Wir lösen das 284-Mrd.-€-Rätsel der deutschen Sparkassen

Von Heinz-Roger Dohms

Haben Sie sich diese Woche auch gefragt, wie es sein kann, dass bei der größten deutschen Sparkasse – also der Haspa – mal eben der operative Gewinn um 50% einkracht? Nun: Der Fall führt mitten hinein in eines der größten Geheimnisse der hiesigen Bankenbranche – nämlich das zuletzt 284 Mrd. Euro (!) schwere „Depot A“ des Sparkassensektors.

Doch der Reihe nach: Wer sich die Sechs-Monats-Zahlen der Haspa anschaut, der sieht recht schnell, dass der Gewinneinbruch zum einen Folge des wieder mal satt gestiegenen Verwaltungs-Aufwands, darüber hinaus aber auf eine Verdreifachung des sog. Bewertungsergebnisses (also quasi: der Abschreibungen) zurückzuführen ist. Mit etwaigen Problem im Kreditgeschäft allerdings haben die explodierenden Abschreibungen nichts zu tun. Sondern: mit „Belastungen“ in der „Wertpapier-Eigenanlage“.

Was man dazu wiederum wissen muss – was aber kaum jemand weiß, weil die Hamburger Sparkasse über dieses Thema eher ungern spricht: Schon seit Jahren stammt faktisch der gesamte Haspa-Jahresüberschuss milliardenschweren Spezialfonds, die sich „Jupiter“ nennen und u .a.  in Immobilien, Aktien und alternative Assets investieren.

Womit die Hanseaten freilich kein Einzelfall sind. Die Sparkasse Ludwigsburg? Hält bei einem Eigenkapital von 600 Mio. Euro einen „Master-Fonds“, der auf ein Volumen von 2,4 Mrd. Euro kommt. Die fluffige  Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze? Besitzt einen Spezialfonds, der eine Viertelmilliarde Euro schwer ist und seine Aktienquote zwischen 2014 und 2017 mal eben mehr als verdoppelt hat.

Kurz gefragt: Kann es sein, dass unsere Sparkassen „Zocker“ sind? Oder zu „Zockern“ werden, weil sie glauben, dass ihnen das Zinstief keinen anderen Ausweg lässt? Dieser Frage wollen wir heute im dritten und letzten Teil unserer kleinen „Wie geht’s den Sparkassen?“-Serie nachgehen (hier übrigens „Teil 1“ und „Teil 2“). Und weil wir mal ausnahmsweise nicht im Anekdotischen verharren wollten, haben wir den DSGV gefragt, ob er uns einfach mal einen quantitativen Einblick ins sagenumwobene, geheimnisumwitterte, fast 300 Mrd. Euro schwere „Depot A“ sämtlicher Sparkassen geben kann. Und wissen Sie was? Der DSGV ist der Bitte sensationellerweise nachgekommen! Voilà:

1.) Das „Depot A“ der Sparkassen ist ingesamt 284 Mrd. Euro groß

Mit dem „Depot A“ sind die Eigenanlagen gemeint – sprich: Was tun Banken mit dem Geld, dass sie von ihren Kunden als Spareinlage erhalten, ohne es danach als Kredit wieder auszureichen? Laut Bundesbank-Zahlen war das „Depot A“ der deutschen Sparkassen zuletzt rund 284 Mrd. Euro dick. Davon entfielen knapp 200 Mrd. Euro auf „Schuldverschreibungen und andere festverzinsliche Wertpapiere“.

2.) … davon entfallen 84 Mrd. Euro auf tendenziell spekulative Anlagen

Sehr viel interessanter ist der andere Bilanzposten, der dem „Depot A“ zugerechnet wird, nämlich die „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapiere“. Das waren zuletzt 84 Mrd. Euro – eine erstaunliche Größenordnung. Schließlich handelt es sich hierbei qua Definition um zumindest tendenziell spekulative Papiere. Zur Einordnung: Die 84 Mrd. Euro entsprechen zwei Dritteln des Eigenkapitals aller Sparkassen. Bzw. 6,5% der  Bilanzsumme. Bei den „Großbanken“ (gemäß Definition der Bundesbank) machen die spekulativen Eigenanlagen gerade mal 1,4% der Bilanzsumme aus. Bei den „Kreditbanken“ sind es sogar nur 0,9%.

3.) Der Anteil reiner Aktieninvestments ist gleichwohl überschaubar

Welche Anteil des „Depot A“ entfällt auf Aktien? Daraus machten die deutschen Sparkassen bislang ein großes Geheimnis. Bekannt war lediglich, dass die meisten Sparkassen bei der Deka oder bei den Landesbanken sogenannte Spezialfonds unterhalten, über die sie dann in verschiedene Assetklassen investieren – wobei diese Spezialfonds gemäß HGB den „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapieren“ zugerechnet werden, selbst wenn sie mehrheitlich in Anleihen investieren.

