Acht Irrtümer über die Folgen des Zinstiefs für die Banken

Von Christian Kirchner

Was sind das eigentlich für Vögel, die diesen komischen Finanz-Newsletter da machen? Kennen wochenlang kein anderes Thema als das angebliche „Zinsgemetzel“ da draußen (siehe hier, hier und hier). Und fangen auf Basis ihres angelesenen Halbwissens dann plötzlich an, irgendwas von „Zinswunder“ zu faseln, weil angeblich die Margen wieder steigen oder so ähnlich (siehe hier, hier und, gestern,  hier). Wo, bitteschön, ist denn da die klare Linie?

Also: 1.) Wo, bitteschön, haben wir denn behauptet, wir hätten eine klare Linie? Und 2.) Hätten wir eine klare Linie, dann sähe die ungefähr so aus: Natürlich sind sinkende Zinsen tendenziell schlecht für Banken. Und natürlich hat sich die Lage in den vergangenen Monaten zugespitzt.

Zugleich allerdings hat unserem Eindruck nach speziell die Debatte um den EZB-Strafzins eine solche argumentative Eigendynamik entwickelt, dass ein paar Kontrapunkte nicht schaden können. Denn: Vieles, was da draußen momentan zum Themenkomplex „Die Banken und der Niedrigzins“ verbreitet wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als allenfalls bedingt richtig.

Denn: Wussten Sie z.B., dass die deutschen Banken es schaffen, bereits fast jeden zweiten Euro, den sie von Firmenkunden als Sichteinlage erhalten, mit einem Strafzins zu belasten? Und dass die relativen Zinsüberschüsse seit einigen Jahren konstant sind – nachdem Sie zuvor jahrzehntelang gesunken waren?

Unsere Analyse zu acht kursierenden Thesen

These I: Früher war alles besser, auch beim Zins

In der Tat haben sich die Zinsmargen der deutschen Banken seit 1970er Jahren annähernd halbiert, grob von einst über 2% auf zuletzt noch 1%. Das liegt allerdings nicht nur am allgemeinen Zinsverfall (und flacheren Zinskurven), sondern vermutlich stärker noch am sich verändernden Wettbewerbsumfeld – siehe zum Beispiel die FMHs, die Interhyps oder die Check24s da draußen, die mit ihren Angebotsvergleichen die Margen schrumpfen lassen. Hinzu kommt: Dass die Zinsen fallen, ist ja kein ganz neues, sondern von der Grundtendenz her ein fast schon säkulares Phänomen. Trotzdem haben es viele deutsche Banken versäumt, sich vom Zinsertrag unabhängiger zu machen.

These II: Der Niedrigzins hat sich bereits tief in die Gewinn- und Verlustrechnungen der deutschen Banken hineingefressen

Nein, hat er nicht. Jedenfalls nicht bis 2017, also dem Jahr, aus dem die aktuellsten verfügbaren Bundesbank-Zahlen stammen.

Um das festzustellen, haben wir die Buba-Daten der zurückliegenden 50 Jahres rausgekramt und die Zinsüberschüsse in Relation zur Bilanzsumme gesetzt (um Volumen- bzw. Inflationseffekte zu bereinigen). Siehe da: Seit etwa 2002 halten sich die Zinsüberschüsse zwar mit leicht negativer Tendenz, aber doch einigermaßen stabil um die Marke von 100 Basispunkten – und das, obwohl die Kapitalmarktzinsen (gemessen an der Umlaufrendite, im Chart: grün) im gleichen Zeitraum brutal abgerauscht sind.

Quelle: Bundesbank

Warum das so? Drehen wir es einfach herum: weil die Welt nicht so einfach ist, wie sie Banker gerne zeichnen, wenn sie gegen den Niedrigzins wettern. Der Ökonom Kaspar Zimmermann hat sich in einer im Februar erschienenen Studie zunächst den Stand der Forschung über den Zusammenhang zwischen Zinsen und Bankgewinnen angesehen und urteilt: „Es gibt keinen Konsens in der wissenschaftlichen Literatur, welche Effekte die Zinsen auf die Profitabilität der Banken haben.“ (Lassen Sie diesen Satz einmal sacken). Und wer würde sich zutrauen, zu beurteilen, wo die Konjunktur, die Kreditnachfrage und die Kreditausfälle der Banken stünden, würde die EZB wieder positive Zinsen auf Einlagen zahlen?

