Online-Banking bei deutscher Barclaycard spielt verrückt

Von Christian Kirchner

Der Launch eines neuen Online-Bankings in Kombination mit der PSD2-Umstellung hat bei der deutschen Barclaycard zu massiven IT-Problemen geführt. Seit rund drei Wochen sind Online-Foren und Störungsportale voll von Beschwerden frustrierter Kunden, die gar nicht mehr oder nur mit extrem langen Ladezeiten in ihre Konten kommen – unabhängig vom Endgerät. Darüber hinaus erhalten zahlreiche Kunden selbst nach eine erfolgreichem Login keine Übersicht über Umsätze und Abrechnungen.

Auf ihrer Website räumt die deutsche Barclaycard Probleme offen ein: „Barclaycard hat im September die technologische Infrastruktur angepasst und ein neues Online-Banking eingeführt. (…) Die Umstellung lief bisher nicht so reibungslos, wie wir uns das vorgestellt haben. (…) Bis alles so läuft, wie es sein soll, kann es noch etwas dauern.“ Diese Offenheit ist indes bemerkenswert – andere Institute kommunizieren so gut wie gar öffentlich mit Kunden über IT-Schwierigkeiten.

Auch gegenüber Finanz-Szene.de ging das in Hamburg ansässige Unternehmen offen mit dem IT-Debakel um:  „Barclaycard hat im September die technologische Infrastruktur angepasst und ein neues Online-Banking eingeführt. Seitdem haben einige Kunden Probleme beim Zugang sowie bei der Nutzung des Online-Bankings oder unserer App. Viele Kundenanfragen beziehen sich auf Login-Probleme, diese hängen auch häufig mit der neuen PSD2-Richtlinie zusammen. Im direkten Gespräch mit unseren Kunden konnten wir bereits zahlreiche Anfragen hierzu lösen, des Weiteren haben wir Informationen auf unserer Webseite bereitgestellt“, schrieb eine Sprecherin.

Dass ausgerechnet die hiesige Tochter der britischen Barclays-Bank solch massive Probleme mit der PSD2-Umstellung hat, ist erstaunlich – schließlich galt die Barclaycard Deutschland seit dem Launch immer als Erfolgs-Story. Mit dem Launch einer Kreditkarte angelsächsischen Stils (sprich: mit echter Kreditfunktion) füllten die Briten damals hierzulande eine Marktlücke. Nach eigenen Angaben verfügt Barclaycard in Deutschland über mehr als eine Million Kunden.

Hinzu kam als weiterer USP das sogenannte „Karten-Doppel“: Der Kunde erhielt, wenn er es wünschte, sowohl eine Visa- als auch eine Mastercard. In den 90ern, als in Deutschland viele Akzeptanzstellen nur eine der beiden Anbieter akzeptierten, bedeutete das einen echten Wettbewerbsvorteil, übrigens auch in der Vermarktung. Die Spätfolge: Mit rund 1,4 Mio. Kreditkarten ist die Barclaycard heute  einer der größten Emittenten am deutschen  Markt; unter den Anbieter „revolvierender Kreditkarten“ gelten die Briten sogar als der führende Player. Daneben hat Barclaycard Deutschland aber auch längst andere Produkte im Angebot – von Krediten bis zum Girokonto.

Indes, den über Jahre erworbenen guten Ruf droht da Unternehmen mit der missglückten PSD2-Einführung plötzlich zu verspielen.  Nutzer beispielsweise auf dem Portal Trustpilot.com berichten von chaotischen Zuständen.

  • „(….) Onlinebanking eine Katastrophe, zurzeit gar nicht mehr erreichbar. Kontostand seit Tagen nicht einsehbar, davor auch sehr oft problematisch. (29.9.)
  • „Kein Kontoabruf weder über Webseite noch App seit Tagen bzw. Wochen möglich. Auch der Kundenservice, welcher in meinen Augen nicht vorhanden ist, ist ein reiner Witz. Lange Warteschleifen, keine Antwort über Mail“ (28.9.)
  • „Wie schon mehrere hier angegeben haben funktioniert seit Umstellung auf die neue Oberfläche im Internetauftritt (gleichgültig ob PC oder Smartphone) rein gar nichts mehr“ (28.9.)
  • „Da ich selbst Informatiker bin, frage ich wie man einen derart unausgereiften Auftritt freischalten kann. Zumindest könnte man vorübergehend auf das alte Portal zurückschalten. Hotline ist nicht durchzukommen und das komplette Wochenende nicht besetzt, eMails werden nicht beantwortet. “ (28.9.)
  • „Unglaublich, die haben überhaupt nicht im Griff, versuche weit mehr als einer Woche an meine Übersicht zu kommen.“ (25.9.)
  • „Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später erneut. Das ist die Standardmeldung, die man auf jeden Klick im „Online Banking“ für das Platinum Double permanent bekommt. Egal, zu welcher Tages- oder Nachtzeit, egal mit welchem Betriebssystem oder Browser“ (25.9.) 
  • „Katastrophe. Seit mehreren Tagen komme ich nicht meh ins Onlinebanking. Das das neue Onlinebanking eine Usability-Katastrophe ist sei mal außen vor. Ich kann mich meist nicht einloggen (Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es später noch einmal) (24.9.)

Verschärfend kommt hinzu, dass aktuell viele Kunden aufgrund der Insolvenz von Thomas Cook Unterstützung brauchen, wenn sie ihre Reise mit einer Kreditkarte gezahlt haben. Sie versuchen daher, mit Hilfe ihres Keditkartenanbieters Zahlungen zurückzuholen – falls sie ihn denn erreichen. Barclaycard hat dazu aufgrund der überlasteten Hotline eine eigene Informationsseite freigeschaltet.  „Aktuell ist das Anrufvolumen aufgrund der Themen Online-Banking, PSD2 und Thomas Cook-Insolvenz etwa drei Mal so hoch wie gewöhnlich“, erklärte eine Sprecherin auf Anfrage.

Immerhin gab es am Montag einen Teilfortschritt: „In der vergangenen Woche stand die iOS-Version der Barclaycard App nicht zur Verfügung. Die Kunden hatten neben der App Zugang zu ihrem Online-Banking auf der Webseite. Seit heute steht auch die iOS-Version der Barclaycard-App wieder zur Verfügung“, so eine Sprecherin.

Probleme mit der PSD2-Umstellungen hatten zahlreiche Banken, darunter die Postbank, Commerzbank und auch die DKB. Anders als Barclaycard hatten diese Institute zumindest die größten Schwierigkeiten nach einigen Tagen oder oft sogar Stunden im Griff

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Wirecard: Unter den Kreditgebern sind Commerzbank, ING Diba und LBBW

Von Heinz-Roger Dohms

Das Geheimnis, welche Banken hinter der 1,75 Mrd. Euro schweren Kreditlinie für Wirecard stehen, ist weitgehend gelüftet. Wie Finanz-Szene.de in einem Anleiheprospekt des Zahlungsdienstleister entdeckt hat, agiert als Konsortialführerin die Commerzbank. Daneben führt  das Dokument  (als“Mandated Lead Arrangers“) die ABN Amro, die ING Bank, die ING Diba und die LBBW auf. Vermutlich stehen die genannten Institute  nicht hinter der gesamten Kreditlinie, wohl aber für einen beträchtlichen Teil.

Über die Frage, welche Banken den teuren Expansionskurs von Wirecard finanzieren, herrschte bislang Rätselraten. Finanz-Szene.de hatte im vergangenen November zwar gemutmaßt, dass die Commerbank und die ING Diba unter den kreditgebenden Banken sind – sicher waren wir uns damals allerdings nicht. In Finanzkreisen war darüber hinaus auch über die Deutsche Bank spekuliert worden. Hintergrund: Die „Financial Times“ hatte im März berichtet, dass Wirecard-Vorstandschef Markus Braun einen 150 Mio. Euro schweren Kredit bei der Deutschen Bank aufgenommen und als Sicherheit rund 4 Mio. Wirecard-Aktien hinterlegt habe. Als Kreditgeber des Unternehmens wird die Deutschen Bank in dem Prospekt jedoch nicht genannt.

