Von N26 bis Finleap: Diese 18 Fintech-Startups zeigen ihren Umsatz

Von Heinz-Roger Dohms

Wie relevant sind Deutschlands Fintechs wirklich? Diese Frage beschäftigt uns seit dem Start von Finanz-Szene.de so sehr wie kaum eine andere – wobei die Antworten bislang immer den Charakter des Vorläufigen hatten, weil die allermeisten Finanz-Startups ihre wirklich wichtigen Geschäftszahlen für sich behielten.

Allmählich indes ändert sich das. Unsere Fintechs werden älter, sie werden größer, sie werden vorzeigbarer, und viele unterliegen schärferen Publizitäts-Pflichten. Die Folge: Immer mehr Anbieter gewähren Einblicke in ihr Allerheiligstes, nämlich in ihre Umsatzerlöse. Wobei sich das „immer mehr“ quantifizieren lässt: Finanz-Szene.de hat die Abschlüsse der 50 bedeutendsten seit 2009 gegründeten deutschen Finanz-Startups untersucht.  Davon machten 18 detaillierte Angaben zu ihren Erträgen, davon die Hälfte sogar für das abgelaufene Geschäftsjahr.

Wie relevant sind Deutschlands Fintechs also wirklich? Hier die Antwort.

(Lesehilfe: Sie finden zuerst die Tabelle mit sämtlichen Fintechs, weiter unten dann Erläuterungen zu denen einzelnen Fintechs und wo ihre Erträge herkommen. Da die Umsätze – u.a. aufgrund des unterschiedlichen Alters der Unternehmen – nicht direkt vergleichbar sind, haben wir auf ein Ranking verzichtet und die einzelnen Anbieter stattdessen alphabetisch aufgelistet)

Erlöse (in Mio.) Jahr Veränd. zum Vorjahr Gründung
Aevi 43,6 € 2017 -24% 2015
Billie 1,2 € 2018 824% 2017
Billpay 28,2 € 2018 11% 2009
Creditshelf 2,2 € 2018 114% 2014
CRX Markets 0,9 € 2018 479% 2014
Decimo 0,7 € 2017 167% 2014
Deposit Solutions 5,7 € 2017 106% 2011
Elinvar 1,2 € 2018 1707% 2016
Finanzcheck 36,1 € 2017 50% 2010
Finleap 5,8 € 2017 151% 2014
Finreach 2,1 € 2018 36% 2014
Kreditech 71,0 € 2017 57% 2012
N26 11,0 € 2017 2010% 2013
Orderbird 9,3 € 2018 3% 2011
Ottonova 0,1 € 2017 k.A. 2015
Ratepay 24,0* 2017 62% 2009
Savedroid 0,0 € 2018 k.A. 2015
Solarisbank 12,1 € 2018 290% 2016

Quelle: Geschäftsberichte; Ratepay: Zahlen von März-Dez. 2017 (also nur 10 Monate umfassend)

Aevi

Die Diebold-Nixdorf-Tochter vertreibt ein mobiles Kassenterminal namens „Albert“. Drei Viertel des Umsatzes entfielen dem 2017er-Abschluss zufolge auf „Hardware“, ein Viertel auf „Software/Services“. Als Gründe für den Umsatzrückgang führt der Geschäftsbericht „die Komplexität und damit einhergehende erhöhte Anlaufzeit von Kundenprojekten sowie länderspezifische Regulierungen und Zulassungen“ an.

Billie

Das 2017 gegründete Berliner Startup gilt als aussichtsreichstes deutsches Factoring-Fintech. Bei den ausgewiesenen Erlösen handelt es sich laut GuV um „Zinserträge“, die im Geschäftsbericht wie folgt definiert werden: „Die Zinserträge bestehen ausschließlich aus zinsähnlichen Factoring-Gebühren.“

Billpay

Gegründet 2009 von Rocket Internet. Spezialist für Online-Rechnungskauf. Anfang 2017 vom schwedischen Super-Fintech Klarna übernommen. Bei den Umsatzerlösen haben wir uns auf die „Provisionserträge“ beschränkt und die „sonstigen betrieblichen Erträge“ (die u.a. aus Währungs-Umrechnungen resultieren) ausgeklammert. Im Geschäftsbericht heißt es: „Der Anstieg der Provisionserträge basierte vorwiegend auf dem Ausbau des Produkts Rechnungskauf.“

Creditshelf

Das Frankfurter Fintech vertreibt über eine Vergleich-Plattform KMU-Finanzierungen und gehört zu den wenigen börsennotierten deutschen Finanz-Startups. Die Umsatzerlöse stammen laut 2018er-Abschluss aus „Gebühren aus der Vermittlung von Krediten“ und „Gebühren aus der Bereitstellung von Leistungen an Investoren“.