Zimmermann testete darüber hinaus den Zusammenhang dann noch einmal konkret basierend auf den Daten von Banken in 17 Ländern seit 1870 und kommt zum Schluss, dass die Abhängigkeit der Bankgewinnen von Zinsänderungen um so höher ist, je höher der Anteil an Spareinlagen auf der Passivseite ist. Was dann auch erklärt, warum wir aktuell das größte Zinsgeheul aus dem Kreis der (einlagenstarken) Sparkassen hören.

These III: Die EZB-Strafzinsen belasten die deutschen Banken brutal

Ja und nein. Christian Sewing machte vorgestern die Rechnung einer dreistelligen Millionensumme für seine Deutsche Bank auf. Laut einer (auf EZB- und Barkow-Zahlen beruhenden) Erhebung von Deposit Solutions haben deutsche Banken 2018 rund 2,5 Mrd. Euro an negativen Einlagenzinsen an die EZB abgeführt; 2019 dürften Zahlungen die gleiche Größenordnung fällig werden.

Das ist nicht nichts – aber es scheint doch tragbar, gemessen am aggregierten 2017er-Überschuss der deutschen Banken, der laut Buba-Daten bei 22,3 Mrd. Euro lag.

Und was oft vergessen wird (und uns vom Ausmaß her sehr überrascht hat, als wir in die Statistiken hinabgestiegen sind): Die Banken reichen einen Teil dieser Belastung ja an die Kunden weiter. Ende 2017 (!) konnten die deutschen Geldhäuser bereits fast jeden zweiten (!) Euro, den Firmenkunden in Form von Sichteinlagen bei ihnen deponiert hatten, mit Negativzinsen belegen. Bei Privathaushalten? War es immerhin schon gut jeder zehnte.

These IV: Die Banken (das heißt: alle Banken) leiden unterm Zinstief

Mag sein. Aber bei manchen ist es (siehe auch unser „Kurz gebloggt“ zur Deutschen Bank gestern) sozusagen ein Leiden auf hohem Niveau. Denn: Gerade jene Banken, die sich vor allem über den Kapitalmarkt Geld besorgen, profitieren auch von sinkenden Refinanzierungskosten.

In Zahlen: Zwischen 2011 und 2017 sanken die Zinsaufwendungen der deutschen Großbanken um 38%, ihre Erträge aber nur um 32%. Ein nettes, kleines „Delta“. (Wobei klar ist, dass es dieses „Delta“ bei den allermeisten Sparkassen und Volksbanken nicht gibt).

These V: Die EZB-Zinspolitik bringt die Sparkassen und Genobanken in essentielle Not

Ja, die Zinsmargen von Sparkassen …

Zinsmarge aller Sparkassen in Deutschland in %
2011 2,21
2012 2,12
2013 2,10
2014 2,09
2015 2,06
2016 1,96
2017 1,87

… und Volksbanken …

Zinsmarge aller Genossenschaftsbanken in Deutschland in %
2011 2,30
2012 2,21
2013 2,25
2014 2,21
2015 2,14
2016 1,99
2017 1,90

… sinken. Aber sie tun das auf relativ hohem Niveau, gemessen an den Zinsmargen der deutschen Bankenbranche insgesamt:

Zinsmarge aller Banken in Deutschland in %
2011 1,03
2012 1,00
2013 1,02
2014 1,10
2015 1,11
2016 1,09
2017 1,04

Quelle jeweils: Bundesbank Monatsbericht September 2018

These VI. Die Filialbanken leiden so sehr unter den niedrigen Zinsen, dass sie ihre Gratiskonten abschaffen müssen – was wiederum zur Folge hat, dass die Kunden in Heerscharen zu den Direktbanken abwandern

Ach, komm. Das ist zwar eine These, die in unterschiedlichen Facetten auch dieser Tage wieder kräftig durchs Dorf getrieben wird – allerdings sollte man (oh Gott, jetzt kommen wir mit unseren Phrasen ganz schön ins Schlittern …) vielleicht auch mal die Filiale im Dorf lassen.

