Hohe Verluste: Lässt die Deutsche Bank die Norisbank verfallen?

Skyline Bonn

Von Christian Kirchner

Wenn es darum geht, wie eine Bank zu führen, wissen es Unternehmensberater, Finanzaufseher und  Journalisten in der Regel besser als die Vorstände selbst. Glauben sie jedenfalls. Heraus kommt als Musterlösung meist, wenn wir das mal so salopp zusammenfassen dürfen: Die Banken müssen viel disziplinierter sparen, Filialen schließen, voll auf die Digitalisierung setzen und idealerweise auf Augenhöhe mit den Fintechs kommen. Dann wird’s auch wieder was mit der Profitabilität.

Umso interessanter, dass es eine Bank gibt, bei der die Eigner diese Musterlösung mehr oder weniger 1:1 verfolgt haben – nämlich die Norisbank, Sitz nunmehr Bonn, für die die Deutsche Bank 2006 mehr als 400 Mio . Euro hingelegt hat und die mit 550.000 Kunden ein ernstzunehmender Spieler im eigentlich wachsenden deutschen Direktbanken-Markt ist.

Seit 2007 – dem ersten vollen Geschäftsjahr nach der Übernahme – haben sich die wichtigsten Kennziffern wie folgt entwickelt:

  • Die Verwaltungsaufwendungen sanken um 71%.
  • Die Zahl der Mitarbeiter sank um 84%.
  • Und die Zahl der Filialen sank sogar um 100%. Die wurden nämlich 2012 geschlossen.

So ist die heutige Norisbank ein Institut, das bei Kennziffern wie der Bilanzsumme pro Mitarbeiter oder Zahl der Kunden pro Mitarbeitern um Längen effizienter aufgestellt ist selbst zum Beispiel die deutsche ING, die DKB, die Comdirect oder gar N26.

Bilanzsumme in Mio. € pro Mitarbeiter
Comdirect 18
DKB 20
ING 73
N26* 7
Norisbank 73
* basierend auf Schätzung 1.000 MA
Kunden pro Mitarbeiter
Comdirect 1.695
DKB 1.028
ING 1.879
N26* 3.500
Norisbank 10.340
* basierend auf Schätzung 1.000 MA

Quelle: Geschäftsberichte

Die Sache hat nur einen Haken. Heraus gekommen ist eine Bank, die 2018 laut jüngst veröffentlichtem Abschluss einen Verlust von 12 Mio. Euro geschrieben hat. Das war zwar (auch) einigen Anpassungen in der Bilanzierung geschuldet, schreibt die Norisbank in ihrem Abschluss und betont ein Deutsche-Bank-Sprecher auf Anfrage von Finanz-Szene.de. Blickt man aber etwas weiter zurück (nämlich bis 2012, also dem Jahr der Umwandlung von der Filial- zur reinen Direktbank), dann sieht man: Der letzte ernstzunehmende Überschuss (15 Mio. Euro) stammt aus 2013. Seitdem krebst das Institut auch ohne Bilanzeffekte beim Gewinn um die Null-Linie herum oder rutscht eben, wie 2018 geschehen, tief in die roten Zahlen. Selbst ohne Extra-Effekt wäre gerade mal eine schwarze Null heraus gekommen.

Um zu verstehen, was das passiert ist, wollen wir uns die wichtigsten Kennziffern der Bank über zwei (sich leicht überschneidende) Sechs-Jahres-Zeiträume anschauen. Einmal 2009 bis 2014 …

2009 2010 2011 2012 2013 2014
Zins-Ergebnis in Mio. 141 146 131 90 61 56
Provisions-Ergebn. in Mio. 22 16 23 16 5 2
Verwaltungs-Kosten in Mio 86 90 87 89 40 35
Bilanz in Mrd. 5,8 6,2 5,1 3,9 3,4 3,9
Kunden in Tsd 635 645 650 609 568 559
CIR in % 67 70 72 164 79 84
Mitarbeiter 469 468 466 295 45 48
Überschuss 12 22 27 -67 15 -5