Jedenfalls: Gegenüber „Finanz-Szene.de“ lüftet der DSGV nun (soweit wir das mitgekriegt haben: erstmals) das Geheimnis um die eigene Aktienquote. Diese liege bezogen auf die 284 Mrd. Euro bei rund 3% – und also gemessen an den „Aktien und anderen nicht-verzinslichen Wertpapieren“ bei etwa 10-11%. In absoluten Zahlen sind dies grob gesagt 9 Mrd. Euro.

4.) Viele Sparkassen investieren lieber in Immobilien als in Aktien

Merklich höher als der Aktienbesitz ist die Immobilienquote. Laut DSGV machen Immobilienfonds rund 5% des gesamten  Wertpapierbesitzes der Sparkassen aus – also etwa 17% bezogen allein auf die tendenziell spekulativen Anlagen. Diese Immobilien-Neigung deckt sich mit Beobachtungen, die „Finanz-Szene.de“ beim Screenen einzelner Sparkassen-Bilanzen gemacht hat. Die Sparkasse Ludwigsburg etwa hielt per Ende 2017 bei einem Eigenkapital von rund 580 Mio. Euro einen Immobilienfonds mit einem Buchwert von fast 440 Mio. Euro,  nebst zwei Mischfonds im Wert von zusammen mehr als 1,7 Mrd. Euro. Für Ende 2018 weist die Bilanz nun einen 2,4 Mrd. Euro schweren „Master-Fonds“ als Teil der Aktivseite. Die Saalesparkasse wiederum ist laut ihrem 2017er-Anschluss „Inhaber von Anteilen an diversen Spezialfonds (Buchwerte: 253,6 Mio. EUR)“. Diese waren zu 80,4% in Immobilien investiert.

5.) Offen bleibt, wie riskant die Sparkassen im Anleihenbereich unterwegs sind

Der ganz überwiegende Teil des „Depot A“ besteht laut DSGV aus Pfandbriefen (19%), Anleihen (53%) und Schuldscheinen (18%). Das heißt: Auch die meisten Spezialfonds, die den größten Teil der „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapiere ausmachen“, investieren überwiegend in Rentenpapiere. Offen bleibt gleichwohl, in welche Art von Anleihen die Spezialfonds genau investieren.

Unser Verdacht (dem der DSGV nicht widerspricht): Rentenseitig sind viele dieser Fonds durchaus offensiv unterwegs. Dafür spricht zum Beispiel, dass der Bestand an „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapieren“ 2011 und 2012 (also während der europäischen Schuldenkrise) zurückging – obwohl er sonst praktisch Jahr für Jahr steigt.  Auch die unserer Stichprobe zufolge teils üppigen Erträge, die manche Sparkassen mit ihren Spezialfonds machen, deuten darauf hin, dass in den Vehikeln – salopp gesagt – nicht nur Bundesanleihen liegen. So sind wir zum Beispiel auf eine süddeutsche Sparkasse gestoßen, die sich seit 2010 Jahr für Jahr zwischen 3,5% und 7,7% des jeweiligen Bestands aus ihren Spezialfonds hat ausschütten lassen.

Der Frankfurter Bankenprofessor Ralf Jasny, der die Anlagepolitik der Sparkassen vor drei Jahren in einer Studie untersucht hat, sagt: „In den Spezialfonds müssen sich erhebliche Risiken befinden, sonst könnten die Erträge nicht so hoch sein.“ Dies weist der DSGV klar zurück.

6.) Eindeutig ist, dass die Sparkassen die Aktien- und Immobilienquote in ihren Spezialfonds herauffahren

Hierfür finden sich in diversen Geschäftsberichten klare Indizien. Ein Beispiel ist die Sparkasse München, in deren 2017er-Abschluss es heißt: „Insgesamt erfolgte bei den Eigenanlagen auch im Jahr 2017, bedingt durch die anhaltende Niedrigzinsphase, eine deutlich höhere Mittelneuanlage in Spezialfonds (enthalten in der Position Aktien und andere nicht-festverzinsliche Wertpapiere) als in festverzinslichen Wertpapieren.“

Ein andere Beispiel ist die Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze, die auch schon Thema in der auf Zahlen von 2014 beruhenden Jasny-Studie war. Damals hatte das Institut seine größten Spezialfonds  noch eine maximale Aktienquote von 5% gebilligt. Und 2017? Waren es schon 12,5%. Ganz offenbar kein Einzelfall. Denn der DSGV räumt ein, dass der Aktienanteil (wiederum: bezogen auf das gesamte „Depot A“) allein zwischen 2016 und 2018 von 2% auf 3% gestiegen sei, der Anteil an Immobilienfonds von 4% auf 5%.