CRX Markets

Der Münchner Working-Capital-Spezialist zählt den „Hidden Champions“ unter Deutschlands Fintechs – und wurde nach Informationen von Finanz-Szene.de bei der jüngsten Finanzierungsrunde mit rund 65 Mio. Euro bewertet. Als reine Vermittlungs-Plattform erzielt CRX Markets keine Zins-, sondern ausschließlich Provisionserträge. Zur Ertragsentwicklung findet sich im Abschluss folgender Hinweis: „2018 war für die Gesellschaft geprägt durch den Ausbau der bestehenden Finanzierungsprogramme mit den Kunden Nestlé, Vattenfall und Lufthansa.“

Decimo

Das Berliner Factoring-Fintech wurde kürzlich von der in Dresden ansässigen Elbe Finanzgruppe AG übernommen (die sich neuerdings Aifinyo nennt). Während in der GuV des 2017er-Abschlusses von „Zinserträgen“ in Höhe von rund 650.000 Euro die Rede ist, heißt es unter „Ertragslage“: „Gegenüber dem Vorjahr konnten 2017 sowohl der Umsatz als auch der Provisionsertrag deutlich gesteigert werden. Die Gebührenerträge betrugen 651 TEUR ggü. 244 TEUR im Vorjahr.“ Unserer Vermutung nach ist da kein Widerspruch, sondern lediglich eine Definitionsfrage (siehe auch weiter oben Billie).

Deposit Solutions

Der Hamburger Einlagen-Marktplatz sorgte jüngst durch den Einstieg der Deutschen Bank für Aufsehen. Was dagegen uns (und allen anderen Medien) verborgen blieb: Bereits im April hatte das angeblich zweite deutsche Fintech-Unicorn im Bundesanzeiger seine GuV für 2017 veröffentlicht. Bei der Erläuterung, woher die Umsatzerlöse in Höhe von 5,7 Mio. Euro genau stammen, blieb das Startup diffus: „Die Umsatzerlöse des Unternehmens beziehen sich hauptsächlich auf Dienstleistungen, Lizenzen, Software-Support und Wartungsverträge.“

Elinvar

Das Berliner Fintech (zu dessen Investoren Goldman Sachs zählt) hilft Privatbanken wie Warburg oder Donner & Reuschel bei der Digitalisierung ihres Geschäfts – und verdient nach unserem Verständnis an den Gebühren bzw. über einen „Revenue Share“.

Finanzcheck

Das Hamburger Ratenkredit-Vergleichsportal verdient an den Vertriebsprovisionen der Banken. Letztes Jahr wurde das Fintech von Scout24 übernommen – sodass sich im aktuellen Abschluss der Scout-Gruppe auch Hinweise auf den 2018er-Umsatz von Finanzcheck finden. Da die Zahlen laut Unternehmen aber nicht 1:1 mit den Zahlen der „Stand-alone-Finanzcheck“ vergleichbar sind, haben wir uns in der Tabelle auf die 2017er-Zahlen beschränkt.

Finleap

Die Berliner Fintech-Schmiede erbringt diverse Dienstleistungen für ihre Ventures- und erzielt (unter anderem?) auf diesem Wege durchaus beachtliche Erträge. Im Geschäftsbericht heißt es: „Die Umsatzerlöse wurden im Wesentlichen durch Beratungsleistungen, Sachleistungen sowie sonstige Leistungen (…) erzielt.“

Finreach

Die Umsatzzahlen von Finreach sind die einzigen unter den hier aufgeführten, die sich nicht dem Bundesanzeiger entnehmen lassen (wir haben sie anderweitig aufgetrieben …). Finreach hat in den vergangenen 12 bis 18 Monaten eine ziemliche Transformation durchgemacht – mit dem Ergebnis, dass das Fintech genauso wie die einstige Figo inzwischen zur neuen Finleap Connect gehört. Plausiblerweise würden wir allerdings vermuten, dass die 2018er-Erlöse noch zu einem Gutteil aus dem einstigen Kernprodukt stammen, nämlich dem Kontowechsel-Service.

