Die Zahlen der ING Deutschland im dritten Quartal

Von Christian Kirchner

Die Niedrigzinsen machen nun auch der ING Deutschland merklich zu schaffen. Das geht aus dem heute früh veröffentlichen Quartalsbericht des niederländischen Mutterkonzerns ING Groep hervor.  Demnach ging der Vorsteuergewinn gegen über dem gleichen Vorjahresquartal um 2% auf 377 Mio. Euro zurück.  Das ist zwar insofern ein Luxusproblem, als die frühere ING Diba damit in Sachen Aufwand-Ertrags-Ratio (42%) und Eigenkapitalrendite (16,9%) weiterhin in einer eigenen Liga spielt hierzulande. Dennoch deuten die Zahlen darauf hin, dass das jahrelange Gewinnwachstum einstweilen zum Erliegen gekommen ist.

Ursächlich dafür ist, dass der Zinsüberschuss nicht länger zulegt. Er steht für rund 80% der Erträge der hiesigen ING und sank gegenüber dem Vorjahresquartal um 1%. Leichte Schwäche zeigt auch der Bereich Wholesale-Banking; hier fiel der Vorsteuergewinn um rund 14% zum Vorjahresquartal. Die Einheit für Firmenkunden wurde einst geschaffen, um den massiven Einlagenüberhang der Bank sinnvoll zu nutzen.

Hier die wichtigsten Kennziffern der ING Deutschland im Überblick:

in Mio. Euro Q3/18 Q2/19 Q3/19 Q3/19 zu Q3/18
Zinsüberschuss              546              535 538 -1%
Provisionsüberschuss                74                77 85 13%
Erträge gesamt              678              654 664 -2%
Kosten gesamt              292              321 284 -3%
Gewinn vor Steuern              386              347 377 -2%

Quelle: ING Groep

Dass es sich beim Ende des Gewinnwachstums nicht um eine verzerrte Momentaufnahme eines Quartals handelt, zeigt der Blick auf die kumulierten ersten neun Monate: Auch hier ging der operative Gewinn der 8% gegenüber dem Vorjahr zurück. Weiterhin verlassen kann sich die ING indes auf ihre Kostendisziplin, dank der gesunkenen Kosten fiel die Cost-Income-Ratio auf den niedrigsten Wert der jüngeren Vergangenheit. Das ist um so erstaunlicher, als dass der ING dabei das Kunststück gelingt, die Kosten zu senken (-3%), obwohl die Zahl der Mitarbeiter steigt (+5% auf 5.307 Vollzeitstellen, die laut der ING-Systematik dem Deutschland-Geschäft zugeordnet werden).

Laut der Detailergebnisse stoppt der Zufluss neuer Einlagen. Das Volumen stagniert bei rund 138 Mrd. Euro. Der mutmaßliche Grund hierfür ist die Kürzung der Zinsen auf nur noch 0,01% beim Flaggschiff-Produkt „Extra-Konto“. Der nur moderate Anstieg des Kreditvolumens deutet darauf hin, dass ING den Rückgang beim Zinsertrag nicht über immer mehr Geschäft  kompensieren will. Sondern: Sie setzt stattdessen auf Kostensenkungen.

Q3/18 Q2/19 Q3/19 Q3/19 zu Q3/18
Gewinn Retail-Banking 260 248 268 +3%
Gewinn Wholesale-Banking 125 99 110 -14%
Cost-Income-Ratio 43,0% 49,1% 42,8%
Einlagen (Mrd. €) 133,6 138 138,1 0%
Immobilienkredite (Mrd. €) 72,7 74,7 75,8 +4%
Konsum.-Kredite (Mrd. €) 44,4 46,9 46,1 +4%

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Was Fintechs aus dem Flop des „Zukunftsfonds“ lernen können

Von Christian Kirchner

Am morgigen Freitag steht ein Geburtstag an, den niemand feiern wird.  Die Auflage des „Zukunftsfonds“ von Ex-Bild-Chefredakteur Kai Diekmann und Ex-Investmentbanker Lenny Fischer jährt sich zum zweiten Mal.