7.) Die Abhängigkeit mancher Sparkassen von Kapitalmarkt-Erträgen ist frappierend

… das zumindest ist unser Eindruck – der DSGV sieht das nicht ganz so. Wir wollen unsere Position am Beispiel der größten deutschen Sparkassen, nämlich der Haspa, verplausibilisieren:

Bei der Hamburger Sparkasse – so zeigt die Bilanzanalyse von „Finanz-Szene.de“ – besteht ein beträchtlicher Teil des Zinsüberschüsses schon seit vielen Jahren nicht aus Zinseinnahmen, sondern aus „laufenden Erträgen“, die aus „Aktien und anderen nicht-festverzinslichen Wertpapieren“ stammen. 2018 summierten sich die Kapitalmarkterlöse auf fast 90 Mio. Euro, das war mehr als der Jahresüberschuss. Woher dieser Ertrag konkret stammt? Aus Spezialfonds, die sich „Jupiter I“ bis „Jupiter III“ nennen (früher gab es auch mal „Jupiter IV“ und „Jupiter IV“). Dabei handelt es sich um Mischfonds, die z.B. in Staatsanleihen und Pfandbriefe investieren – aber eben auch in Unternehmensanleihen, internationale Aktien und Immobilien. Zur genauen Gewichtung der Assetklassen will sich die Haspa auf Anfrage nicht äußern. Insgesamt kamen die Spezialfonds  per 31. Dezember 2018 auf einen Umfang von knapp 3 Mrd. Euro – das 1,1-Fache des Haspa-eigenen Kapitals und 7% der Bilanz.

8.) Insbesondere in Ostdeutschland könnte die Abhängigkeit vieler Sparkassen vom Kapitalmarkt zum Problem für die GuV werden

… wie wir im zweiten Teil unserer Sparkassen-Serie bereits aufgedröselt haben. Allerdings hatten wir dort auch gezeigt, dass viele ostdeutschen mit ihrem Kapitalmarktgeschäft in der Vergangenheit sehr gut gefahren sind.

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Hier kommen die kompletten Geschäftszahlen von Finreach

Von Heinz-Roger Dohms

An keinem anderen ihrer Ventures haben die Jungs und Mädels vom Berliner Company-Builder Finleap derart viel herumgedoktert wie an Finreach. Konzipiert wurde das 2014 gegründete Fintech als Ad-Company, um als Kontowechsel-Anbieter Karriere zu machen.

2018 folgte dann der Pivot zum „Alles in einem“-Fintech, Anfang dieses Jahres die Fusion mit Figo, neulich schließlich die Meldung, dass Finreach/Figo zum Nukleus der neuen „Finleap Connect“ werden soll.

Und, ähhhh, was macht eigentlich das operative Geschäft? Keine Ahnung! Bis gestern. Da sind wir nämlich auf die erste richtige GuV von Finreach gestoßen. Stammt zwar aus 2017 (also  noch aus der Zeit als Kontowechsel-Spezialist). Enthält dafür aber alle relevanten Zahlen:

Angaben jeweils in tausend Euro 2017 2016
Umsatzerlöse 1.517 1.134
sonstige betriebliche Erträge 42 1
Materialaufwand 354 208
Personalaufwand 1.480 926
Abschreibungen 16 9
sonstige betriebliche Aufwendungen 1.054 615
Zinsen und ähnliche Aufwendungen 63 41
Jahresfehlbetrag 1.409 664

Die interessanteste Zahl, klar, sind die Umsatzerlöse. Und wie auch neulich schon, als wir Ihnen die 2018er-Zahlen des ebenfalls zu Finleap gehörenden Private-Banking-Digitalisierers Elinvar präsentiert hatten, zeigt sich auch hier: Für B2B-Fintechs im Frühstadium sind durchschnittlich sechsstellige Umsätze im Monat durchaus eine Hürde, die es erst einmal zu überspringen gilt.

Wahre Finleap-Connaisseure werden derweil anmerken, dass CEO Ramin Niroumand kürzlich im Interview mit Finanz-Szene.de behauptet hatte, jene hauseigenen Ventures, die sich nun zu „Finleap Connnect“ zusammenschließen, kämen Stand heute bereits auf Erlöse im zweistelligen Millionenbereich (also annualisiert mindestens 10 Mio. Euro, wenn man so will). Kann das sein?

Naja, jedenfalls hätte Fireach dann in den zurückliegenden 18 Monaten einen ordentlichen Sprung gemacht. Denkt man sich dann noch hinzu, was von Figo kommt und was aus der bisherigen Finleap an operativen Tätigkeiten in die „Connect“ einfließen wird – vielleicht kommt’s ja wirklich hin, auch wenn es sehr sportlich klingt.