Umso bemerkenswerter, dass die Deutsche Bank trotzdem jenes Konsortium anführt, das die 500 Mio. Euro teure Wirecard-Anleihe jüngst erfolgreich am Kapitalmarkt platziert hat. Als weitere „globale Koordinatoren“ zählt das Prospekt die ING Bank  und die Crédit Agricole auf. Weitere Emissionsbanken waren die Citigroup, die Credit Suisse, die ABN Amro und die Lloyds Bank auf.

Wirecard hatte jüngst mitgeteilt, mit dem Anleiherlöse einen Teil seiner Bankenkredite ablösen zu wollen. Ob dies mittlerweile geschehen ist, wollte der Zahlungsdienstleister nicht kommentieren. Eile hätte der Dax-Konzern theoretisch keine. Die Kreditlinie sollte ursprünglich bis Juni 2023 laufen. Zusagen in Höhe von 1,55 Mrd. Euro wurden dem Anleiheprospekt zufolge inzwischen aber schon auf Mitte 2024 ausgeweitet.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Postbank hat erneut massive Probleme im Online-Banking

Von Christian Kirchner

Bei der Postbank ist es am Montag erneut zu einer Großstörung gekommen. Laut Nutzermeldungen hatten Kunden ab circa 9 Uhr massive Probleme, sich ins Online-Banking einzuloggen oder die Banking-App zu nutzen. Das Portal „allestörungen.de“ registrierte am späten Vormittag über 500 zeitgleiche Störungsmeldungen von Nutzern. Erst ab etwa 14 Uhr ging die Zahl der Störungsmeldungen wieder zurück, am späten Nachmittag war das Problem gemäß der Meldungen endgültig behoben. Schwierigkeiten im Online-Banking sind für Kunden rund um den Monatswechsel besonders unangenehm, da dann stets die Spitzenlast an Überweisungen anfällt. Hinzu kommt, dass aktuell in Berlin und anderen östlichen Bundesländern zahlreiche Filialen im Zuge von Warnstreiks geschlossen sind.

Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter posteten am Vormittag und Mittag zahlreiche Kunden ihre Fehlermeldungen, laut denen vor allem der Mobile-Banking-Server nicht erreichbar sei. Die Postbank antwortete mehrfach, die Störung sei „bekannt“ und es werde „mit Hochdruck“ an einer Lösung gearbeitet.

Finanz-Szene.de bat die Pressestelle der Postbank um eine Stellungnahme. „Heute Morgen kam es kurzfristig im Banking & Brokerage zu Performanceproblemen. Die Störung war schnell behoben. Im Postbank Finanzassistent gab es noch bis zur Mittagszeit Anmeldeprobleme. Jetzt läuft aber alles wieder störungsfrei“, so die Bank am Nachmittag.

Besonders ärgerlich für Kunden: Bei der Postbank war es zuletzt wiederholt zu Schwierigkeiten gekommen, siehe unsere Berichterstattung von Mitte September:

PSD2-Umstellung bei der Postbank endet im Chaos

Ähem: Klappt bei der Postbank eigentlich irgendwas?

Unterdessen müssen sich die Postbank und ihre Kunden  auf weitere Warnstreiks einstellen. Die Gewerkschaft Verdi hat zu entsprechenden Arbeitsniederlegungen aufgerufen. In Berlin und Brandenburg sollen 70 bis 80 Filialen bis einschließlich Mittwoch geschlossen bleiben, auch in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt soll die Arbeit ruhen.

Die Postbank hat für ihre Kunden eine eigene Seite unter https://www.postbank.de/privatkunden/streikinfo.html eingerichtet, auf der die Verfügbarkeit der Filialen online erfragt werden kann. Die Nutzer der Hotline erhielten den Hinweis, sich „aufgrund eines möglicherweise erhöhten Anrufaufkommens auf längere Wartezeiten einzustellen, sofern Sie mit einem Kundenberater verbunden werden möchten.“

Auch bei der deutschen Santander-Bank gab es am Montag Probleme mit dem Kontozugang. 

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Diese acht Details zur neuen Commerzbank sollten Sie kennen

Von Christian Kirchner

Eigentlich dachten wir, zur neuen Strategie der Commerzbank sei schon alles gesagt (siehe hier, hier, hier , hier und hier). Dann jedoch sind wir auf ein paar Details gestoßen, die Sie womöglich noch nicht kennen – in jedem Fall aber kennen sollten.

Voilà:

1.) Martin Zielke macht den Sewing – und versucht ebenfalls die Quadratur des Kreises, also steigende Erträgen bei sinkenden Kosten

Im Wust der vielen Zahlen verliert man bisweilen ja den Überblick. Aber das Problem der Commerzbank ist im Kern das gleiche wie das der Deutschen Bank: Die Kosten sinken einfach nicht so schnell wie die Erträge. Seit 2012 – dem ersten Jahr nach Abschluss der Dresdner-Bank-Integration – hat die Coba 1,2 Mrd. Euro an Erträgen verloren und die Kosten im gleichen Zeitraum nur um magere 0,2 Mrd. Euro gesenkt.

Nun kündigt die Bank (bereinigt um den mBank-Verkauf) steigende Erträge bis 2023 an, bei zugleich um 10% sinkenden Kosten (5,5 Mrd. Euro 2023 vs. 6,1 Mrd. Euro ex mBank aktuell 2019). Mal sehen, wie das gelingen soll.

2.) Die größte Herausforderung für die Commerzbank werden die Kreditausfälle

Die Commerzbank agiert seit Jahren in einem Umfeld extrem niedriger Kreditausfälle – und hatte trotzdem Schwierigkeiten, Erträge und Gewinn zu steigern. Angesichts der konjunkturellen Eintrübung werden die Kreditausfälle aller Voraussicht nach steigen (was sich im zweiten Quartal bereits andeutete). Ob die Coba diese Herausforderung stemmen kann, bleibt abzuwarten.

Kreditausfallraten Commerzbank in %

Kreditausfallrate Commerzbank

Quelle: UBS

3.) Die Neukunden helfen nicht, die wegbrechenden Erträge (einigermaßen) zu kompensieren

Bei der Präsentation der neuen Strategie gab Commerzbank-Chef Zielke einen interessanten Hinweis: Die seit 2013 geworbenen neuen Kunden hätten zuletzt für ein Drittel der Erträge der Bank gesorgt.

Wenn diese Rechnung stimmt, heißt das im Umkehrschluss: Mit den übrigen knapp 10 Mio. Kunden hat die Commerzbank seit 2013 ein Drittel der Erträge verloren. Denn die Erträge der Bank sinken: 2013 waren es noch 9,3 Mrd. Euro, im vergangenen Jahr nur noch 8,6 Mrd. Euro.

Damit stellt sich die Frage: Wieso drosselt (in ihren eigenen Worten: dosiert) die Commerzbank ihr Neukundenwachstum auf nur noch 1 Mio. bis 2023 (nach 2 Mio 2016-2020)? Vielleicht, weil diese Strategie schlicht nicht mehr verfängt und das Institut bei der Ausschöpfung an Grenzen stößt?

4.) Der Commerzbank geht es darum jetzt um „Kundenprofitabilität“, nicht mehr so sehr um Kundenwachstum

Bei der extensiven Verwendung des Begriffs des „Netto-Neukundenwachstums“ in Commerzbank-Präsentationen kann man schon mal ein wenig den Überblick verlieren, drum hier noch mal kurz die Eckdaten: Aktuell verfügt die Commerzbank nach eigenen Angaben über 13,4 Mio.  Privat-und Firmenkunden in Deutschland. Lässt man die rund 1,2 Mio. Kunden von Ebase (wurde von der Comdirect verkauft) außen vor, sind es 12,2 Millionen Kunden.

