Wahnsinns-Wette? Comdirect-Aktivist geht „short“ bei Flatex

Von Christian Kirchner

Die angestrebte Veräußerung des Wertpapierbrokers Flatex (zuvor bekannt als „Fintech Group“) dürfte der medial bestunterstützte M&A-Prozess seit langem sein.

  • Das Präludium datiert noch aufs Kalenderjahr 2017. Damals kürte die „Bild“ zunächst den Fintech-Group-Chef zu „Deutschlands ehrlichstem Banker“ (Link). Dann begann die „Bilanz“, die „solide“, „hochprofitable“, „innovative“ und „schnell wachsende“ Fintech Group zu „Europas aussichtsreichster Fintech-Aktie“ und zum „potenziellen Übernahmekandidaten“ auszurufen (Link).
  • Anfang Juli dieses Jahres folgte schließlich die offizielle Mitteilung, dass Flatex „strategische Optionen einschließlich eines Teilverkaufs“ prüfe …
  • … bevor wiederum „Bilanz“ am 13. August von 25 (!) Interessenten berichtete und anonyme Investmentbanker zitierte, die Verkaufskurse von 35 Euro (Kurs damals: 25 Euro) für realistisch hielten …
  • … und unter den Interessenten befand sich, wie zwei Tage später im „Handelsblatt“ nachzulesen war, auch Goldman Sachs
  • … bevor sich erneut laut „Handelsblatt“ Anfang Oktober der Bieterkreis auf vier (natürlich immer noch inklusive Goldman Sachs!!!) verengte.

Da gerät dann leicht mal in Vergessenheit, dass laut eines früheren „HB“-Artikels die indikativen Gebote eigentlich doch schon am 20. August hätten abgegeben werden sollen …

Warum dauert das denn so lange? Braucht die Investmentbank Lazard, die den Prozess orchestriert, sechs Wochen, um aus allen Angeboten die vier besten auszuwählen?

Jedenfalls: Neben uns scheint es da draußen noch jemanden zu geben, der das ganze Procedere ein bisschen seltsam zu finden scheint – nämlich der Ösi-Hedge-Fonds Petrus Advisers mit Sitz in London. Der nämlich hat laut Mitteilung vom 4. Oktober eine Leerverkaufs-Position von 0,51% bei Flatex aufgebaut.

Das ist in doppelter Hinsicht bemerkenswert, …

  • … denn bei Petrus Advisers handelt es sich um den gleichen Hedge-Fonds, der bei der Comdirect seit Herbst 2017 als Aktivist agiert – allerdings „long“. Jüngst baute Petrus seine Position meldepflichtig auf über 3% aus.
  • … denn bei einem (angeblich) so ultraheißen Übernahmekandidaten wie Flatex „short“ zu gehen, würde unter normalen Umständen fast suizidal anmuten. Schließlich muss der Leerverkäufer ja jederzeit damit rechnen, von einem kompletten Übernahmeangebot oder gar einer Bieterschlacht überrumpelt zu werden. Zumal: Die Gewinnchancen bei einem Leerverkauf sind limitiert, die Verlustrisiken quasi unbegrenzt.

Was also treibt Petrus Advisers um? Eine Finanz-Szene.de Anfrage blieb unbeantwortet. Und auch Flatex gibt sich unwissend. Kontakt zu Petrus haben es keinen gegeben. Und überhaupt: Der ganze Verkaufsprozess sei ja „keinesfalls öffentlich“, das meiste dessen, „was Sie in der Presse lesen können, sind Gerüchte und basieren nicht auf offiziellen Statements von uns“.

Auffällig jedenfalls ist, dass an der Börse die Euphorie  um den möglichen (Teil-)Verkauf längst verflogen ist: Seit Juli ging es für die Flatex-Aktie zunächst von rund 20 Euro auf bis zu 29 Euro. Inzwischen: Notiert das Papier trotz angeblichen Übernahme-Wettlaufs nur noch bei 22,80 Euro (im Mai 2018 waren es übrigens mal 35 Euro).

Bei Lichte betrachtet kann das alles nicht überraschen. Denn:  Im Kern gilt für Flatex ja das Gleiche wie für die Comdirect (siehe unsere große Analyse von gestern): Der Markt für Online-Broker ist inmitten einer Disruption, in der besonders für aktive und flexible Trader die Gebühren wettbewerbsbedingt in Richtung Null sacken. Folge: Egal ob Comdirect oder Flatex – gemessen am notorisch positiven Medienecho nehmen sich die Geschäftszahlen (unsere Tabelle zeigt die von 2018) eher bescheiden aus.

Comdirect B2C Flatex
Kunden (Mio) 2,52 0,29
Trades (Mio) 21,9 12,5
Umsatz (Mio) 334 125
EBIT (Mio) 55 34
Überschuss (Mio) 50 21
Börsenwert (Mio)* 1690 440
* Stand 7.10.2019

Und, nebenbei bemerkt, auch bei Flatex wirbt man zwar fortlaufend mit dem Neukundenwachstum – gingen aber im ersten Halbjahr Vorsteuergewinn und Überschuss zum Vorjahreszeitraum zurück.