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Smudo und Kwitt? Nicht wirklich, liebe Volksbanken …

Von Heinz-Roger Dohms

Lieber BVR, wusstest Du eigentlich, dass der geschätzte Smudo keine 100 Meter von der Hamburger Finanz-Szene.de-Redaktion entfernt wohnt? Was u.a. zur Folge hat, dass wir bisweilen beobachten, wie besagter Smudo bei Edeka seinen Wochenend-Einkauf (inklusive bemerkenswerter Mengen „San Pellegrino“) aufs Kassenband hievt, um dann wie zu bezahlen?

Sympathischerweise in bar.

Jedenfalls: Wie gestern verlautbarte, sind die „Fantastischen Vier“ (und also Smudo) die neuen Testimonials der Volks- und Raiffeisenbanken. In dieser Funktion stehen sie  „Innovationen wie digitalen Karten, Kwitt, Multibanking […] prominent Pate“, lesen wir in Deiner Mitteilung.

Wie gesagt, sehr sympathisch. Aber was die digitale Credibility angeht, eher in der Dettmar-Cramer-Tradition (Gott habe ihn selig).

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Sparkasse lockt Kunden für 0,3% Rendite ins Nachrang-Risiko

Von Heinz-Roger Dohms

Was hat es mit der „Anlage zum Offenlegungsbericht“ auf sich, die wir zufällig auf der Website der Sparkasse Erlangen entdeckt hatten? Diese Frage stellten wir – getarnt als „kleines Quiz“ – am vergangenen Freitag unseren Leserinnen und Lesern.

Die Rückmeldungen waren wieder mal reichlich. Drum hier die Auflösung (die wir aus den diversen Antworten generiert und dann zusammengeschnitten haben):

  • „Bei der Anlage handelt es sich um eine Auflistung nachrangiger Sparkassen-Kapitalbriefe, die als aufsichtliche Eigenmittel (Tier-2-Kapital) angerechnet werden.“
  • „Insbesondere die erste Spalte der Auslistung ist interessant, da sie den (Teil-)Betrag ausweist, der aufsichtsrechtlich als Eigenmittelbetrag anrechenbar ist.“
  • „Da die CRR (Anm. der Red.: also die sog. Kapitaladäquanz-Verordnung) die Auflistung sämtlicher Eigenmittelinstrumente erfordert, kam man wohl nicht umhin, diesen extrem informativen Anhang zu veröffentlichen.“
  • „Das sind Anlageprodukte (zumeist als Schuldverschreibung mit Nachrang ausgestaltet) für die eigenen Kunden.“
  • „Das ist ein bisschen wie Lehman-Zertifikate, also nicht nur Refi sondern auch Kapitalstärkung.“
  • „Ob eine Sparkasse solche Produkte an Privatkunden verkaufen sollte, steht auf einem anderen Blatt.“ Denn: „Die Anrechnung als aufsichtliche Eigenmittel impliziert ein deutlich höheres Risiko, als dies z.B. bei einer Sparanlage der Fall ist. Aufsichtliche Eigenmittel können nämlich viel leichter für Verluste herangezogen werden. Es reicht im Grunde aus, dass die Aufsicht das Institut als ’nicht mehr lebensfähig‘ einstuft.“
  • Nun lasse sich natürlich argumentieren, „dass die Sparkassen generell ein risikoarmes Geschäftsmodell haben und sich zudem über die Institutssicherung gegenseitig helfen“ …
  • … trotzdem „sollte die Verzinsung allerdings einen deutlichen Aufschlag im Vergleich zu risikoarmen Produkten bieten.“
  • „Dass genau dies nicht der Fall ist, zeigt folgender Vergleich: „Laut Tabelle wurden 10-jährige Nachränge der SK Erlangen im Dezember 2017 mit einem Kupon von 0,3 % begeben. Zum Vergleich: Ende 2017 lag die Rendite für Nachranganleihen der LBBW (Laufzeit Sep-26) bei rund 2 %.“
  • „Da das Argument mit der Institutssicherung ja auch für die Landesbanken gilt, ist der Vergleich zwischen der SK Erlangen und der LBBW meines Erachtens einigermaßen fair. Ich bin mir ziemlich sicher, dass eine Sparkasse bei institutionellen Anlegern ein solches Instrument nur zu deutlich höheren Kosten hätte platzieren können.“
  • „Von der fairen Verzinsung mal abgesehen, sollte so ein Nachranginstrument wahrscheinlich nicht an die eigene Privatkundschaft verkauft werden, da diese das Risiko nicht vernünftig einschätzen können. Die europäische Wertpapier-Aufsicht ESMA sieht das übrigens genauso: „The distribution of debt financial instruments issued by institutions to retail clients, including the practice of ‘self-placement’ – whereby institutions place the debt financial instruments that they themselves (or other group entities) have issued with their own client base – may raise significant consumer protection issues (…).“ Hier der Link zur Quelle (Esma/PDF).