Kreditech

Es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet das deutsche Fintech, das bislang die höchsten Umsätze erzielt hat, auch das ist, das bald darauf in einer ernste finanzielle Problemlage geriet (aus der sich die Hanseaten mittlerweile wieder so ein bisschen befreit haben). Oder anders gesagt: Der Mikrokredit-Spezialist erzielte 2017 nicht zuletzt deshalb gut 70 Mio. Euro Umsatz, weil das Management bereit war, hierfür einen Cashburn von 58 Mio. Euro in Kauf zu nehmen (für Connaisseure hier alle Details).

N26

Alles, was sich zur Ertragslage der Berliner Challenger-Bank sagen lässt, haben wir hier gesagt. Und für alle, die meinen, Erträge von rund 11 Mio. Euro seien lächerlich in Relation zu dem Hype, der rund um N26 veranstaltet wird – wir sind da etwas anderer Meinung.

Orderbird

Das Berliner Fintech setzt (ähnlich wie weiter oben Aevi) auf eine eigenes Kassensystem für die Gastronomie. Während Aevi – wenn wir es richtig verstehen – den Fokus zumindest anfangs auf die Hardware richtete, setzt Orderbird sein System auf das iPad auf und konzentriert sich auf die Software-Komponenten. Im Geschäftsbericht heißt es: „Die Umsatzerlöse resultieren im Wesentlichen aus der Erbringung von Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Entwicklung von Software für mobile Datenübertragungsgeräte und der Entwicklung von Kassensystemen sowie der Anbindung von Endkunden in den Prozess.“

Ottonova

Das Krankenversicherungs-Fintech war 2017 noch zu jung, als dass sich aus der GuV vernünftige Rückschlüsse ziehen lassen.

Ratepay

Das Geschäftsmodell ähnelt dem von Billpay (siehe weiter oben), und genau wie Billpay gehört auch Ratepay einer skandinavischen Mutter, nämlich dem dänischen Payment-Konzerns Nets (bzw. diversen dahinter stehenden Private-Equity-Investoren).

Savedroid

Über das Frankfurter Fintech ist alles gesagt, was zu sagen ist. Was den Umsatz von 0,0 Mio. Euro angeht, müssen wir fairerweise hinzufügen, dass es sich hierbei unfairerweise um einen abgerundeten Wert handelt. Tatsächlich erzielte Savedroid 2018 laut Geschäftsbericht Provisionserträge von sehr respektablen 65,42 Euro.

Solarisbank

Mit den (guten) 2018er-Zahlen des Berliner B2B-Fintechs haben wir uns dieser Tage erst intensiv auseinandergesetzt. Siehe hier: „Inside Solarisbank: Wie der Fintech-Darling auf Erträge kommt“.

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Schnipsel aus dem Wirecard-Report: KPMG-Bericht erst Ende März?

Von Heinz-Roger Dohms

Wirecard wächst und wächst und wächst und hört gar nicht mehr auf zu wachsen – so die (altbekannte) Grundaussage der gestern vorgelegten Q3-Zahlen. Konkret: Der Umsatz ist von Januar bis September gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 37,7% auf 1,9 Mrd. Euro gestiegen, das Ebitda um 38,4% auf 553 Mio. Euro.

Überraschender kommen ein paar andere Erkenntnisse, die der Quartalsbericht (Link) bereithält. Voilà:

1.) Kommt der KPMG-Bericht erst Ende März?

In einem am Montag veröffentlichten „Handelsblatt“-Interview war Wirecard-Chef Markus Braun (HB, Paywall) noch wie folgt zitiert worden: „Wir wollen der Prüfung nicht vorgreifen, wir hoffen, Anfang des Jahres die Ergebnisse vorstellen zu können. Uns ist sehr daran gelegen, das schnell zu erledigen.“ Im Q3-Bericht hingegen steht nun: „Der Abschluss der bereits gestarteten Untersuchung wird voraussichtlich für das Ende des ersten Quartals Im Geschäftsjahr 2020 erwartet.“ Auf Anfrage von Finanz-Szene.de teilt Wirecard mit, dass dem Unternehmen weiterhin an einer schnelle Klärung gelegen sei.

2.) Was ist denn jetzt mit den drei Mega-Kunden?