Vielleicht ist die Wette von Petrus Advisers doch nicht so suizidal, wie sie auf den ersten Blick wirkt.

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Wie Mario Draghi die Sparkassen zur Räson bringt

Von Heinz-Roger Dohms

Dürfen wir uns für einen Moment der Weltanschauung der deutschen Sparkassen anschließen? Was ja bedeutet, im Zinstief kein ökonomisches Phänomen zu sehen, sondern die Laune eines wildgewordenen italienischen Notenbankers … Also: Dürfen wir? Prima.

Denn wenn wir dürfen, dann lässt sich belustigt festhalten: Ausgerechnet Herr Draghi könnte gelingen, woran eine Finanzkrise, mindestens zwei Finanzminister und diverse sonstige Mandatsträger gescheitert sind. Nämlich: den deutschen Sparkassen-Sektor zur Räson zu bringen. Oder anders ausgedrückt und für alle diejenigen, die es noch nicht mitbekommen haben: Die deutschen Sparkassen haben gestern mitgeteilt, von nun an gemeinsam und offiziell das Ziel eines einheitlichen Zentralinstituts (heißt: LBs, Deka und Berlin Hyp) zu verfolgen. Wobei die Helaba und die Deka den Anfang machen sollen.

Jede Wette: Ohne Zinstief (und Digitalisierungsdruck) wäre dieser Beschluss frühestens am St. Nimmerleinstag gefallen.

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Was macht N26 da eigentlich? (betr.: Lastschriften)

Von Heinz-Roger Dohms

Irgendwann Mitte September ging es los. Da tauchten im Internet die ersten Beschwerden von N26-Kunden auf, die der Smartphone-Bank grob gesagt vorwarfen, Schindluder mit ihren Lastschriften zu treiben. Das „Manager Magazin“ griff das Thema auf und vermutete „IT-Probleme“. Diese hätten zur Folge gehabt, das teils mehreren Wochen alte Lastschriften „erneut belastet würden“. N26 beschwichtigte damals: Es gehe nur um „einige Fälle“.

Nun, drei Wochen später, sind aus „einigen Fällen“ dann doch „einige hundert Fälle“ geworden, wie die „Bild“ unter Berufung auf N26-Deutschland-Chef Georg Hauer berichtet. Wobei ja eigentlich weniger die Zahl der Fälle interessiert als deren Ursache: Sind es wirklich IT-Probleme? (Nein, sagt die Bank). Treibt N26 womöglich doch Schindluder? (Nein, sagt die Bank). Aber was dann?

Altruismus, sagt die Bank: Um Kunden, deren Konto keine ausreichende Deckung aufwies, die Gebühr für die Lastschrift-Rückgabe zu ersparen, sei N26 in Vorleistung getreten und habe sich das Geld später vom Kunden zurückgeholt.

Soll man das glauben? Wenn ja, dann ist N26 ziemlich nett. Und irgendwie wohl auch ein bisschen naiv.

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Donner & Reuschel schluckt Berenbergs VV-Office

Von Heinz-Roger Dohms

Die Hamburger Privatbank Donner & Reuschel übernimmt nach exklusiven Informationen von Finanz-Szene.de das „Vermögensverwalter- Office“ des Konkurrenten Berenberg. Der Deal kommt insofern überraschend, als die „Wirtschaftswoche“ und andere Medien zuletzt über Hauck & Aufhäuser als Käufer spekuliert hatten. Tatsächlich habe das Frankfurter Institut ein Angebot abgegeben, sagen unsere Quellen – das Berenberg-Management habe sich jedoch letztlich für die konkurrierende Offerte von Donner & Reuschel entschieden. Als Kaufsumme sei von einem niedrigen zweistelligen Millionenbetrag auszugehen.

Im „Vermögensverwalter Office“ bündelt Berenberg Dienstleistungen für rund 150 unabhängige Vermögensverwalter. Aufgebaut hatte diesen Bereich Michael Gillessen, der das Alster-Institut vor einem Jahr allerdings unvermittelt verlassen hatte. Bald darauf gingen mit Frank Eichelmann und Sven Hoppenhöft zwei weitere Schlüsselmanager; sie gründeten zwischenzeitlich das Beratungshaus „Pro BoutiquenFonds“. Seit diesen Abgängen war in der Branche über einen mögliche Veräußerung des „Vermögensverwalter Office“ spekuliert worden.

Für die Mitarbeiter dürfte der Verkauf an Donner & Reuschel die bessere Nachricht sein, als wenn Hauck & Aufhäuser den Zuschlag bekommen hätte. Denn: Hauck & Aufhäuser ist im Bereich der Vermögensverwalter-Service sei Jahren aktiv – gut denkbar, dass es darum infolge einer Übernahme zu doppelten Besetzungen und damit zu Stellenstreichungen gekommen wäre. Donner & Reuschel hingegen muss in dem Segment erst Fuß fassen und dürfte auf die Berenberg-Leute entsprechend angewiesen sein.

Aus dem Archiv:

Donner & Reuschel: Die Bank mit dem 56-Mio.-Euro-Haus

Der große Überblick über die Privatbanken-Bilanzen 2018

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