Die Sparkasse Erlangen bestätigte gegenüber Finanz-Szene.de, dass es sich bei den aufgelisteten Wertpapieren um nachrangige Sparkassen-Kapitalbriefe handelt. Zu den Kritikpunkten an den Papieren wollte sie sich nicht äußern.

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Vergleichsportal Check24 stellt Antrag auf Vollbank-Lizenz

Von Heinz-Roger Dohms

Paukenschlag in der deutschen Bankenbranche: Das Vergleichsportal Check24, das Finanzprodukte in signifikant zweistelliger Milliardenhöhe jährlich vermittelt, hat bei der Bafin einen Antrag auf Erteilung einer Vollbank-Lizenz* gestellt. Entsprechende Exklusiv-Informationen von Finanz-Szene.de bestätigte das Unternehmen gestern auf Anfrage: „Wir befinden uns aktuell im Prüfprozess und hoffen, die Lizenz bis nächstes Jahr zu erhalten“, sagte Geschäftsführer Christoph Röttele.

Wie weit die Pläne gediehen sind, lässt sich daran erkennen, dass Check24 schon vor Monaten eine Tochterfirma namens „C24 GmbH“ gegründet hat, über die der Antrag bei der Finanzaufsicht gestellt wurde. Als Geschäftsführer firmiert Matthias Orlopp, früherer Finanzchef des Vergleich-Giganten. Daneben gehören dem Management laut der C24-Website, die dieser Tage liveging, zwei gestandene Banker an: Robert Genz, zuletzt Risikochef der Hyundai Bank. Und der langjähriger Targobank-Vorstandschef Franz Josef Nick, der beim Düsseldorfer Ratenkreditfinanzierer 2015 ausschied. „Sobald die Lizenz erteilt ist, werden Herr Nick und Herr Genz die Leitung übernehmen“, sagte Röttele.

Wohin das Geschäftsmodell der künftigen „C24 Bank“ gehen soll, lässt sich dem Webauftritt andeutungsweise entnehmen. Dort prangt der Claim „Die Open Banking Plattform“, ergänzt um den selbstbewussten Zusatz: „Erleben Sie 2020 die neue Dimension des mobilen Bankings“. Was genau damit gemeint ist, wollte Röttele zwar nicht verraten. Er betonte allerdings, „dass es uns ausdrücklich nicht darum geht, in Wettbewerb zu den etablierten Banken zu treten. Vielmehr stellen wir seit Jahren fest, dass die regulatorischen Anforderungen im Finanzbereich immer weiter steigen. Darum war uns seit langem klar: Wenn wir unser Geschäftsmodell weiterentwickeln wollen, dann brauchen wir früher oder später eine eigene Bafin-Lizenz. “ Das bedeute aber nicht, dass Check24 eine klassische Bank werde. Sondern: „Unsere Vision ist die einer offenen Plattform, die wir allen Bankpartnern  zur Verfügung stellen wollen“, so Röttele.

Tatsächlich hat sich Geschäftsmodell von Check24 in den vergangenen Jahren verändert. Die Münchner treten nicht mehr nur als Vergleichsportal auf, das für die Vermittlung von Produkten Provisionen kassiert – sondern bietet auch selbst Produkte an. Ein Beispiel hierfür sind die hauseigenen Ratenkredite namens „Kredite24“. Allerdings: Mangels Banklizenz brauchte Check24 für die Entwicklung solcher Produkte bislang die Unterstützung einer Partnerbank, in diesem Fall die SWK Bank kommt. Mit eigener Lizenz ist Check24 auf den White-Label-Partner nicht mehr zwingend angewiesen oder gewinnt zumindest deutlich mehr Unabhängigkeit.

Eine ähnlich Konstellation lässt sich – wenn man genau hinschaut – auch im Bereich Geldanlage ausmachen: Schon vor einem Jahr enthüllte Finanz-Szene.de, dass Check24 beim Tagesgeld mit dem Hamburger Fintech Deposit Solutions kooperiert. Da allerdings auch die Hanseaten keine eigenen Banklizenz besitzen, sind sie ihrerseits auf die Hilfe der Sutor Bank angewiesen. Das bedeutet in letzter Konsequenz: Wenn die Kunden ihre Ersparnisse via Check24 bei einer ausländischen Hochzinsbank parken wollen, eröffnen sie de facto ein Konto bei der Sutor Bank. Auch hier gilt künftig: Mit einer eigenen Banklizenz kann Check24 die Abhängigkeit von solchen White-Label-Partner deutlich verringern.