Vielleicht erinnern Sie sich: Ende August hatte Wirecard-Chef Braun verlautbart, sei Unternehmen habe „allein in den letzten vier Wochen drei Deals unterschrieben, die für sich genommen das Potenzial haben, das gesamte Transaktionsvolumen zu übertreffen, das 2018 über Wirecard abgewickelt wurde“. Aus dem Umfeld des Dax-Konzerns hieß es damals, in Aschheim werde damit gerechnet, dass sich besagte Umsatzpotenzial binnen zwei Jahren materialisieren könne.

Auf Nachfrage verweist eine Sprecherin auf einen Slide in der gestrigen Investoren-Präsentation (siehe unser Screenshot). Dort finden sich (teils prominente) Kunden, die Wirecard in diesem Jahr schon gewonnen habe. Ob sich darunter auch die drei Mega-Kunden finden, bleibt unklar.

3.) Warum sind die 900 Mio. Euro von Softbank noch nicht bilanziert?

Mitte September hatte es geheißen, der fremdkapitalseitige Einstieg des japanischen Tech-Investors  bei Wirecard sei besiegelt. Im Q3-Bericht ist von „nach dem Berichtszeitraum zugeflossenen“ Mittel die Rede; bilanziert sind die 900 Mio. Euro auch noch nicht. Wirecard teilt hierzu mit: „Der Zahlungseingang war in der ersten Oktoberwoche.“

4.) Was verrät der Q3-Bericht sonst noch über Wirecards Refinanzierung?

Dass weiterhin viel Bewegung herrscht. So finden sich unter „Cashflow aus Finanzierungstätigkeit“ (unserem Verständnis nach) folgende Erläuterungen:

  • Die Einnahmen aus der Aufnahme von Finanzverbindlichkeiten beliefen sich zum 30. September auf 1.054 Mio. Euro (30 Juni: 254 Mio. Euro).
  • Die Auszahlungen für die Tilgung von Finanzverbindlichkeiten beliefen sich zum 30. September auf 737,1 Mio. Euro (30. Juni: 6,7 Mio. Euro).
  • Im dritten Quartal sind also 800 Mio. Euro Finanzverbindlichkeiten hinzugekommen und 730 Mio. Euro getilgt worden.
  • Von den 800 Mio. Euro Zugang müssten 500 Mio. Euro auf die neu begebene Kapitalmarkt-Anleihe entfallen (nicht zu verwechseln mit der Softbank-Wandelanleihe)
  • Bei der Tilgung dürften 530 Mio. Euro auf die Rückführung von Bankkrediten entfallen sein
  • Heißt: Es verbleiben nach unserer Rechnung 300 Mio. Euro zusätzlich aufgenommene Finanzierungen und 200 Mio. Euro zusätzlich getilgte Kredite, die wir nicht zuordnen können

Wirecard bestätigt die Rechnung und teilt mit: „Es wurde kein zusätzlicher Kredit neu aufgenommen, hierbei handelt es sich lediglich um eine Inanspruchnahme der bestehenden Kreditfazilität. Die ursprünglich angedachte Mittelverwendung wurde hinfällig, daher flossen die Mittel wieder zurück, wie es bei einer Kontokorrentlinie (ständige Mittelzu- und -abflüsse) auch üblich ist.“

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Wie das „Mäusekonto“ die Kundenzahl der Haspa rettet

Von Christian Kirchner

Schön, wenn es in einer immer trubeligeren Welt noch Konstanten gibt! Zum Beispiel klassische deutsche Filialbanken, bei denen trotz digitaler Konkurrenz die Kundenzahlen (scheinbar!) stabil bleiben. Gestern hatten wir dazu die Zahlen der HVB analysiert mit ihren (angeblich!) seit Jahren 2,5 Mio. Kunden.

Heute widmen wir uns im zweiten Teil unserer „Kundenschwund-Serie“ der Hamburger Sparkasse. Auch die weist (wie wir schon einmal bemerkt hatten) eine bemerkenswerte Konstanz auf, was die Zahl ihrer Girokonten angeht (knapp 1,4 Mio.). Bei den Privatgirokonten wächst sie sogar (nämlich um rund 8.000 Stück pro Jahr). Zudem akquiriert sie Jahr für Jahr mindestens 60.000 Neukunden.

So jedenfalls steht’s in den Geschäftsberichten.

Was indes steht hinter diesen Zahlen? Und was verrät die Haspa als größte Sparkasse der Republik damit über die deutschen Sparkassen insgesamt?