Also: Zwar haben es die Direktbanken mit ihren immer noch kostenlosen Girokonten zu einiger (medialer) Prominenz gebracht. Auch bei Finanz-Szene.de. Aber ein Massenzulauf ist – bislang – nicht auszumachen. Die deutsche ING führte zuletzt 2,5 Mio. Girokonten, bei der DKB waren es 3,0 Mio, bei N26 mögen’s 1,5 bis 2 Mio. sein (das Startup weist keine Zahlen für Deutschland aus), bei der Comdirect 1,6 Mio, bei Santander waren es 0,5 Mio. Girokonten, und bei der Consorsbank weiß man’s nicht (die hat zwar 1,5  Mio. Kunden, aber das werden ja beileibe nicht alles Girokunden sein).

Landet man am Ende sehr, sehr wohlwollend gerechnet vielleicht irgendwo bei 10 bis 12 Mio. kostenlosen Girokonten bei Direktbanken. Gemessen an laut Bundesbank 103 Mio. „Konten für täglich fällige Einlagen“ insgesamt. Kurz: es gibt gar keine „Gratiskultur“.

These VII. Selbst wenn die Banken mit den niedrigen Zinsen noch einigermaßen zurechtkommen – ihre Kunden (und um die geht’s den Banken ja in erster Linie) leiden ungeheuerlich.

Mal halb lang. Erstens gibt es keine validen empirischen Belege dafür, dass die Geldpolitik der EZB der Sparmotivation der (besonders deutschen) Kunden schadet. Seit 2013 ist die Sparquote sogar wieder von 8,9% auf nunmehr 10,4% gestiegen (vermutlich, weil die Sparquote ist in allererster Linie eine Funktion des Einkommens ist, nicht der Zinsen).

Und zweitens: Sooooo krass sind Zinsverluste der normalen Bürger nun auch wieder nicht. Im Schnitt liegen trotz der hohen Sparquote nämlich „nur“ 5000 Euro je Privathaushalt auf Sparkonten. Beim reichsten Zehntel sind es zwar immerhin 29.000 Euro – was aber überschaubar ist gemessen am Wert des selbstgenutzten Wohneigentums (beim reichsten Zehntel im Schnitt 340.000 Euro) und des Wertpapiervermögen (60.000 Euro).

Wer’s provokant mag, könnte die Folgen des Niedrigzinses im Banken-Kunden-Kontext so zusammenfassen: Die Durchschnittskunden hätten auch bei höheren Zinsen wenig zu erwarten. Die reichen Kunden profitieren massiv. Und die Banken fahren die Immofinanzierung hoch.

These VIII: Die braven deutschen Banken machen braves Zinsgeschäft – und werden nun dafür bestraft

Kann man so sehen. Man kann aber auch (wie es der Bafin-Chef Hufeld neuerdings gern tut) fragen, ob die deutschen Banken denn an den anderen Stellschrauben kräftig genug ziehen. Beispiel:

  • Verwaltungsaufwendungen deutscher Banken in 2010: 82,2 Mrd. Euro
  • Verwaltungsaufwendungen deutscher Banken in 2017: 88,5 Mrd. Euro

Noch ein Beispiel? Wie weiter oben schon gesagt, haben die wenigsten deutschen Banken es geschafft, ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft rechtzeitig zu reduzieren.  Dabei betonen sowohl die Bundesbank (hier die entsprechende Studie) als auch die EZB (hier der letzte Financial Stability Report): Je höher der Anteil der Provisionserträge an allen Erträgen, desto sicherer und profitabler die Bank.

Wie meinte unser Gästeblogger Robert Haselsteiner neulich doch noch gleich? Vielleicht sind die deutschen Banken auch einfach zu faul für den Vertrieb. 

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Sparkasse lockt Kunden für 0,3% Rendite ins Nachrang-Risiko

Von Heinz-Roger Dohms

Was hat es mit der „Anlage zum Offenlegungsbericht“ auf sich, die wir zufällig auf der Website der Sparkasse Erlangen entdeckt hatten? Diese Frage stellten wir – getarnt als „kleines Quiz“ – am vergangenen Freitag unseren Leserinnen und Lesern.