Dann gibt es noch ein weiteres Geschäftsfeld, auf dem die Banklizenz für Check24 von Nutzen sein könnte. So beherbergt das Vergleichsportal seit einiger Zeit eine Rubrik, die sich „Profis“ nennt – und die darauf hinausläuft, dass die Nutzer über Check24 zum Beispiel einen Handwerker, einen Klavierlehrer oder einen Hochzeitsfotografen finden können. Das Besondere hier: Anders als beim Tagesgeld, beim Ratenkredit oder bei der Kfz-Versicherung tritt das Vergleichsportal in diesem Bereich nicht nur als Produktvermittler aus, sondern bietet dem Kunden auch die Abwicklung des Zahlungsverkehrs an. „Weil wir dieses Geld als Check24 aber weder vereinnahmen noch halten noch auszahlen dürfen, brauchen wir auch hier einen White-Label-Partner, nämlich den US-Zahlungsdienstleister Stripe“, sagt Röttele. Auch in dem Fall könnte Check24 mit Banklizenz in der Zukunft freier agieren.

Freilich: All das sind nur Beispiele, wo die Lizenz den Münchnern jetzt schon helfen würde. Man darf aber davon ausgehen, dass Check24 auf weitere Einsatzfelder abzielt – die aber erst dann sichtbar werden, wenn die Bafin-Genehmigung irgendwann da ist. Eher wenig hat die Vollbank-Lizenz hingegen mit einer Meldung aus dem Juli zu tun: Damals hatte der Vergleichs-Gigant mitgeteilt, eine sogenannten „PSD2-Lizenz“ erhalten zu haben, also eine Zulassung der Bafin zur Zahlungsauslöse- und Kontoinformations-Dienste: „Dabei ging es um andere Anwendungen, nämlich in erster Linie um unseren Kontomanager, mit dem Kunden prüfen können, welche Verträge etwa beim Strom- oder Gasanbieter auslaufen und wie sie bei einem Neuabschluss möglicherweise Geld sparen kann“, so Röttele.

*Wir wissen, dass der Begriff „Vollbank-Lizenz“ im Grunde quatsch ist, weil „Banklizenz“ genügen würde. Es ging uns bei der Wortwahl darum, dem etwaigen Missverständnis vorzubeugen, wir hätten es hier mit irgendwelchen „Light-Lizenzen“ im Sinne von ZAD, KID, E-Money oder so zu tun … Nope, haben wir nicht. Es geht i.d.T. exakt um das Ding, das z.B. die Deutsche Bank oder die Commerzbank auch haben.

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Die verrückten Bilanzen der ostdeutschen Sparkassen

Von Heinz-Roger Dohms

Mit deutschen Sparkassen-Chefs hat der britische „Guardian“ normalerweise nichts am Hut. Für Ulrich Lepsch allerdings (Spitzname: „Lausitz-Napoleon“) machte die Qualitätszeitung vor ein paar Jahren eine Ausnahme.

Der Artikel erschien im September 2007, als Lepsch neben seinem Job bei der Sparkasse Spree-Neiße auch noch als Präsident von Energie Cottbus amtierte – und gerade den beliebten Cheftrainer Sander gefeuert hatte. Was ihm nicht nur vorübergehend einen zweiten Spitznamen eintrug („Der Buhmann der Bundesliga“) – sondern eben auch besagten „Guardian“-Bericht, in dem er dann über sich lesen musste:

„Lepsch was not content with working behind the scenes. The man nicknamed ‚Napoleon‘ craved a portion of Sander’s limelight and started to meddle with the team selection. […] He wants to bring in a big, Western name like Klaus Augenthaler or Jürgen Kohler, but his dreams of a future in mid-table comfort can be filed under ‚delusions of grandeur‘.“

Lang ist’s her. Und, ääähhh, und warum erzählen wir Ihnen das eigentlich heute morgen alles?

Weil Ulrich Lepsch nicht nur als Fußball-Präsident (der er seit 2014 nicht mehr ist), sondern auch Sparkassen-Chef (der er seit 19 Jahren ist) ins „Limelight“ drängt.

Der Grund hierfür ist die Cost-Income-Ratio von 39%, die die Sparkasse Spree-Neiße zuletzt auswies – der mit Abstand beste Wert aller deutschen Sparkassen und womöglich sogar der beste Wert aller deutschen Banken überhaupt. Zum Vergleich: Die größte Sparkasse der Republik, die Hamburger Haspa, kam zuletzt auf eine Aufwand-Ertrag-Relation von 79%. Bei der ING Deutschland, berühmt für ihre Effizienz und berüchtigt für ihre Kostendisziplin, waren es 47%. Die Deutsche Bank? 93%. Die Commerzbank? 80%.