Nun will die Commerzbank rund 1,1 Millionen Kunden herauswerfen wegen Inaktivität und eine 1 Mio. Kunden gewinnen. Damit würde die Bank beim Erreichen ihrer Ziele Ende 2023 über 12,3 Millionen Kunden verfügen. Wie man es auch dreht – „netto“ gewinnt die Bank kaum Kunden, inklusive des Ebase-Verkaufs verliert sie sogar welche. Was sich verbessert dürfte, ist allerdings die Kundenstruktur. Das schreibt die Bank auch in ihrer am Freitag vorgelegten Präsentation: Priorität hat die „Kundenprofitabilität“, erst danach kommt das „Wachstum“.

5.) Der angestrebte Personalabbau ist für die Commerzbank kein großes Problem

Die Commerzbank plant den Abbau weiterer 2300 Vollzeitstellen bis 2023. Dabei ist vom alten Ziel der 9600 Stellenstreichungen bis 2020 erst rund die Hälfte „abgearbeitet“.  Das klingt enorm ambitioniert angesichts von aktuell noch 41.300 Vollzeitstellen.

Ist es aber nicht. Denn beim Stellenabbau tickt die Uhr nicht gegen, sondern für die Bank. Der Grund ist die Mitarbeiterstruktur, die über die vergangenen Jahre deutlich (um rund fünf Jahre seit 2008) „gealtert“ ist: Im Schnitt sind die Mitarbeiter 45 Jahre alt und seit 21 Jahren bei der Bank beschäftigt. Damit nähern sich tausende Beschäftigte in den kommenden vier Jahren jedem Alter, in dem Altersteilzeit-  oder Vorruhestands-Lösungen infrage kommen.

Auch den bisherigen Abbau hat die Commerzbank weitgehend geräuschlos hinbekommen: In den Jahren 2016 bis 2018 sprach die Bank ganze 23 Kündigungen aus, einigte sich aber mit 1840 Mitarbeitern einvernehmlich über einen Austritt, wie aus dem Nachhaltigkeitsbericht hervor geht.

6.) Das Einstellungstempo bei der Commerzbank wird sich verlangsamen

Die Commerzbank redet ganz gerne über die Dinge, die „nach vorne“ gehen, also betonte sie gleich mehrfach im Zuge ihrer Strategiepräsentation, man werde zwar 2300 Stellen netto abbauen bis 2023, brutto seien es aber sogar 4300. Mithin: Es würden also auch 2000 Leute eingestellt.

Klingt offensiv. Sind aber nicht mehr also 500 neue Mitarbeiter pro Jahr. 2018 waren es: 658.

7.) Das Renditeziel von 4% Eigenkapitalrendite für 2023 ist (besorgniserregend) niedrig

Gewiss: Nach einer Dekade des Scheiterns an den eigenen Kosten- und Renditezielen (hier eine Übersicht) tut die Commerzbank gut daran, lieber mal tiefzustapeln: 4% Eigenkapitalrendite sollen es also bis 2023 wieder sein, wenn es richtig gut läuft, dann 5%.

Handelt es sich dabei um eine realistische Planung, dürfte die Commerzbank als potenzielles Ziel einer Übernahme nur dann interessant sein, wenn sie von einem möglichen Käufer brutalstmöglich ausgeschlachtet würde. Denn die Eigenkapitalrenditen anderer europäischer Großbanken sind in der Regel mehr als doppelt so hoch, exemplarisch die durchschnittlichen Eigenkapitalrenditen börsennotierter Großbanken (2018) lt. UBS-Hochrechnung 3030in

Italien: 6%

Frankreich: 9%

Schweiz: 9%

Benelux: 12%

Spanien: 11%

8.) Die Comdirect-Vollübernahme wird ein Kraftakt werden

Kaum zu glauben, aber: Der Ausgabepreis der Comdirect-Aktie vor fast 20 Jahren lag bei 31 Euro. Für 11,44 Euro je Aktie will die Commerzbank nun die verbliebenen freien Aktionäre abfinden, die Comdirect integrieren und die Marke verschwinden lassen.

Der Hedgefonds Petrus Advisers veröffentlichte am Freitag eine Pflichtmitteilung, nach der er nunmehr 3% der Aktien hält – er macht bereits seit 2017 Druck auf die Commerzbank, mehr für die Rendite der Comdirect-Aktie zu tun.

Mit 3% der Aktien hat Petrus rund ein Sechstel der frei verfügbaren Aktien unter Kontrolle. Das ist unangenehm für die Commerzbank, denn um die Aktie per Squeeze-Out-Verfahren von der Börse zu nehmen und Kosten zu sparen, sind 95% der Aktien nötig. Gut möglich, dass Petrus Advisers weitere 2% der Aktien einsammelt – da ein Übernahmeangebot im Raum steht, ist dieses Engagement nach unten „abgesichert“.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Vertriebschef Peter Walz verlässt Concardis nach nur einem Jahr

Von Heinz-Roger Dohms

Heimlicher Abgang bei Concardis – dem einstigen Payment-Spezialisten  der deutschen Banken, der inzwischen zum dänischen Nets-Konzern gehört): Laut Informationen von Finanz-Szene.de hat „Chief Sales Officer“ Peter Walz intern seinen Rückzug verkündet – obwohl der vormalige Vodafone-Manager erst vor gut einem Jahr nach Eschborn gewechselt und von Concardis-Chef Robert Hoffmann (der ebenfalls der Telekom- und nicht der Payment-Branche  entstammt) als „große Verstärkung“ gepriesen worden war.

Concardis begründete die Personalie auf Anfrage von „Finanz-Szene.de mit Veränderungen am Organisations-Modell. In einer Stellungnahme hieß es:

„Die Zusammenarbeit mit Peter Walz war sehr erfolgreich – insbesondere im Hinblick auf den Aufbau der Vertriebsorganisation (mit eigenem Online-, Tele- und Field Sales) für das KMU-Segment, das ein zentrales Element in der Strategie von Concardis ist. Letztendlich haben wir uns im Zuge der Reorganisation jedoch für internationale Segmentspezialisten entschieden: Europaweit verantworten nun Patrick Höijer als „Chief Commercial Officer (CCO) – Large & Key Account Nets Merchant Services“ das Großkundengeschäft und Thorsten Haeser als „Chief Commercial Officer (CCO) – SME Business Nets Merchant Services“ das KMU-Geschäft.“

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Fintech Gini verschleißt zweiten CEO binnen sechs Monaten

Von Heinz-Roger Dohms

Chef-Verschleiß bei Gini: Wenige Monate nach dem Ausscheiden von Gründer Steffen Reitz (wir berichteten) hat laut Informationen von Finanz-Szene.de auch dessen Nachfolger als CEO – also der  im Frühjahr verpflichtete Martin Anders – das  Münchner Fintech verlassen. Auf Nachfrage teilte Gini mit, die Trennung sei einvernehmlich erfolgt; Anders, der zuvor bei IDNow tätig war, wollte sich nicht äußern. Die Geschäfte führt künftig Holger Teske, der das Unternehmen 2010 mit Reitz und einem weiteren Kompagnon gegründet hatte.

Gini gehörte lange Zeit zu den unbestritten erfolgreichsten deutschen Fintechs – obwohl sich die Münchner bei der Gründung (damals noch unter dem Namen Smarchive) gar nicht als Finanz-Startup sahen. Die Geschäftsidee lag vielmehr darin, so etwas wie einen digitalen persönlichen Assistenten zu entwickeln, der sich um alle lästigen Aufgaben rund um den persönlichen Papierkram kümmert – von der Optimierung von Verträgen bis zur Steuererklärung.

Bald zeigte sich jedoch, dass die Technologie der Münchner (bei der es im Kern um die automatische Erkennung abfotografierter Dokumente geht) gerade bei Rechnungen hervorragend funktionierte. So erfolgte 2013 – pünktlich zur Einführung der IBAN –   die Umbenennung von „Smarchive“ in Gini: Aus dem ursprünglichen B2C-Startup wurde peu à peu ein B2B-Fintech, dessen Technologie bald in den Apps der meisten deutschen Banken zum Einsatz kam – und bis heute kommt.