… und einmal 2013 bis 2018 …

2013 2014 2015 2016 2017 2018
Zins-Ergebnis in Mio. 61 56 52 47 44 41
Provisions-Ergebn. in Mio. 5 2 1 2 2 1
Verwaltungs-Kosten in Mio 40 35 32 33 32 33
Bilanz in Mrd. 3,4 3,9 3,5 3,6 3,7 3,9
Kunden in Tsd 568 559 545 550 555 548
CIR in % 79 84 84 94 94 103
Mitarbeiter 45 48 47 47 51 53
Überschuss 15 -5 3 1 0 -12

jeweilige Quelle: Geschäftsberichte

Man sieht: Zwischen 2009 und 2011 entwickelte sich die Norisbank offenbar in die richtige Richtung. Die Kundenzahl stieg, die Zinseinnahmen muteten auskömmlich an, an Provisionsgeschäft fiel ein bisschen was ab – und die Verwaltungskosten waren immerhin so überschaubar, dass 2011 aus 5,1 Mrd. Euro Bilanzsumme ein Überschuss von 27 Mio. Euro generiert wurde.

Überschlägt man nun das Übergangsjahr 2012 (in dem hohe Einmalkosten das Ergebnis komplett verhagelten) und guckt auf die „neue“ Norisbank von 2013/2014, dann fällt auf: Zwar gelang es, die Verwaltungskosten durch den radikalen Umbau zur reinen Online-Bank um weit mehr als 50% zu drücken. Demgegenüber stand allerdings ein Verlust an Erträgen, der über die erzielten Einsparungen deutlich hinausging.

Schaut man nun auf die zweite Tabelle (also die von 2013 bis 2018), so sieht an. Die Norisbank hat ihre Kosten zwar im Griff. Die Erträge allerdings verflüchtigen sich (bedingt durch die Niedrigzins-Ära) mehr und mehr. So kommt es, dass die Deutsche-Bank-Tochter, die auf den ersten Blick ein Musterbeispiel für Cost-Cutting zu sein scheint, zugleich eine dramatisch steigende Cost-Income-Ratio aufweist:

Quelle: Geschäftsberichte

Nun mag man darüber streiten, ob die Norisbank angesichts des Zinstiefs heute ohne die einstigen radikalen Einschnitte womöglich noch schlechter dastünde. Festzuhalten aber bleibt:

  1. Vor dem Umbau schien die Norisbank nicht schlecht dazustehen. Seit dem Umbau tut sie es.
  2. Ohne eine Idee, wie sich trotz Zinstief Erträge erwirtschaften lassen, nutzen selbst die radikalsten Sparmaßnahmen bei der auf Girokonten und Ratenkredite spezialisierten Bank wenig.

Womit sich die Frage aufdrängt: Hat die Deutsche Bank die Norisbank möglicherweise kaputtgespart?

Auf Anfrage teilt das größte Geldhaus der Republik jedenfalls mit, der 2018er-Verlust habe keine operativen Gründe (sondern liege – siehe oben – an einer veränderten Bilanzierung), man sehe die Norisbank digital hervorragend aufgestellt, und gemessen an der Kundeninteraktion wachse die Tochter auch organisch. Und tatsächlich hat das Institut mit geradezu sensationell niedrigen Personalkosten auch eine Rolle für die Deutsche Bank, die über das Abliefern von Gewinnen hinaus geht: Die Norisbank weist Forderungen an Kreditinstitute in Höhe von 3,2 Mrd. Euro aus – und die bestehen unter anderem gegenüber der Deutschen Bank Privat- und Firmenkunden (1,7 Mrd. Euro), die Deutsche Bank AG (0,8 Mrd. Euro) sowie aus Krediten an die Deutsche Bank Polska Spólka Akcyjna (0,5 Mrd. Euro) und die Deutsche Bank London (0,2 Mrd. Euro).

Vor gut einem Jahr kündigte der inzwischen demissionierte Privatkunden-Chef Frank Strauß Großes an.  Mittelfristig solle die Tochter „eine ganz wesentliche Rolle“ bei der Vervollständigung der digitalen Geldbörse spielen, erzählte er dem „Handelsblatt“.  Und: Er setze auf die Norisbank, „weil wir in unserem Portfolio ein aktives Direktbankangebot haben wollen.“

Von diesem Gedanken ist auch der Ausblick im 2018er-Abschluss geprägt: Aufgehängt ist die Norisbank neuerdings im Geschäftsbereich „Chief Digital Office / Digital Ventures“ der Privatkundensparte der Deutschen Bank. Es geht nun um die „Weiterentwicklung des Geschäftsmodells der Norisbank, um insbesondere digital affine Kundengruppen mit einem herausragenden digitalen Produkt- und Serviceangebot zu überzeugen.“ Wobei hier die Deutsche-Bank-App „Yunar“ – eine App zur digitalen Bündelung und einfachen Nutzung von Loyalitätsprogrammen – eine zentrale Rolle spielen solle.