Klar, dass regionale Medien und Fachzeitschriften gleichermaßen jubeln, wenn sie über die Sparkasse Spree-Neiße berichten.

  • In der Börsen-Zeitung“ wurde Lepsch schon vor Jahren als „Kostenkiller“ und „CIR-König“ beschrieben, der „gnadenlos“ den Aufwand drücke.
  • „Bank intern“ nannte die 39% neulich „sensationell“ und analysierte: „Die ungebrochen breite Präsenz in der Region, für Lepsch Ausdruck enger Kundenbindung, ist die Basis für Wachstum, im Einlagen- wie im Kreditgeschäft. So als wären Niedrigzins und Regulatorik geradezu Problemfelder aus einer anderen Welt, ist die Ertragslage der Sparkasse nach wie vor rekordverdächtig.“
  • Und die Lausitzer Rundschau schrieb: „Nein, auch die Finanzprofis können sich nicht wirklich erklären, wie er [also Lepsch] es immer wieder schafft, eine strahlende Bilanz abzuliefern.“

Wirklich nicht?

Wer die Zahlen der Sparkasse Spree-Neiße aufdröselt, merkt recht schnell, dass die 39% Aufwand-Ertrag-Relation nicht nur die Folge von „Kosten-Killing“ und „breiter Präsenz in der Region“ sein können. Sondern: In erster Linie dürfte sie das Ergebnis einer ziemlich verrückten Bilanzstruktur sein. Per Ende 2018 lag das Geschäftsvolumen der Sparkasse Spree-Neiße bei 3,8 Mrd. Euro. Die Kundenkredite machten  allerdings nur 1,0 Mrd. Euro aus, also wenig mehr als ein Viertel des gesamten Geschäfts. Deutlich mehr Geld, nämlich 2,5 Mrd. Euro, lag in Wertpapieren.

Entsprechend sieht auch die Gewinn- und Verlustrechnung aus. Im Kreditgeschäft fielen gerade einmal Erträge von 34,1 Mio. Euro ab – zu wenig, um die (übrigens um 6,5% gestiegenen) Personal- und Verwaltungskosten in Höhe von 42,6 Mio. Euro auch nur annähernd zu decken. Das Gros der Erträge und letztlich des Gewinns kam aus Wertpapieren. 62,1 Mio. Euro machte diese Erlösposition aus, also fast das Doppelte des Kreditgeschäfts.

Anders gesagt: Die sensationell anmutende Cost-Income-Ratio dürfte vor allem daher rühren, dass – bewusst überspitzt formuliert – dem größten Teil der Erträge auf der Kostenseite nur das Gehalt des Treasurers entgegensteht.

Etwas weniger überspitzt drückt es der Sparkassen-Experte Guido Versondert von Independent Credit View aus: „Im Wertpapiergeschäft ist der Personal- und Sachaufwand natürlicherweise geringer als im Kreditgeschäft.“

Interessant ist der Vergleich zur Sparkasse Aachen, deren 2017er-Zahlen wir vor einigen Monaten analysiert hatten („Normale deutsche Sparkasse arbeitet ähnlich profitabel wie die Citigroup“) und deren Cost-Income-Ratio von 56% ebenfalls hervorragend ist: Bei der Sparkasse Aachen ist nicht das Wertpapiergeschäft zweieinhalb mal so groß wie das Kreditgeschäft. Sondern umgekehrt das Kreditgeschäft viermal so groß wie das Wertpapiergeschäft.

Der Grund für die verquere Bilanzstruktur der Spree-Neiße-Sparkasse und anderer Ost-Institute ist bekannt: Er liegt im Einlagenüberhang, den praktisch alle ostdeutschen Sparkassen aufweisen, weil es in den neuen Ländern zu wenige Unternehmen und zu wenige Häuslebauer gibt, als dass sich die Spareinlagen sinnvollerweise in Kredite umwandeln ließen. Welche Blüten aus dieser Konstellation mitunter erwachsen, hatten wir ja bereits im vergangenen Herbst in unserem Artikel über das Fußball-lastige Kreditbuch der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden beschrieben.