  • Stimmt es, dass die öffentlich-rechtlichen Institute (zumindest was den Kundenzulauf angeht) weiterhin gedeihen?
  • Oder stimmt, was die INGs, die DKB und die Comdirects dieses Landes (zumindest im Hintergrund) immer behaupten – nämlich dass sie ihre Neukunden in erster Linie von den Sparkassen (und Volksbanken) gewinnen?

1.) Girokonten bei der Haspa

Beginnen wir mit der Zahl der geführten Girokonten, privat wie geschäftlich. Die hat sich bei der Haspa in den letzten Jahren laut den Geschäftsberichten wie folgt entwickelt:

  • 2013: „… fast 1,4 Millionen …“
  • 2014: „… fast 1,4 Millionen …“
  • 2015: „… fast 1,4 Millionen …“
  • 2016: „… fast 1,4 Millionen …“
  • 2017: „…fast 1,4 Millionen …“
  • 2018: „… fast 1,4 Millionen …“
  • 2019 (Halbjahr): „… fast 1,4 Millionen …“

2.) Die Neukunden der Haspa

Betrachten wir nun die ebenfalls Jahr für Jahr ausgewiesenen Brutto-Neukundenzuwächse und ignorieren dafür einfach mal generös, dass Kunden ungleich Konten sind. Tatsächlich kann ein Kunde zwar mehrere Konten eröffnen oder auch schließen. Den Schluss, dass die Brutto-Neukundengewinnung der entscheidende Hinweis dafür ist, welchen Aufwand man betreiben muss, um  – pi mal Daumen – über ein halbes Jahrzehnt hinweg immer bei der gleichen Zahl an Girokonten zu landen, halten wir aber für methodisch zulässig:

Voilá:

  • 2013: „… wurden im Berichtsjahr über 67.000 Neukunden gewonnen …“
  • 2014: „… wurden im Berichtsjahr über 62.000 Neukunden gewonnen …“
  • 2015: „… wurden im Berichtsjahr über 68.000 Neukunden gewonnen …“
  • 2016: „… wurden im Berichtsjahr über 75.000 Neukunden gewonnen …“
  • 2017: „… wurden im Berichtsjahr über 64.000 Neukunden gewonnen …“
  • 2018: „… wurden im Berichtsjahr fast 63.000 Neukunden gewonnen …“

3.) Kundenrotation bei der Haspa

Aus der Kombination von Girokonten- und Neukunden-Statistik lassen sich zwei Erkenntnisse gewinnen:

  • Seit 2013 ist die Zahl der Girokonten zwar unverändert geblieben. Tatsächlich wurde die Kundenstruktur aber massiv durchrotiert, denn in diesem Zeitraum hat die Haspa 399.000 Kunden akquirieren müssen, um die Zahl der Konten bei „fast 1,4 Millionen“ konstant zu halten.
  • Offenbar laufen Schwund wie Akquise Jahr für Jahr in einer kaum veränderten Geschwindigkeit ab, wenn Jahr für Jahr Neukunden in einer Größenordnung zwischen 62.000 und 75.000 Kunden die Zahl der Konten konstant halten.

4.) Die „Privat-Girokonten“ der Haspa

Interessant ist nun, dass die Zahl der „Privat-Girokonten“ den Geschäftsberichten zufolge sogar steigt:

  • 2013: 900.000
  • 2014: gut 900.000
  • 2015: gut 900.000
  • 2016: 930.000
  • 2017: 941.000
  • 2018: 945.000

Woraus folgt, dass die Zahl der Konten an anderer Stelle sinken muss – auf Nachfrage erklärt die Haspa: zum Beispiel bei den „Cashkonten“, die ebenfalls als Girokonto geführt werden und nun kaum noch Zinsen bringen.

5.) Die „Mäusekonten“ der Haspa

Nun wird es etwas skurril. Aber auch die Kleinsten können einen signifikanten Beitrag zur Anzahl der (Neu-)Kunden und Konten leisten. Denn die Haspa gibt in ihrem Abschluss auch an, wie viele so genannte „Mäusekonten“ sie führt. Dabei handelt es sich um ein eigens auf Kinder zugeschnittenes, kostenloses Produkt, das man ab dem Tag der Geburt bis zum 14. Lebensjahr führen kann und das bis zu einem Deckel von 500€ mit üppigen 3% verzinst wird.