In Branchenkreisen heißt es, aus dieser Historie heraus gehöre Gini bis heute zu den umsatzstärksten B2B-Fintechs hierzulande – auch weil es gelang, neben den Banken eine weitere Kundengruppe zu erschließen, nämlich Buchhaltungs-Startups wie Fastbill (hier der Use Case) oder Billomat (hier der Use Case). Darüber hinaus war von Gini zuletzt allerdings nicht mehr viel zu hören. Es heißt, das Unternehmen habe stark investiert, um demnächst das Produktportfolio zu erweitern und die eigene Technologie in neue Märkte zu bringen.

Ob sich Gini dauerhaft als reines B2B-Fintech positionieren will ist unklar. Von ausgeschiedenen Gründer Reitz (der auf eine Linkedin-Anfrage von Finanz-Szene.de nicht reagierte) heißt es, seine Leidenschaft habe eher dem B2C-Ansatz gegolten.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Commerzbank kappt Ertragsziel und plant höhere Gebühren

Commerzbank-Turm in Frankfurt

Von Christian Kirchner

Die Commerzbank stimmt ihre Kunden im Zuge ihrer neuen Strategie „Commerzbank 5.0“ auf höhere Gebühren ein.  Laut Ad-Hoc-Mitteilung von Donnerstagabend will das Institute bei seinen Kunden „zusätzliche Ertragspotenziale konsequent nutzen“ und „eine neue Preisstrategie“ einführen – beides Formulierungen, die höhere Entgelte nahelegen. Details nannte die Bank noch nicht, außer, dass „das Basisangebot durch ein modulares Angebot ergänzt“ werde und „bei kostenlosen Basisprodukten künftig im Sinne einer Fair-Use-Policy auch Inaktivität bepreist“ werde (also das, was Fidor neuerdings auch macht).

Ferner kippte das Institut seine Ertragsziele für das laufende Jahr. Wegen eines verschärften Marktumfelds „erwartet die Bank für das Jahr 2019 nicht länger steigende bereinigte Erträge“, heißt es in der Mitteilung.

Die übrigen verkündeten Details der Strategie „Commerzbank 5.0“ entsprechen in wesentlichen Zügen dem, was die Frankfurter bereits am vergangenen Freitag vorab bekannt gegeben hatten. Konkret soll/en …

  • netto rund 2300 weitere Stellen bis 2023 wegfallen
  • 200 der aktuell rund 1000 Filialen schließen
  • die Mehrheitsbeteiligung an der polnischen mBank (Wert aktuell: rund 2,2 Mrd.  Euro) verkauft werden
  • die Tochter Comdirect auf die Commerzbank verschmolzen werden. Die freien Aktionäre der Comdirect erhalten entsprechend ein Übernahmeangebot in Höhe von 11,44 Euro je Aktie; aktuell hält die Commerzbank rund 82% der Aktien.
  • 750 Mio. Euro als zusätzliche Mittel in die Digitalisierung, die IT-Infrastruktur und in Wachstum investiert und rund  850 Mio. Euro für die Restrukturierung aufgewendet werden.
  • eine Million inaktive Kunden loswerden (siehe auch unsere Detailanalyse hier)

Bis 2023 will die Commerzbank dann auf eine Kostenbasis von 5,5 Mrd. Euro jährlich kommen (aktuell für 2019 erwartet: 6,4 Mrd. Euro).  Als Eigenkapitalrendite werden mindestens 4% angestrebt (zuletzt im Q2 erreicht: 4,3%, siehe Quartalsbericht).

Im Zuge des Strategie-Updates regelt die Commerzbank auch die Nachfolge des zur Danske Bank wechselnden Finanzchefs Stephan Engels. Seine Nachfolgerin wird spätestens im März 2020 Bettina Orlopp, bislang im Vorstand zuständig für Personal, Compliance und Recht. Zwei dieser drei Ressorts (nämlich Personal und Compliance) gehen an Sabine Schmittroth, bisher Bereichsvorständin im Privatkundengeschäft der Commerzbank. Um das Thema Recht wird sich CEO Martin Zielke in Zukunft persönlich kümmern.

Die Commerzbank-Aktie reagierte auf den Vollzug unbeeindruckt und notierte gegen 19:45 Uhr im außerbörslichen Handel 0,6% schwächer zum Vortag. Seit Vorab-Bekanntgabe der Pläne hat die Aktie damit rund 7% an Wert verloren.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Commerzbank bremst (wahres) Neukunden-Wachstum auf Null

Von Christian Kirchner

Bei der Commerzbank ist die Strategie der aggressiven Neukundengewinnung an ihre Grenzen gestoßen und wird daher drastisch gestutzt. Das geht (so ist jedenfalls unsere Interpretation) aus der gestrigen Mitteilung zur neuen Strategie „Commerzbank 5.0“ hervor. Die neuen Planungen laufen rein rechnerisch darauf hinaus, 2023 netto mit genau so vielen Kunden dazustehen wie heute.

Gestartet hat die Commerzbank ihre Großakquise im Herbst 2016 im Zuge ihrer Strategie „Commerzbank 4.0“. Das Ziel damals: 2 Mio. Neukunden bis 2020. Erreicht hat sie bislang 1,3 Mio. Macht ein Tempo von rund 430.000 pro Jahr.

Nun gibt die Coba als neue Losung aus: 1 Mio. weitere Netto-Neukunden bis 2023. Macht ein „Tempo“ von nur noch rund 240.000 Neukunden pro Jahr, mithin also ein annähernd halbiertes Wachstumstempo. Denn: Für die ursprünglichen Ziele fehlten ja noch 700.000 Kunden bis 2020. Nun lässt man sich für den „Rest“ von 300.000 also weitere drei Jahre Zeit. Das Ganze heißt dann in der Mitteilung auch: „dosiert weiterwachsen“.

Aber selbst das ist nicht die ganze Geschichte. Unter „Netto-Neukundenwachstum“ müsste man eigentlich eine Bereinigung um jene Kunden verstehen, die die Bank verlassen haben oder verlassen müssen.

Aber in der Mitteilung findet sich folgender Satz:

„Nach (…) einer noch zu durchführenden Beendigung meist inaktiver Kundenkonten in Höhe von 1 (…)  Million setzt die Bank ihr weiteres Wachstum auf einer aktiven Kundenbasis von 11,1 Millionen fort.“

Konkret heißt das: die Commerzbank senkt mal eben den Basiswert ihrer Betrachtung um eine volle Million Kunden, die man wegen Inaktivität vor die Tür setzt und rechnet hernach von da an weiter.

Würde man das mit dem netto hingegen ernst nehmen, dann hieße das: Die Commerzbank landet in Sachen Kundenzahl 2023 auf einem Niveau, das sie aktuell hat. Denn 1,1 Mio. Kunden werden gestrichen. Bevor dann 1 Mio. Kunden hinzukommen sollen.

Entsprechende Zahlen bestätigten sich auch auf der Commerzbank-Pressekonferenz am Freitag vormittag. Demnach hat die Commerzbank aktuell 13,4 Millionen Kunden und gibt 2,3 Millionen Kunden über den Verkauf von eBase (rechnerisch 1,2 Mio. Kunden) sowie aufgrund Inaktivität (1,1 Mio Kunden) ab. Von den dann 11,1 Millionen Euro aus will man 1 Million Netto-Neukunden gewinnen.

Die Rechnung: Aktuell hat die Commerzbank also ohne eBase

13,4-1,2 = 12,2 Millionen Kunden

…und will 2023 bei 11,1 (Bestand bereinigt) + 1 Mio. Netto-Neukunden = 12,1 Millionen landen.

Woher der Sinneswandel? Darüber lässt sich nur spekulieren, aber das tun wir gerne: Den Verdacht, mit der aggressiven Neukundenakquise viele (später inaktive) „Prämienhopper“ angelockt zu haben, wies die Commerzbank stets von sich. Die Neukunden seien nach 18 bis 24 Monaten profitabel, erklärte die Commerzbank. Dem tritt die Commerzbank indes entgegen. Die seit 2013 gewonnenen Neukunden trügen 1/3 zum Ertrag bei, erklärte Commerzbank-Chef Zielke am Freitag morgen.