Bis sich das aber auszahlt, kann es noch etwas dauern. Im Ausblick präsentiert die Norisbank einen Satz mit dem Schwurbelfaktor „extrem“ (61 Wörter), in dem die Kernbotschaft beinahe untergehen könnte. Er lautet – und wir haben die entscheidenden Worte für Sie gefettet:

Für 2019 erwarten wir für die Norisbank GmbH aufgrund des weiterhin niedrigen Zinsumfelds und des anhaltend hohen Wettbewerbsdrucks in den Kernprodukt-Märkten Girokonto und Ratenkredit mit anhaltend hohen Marketingspendings der Wettbewerber und fortgesetzten Margendrucks sowie im Besonderen aufgrund der geplanten erheblichen Investitionen in die weitere Digitalisierung und den Umbau des Geschäftsmodells der norisbank GmbH ein negatives Ergebnis im niedrigen einstelligen Millionenbereich.

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Coba erhöht Gebühren für Geschäftskonten um bis zu 43%

Commerzbank-Turm in Frankfurt

Von Christian Kirchner

Bei der Commerzbank sollen auch die Geschäftskunden ihren Beitrag zum Gelingen der Strategie „Commerzbank 5.0“ leisten – und zwar in Form drastisch steigender Kontoführungs-Gebühren. Das geht aus einem Hinweis auf der Homepage des Frankfurter Instituts („Bitte beachten Sie die Änderung unserer Preisberechnung zum 01. 01 .2020“) hervor.

Hinter dem Link steckt eine saftige Erhöhung der Entgelte zwischen sage und schreibe 25% und 43%. Die Veränderungen bezogen auf die drei angebotenen Kontomodelle im Detail:

alt neu Veränderung
Konto „Klassik“ 6,90 € 9,90 € 43%
Konto „Premium“ 18,90 € 24,90 € 32%
Konto „Premium Plus“ 39,90 € 49,90 € 25%

Dabei belässt die Commerzbank nicht bei der Steigerung der eigentlichen Kontoführungs-Gebühren: Zwar erhöhte sie die Anzahl der kostenlosen beleglosen Überweisungen pro Monat (Klassik: von 0 auf 10, Premium: von 50 auf 75, Premium Plus von 500 auf 750). Zugleich verteuern sich aber Sortenvorgänge wie Ein- bzw. Auszahlungen: In den Varianten Premium und Premium Plus waren bislang fünf Transaktionen kostenlos, nun kosten diese 2,50 Euro ab dem ersten Vorgang.

Wie viele Kunden betroffen sind (und wie sich die Erhöhung auf die Erträge auswirken könnte), lässt sich nicht genau sagen. Der Bereich „Privat- und Unternehmerkunden“ umfasst rund 13,4 Mio. Kunden.  Die Coba schlüsselt aber nicht auf, wie sich diese Zahl auf Retail- einerseits und Geschäftskunden andererseits verteilt. Nach eigenen Angaben hat die Commerzbank unter Geschäfts- und kleineren Firmenkunden einen Marktanteil von 5%. Auf Basis von rund 3,3 Mio. Unternehmen aller Art in Deutschland lässt sich vermuten, dass es um eine sechsstellige Zahl von Kunden gehen dürfte.

Die Commerzbank steht unter Druck ihrer Investoren, die seit seit vielen Quartalen bestenfalls stagnierenden Erträge bemängeln. Im Mittelpunkt der Planungen zur „Commerzbank 5.0“ standen indes eher Kostenreduktionen. Konkrete Ertragsziele lieferte die Bank nicht. Sie teilte lediglich mit, dass sie nicht von fallenden Erlösen über den Zeitraum bis 2023 ausgehe. Bislang begegnen Investoren der neuen Strategie skeptisch. Seit Verkündung gab die Commerzbank-Aktie 4% nach. Bankaktien der Eurozone legten im gleichen Zeitraum 5% zu.

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