Ein Angebot, das offenbar verfängt (selbst der ansonsten völlig bankfaule Hamburger Finanz-Szene.de-Kollege Dohms hat für die Älteste, als die noch ein Baby war, eins einrichten lassen): Die Zahl dieser Mäusekonten ist laut den Geschäftsberichten seit 2013 um rund 40.000 auf 138.000 gestiegen. Netto gestiegen, wohlgemerkt. Was um so bemerkenswerter ist, als dass ja jährlich (aktuell: grob überschlägig knapp 10.000 pro Jahr) Jugendliche aus dem Mäusekonto „herauswachsen“ mit 14 Jahren.

6.) Wie Kinder (und Tagesgeld-Sparer) die Kunden-Statistik retten

Das Mäusekonto zählt laut der Haspa „aufgrund der enthaltenen Zahlungsfunktion“ (welche ab dem 7. Lebensjahr genutzt werden kann) ebenfalls als „Girokonto“. Diese Definition ist (trotz eines unbestrittenen „Customer Lifetime Values“ zumindest eines Teils der Kinder, die schon über ein „Mäusekonto“ verfügen, noch ehe sie „Nullzins“ buchstabieren können) eher dem Bereich „kreativ“ einzuordnen. Was genauso für den Umstand gilt, dass laut Auskunft der Haspa die Cashkonten für Tagesgelder ebenfalls den Girokonten zugeschlagen werden.

In jedem Fall leisten die „Mäusekonten“ allerdings einen signifikanten Beitrag dazu, die Zahl der Girokonten bei „fast 1,4 Millionen“ zu halten und auch zum Brutto-Neukundenwachstum. Der ist laut Abschluss übrigens der „bedeutsamste nichtfinanzielle Leistungsindikator unserer internen Steuerung“, wie es im Haspa-Abschluss heißt.

Denn wenn die Zahl der Mäusekonten sogar netto um 7.000 in einem schlechten und 10.000 in einem guten Jahr wächst wie seit 2013 (und umgekehrt jedes Jahr auch tausende Kinder aus dem Konto „herauswachsen“), muss umgekehrt das Brutto-Wachstum der Mäusekonto-Inhaber überschlägig ein Viertel – eher mehr – zum ausgewiesenen Brutto-Kundenwachstum beitragen.

7.) Warum die Haspa gleichwohl nicht nur statistisch, sondern auch faktisch einiges vorzuweisen hat

Ganz offenbar macht die Haspa mit dieser Strategie und dem enormen Aufwand für neue Kunden (auch den ganz kleinen) aber auch vieles richtig. Denn aus den Zahlen lässt sich ebenfalls ablesen, wie viele Kunden ein sogenanntes gebührenpflichtiges „Haspa Jokerkonto“ führen. Bei den in drei Modellen geführten Konto fallen Gebühren zwischen 7,90 und 16,90 Euro je Monat an.  2013 waren es „rund 620.000“, 2018 schon „gut 682.000“, ein stolzes Plus von 62.000 Kunden. Und das genau in den Modellen, in denen eine Banken ihre Kundschaft im Zahlungsverkehr haben will – da kann man als Wettbewerber glatt neidisch werden.

Dass sich der Fokus auf die „Jokerkonten“ lohnt, zeigt sich am Provisionsüberschuss, der Jahr für Jahr im niedrige bis mittleren einstelligen Prozentbereich steigt auf zuletzt 308 Mio. Euro – unter anderem aufgrund von „moderaten Preisanpassungen in den Bereichen Giroverkehr“, wie es im jüngsten Geschäftsbericht heißt.

8.) Die vier Lehren aus den Kunden- und Konten-Statistik der Haspa

  • Um seine Kunden – und Kontenzahl auch nur zu verteidigen, ist ein großer Aufwand in der Akquise nötig.
  • Wie schon die gestrige HVB-Analyse offengelegt hat, bieten die Kennziffern bei Kunden und Konten große Interpretations-Spielräume. Ist ein Kindersparbuch schon ein Girokonto, weil es später einmal (automatisch) zu einem echten Girokonto wird? Und definiert ein Cashkonto ein Girokonto? Überhaupt: Definiert ein vergessenes Sparbuch (oder die Viertbankverbindung eines Digital Natives) noch eine Kundenbeziehung?
  • Wenn selbst Kinder-Konten bereits eine Girokonto-Verbindung definieren, ist es kein Wunder, dass Institute ein üppiges Kunden- und Kontenwachstum ausweisen können
  • Auch in Zeiten einer teuren Neukundenschlacht und subventionierter Kinderkonten lässt sich mit einer per saldo kaum veränderten „echten“ Kundenbasis das Provisionsgeschäft rentabel betreiben – wenn es einer Bank wie der Haspa gelingt, ausreichend Kunden in kostenpflichtige Modelle zu überführen und dort Preiserhöhungen durchzusetzen.