Die Bilanz? Übel. Die schwache Performance (-2,2% seit Auflage) ließe sich vielleicht noch rechtfertigen. Nicht aber das verwaltete Vermögen. 12,3 Mio. Euro sind es momentan. Tendenz: sinkend statt steigend. Zuletzt zog nach Finanz-Szene.de-Informationen sogar ein Dachfonds des Fondsmanagers selbst (also der Greiff Capital AG von Fondsmanager Volker Schilling) 3 Mio Euro ab, die zurück in einen Greiff-Dachfonds flossen. „Vereinbarungsgemäß“, wie es auf Anfrage heißt.

Was ist da schiefgelaufen? Ein Lehrstück über den deutschen Retail-Investmentmarkt, das diverse Erkenntnisse für Banken und sogar mehr noch für Robo-Adviser sowie sonstige Anlage-Fintechs bereithält:

1.) Es geht nicht ohne Vertrieb

Es ist ja schön, wenn man gut im Erfinden von Anlageprodukten ist – entscheidender als das Produkt ist allerdings (leider) der Vertrieb. Die Macher des „Zukunftsfonds glaubten, der aufgeklärte Endkunde würde höchstselbst die Ordermasken ausfüllen oder seine Bank beauftragen, den Fonds in sein Depot zu packen. Hat aber offenbar kaum jemand gemacht. Ohne provisionierte Vertriebler ist’s halt schwer. Und wie ist das bei den Robo Advisors? Die verzweifeln auch bei der Frage, wie sie ihre Produkte an den Endkunden bringen sollen. Selbst der Marktführer Scalable Capital zündete so richtig erst durch die Vertriebskooperation mit der ING Diba.

2. Es gibt zu wenige Selbstentscheider – und die, die selbst entscheiden, sind schwer zu knacken

Theoretisch wäre der „Zukunftsfonds“ prädestiniert für die Zielgruppe der „Selbstentscheider“. Von denen allerdings gibt es hierzulande nicht so wahnsinnig viele. Und die, die es gibt, fühlen sich im Reich bestehender Fonds und vor allem ETFs oft gut bedient. Eine Erfahrung, die zuletzt übrigens auch viele Robo Advisor machen mussten.

Eine Zahl dazu noch: Simple ETFs sind Liebling von Medien und Verbraucherschützern , quasi die „Musterlösung“ gerade von Selbstentscheidern. Aber selbst nach über einem Jahrzehnt des Booms haben Privatanleger bei den Direktbanken gerade einmal 27 Mrd. Euro in ETFs angelegt (Quelle). Klingt viel. Ist aber letztlich auch nur ein Bruchteil (0,4%) des Geldvermögens der privaten Haushalte. Und entspricht ungefähr dem gleichen Volumen, das deutsche Privatanleger in die Aktien von Bayer und BASF investiert haben. Sprich: Die Nische haben selbst die Top-Produkte für Selbstentscheider noch nicht verlassen.

3.) Mediale Präsenz garantiert keine Zuflüsse

Viele Anlage-Fintechs glauben (oder glaubten), eine hohe mediale Präsenz ihres Produkts sorge für so viele Kundenkontakte, dass am Ende (viel hilft viel) genügend hängen bleibe. Ähnlich kalkulierten die Macher des „Zukunftsfonds“. Doch trotz einer geradezu irrsinnigen Serie an Interviews und Porträts in renommierten Medien wie „Spiegel“, „Manager Magazin“ oder „Handelsblatt“, wurde der Fonds vom Publikum schlicht ignoriert (und wenn jetzt einer sagt: Podcast statt Print wäre die Lösung gewesen … Podcasts hat der gute Herr Diekmann natürlich auch gemacht)