Die Rückmeldungen waren wieder mal reichlich. Drum hier die Auflösung (die wir aus den diversen Antworten generiert und dann zusammengeschnitten haben):

  • „Bei der Anlage handelt es sich um eine Auflistung nachrangiger Sparkassen-Kapitalbriefe, die als aufsichtliche Eigenmittel (Tier-2-Kapital) angerechnet werden.“
  • „Insbesondere die erste Spalte der Auslistung ist interessant, da sie den (Teil-)Betrag ausweist, der aufsichtsrechtlich als Eigenmittelbetrag anrechenbar ist.“
  • „Da die CRR (Anm. der Red.: also die sog. Kapitaladäquanz-Verordnung) die Auflistung sämtlicher Eigenmittelinstrumente erfordert, kam man wohl nicht umhin, diesen extrem informativen Anhang zu veröffentlichen.“
  • „Das sind Anlageprodukte (zumeist als Schuldverschreibung mit Nachrang ausgestaltet) für die eigenen Kunden.“
  • „Das ist ein bisschen wie Lehman-Zertifikate, also nicht nur Refi sondern auch Kapitalstärkung.“
  • „Ob eine Sparkasse solche Produkte an Privatkunden verkaufen sollte, steht auf einem anderen Blatt.“ Denn: „Die Anrechnung als aufsichtliche Eigenmittel impliziert ein deutlich höheres Risiko, als dies z.B. bei einer Sparanlage der Fall ist. Aufsichtliche Eigenmittel können nämlich viel leichter für Verluste herangezogen werden. Es reicht im Grunde aus, dass die Aufsicht das Institut als ’nicht mehr lebensfähig‘ einstuft.“
  • Nun lasse sich natürlich argumentieren, „dass die Sparkassen generell ein risikoarmes Geschäftsmodell haben und sich zudem über die Institutssicherung gegenseitig helfen“ …
  • … trotzdem „sollte die Verzinsung allerdings einen deutlichen Aufschlag im Vergleich zu risikoarmen Produkten bieten.“
  • „Dass genau dies nicht der Fall ist, zeigt folgender Vergleich: „Laut Tabelle wurden 10-jährige Nachränge der SK Erlangen im Dezember 2017 mit einem Kupon von 0,3 % begeben. Zum Vergleich: Ende 2017 lag die Rendite für Nachranganleihen der LBBW (Laufzeit Sep-26) bei rund 2 %.“
  • „Da das Argument mit der Institutssicherung ja auch für die Landesbanken gilt, ist der Vergleich zwischen der SK Erlangen und der LBBW meines Erachtens einigermaßen fair. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Sparkasse bei institutionellen Anlegern ein solches Instrument nur zu deutlich höheren Kosten hätte platzieren können.“
  • „Von der fairen Verzinsung mal abgesehen, sollte so ein Nachranginstrument wahrscheinlich nicht an die eigene Privatkundschaft verkauft werden, da diese das Risiko nicht vernünftig einschätzen können. Die europäische Wertpapier-Aufsicht ESMA sieht das übrigens genauso: „The distribution of debt financial instruments issued by institutions to retail clients, including the practice of ‘self-placement’ – whereby institutions place the debt financial instruments that they themselves (or other group entities) have issued with their own client base – may raise significant consumer protection issues (…).“ Hier der Link zur Quelle (Esma/PDF).

Die Sparkasse Erlangen bestätigte gegenüber Finanz-Szene.de, dass es sich bei den aufgelisteten Wertpapieren um nachrangige Sparkassen-Kapitalbriefe handelt. Zu den Kritikpunkten an den Papieren wollte sie sich nicht äußern.

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Vergleichsportal Check24 stellt Antrag auf Vollbank-Lizenz

Von Heinz-Roger Dohms

Paukenschlag in der deutschen Bankenbranche: Das Vergleichsportal Check24, das Finanzprodukte in signifikant zweistelliger Milliardenhöhe jährlich vermittelt, hat bei der Bafin einen Antrag auf Erteilung einer Vollbank-Lizenz* gestellt. Entsprechende Exklusiv-Informationen von Finanz-Szene.de bestätigte das Unternehmen gestern auf Anfrage: „Wir befinden uns aktuell im Prüfprozess und hoffen, die Lizenz bis nächstes Jahr zu erhalten“, sagte Geschäftsführer Christoph Röttele.