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Factoring-Fintech Billie erhält Refi-Linie über 50 Mio. Euro

Von Heinz-Roger Dohms

Das Berliner Factoring-Fintech Billie hat zusätzlich zu seinem 30 Mio. Euro schweren Equity-Funding (siehe unser Bericht aus dem Juli) eine für Startup-Verhältnisse üppige Debt-Finanzierung erhalten. Diese Entdeckung hat Finanz-Szene.de gemacht. Im Nachtragsbericht des kürzlich veröffentlichen 2018er-Abschlusses heißt es wörtlich, es sei ein „Term Sheet über eine neue Refinanzierungslinie mit bis zu 50 Mio. EUR frischem Fremdkapital gezeichnet“ worden. Der Vertragsabschluss wurde demnach für August oder September 2019 erwartet. Geschäftsführer Christian Grobe bestätigte uns gegenüber gestern Abend die Transaktion.  20 Mio. Euro seien sogar schon abgerufen worden.

Um die Zahlen in den Kontext zu setzen: Laut Geschäftsbericht verarbeitete die vor zwei Jahren gestartete Billie GmbH im gesamten Geschäftsjahr 2018 erst Forderungen im Volumen von 66 Mio. Euro. Zugleich findet sich in der Bilanz der Hinweis, die Kundenforderungen hätten in 99,9% der Fälle eine Restlaufzeit von bis zu drei Monaten. Heißt: Die durchschnittliche Laufzeit liegt (deutlich) unter drei Monaten, sodass die 50 Mio. Euro aufs Jahr hochgerechnet eine Firepower von mindestens 200 Mio. Euro ergeben (tatsächlich dürfte es mehr sein). Von wem das Geld stammt, wollte Grobe nicht sagen. Nur soviel: Sämtliche Refi-Linien kämen von europäischen Banken.

Auch jenseits des Fremdkapital-Fundings dokumentiert der Geschäftsbericht, dass Billie den meisten anderen in den letzten Jahren gegründeten deutschen Factoring-Fintechs ein gutes Stück voraus sein dürfte (die Gründe hierfür hatten wir neulich ausführlich analysiert). So summierten sich die Umsatzerlöse – definiert als „zinsähnliche Factoring-Gebühren“ – auf 1,2 Mio. Euro. Auch hier eine Einordnung: Der kürzlich von der Elbe Finanzgruppe übernommene Wettbewerber Decimo kam (obwohl schon 2014 gestartet) im Geschäftsjahr 2017 erst auf Umsatzerlöse in Höhe von 0,7 Mio. Euro (2018er-Zahlen von Decimo liegen uns keine vor).

Glaubt man Grobes Ausführungen, dann hat Billie seine Umsätze im laufenden Jahr sogar noch einmal markant gesteigert. Momentan  würden monatlich rund 30 Mio. Euro Factoring-Volumen umgeschlagen, sagte er uns gestern Abend auf unsere Anfrage hin. Damit komme Billie aktuell auf eine Erlös-„Runrate“ (also einen auf zwölf Monate hochgerechneten Wert) von etwa 7 Mio. Euro. Die Zahlen wären sogar noch deutlich besser, „hätten wir im September und Oktober bedingt durch die PSD2 nicht 50% unseres Neugeschäfts verloren“, so Grobe (für Connaisseure hier noch ein Linktipp: „Das wahre Drama der PSD2-Umstellung“).

Zugleich scheint Billie den Cashburn unter Kontrolle zu haben: Der Jahresfehlbetrag belief sich im vergangenen Jahr auf 3,1 Mio. Euro. Inklusive der Anlaufverluste aus 2017 ergibt sich ein bilanzielles Minus von rund 5 Mio. Euro – gemessen an einem Equity-Funding von 43 Mio. Euro (die 30 Mio. Euro aus 2019 eingerechnet).

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