4. Nicht jeder ist geeignet, Finanzprodukte zu bewerben

Auch wenn es unfair klingt – aber: Es ist nun mal so, dass nicht jeder Mensch über eine so einnehmende Erscheinung wie, sagen wir, der blondgewellte Herr Podzuweit von Scalable Capital verfügt. Oder anders ausgedrückt: Geldanlage hat in erster Linie etwas mit Vertrauen zu tun. Wer ein Finanzprodukt vertreiben will, sollte sich daher gut überlegen, wen er an die mediale Front schickt (hat es „Weltsparen nicht mal mit dem graugewellten „Tatort“-Schauspieler Nemec versucht?). Oder anders gesagt:  Wenn der Ex-Chef der „Bild“ der der Ex-Investmentbank-Chef der „Dresdner“ schon meinen, einen Volksfonds auflegen zu müssen – dann sollten sie zumindest überlegen, ob sie selbst die geeigneten Testimonials hierfür sind.

5.) What’s new?

Der „Zukunftsfonds“ hat das Problem der kompletten Austauschbarkeit. Es gibt bessere Mischfonds. Es gibt günstigere Mischfonds. Und es gibt Mischfonds, die besser (gemessen an der Performance) und günstiger (in Sachen Gebühren) sind. Vor dem gleichen Problem stehen auch viele Robo Advisor, die sich nicht nur von klassischen Fonds und ETFs, sondern auch noch von Ihresgleichen unterscheiden sollen. Ein Beispiel, wie das gelingen kann, scheint Liqid zu sein. Als „Edel-Robo“ haben sich die Berliner marketingtechnisch einen gewissen USP verschafft.

6.) Underpromise and overdeliver.

Nicht umgekehrt. Die Macher des „Zukunftsfonds“ starteten im November 2017 mit dem Bumms einer „Manager Magazin“-Titelgeschichte, bald schon stand ein „AuM“-Ziel von 20 Mrd. Euro im Raum. Klar: Ziele sind was Schönes. Und Ambitionen schaden nicht. Das Hantieren mit Milliardensummen allerdings bringt wenig. Beispiel Scalable: Die Macher hüten sich (jedenfalls nach unserer Wahrnehmung) tunlichst vor der Formulierung von Asset-Zielen. Folge: Niemand fragt, wann der ersten Milliarde beim verwalteten Vermögen denn endlich die zweite folgt – obwohl die erste immerhin schon anderthalb Jahre zurückliegt.

7.) Kunden wollen Probleme gelöst, aber keine Probleme eingeredet bekommen

Auf Spar- und Girokonten in Deutschland liegt ein vierstelliges Milliardenvermögen. Diese Quelle müsste man doch anzapfen können …

… glaubten die Macher des „Zukunftsfonds“ und glauben auch viele Robo-Manager.

Allein: Was, wenn die Menschen ihr Geld nicht horten, weil sie dumm sind, sondern weil sie es einfach so wollen (zum Beispiel aus einer Präferenz für Liquidität und Sicherheit heraus)? Soll nicht heißen, dass es sich dabei um ein kluge Strategie handelt. Aber: Die Idee, die Menschen mit Verweis auf Altersarmut oder  Kaufkraftverluste zu Anlegern umzuerziehen zu wollen, ist (Beleg: die Entwicklung der Aktionärszahlen) nachweislich gescheitert. Wer mit Finanzprodukten Geld verdienen will, sollte vielleicht mal eine neue Idee mitbringen.

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Das Problem der Deutschen Bank, reduziert auf wenige Zahlen

Von Christian Kirchner

Quartalszahlen! Dürfen wir Ihnen einmal ganz kurz vorrechnen, was das im Falle der Deutschen Bank heißt? Das sind vier DIN-A4-Seiten Pressemitteilung, eine 43-seitige Power-Point-Präsentation, ungefähr zwei Stunden Conference Calls und eine Präzisierung in einem gigantischen Excel-Sheet, das nach unserer Zählung 9.190 Datenzellen enthält.