Erstaunlich nur: Ebenjene Erträge pendeln Quartal um Quartal zwischen 2,1 und 2,2 Mrd. Euro. Und nun: Hat die Commerzbank gestern Abend eingeräumt, dass sie ihr diesjähriges Ertragsziel verpassen wird.

Unstrittig ist auch, dass die Neukundengewinnung viel Geld verschlingt – bei branchenüblichen Akquisekosten von mindestens rund 200 Euro (Prämien plus Marketing plus Administration) dürfte die Commerzbank in in den letzten drei Jahren mindestens 250 Mio. Euro berappt haben – konservativ kalkuliert. Folge: Die Kosten wollen einfach nicht sinken – sie betrugen zuletzt Quartal um Quartal rund 1,6 Mrd. Euro. Und zwar: netto.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Volksbank Mittelhessen düpiert mit Fintech-Deal eigenes Lager

Von Heinz-Roger Dohms

Eine der größten deutschen Genobanken, nämlich die Volksbank Mittelhessen, geht auf Konfrontationskurs zum eigenen Lager. Nach Informationen von Finanz-Szene.de kollaboriert das Gießener Institut seit kurzem mit dem Münchner Robo Advisor Solidvest – und das, obwohl die  Union Investment (also der Fondsdienstleister der Volks- und Raiffeisenbanken) mit „MeinInvest“ ein eigenes Robo-Tool im Angebot hat. Konkret sieht die Kooperation so aus, dass die Volksbank digitalaffine Anleger an Solidvest vermittelt – und im Gegenzug an den jährlichen Gebühren (die für den Kunden bei 0,9% liegen) zur Hälfte beteiligt wird, wie ein Sprecher mitteilte.

Vom Prinzip her ähnelt der Deal dem, den die ING Diba vor zwei Jahren mit Scalable Capital eingegangen war. Die Implikationen allerdings sind deutlich heikler:  In einer großen Reportage („Wie Deutschlands Banken ihre Robo Advisor absaufen lassen“) hatte Finanz-Szene.de kürzlich beschrieben, dass die Sparkassen (mit dem Deka-Angebot „Bevestor“) und die Volks- und Raiffeisenbanken mit „MeinInvest“ zwar längst über eigene Robo Advisor verfügen – die Angebote aber allem Anschein nach kaum vertrieben werden. Wenn sich eine große Volksbank wie die aus Mittelhessen (rund 330.000 Kunden, gut 8 Mrd. Euro Bilanzsumme) nun einen alternativen Anbieter sucht, kann dass der Union Investment und der dahinter stehenden DZ Bank nicht gefallen.

Gleichwohl: Ob die Kooperation im Alltag wirklich funktionieren wird, bleibt abzuwarten. Vor anderthalb Jahren war die Sparkasse Hamburg eine ähnliche Partnerschaft mit Investify eingegangen (damaliger Investify-Chef war übrigens Sebastian Hasenack, der inzwischen bei Solidvest die Geschäfte führt). Nach wenigen Monaten wurden die Kooperation allerdings klammheimlich beendet. Der Grund, so jedenfalls Informationen von Finanz-Szene.de: Die Filialberater konnten sich für das provisionsarme Produkt nicht wirklich erwärmen.

Tatsächlich gibt es außer ING/Scalable bislang keine Banken-Robo-Kombi hierzulande, die sich wirklich als Erfolg werten ließe. Selbst N26 hat sein Robo-Angebot (hinter dem der Frankfurter Anbieter Vaamo stand) mittlerweile dichtgemacht. Auf die Frage, warum sich die Volksbank Mittelhessen für Solidvest entschieden habe, führte der Sprecher an, dass die Münchner eine digitale Vermögensverwaltung auf „Einzeltitelbasis“ anbieten –  sprich: Es wird direkt in Aktien und Anleihen investiert. Dieser Ansatz unterscheidet sich auch von „MeinInvest“. Trotzdem biete die Volksbank Mittelhessen auch „MeinInvest“ weiterhin an, sagte der Sprecher.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Wie Deutschlands Banken in die Mischfonds-Falle tappten

Von Christian Kirchner

Hieß es nicht mal, die Provisionen würden Deutschlands Banken retten? Ja, hieß es – vor ziemlich exakt zwei Jahren war das, als die Banken laut Niedrigzins-Umfrage von Bundesbank und Bafin eine kühne Prognose wagten: Ja, der Einbruch der Zinsüberschüsse kostet uns zwar die Hälfte unserer Gesamtrentabilität in den kommenden fünf Jahren ohne weitere Maßnahmen. Aber das machen wir mit steigenden Provisionsüberschüssen annähernd wieder wett!

Es ist anders gekommen, weiß man seit dieser Woche. Wie aus der am Montag veröffentlichten Buba-Ertragslagestatistik hervorgeht, ist das aggregierte Provisionsergebnis der deutschen Banken letztes Jahr um 3% auf nur noch 29,6 Mrd. Euro gesunken (und liegt damit nun wieder ungefähr auf dem Niveau von 2014). Vor allem aber: Besserung ist nicht in Sicht. So steht es zum einen im ebenfalls diese Woche veröffentlichten Buba/Bafin-Stresstest für kleine und mittelgroße Banken.

Und zum anderen? Zum anderen sieht es so aus, als stünden die deutschen Banken ausgerechnet bei einem ihrer provisionsträchtigsten Thema der letzten Jahre an der Kundenfront vor einem Desaster – bei den Mischfonds nämlich.

Können wir diese These belegen? Naja, zumindest haben wir ein paar Indizien gesammelt. Denn wussten Sie, …

  • … dass die durchschnittliche Performance in Deutschland vertriebener Mischfonds 2018 schlicht desaströs war?
  • … dass die langfristige Performance der Fonds real gen Null tendiert?
  • … dass laut einer Morningstar-Studie die Gebühren für Mischfonds die zweithöchsten der Welt sind?

Vor allem aber: Wussten Sie, dass der Mischfonds-Absatz hierzulande in den vergangenen Monaten (aufgrund der drei genannten Punkte?!?) regelrecht kollabiert ist?

Doch der Reihe nach:

Als die EZB 2012 („Whatever it takes“) begann, die Zinsen endgültig gen Null zu treiben, war das für die Banken eine Zäsur. Und zwar nicht nur im Einlagen- und Kreditgeschäft. Sondern auch im Wertpapiervertrieb. Die Losung lautete fortan: Wenn es da draußen keine risikolosen Zinsen mehr gibt, dann müssen die Kunden eben gewisse Risiken eingehen – aber natürlich nicht zu viele.

Der argumentative Überbau für die „Ära der Mischfonds“ war geschaffen.

Tatsächlich hatten die Produkte bis dahin im deutschen Fondsmarkt nur eine untergeordnete Rolle gespiegelt. 2011 und 2012 zusammen floss ihnen unter dem Strich nichts zu.

Nun aber zog der Markt plötzlich an. Und wie. 2013 betrug der Nettoabsatz in Mischfonds bereits 18 Mrd. Euro. Doch dies war nur die Ouvertüre. Denn danach kam das hier:

Mittelaufkommen (netto) in Mrd. Euro (gerundet)
Mischfonds Publikumsfonds insgesamt Anteil Mischfonds am Nettoabsatz
2014 23 33 69%
2015 39 72 54%
2016 12 6 180%
2017 30 73 41%
2018 22 22 99%
Summe 124 206 60%

Quelle: BVI

Als kleine Lesehilfe: In guten Jahren (2015 etwa) investierten Anleger netto mal eben fast 40 Mrd. Euro (!). Und in schwächeren Jahren (2016 etwa) reichte der Mischfonds-Vertrieb zumindest aus, um die Fondsbranche bei Publikumsfonds insgesamt vor einem Minusjahr zu bewahren. Und noch eine Einordnung: Die Nettozuflüsse in Mischfonds in den vergangen fünf Jahren waren in Deutschland 5x so hoch wie in die Super-Duper-Allzweckwaffe schlechthin: die ETFs, die ebenfalls in die Kategorie „Publikumsfonds“ fallen.