Wie weit die Pläne gediehen sind, lässt sich daran erkennen, dass Check24 schon vor Monaten eine Tochterfirma namens „C24 GmbH“ gegründet hat, über die der Antrag bei der Finanzaufsicht gestellt wurde. Als Geschäftsführer firmiert Matthias Orlopp, früherer Finanzchef des Vergleich-Giganten. Daneben gehören dem Management laut der C24-Website, die dieser Tage liveging, zwei gestandene Banker an: Robert Genz, zuletzt Risikochef der Hyundai Bank. Und der langjähriger Targobank-Vorstandschef Franz Josef Nick, der beim Düsseldorfer Ratenkreditfinanzierer 2015 ausschied. „Sobald die Lizenz erteilt ist, werden Herr Nick und Herr Genz die Leitung übernehmen“, sagte Röttele.

Wohin das Geschäftsmodell der künftigen „C24 Bank“ gehen soll, lässt sich dem Webauftritt andeutungsweise entnehmen. Dort prangt der Claim „Die Open Banking Plattform“, ergänzt um den selbstbewussten Zusatz: „Erleben Sie 2020 die neue Dimension des mobilen Bankings“. Was genau damit gemeint ist, wollte Röttele zwar nicht verraten. Er betonte allerdings, „dass es uns ausdrücklich nicht darum geht, in Wettbewerb zu den etablierten Banken zu treten. Vielmehr stellen wir seit Jahren fest, dass die regulatorischen Anforderungen im Finanzbereich immer weiter steigen. Darum war uns seit langem klar: Wenn wir unser Geschäftsmodell weiterentwickeln wollen, dann brauchen wir früher oder später eine eigene Bafin-Lizenz. “ Das bedeute aber nicht, dass Check24 eine klassische Bank werde. Sondern: „Unsere Vision ist die einer offenen Plattform, die wir allen Bankpartnern  zur Verfügung stellen wollen“, so Röttele.

Tatsächlich hat sich Geschäftsmodell von Check24 in den vergangenen Jahren verändert. Die Münchner treten nicht mehr nur als Vergleichsportal auf, das für die Vermittlung von Produkten Provisionen kassiert – sondern bietet auch selbst Produkte an. Ein Beispiel hierfür sind die hauseigenen Ratenkredite namens „Kredite24“. Allerdings: Mangels Banklizenz brauchte Check24 für die Entwicklung solcher Produkte bislang die Unterstützung einer Partnerbank, in diesem Fall die SWK Bank kommt. Mit eigener Lizenz ist Check24 auf den White-Label-Partner nicht mehr zwingend angewiesen oder gewinnt zumindest deutlich mehr Unabhängigkeit.

Eine ähnlich Konstellation lässt sich – wenn man genau hinschaut – auch im Bereich Geldanlage ausmachen: Schon vor einem Jahr enthüllte Finanz-Szene.de, dass Check24 beim Tagesgeld mit dem Hamburger Fintech Deposit Solutions kooperiert. Da allerdings auch die Hanseaten keine eigenen Banklizenz besitzen, sind sie ihrerseits auf die Hilfe der Sutor Bank angewiesen. Das bedeutet in letzter Konsequenz: Wenn die Kunden ihre Ersparnisse via Check24 bei einer ausländischen Hochzinsbank parken wollen, eröffnen sie de facto ein Konto bei der Sutor Bank. Auch hier gilt künftig: Mit einer eigenen Banklizenz kann Check24 die Abhängigkeit von solchen White-Label-Partner deutlich verringern.