Einerseits sollte man als Journalist für diese Masse an Material dankbar sein. Andererseits: Vielleicht lenken die vielen Details auch ab von der Frage, um die es eigentlich geht: Geben die Q3-Zahlen bereits Hinweise, ob das neue Geschäftsmodell (weniger Investmentbanking, mehr „sichere“ Erträge) funktioniert bzw. funktionieren kann?

Um es kurz zu machen: Ja, diese Hinweise gibt es. Aber sie sind nicht sehr ermutigend.

Machen wir analytisch mal nicht zu kompliziert, sondern konzentrieren uns auf Erträge und Kosten mit besonderem Fokus auf die sogenannte Kernbank – also auf jene Bereiche, die die Deutsche Bank dauerhaft betreiben will, namentlich:

  • die Unternehmensbank
  • die Privatkundenbank
  • das (gestutzte) Investmentbanking
  • und das Asset Management.

Zur Erinnerung: Die Kosten dieser Kernbank sollen bis 2022 von aktuell 23 Mrd. Euro pro Jahr auf nur noch rund 17 Mrd. Euro sinken, während die Erträge (zuletzt 23,5 Mrd. Euro) gleichzeitig steigen sollen. War von dieser Marschroute in Q3 schon irgendwas zu erkennen?

Nein: In der Kernbank insgesamt sanken die Erträge gegenüber dem Vorjahresquartal um 4% – derweil die Kosten (wohlgemerkt bereinigt um die  Restrukturierungs-Aufwendungen) um 1% stiegen.

Schauen wir uns das Ganze nun für die vier Teilbereiche der neuen Kernbank an:

Entwicklung Kosten und Erträge Q3 2019 vs. Q3 2018 Deutsche Bank, ohne Restrukturierungsaufwendungen

Quelle: DB

Die Grafik zeigt – bei aller Vorsicht mit punktuellen Vergleichen von nur einem Quartal und Saisonalitäten – folgendes:

  • In der „Unternehmensbank“ mit dem kompletten Firmenkundengeschäft stiegen in Q3 die Erträge (wir vergleichen immer mit dem  Vorjahresquartal …) um 6%. Zugleich schossen die Kosten allerdings  mit  13% doppelt so schnell in die Höhe.
  • In der Privatkundenbank inkl. Postbank (siehe auch unsere Analyse hier)  sanken die Erlöse um 2%, die Kosten aber nur um 1%
  • In der Investmentbank fielen die Erträge um 5%, die Kosten (auch hier bereinigt) nur um 2%
  • Und schließlich sanken im Asset Management (DWS) im dritten Quartal die Erträge um 4%. Dagegen stiegen die Kosten um 3% (die DWS selbst kommt in ihrer Berichterstattung auf andere „bereinigte“ Zahlen, siehe unsere Analyse hier)

Mithin: In keiner der vierten Sparten hat die Deutsche Bank schon die Richtung eingeschlagen, die man doch eigentlich einschlagen will – nämlich zumindest etwas höhere Erträge bei zugleich markant niedrigeren Kosten.

Klar – die Deutsche Bank kann durchaus auch Erfolge vorweisen: Die Zahl der Mitarbeiter fiei (so trüb das für die Betroffenen ist) unter 90.000. Zudem geht der Abbau von Risikopositionen in der internen „Bad Bank“ rasch vorwärts. So sind die risikogewichteten Aktiva bereits wenige Wochen nach der Installation der Abbaubank auf 56 Mrd. Euro gesunken. Ende 2018 waren es (rechnerisch) noch 72 Mrd. Euro gewesen.

Aber was nutzt das, wenn aus dem Kerngeschäft (= aus der Kernbank) keine positiven Signale kommen. Sehen auch die Investoren so. Die Aktie verlor gestern 6,9% auf 6,70 Euro.

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