Und wer sorgte dafür, dass das Geschäft immer weiter brummte? Naja, die Berater in den Filialen. So sieht es zumindest aus. Denn jene vier Publikumsfonds-Anbieter, die kumuliert rund 75% Marktanteil auf sich vereinen (nämlich AGI, Union, Deka und DWS), sind zugleich diejenigen, die ihre Produkte vor allem über die klassische Filiale vertreiben.

Doch nun – scheint der vermeintlich immerwährende Boom jäh gestoppt. Denn trotz überaus stabiler Börse ist der Nettoabsatz von Mischfonds im ersten Halbjahr auf nur noch 0,3 Mrd. Euro netto eingebrochen. Siehe unsere Grafik mit den jeweiligen 6-Monatszahlen von 2015 bis 2019:

Quelle: BVI (Daten hier)

Fragt sich: Wie ist der Kollaps zu erklären? Bei doch starken Kapitalmärkten 2019? Hört man sich dieser Tage in der Branche um, werden einem verschiedene Erklärungen angeboten:

  • Die Vertriebspartner der Fondsbranche werben zwar für die langfristige Anlage, sind aber vor allem an kurzfristigen Vertriebserfolgen interessiert – und müssen dementsprechend immer neue Trendthemen entweder selber setzen oder zumindest bedienen. Zur Jahrtausendwende waren das die Technologie-, Medien- und Telekommunikationsfonds. Danach kamen die Garantiefonds. Hernach die „BRIC“-Fonds und die Rohstoff-Fonds. Und in der Post-Lehman-Ära schließlich die Mischfonds. Was die besonders attraktiv macht: Es sind die margenstärksten Publikumsfonds.
  • Die Gebühren sind viel zu hoch … nämlich bei Mischfonds  die zweithöchsten der Welt, getoppt nur noch von Kanada. Im Schnitt werden rund 1,80% Gebühren p.a. aufgerufen, bei Anleihenfonds (0,74%) und Aktienfonds (1,46%) fällt deutlich weniger an. Ein Bubenstück. Oder, wie die Fondsratingagentur Morningstar schreibt, die das errechnet hat: ein Mischfonds-Desaster. Bei manchen Produkten gibt es gar Hedge-Fonds-gleiche Gebührenstrukturen von „2% Fix, 25% vom Zugewinn oberhalb des risikolosen Zinses“
  • In Deutschland wehrt man sich im Vertrieb mit Klauen und Zähnen gegen ein Provisionsannahme-Verbot. Also wandert die Vergütung von Beratung und Vertrieb in die Gebühren. Genau diese hohen Gebühren machen eine überdurchschnittliche Performance schwierig bis unmöglich. Wichtig ist (dem Anleger), was unten herauskommt. Die durchschnittlichen Jahresrenditen von Mischfonds unterschiedlicher Risikokategorien lagen über die vergangenen fünf Jahre etwa laut der Fondsplattform fondsweb.de zwischen 1,6% und 2,7% pro Jahr. Klingt eigentlich nicht schlecht, auch wenn da real nach Abzug der Teuerung (vor der man ja laut Fondsmarketing fliehen soll mit den Fonds) nicht viel übrigbleibt. Allerdings waren die vergangenen fünf Jahre auch geradezu paradiesisch, Aktienmärkte legten um 5% p.a. (Dax) bzw. 7% p.a. (MSCI World) zu, Anleihen gewannen auch kräftig an Wert.
  • Am ersten echten Test (nämlich dem schwachen Börsenjahr 2018) ist die Mischfonds-Gattung krachend gescheitert.  Anleger holen sich – wenngleich umverpackt – auch mit Mischfonds ein Aktienmarktrisiko ins Depot. So verzeichnete der Durchschnittsfonds in der aggressiven Mischfondskategorie letztes Jahr eine negative Performance von 11,1%. Das war mehr, als ein 100%iges Aktienengagement über globale ETFs verloren hätte!  Selbst flexible Mischfonds büßten im Schnitt 9,7% ein, hat Morningstar analysiert. Ein Desaster.

Kann es also sein, dass viele deutsche Anleger von Mischfonds schlicht genug haben? Dass die Ära des Mischfonds also vorüber ist? Und das ausgerechnet jetzt, wo die Banken auf Provisionserträge dringender angewiesen sind denn je?

Für die deutsche Finanzbranche wäre das ein Schlag. Aber einer, den sie sich selber versetzt hätte.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Metzler macht all das richtig, was die anderen falsch machen

Von Christian Kirchner und Thomas Borgwerth

Eine langweilige Bank, die mit langweiligen Geschäften langweilige Gewinne macht – früher wäre das keine Geschichte gewesen.

Im deutschen Privatbankenmarkt des Jahres 2019 hingegen … ist es fast eine Sensation. Schließlich bewegt sich Metzler (das ist die Bank, die wir meinen) in einem Wettbewerbsumfeld, in dem rote Zahlen in der jüngeren Vergangenheit ansonsten gerne einmal mit dem Verkauf von Töchtern (Berenberg), der Einmalerträgen aus Fondsabwicklungen (Bethmann) oder Immobilien-Schubsereien (Donner & Reuschel) vermieden werden.

Doch der Reihe nach: Im Zuge unserer kleinen Privatbanken-Serie haben wir uns dieser Tage also endlich mal die Bilanzen von Metzler vorgeknöpft. Die Recherche-These: Vielleicht ist es beim Frankfurter Traditionsinstitut ja so wie bei anderen Privatbanken auch – vielleicht basiert der Jahr für Jahr stolz vorgezeigte Überschuss ja auch bei Metzler in Wahrheit nicht auf soliden Geschäften. Sondern auf  trickreichen Manövern. Indes – wie sehr wir auch gesucht haben, gefunden haben wir: nichts.

Stattdessen: Hat Metzler die letzten Jahre so solide gewirtschaftet, dass die Eigenkapitalquote inklusive Rücklage und unter Abzug des Treuhandvermögens seit 2013 von 5,0% auf 9,1% gestiegen ist.

Ein Blick auf die  wesentlichen Kennziffern (Handy bitte querhalten) …

2013 2014 2015 2016 2017 2018
Bilanzsumme 4493 3956 3922 3710 3922 3863
Zinsüberschuss 17 16 14 11 5 3
Provisionsüberschuss 140 150 183 176 193 196
Verwaltungskosten 139 154 154 160 175 180
Mitarbeiter 750 766 782 800 855 850
Total Assets 52 58 64 74 76 74
operativer Gewinn 26 0 14 31 17 8
Jahresüberschuss 2 2 2 2 2 2

… illustriert, dass zwar auch bei Metzler die Kosten steigen, und zwar seit 2013 um satte 41 Mio. Euro. Hinzu kommt: Der Zinsüberschuss geht branchentypisch ebenfalls zurück. Allerdings weiß Metzler diese Problem durch einen steigenden Provisionsüberschuss zu kompensieren. Folge: Die Überschüssen aus Zinsen und Provisionen stiegen addiert um 40 Mio. Euro und damit quasi genau so stark wie die Kosten. Dass der Überschuss trotzdem nur bei notorischen 2 Mio. Euro liegt? Kommt daher, dass der größte Teil des erwirtschafteten Geldes brav in die Rücklagen fließt.

Fragt sich, woher die soliden Ergebnisse kommen. Hierzu verraten die bemerkenswert minimalistischen Abschlüsse wenig. Allerdings liegen zwei Gründe auf der Hand. Erstens: Metzler setzt sich anders als die Konkurrenz seit vielen Jahren konsequent aufs Aktiengeschäft – und zieht diese Haltung auch in widrigen Zeiten durch. Zweitens. Anders als die Konkurrenz fokussiert sich Metzler auf Asset Management, Capital Markets, Corporate Finance und Private Banking – und hält sich am Kredit-und Einlagengeschäft nicht auf.

