen Sie in unserem Archiv die große Analyse: Finleap vs. Check24 – Der ultimative Clash zwischen zwei Fintech-Welten

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