Dann gibt es noch ein weiteres Geschäftsfeld, auf dem die Banklizenz für Check24 von Nutzen sein könnte. So beherbergt das Vergleichsportal seit einiger Zeit eine Rubrik, die sich „Profis“ nennt – und die darauf hinausläuft, dass die Nutzer über Check24 zum Beispiel einen Handwerker, einen Klavierlehrer oder einen Hochzeitsfotografen finden können. Das Besondere hier: Anders als beim Tagesgeld, beim Ratenkredit oder bei der Kfz-Versicherung tritt das Vergleichsportal in diesem Bereich nicht nur als Produktvermittler aus, sondern bietet dem Kunden auch die Abwicklung des Zahlungsverkehrs an. „Weil wir dieses Geld als Check24 aber weder vereinnahmen noch halten noch auszahlen dürfen, brauchen wir auch hier einen White-Label-Partner, nämlich den US-Zahlungsdienstleister Stripe“, sagt Röttele. Auch in dem Fall könnte Check24 mit Banklizenz in der Zukunft freier agieren.

Freilich: All das sind nur Beispiele, wo die Lizenz den Münchnern jetzt schon helfen würde. Man darf aber davon ausgehen, dass Check24 auf weitere Einsatzfelder abzielt – die aber erst dann sichtbar werden, wenn die Bafin-Genehmigung irgendwann da ist. Eher wenig hat die Vollbank-Lizenz hingegen mit einer Meldung aus dem Juli zu tun: Damals hatte der Vergleichs-Gigant mitgeteilt, eine sogenannten „PSD2-Lizenz“ erhalten zu haben, also eine Zulassung der Bafin zur Zahlungsauslöse- und Kontoinformations-Dienste: „Dabei ging es um andere Anwendungen, nämlich in erster Linie um unseren Kontomanager, mit dem Kunden prüfen können, welche Verträge etwa beim Strom- oder Gasanbieter auslaufen und wie sie bei einem Neuabschluss möglicherweise Geld sparen kann“, so Röttele.

*Wir wissen, dass der Begriff „Vollbank-Lizenz“ im Grunde quatsch ist, weil „Banklizenz“ genügen würde. Es ging uns bei der Wortwahl darum, dem etwaigen Missverständnis vorzubeugen, wir hätten es hier mit irgendwelchen „Light-Lizenzen“ im Sinne von ZAD, KID, E-Money oder so zu tun … Nope, haben wir nicht. Es geht i.d.T. exakt um das Ding, das z.B. die Deutsche Bank oder die Commerzbank auch haben.

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Zins-Lamento: Der verräterische Satz des Christian Sewing

Von Christian Kirchner

Ach herrje, was hat sein Redenschreiber den armen Christian Sewing beim „HB“-Banken-Gipfel gestern über die niedrigen Zinsen lamentieren lassen …

  • „Gesamtwirtschaftlich wird eine weitere Zinssenkung auf dem aktuellen Niveau verpuffen“
  • „Langfristig ruinieren diese Niedrigzinsen das Finanzsystem“
  • “ Diese Zinspolitik belastet unsere Branche enorm“
  • „Allein uns als Deutsche Bank kosten die negativen Einlagenzinsen einen dreistelligen Millionenbetrag in diesem Jahr“

Doch dann sagte Sewing (laut Manuskript) plötzlich einen Satz, mit dem er alle anderen Sätze, die er zum Thema Zinsen sagte, fast schon konterkarierte:

„Wer Zugang zum billigen Geld hat, gehört potenziell zu den Gewinnern.“

Oha! Soll das etwa heißen, dass es da draußen  Banken gibt, die „potenzielle Gewinner“ sind? Nicht trotz, sondern womöglich gar wegen der niedrigen Zinsen?

Das wäre ja eine fast schon unerhörte Behauptung. Denn gehört es nicht dieser Tage (zumal beim „HB“-Banken-Dingens) zum guten Ton, die niedrigen Zinsen zur Wurzel allen Übels da draußen zu erklären?

Also, schauen wir doch einfach einmal, wie es bei Sewings eigenem Arbeitgeber, also der Deutschen Bank, ausschaut. Was war 2018 bei  Zinsüberschuss und Zinsmarge los? Was fünf Jahre zuvor (als die Niedrigstzins-Ära begann)? Und was zehn Jahre zuvor (als die EZB -Leitzinsen noch dufte bei über 4% lagen)?

Voilà:

Zinsüberschuss in Mrd. € Zinsmarge in %
2008 11,4 1,02
2013 12,8 1,31
2018 12,7 1,33

Quelle: Geschäftsberichte

Was vergessen? Ach ja, die Halbjahrszahlen 2019 sind ja auch schon da. Und da ging es mit dem Zinsüberschuss verglichen mit der identischen Vorjahresperiode um leckere 6% nach oben.