Früher war das eine fragwürdige Selbstbeschränkung. schließlich brachte das Einlagengeschäft dicke, risikolose Gewinne. Heute hingegen werfen Einlagen praktisch nichts mehr ab – und der Wettbewerb im Kreditgeschäft wird immer härter. Nachdem Metzler zuletzt das Projektgeschäft abgestreift hat, betragen die Forderungen gegenüber Kunden nur noch kümmerliche 100 Mio. Euro. Verglichen mit der darbenden Peer-Group sind das nicht mal Peanuts.

Diese Fokussierung will Metzler beibehalten: Im Mai gaben die Hessen bekannt, die letzten Leinen ins Privatkunden-Geschäft zu kappen. Die Depotverwaltung für Retail-Kunden wie Maklerpools und unabhängigen Finanzberater wurde verkauft.

Alles gut also? Naja, der operative Gewinn sinkt tendenziell. Aber: Einbrechen tut er nicht. Noch ein Plus: Risikobehaftete Aktiva spielen in der Bilanz kaum eine Rolle. Was wiederum heißt: Metzler dürfte für die meisten Eventualitäten, die da draußen drohen, gewappnet sein.

Bemerkenswert übrigens: Die Vorstände heißen aktuell Harald Illy, Michael Klaus, Emmerich Müller und Gerhard Wiesheu.

Und die Vorstände vor fünf Jahren? Hießen ebenfalls Harald Illy, Michael Klaus, Emmerich Müller und Gerhard Wiesheu.

Wobei, damals waren es noch zwei Vorstände mehr, einer davon war Friedrich von Metzler persönlich, der inzwischen 76 Jahre alt ist. Vier statt sechs Vorstände. Und das bei einer Bank, deren Mitarbeiterzahl im gleichen Zeitraum von 750 auf 850 gestiegen ist.

Auch diese Form der Enthaltsamkeit findet sich in Banken-Deutschland ansonsten eher selten.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Personelle Turbulenzen beim Deutsche-Bank-Zögling Verimi

Von Heinz-Roger Dohms

Bei der maßgeblich von der Deutschen Bank promoteten Identitäts-Plattform Verimi ist vom ursprünglichen Führungstrio nur 18 Monate nach dem Startschuss niemand mehr an Bord. So hat laut Informationen von Finanz-Szene.de kürzlich auch Finanzchef Torsten Sonntag das Berliner Unternehmen verlassen. Zuvor waren bereits Geschäftsführerin Donata Hopfen und Technikchef Holger Friedrich ausgeschieden.

Die Deutsche Bank und weitere große Unternehmen wie die Allianz, Lufthansa oder T-Systems hatten Verimi im April 2018 gestartet, um ein Gegengewicht zu den Log-in-Diensten von Facebook und Google aufzubauen. Wirkliche Erfolgsmeldungen waren seitdem allerdings nicht zu vernehmen. Vielmehr könnten die Abgänge ein Hinweis darauf sein, dass es bei dem Prestigeprojekt bislang alles andere als rund läuft.

Ein Sprecher von Verimi sagte auf Anfrage, dass Friedrich (Gründer des IT-Beraters Core SE) sein Amt schon vor Monaten „planmäßig“ an seinen Nachfolger Dirk Woywod übergeben habe. Der langjährige Deutsche-Bank-Manager Sonntag wiederum habe „nach zwei Jahren intensiver Aufbauarbeit […] im Juni auf eigenen Wunsch und im besten gegenseitigen Einvernehmen seine Position als Geschäftsführer aufgegeben.“

Unterdessen ist Finanz-Szene.de im Bundesanzeiger auf den 2018er-Abschluss von Verimi gestoßen. Daraus geht hervor, dass das Startup im vergangenen Jahr einen Fehlbetrag in Höhe von 29 Mio. Euro verbucht hat – womit sich die Anlaufkosten per Ende letzten Jahres auf insgesamt gut 33 Mio. Euro summieren. Der Sprecher betonte, der Jahresfehlbetrag halte sich „im geplanten Rahmen und passt in die Liquiditätsplanung der Gesellschaft“.

Verimi hat aktuell rund 80 Mitarbeiter. Chef des Unternehmens ist seit Jahresanfang der frühere Miles&More-Geschäftsführer Roland Adrian. Er hatte die T-Systems-Managerin Jeannette von Ratibor abgelöst, die interimistisch für die ehemalige Springer-Managerin Hopfen eingesprungen war.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Holländischer Venture-Capital-Investor kapert Kreditech

Von Heinz-Roger Dohms

Beim einstmals größten deutschen Finanz-Startup Kreditech hat sich im Zuge zweier unveröffentlichter Finanzierungsrunden die Eigentümerstruktur komplett gedreht – das zeigen Recherchen von Finanz-Szene.de. Größter Anteilseigner ist inzwischen der niederländische VC-Investor HPE Growth, der über zwei seiner Vehikel nun gut 27% an dem Hamburger Unternehmen hält. Ebenfalls eingestiegen ist Runa Capital, ein kalifornischer Technologiefonds mit russischen Wurzeln, der hierzulande bereits bei zwei anderen prominenten Fintechs engagiert ist – nämlich beim Kredit-Vergleichsportal Smava und beim Kernbank-Spezialisten Mambu.

Kreditech (Geschäftsmodell: die Vergabe hochverzinster Mikrokredite über das Internet) war im vergangenen Jahr laut Recherchen von „Gründerszene“ und Finanz-Szene.de in eine ernste finanzielle Krise geraten – mit der Folge, dass die bestehenden Anteile im Zuge einer rund 15 Mio. Euro schweren Kapitalinjektion brutal verwässert wurden. Da sich zwei der Altgesellschafter (nämlich der US-Finanzinvestor J.C. Flowers und der südafrikanische Internetgigant Naspers bzw. dessen indische Payment-Tochter PayU) allerdings maßgeblich an der Finanzspritze beteiligten, behielten sie mit zusammen knapp 70% der Anteile zunächst die Oberhand.

Im Zuge zweier weiterer Funding-Runden (eine fand im Juli statt, eine vor wenigen Tagen) ist das Tableau nun jedoch ein völlig neues: Flowers besitzt nur mehr rund 17% an Kreditech, PayU sogar nur 16%. Dagegen hat HPE Growth sein Engagement kontinuierlich und zuletzt sogar massiv ausgebaut. Konkret: Über ihren „HPE PRO Institutional Fund“ hielten die Niederländer bereits 1,7 Mio. Altanteile; darüber hinaus haben sich über ein weiteres Vehikel namens „HPE Co-Investment Fund Cooperatief“ im Juli 5,4 Mio. Anteile und nun weitere 1,5 Mio. Anteile gesichert. Bei der September-Runde zogen übrigens ausschließlich die Niederländer und eben Runa Capital mit. Inwieweit die beiden VC-Fonds möglicherweise kooperieren ist unklar. Runa jedenfalls hält jetzt 13% der Anteile.

Hier das komplette neue Cap Table (Angaben in %)

HPE (diverse Vehikel) 27,3
J.C. Flowers 17,0
PayU / Naspers 15,9
Runa Capital 13,0
W.V.M Westfälische Vermögen 9,7
Varengold Bank 3,1
Rakuten 3,0
Amadeus 2,8
BUR EinsZweiDrei Beteiligung 2,6
Weltbank 1,9
Wert KDT 1,7
Alexander Graubner-Müller 0,3
Andere 1,7

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Warum die Bankgewinne trotz Zinswunder eingebrochen sind

Von Christian Kirchner

Die Monatsberichte der Bundesbank sind normalerweise keine allzu knackige Lektüre. Der gestern veröffentlichte Ertragslage-Statistik mit den aggregierten 2018er-Zahlen aller deutschen Bankengruppen (hier das PDF) allerdings enthält ein paar Hämmerchen. Denn aus dem Zahlenwerk geht unter anderem hervor, dass der Vorsteuergewinn hiesiger Banken um 31% auf nur noch 18,9 Mrd. Euro eingebrochen ist. Der niedrigste Wert seit der Finanzkrise.

Mit der Zinskrise hat der Crash indes nichts zu tun. Im Gegenteil: Der Zinsüberschuss ist – trotz insgesamt sinkender Bilanzsummen – sogar um 2% gestiegen. Mit den Provisionen ging es zwar um 4% abwärts, das kann den Einsturz allerdings ebensowenig erklären wie die Kosten, die nahezu unverändert bei gut 88 Mrd. Euro stecken blieben. Was also ist der dann der Grund für den massiven Rückgang? Tauchen wir ein in die konkreten Zahlen:

Diagnose 1:  Deutschlands Banken sind bemerkenswert anfällig für Marktschwankungen und sonstige Effekte jenseits des Zins- und Provisionsgeschäfts

Der Einbruch rührt her aus dem Handelsergebnis (minus 2,1 Mrd. Euro zum Vorjahr), dem Bewertungsergebnis  (minus 3,1 Mrd. Euro) und dem außerordentlichen Ergebnis (minus 3,5 Mrd. Euro). Was heißt das genau?

  • Das Handelsergebnis drückten laut Buba vor allem die schwachen Kapitalmärkte (exemplarisch: Dax 2018: -18%)
  • Beim Bewertungsergebnis führen die Notenbanker den Rückgang vor allem auf Institute „mit einem Altbestand an Schiffsfinanzierungen“ und den hierdurch „notwendigen Vorsorgeaufwand“ zurück
  • Beim außerordentlichen Ergebnis nennt die Bundesbank Abschreibungen auf Beteiligungen und Wertpapiere. Hinzu kamen „buchungstechnische“ Gründe

Diagnose 2: Vom „Zinswunder“ profitierten allen voran die Großbanken

Erinnern Sie sich noch an unsere Kritik neulich, Christian Sewings Lamento über die sinkenden Zinsen sei für den Moment deplatziert? Nun wollen wir nicht behaupten, die Niedrigzinsen seien dufte für die Kreditwirtschaft (Coba und Deutsche gehen nicht ohne Grund in eine mehrjährige Restrukturierung). 2018 allerdings konnten die Großbanken ihre Zinsmarge (definiert als Zinsüberschuss in % der Bilanzsumme) tatsächlich steigern:

Wie das zu erklären ist?

  • Die Großbanken profitierten mutmaßlich von günstigem Wholesale-Funding
  • Eine zumindest statistische Rolle dürfte die Umgruppierung der Postbank in die Gruppe der Großbanken gespielt haben
  • Zudem attestiert die Bundesbank den deutschen Großbanken, sie hätten „im Geschäft mit Banken in Amerika höhere Zinserträge erwirtschaftet.“ Was vermutlich so kam: Im US-Dollarraum erreichten die risikolosen mittelfristigen Zinsen im vergangenen Jahr zeitweise wieder mehr als drei Prozent. Hiervon haben offenbar auch hiesige Banken profitiert

Diagnose 3: Die Kosten bleiben ein Problem. Isso

Der Ton  zwischen Banken und Bafin wird rauer, ist in Frankfurt zu hören. Hintergrund: Die Institute sind es leid, sich von Oberaufseher Felix Hufeld ständig erklären zu lassen, sie sollten mal nicht über die Zinslage jammern, sondern lieber die Kosten senken.

Indes, könnte es sein, dass Hufeld so Unrecht nicht hat? Jedenfalls wenn man über diverse Bankengruppen hinweg auf die Kosten (in Mrd. Euro) und die Veränderung der Kosten schaut:

2016 2017 2018 2018 vs. 2017
Alle Banken 88,7 88,4 88,1 0%
Großbanken 26,4 25,3 26,9 6%
Sparkassen 20,1 20 20,9 4%
Genobanken 14,4 14,4 14,5 1%

Quelle: Bundesbank, Auswahl (nicht dargestellt: Regional-, Landes-, Auslandsbanken usw.)

Nun hat der Kostenanstieg bei den Großbanken wiederum mit der Umgruppierung der Postbank zu tun. Doch unabhängig davon:  Sinken tun die Kosten jedenfalls nicht. Und in Relation zur Bilanzsumme erreichten sie über alle Banken hinweg 2018 mit 0,54% sogar den höchsten Wert seit Jahren.

Diagnose 4: Auch bei Sparkassen und Genos haben die sinkenden Überschüsse nichts mit dem Zinsergebnis zu tun

Betrachten wir zunächst die Entwicklung der Überschüsse 2018 vor Steuern in Mrd. Euro

2016 2017 2018 2018 vs. 2017
Alle Banken 27,8 27,5 18,9 -31%
Großbanken 3,1 2,8 1,1 -61%
Sparkassen 10,2 9,9 8,2 -17%
Genobanken 7,7 7,3 6,3 -14%

Was auffällt: Der Gewinn geht quer über alle Institute hinweg in den Keller …

… was allerdings nirgends (und also auch nicht bei Sparkassen und Genobanken) an den Zinsüberschüssen liegt (auch hier in Mrd. Euro)

2016 2017 2018 2018 vs. 2017
Alle Banken 91,1 85,5 87,2 2%
Großbanken 20,1 16,4 19,8 21%
Sparkassen 22,7 22 22 0%
Genobanken 16,6 16,5 16,4 -1%

Quelle: Bundesbank, Großbanken: 2018 erstmals inkl. Postbank

Diagnose 5: Die Banken planen, ihre Probleme über die Kosten in den Griff zu kriegen

… wobei wir diese Erkenntnis nicht der Ertragslage-Statistik entnehmen, sondern dem gestern ebenfalls veröffentlichten LSI-Stresstest von Bundesbank und Bafin. Schauen Sie doch mal hier nach.

Diagnose 6: Die Erfolgsgeschichte ausländischer Banken bekommt Kratzer

Eine (rhetorische) Frage: Wenn Deutschland so ein furchtbar „overbanktes“ Land ist mit viele zu vielen Instituten und Filialen und einem fürchterlichen Wettbewerbsdruck – warum ist der Markt dann für immer mehr Auslandsbanken so attraktiv? Die Zahl der ausländischen Institute hierzulande stieg 2018 in einem schrumpfenden Gesamtmarkt um vier auf 119.

Die Bundesbank-Zahlen liefern zumindest einen wichtigen Hinweis: weil die Auslandsbanken ihr Geschäft schlanker betreiben. In Zahlen: Die Cost-Income-Ratio der Auslandsbanken sinkt Jahr für Jahr und lag 2018 mit 71% deutlich unter dem Schnitt aller Banken (76%). Gemessen am Aufwand in Prozent der operativen Erträge sind die Auslandsbanken gar die Institutsgruppe mit dem geringsten Kosten.

Allerdings ging auch bei den Zweigstellen der Auslandsbanken der ausgewiesene Überschuss im letzten Jahr – wenngleich bei überschaubarer Grundgesamtheit – um 44% und damit sogar überdurchschnittlich zurück.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Banken und Aufsicht begraben Hoffnung auf Provisionswunder

Von Christian Kirchner

Als wir uns gestern durch die Ergebnisse des Buba/Bafin-Stresstests für kleine und mittelgroße deutsche Bank blätterten – da kam uns plötzlich der letzte derartige Test von vor zwei Jahren in den Sinn (auch wenn das Ganze damals noch „Niedrigzinsumfrage“ genannt wurde“).

Seinerzeit lag die Gesamtkapitalrentabilität der deutschen Banken noch bei 0,51% der Bilanzsumme. Und sollte – so die Pläne – bis 2021 nicht tiefer als auf 0,43% fallen, trotz Niedrigzinsen. Die Idee damals: Ja, das Zinsergebnis geht zwar zurück (blaue Säule). Aber das machen wir über steigende Provisionserträge (rote Säule) wett.

Und wie sieht nun die quasi analoge Grafik zwei Jahre später aus (hier übrigens geht’s direkt zum aktuellen Stresstest)? So:

Man sieht:

  1. Die Rentabilität war 2018 bereits niedriger als 2017 für 2021 vorgesehen in den Institutsergebnissen.
  2. Trotzdem soll die bis 2023 auf 0,46% steigen.
  3. Und wie? Ha! Plötzlich nicht mehr via „Provisionswunder“. Sondern ein bisschen über die Kosten und ein bisschen „irgendwie“.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!