Irgendwelche Fußnoten? Ja, zwei: Natürlich beeinflussen viele Dinge die Zinsmarge, nicht nur die Höhe der Kapitalmarktzinsen. Und: es handelt sich jeweils um den Zinsüberschuss nach Risikovorsorge. Mag sein, dass die EZB-Basher lieber mit dem Zinsüberschuss vor Risikovorsorge argumentieren. Allerdings wüssten wir nicht, warum dieser Ansatz in irgendeiner Weise adäquater sein sollte.

Nun wollen wir nicht so tun, als wären die niedrigen Zinsen ein Segen für die deutsche Bankenindustrie. Klar: steigen die Zinsen in der Breite, treibt das perspektivisch die Gewinne.

Die Rolle des Zins-Stöhners allerdings verkörpert der Sparkassen-Chef Schleweis im Zweifel viel glaubhafter, als dies der Deutsche-Bank-Chef Sewing tut. Schließlich leider die Sparkassen und mit ihnen die Volksbanken ja tatsächlich unter den niedrigen Zinsen. Denn: Sie refinanzieren sich größtenteils über Einlagen. Und da ist – jedenfalls bislang – bei Null Schluss bei Privatkunden.

Wer hingegen wie die Deutsche Bank im großen Stil den Kapitalmarkt anzapft (und via Kampagnen wie dem „Zugreifzins“ Einlagen sucht und nicht etwa loswerden will); wer also „Zugang zu billigem Geld hat“, um mit Christian Sewing zu sprechen, dem kann es passieren, dass er momentan wider alle Intuition zu den „potenziellen Gewinnern“ gehört.

(Exkurs: War die Aussicht auf (noch günstigere) Refinanzierungskosten nicht einer der wichtigsten Gründe, warum die Deutsche Bank vor ein paar Monaten überhaupt überlegt hat, mit der Coba zu fusionieren? Oder ist das jetzt Geschichtsklitterung?)

Dass es die „potenziellen Gewinner“ jedenfalls gibt, das belegt eine aktuelle Berenberg-Analyse zur Deutschen Pfandbriefbank.  Darin steht, der Trend fallender Margen habe sich im zweiten Quartal „komplett gedreht“. Folge (zumal parallel die Volumina wachsen): Aufs Gesamtjahr wird der Zinsüberschuss der PBB endlich wieder steigen, glaubt Berenberg.

Eine Momentaufnahme? Mitnichten. Schon seit Jahren reagieren Banken bzw. Bankengruppen sehr unterschiedlich auf das Zinsumfeld, wie eine Betrachtung der Jahre 2013 bis 2017 auf Basis von Bundesbank-Daten zeigt (die 2018er-Zahlen liegen noch nicht vor).

Dass die  Zinsentwicklung die Banken ganz unterschiedlich „trifft“, lässt sich mit einer simplen Betrachtung der Zinsmargen in den Jahren seit Einführung der Strafzinsen auf Einlagen (2014) sowie der ersten massiven Anleihenaufkäufe (2015) beobachten:

Zinsmargen von Großbanken, Sparkassen und Genobanken 2013-2017in Prozent

Quelle: Bundesbank

Man sieht:

  • Die Zinsmargen von Sparkassen und Volksbanken fielen kontinuierlich – wiewohl ausgehend von einem seeehr kommoden Niveau.
  • Die Zinsmargen der Großbanken dagegen waren 2017 ähnlich hoch wie 2013, auch wenn die Spannen hier traditionell deutlich kleiner sind und die Großbanken natürlich auch voluminöse Bilanzen haben.

Die Musterlösung? Hätten wir einen Leitkommentar für eine Banker-Postille zu schreiben, würden wir jetzt fordern: „Refikosten runter! Und zugleich die EZB-Strafzinsen bitte streichen!“

So ähnlich hat es Christian Sewing übrigens gestern formuliert:

„Langfristig ruinieren diese Niedrigzinsen das Finanzsystem. Einzelne Nachbesserungen wie ein so genanntes Tiering-System sind notwendig, um die negativen Konsequenzen abzumildern“

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