„Ende 2018 lag der Passivüberhang sämtlicher deutscher Sparkassen bei rund 127,3 Mrd. Euro. Davon dürfte ein signifikanter Teil auf die ostdeutschen Institute entfallen sein“, sagt Experte Versondert, der allerdings zugleich betont: „Es ist es überhaupt nicht verwerflich, wenn Sparkassen und Genossenschaftsbanken je nach regionalem Markt stark aufs Wertpapiergeschäft setzen. Jedenfalls wäre es nicht empfehlenswert, mit aller Macht Kredite vergeben zu wollen, wenn die Nachfrage das einfach nicht hergibt.“

Interessanterweise wird der Passivüberhang in den meisten Medienberichten als Problem beschrieben. Tatsächlich fahren viele Ost-Sparkassen mit dem fehlenden Kreditgeschäft jedoch seit vielen Jahren ganz hervorragend. Und manche sogar: irre gut. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man nur mal ein paar relative Erfolgs-Kennzahlen der Sparkasse Spree-Neiße neben die der Sparkasse Köln-Bonn legen:

Spree-Neiße Köln-Bonn
Cost-Income-Ratio 39% 78%
Betriebsergebnis gemessen an der Bilanzsumme 1,76% 0,44%
Ertrag je Mitarbeiter 272.000 € 158.000 €

Zugegeben: Die Bilanzstruktur der Cottbusser Sparkasse ist sogar für Ostverhältnisse extrem. Gleichwohl: Selbst beim größten Ost-Institut, nämlich der Mittelbrandenburgischen Sparkasse aus Potsdam, ist das Wertpapiervolumen (4,8 Mrd. Euro) nicht soooo viel geringer Kreditvolumen (6,4 Mrd. Euro). Ähnlich stellt sich das Verhältnis bei den Mitgliedsinstituten des Ostdeutschen Sparkassenverbands insgesamt dar. Dort kamen auf Kredite in Höhe von 57 Mrd. Euro zuletzt Wertpapiere in Höhe von 48 Mrd. Euro. (Hinweis: Die thüringischen Sparkassen gehören dem OSV nicht an).

Die Frage ist, wie lange die Zahlen so (sensationell) bleiben, wie sie es sind. Denn in der Theorie müssten die Erträge aus den Wertpapieranlagen im Zuge des Zinstiefs ja irgendwann zu sinken beginnen – zumindest, sofern es sich um festverzinsliche Papiere halten, was bei der Spree-Neiße-Sparkasse der Fall ist.

In der Praxis allerdings sind die Erträge in Cottbus erstaunlich stabil, wenn man die aktuellen Zahlen mit denen vor drei bzw. vor sechs Jahren vergleicht (bitte immer dran denken: Wir reden hier rein von den Erträgen, nicht vom Überschuss …)

Wertpapiererträge der Sparkasse Spree-Neiße:

2018 62,1 Mio. €
2015 64,5 Mio. €
2012 70,4 Mio. €

Früher oder später dürfte das Phänomen der abschmelzenden Wertpapier-Erträge freilich auch die Sparkasse Spree-Neiße und viele die anderen Ost-Sparkassen ereilen. Und dann? Dürften die Erträge abschmelzen, die Cost-Income-Ratios steigen – und die fetten Jahren vorbei sein.

In Cottbus kann man diesem Szenario freilich entspannt entgegensehen – denn Fett für magere Zeiten hat die Spree-Neiße-Sparkasse genügend angefressen. Beleg: Aus regulatorischer Sicht müssen die Lausitzer eine harte Kernkapitalquote von mindestens 6,4% erfüllen, geht aus dem Offenlegungsbericht hervor. Zuletzt waren es : 43,3%.

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Iconic Finance: Allianz holt Fintech-Team von Aboalarm

Von Heinz-Roger Dohms

Die Allianz macht Tempo beim Aufbau ihrer neuen Multi-Finance-Plattform „Iconic Finance“. Nach Informationen von Finanz-Szene.de hat der Münchner Versicherungskonzern gleich mehrere Fintech-Spezialisten angeheuert, die bislang noch beim Vergleichsportal Verivox (bzw. bei dessen  Münchner Tochter Aboalarm) tätig sind.

Konkret soll es sich bei den Neuzugängen um einen Produkmanager, eine Projektmanagerin, zwei IT-Spezialisten sowie mehrere Werkstudenten handeln. Innerhalb von Verivox arbeitet die Truppe bislang für eine Einheit namens „Finlytics“ – was so etwas wie der B2B-Arm von Aboalarm ist. Als Spezialität von „Finlytics“ gilt die systematische Auswertung von Kontodaten. Das könnte ein Hinweis sein, dass die „Banking-Komponente“ bei der neuen Allianz-Plattform eine ganz wesentliche Rolle spielen wird.

Nach allem, was bislang bekannt ist, sollen digitalaffine Kunden über „Iconic Finance“ künftig ihre Versicherungen, aber möglichst eben auch ihre Bankkonten verwalten. Die Allianz begibt sich damit in direkte Konkurrenz etwa zum Multibanking-Ansatz der Deutschen Bank oder zu Finanz-Apps wie Numbrs und Finanzguru. Mitte Juli hatten „Gründerszene“ und Finanz-Szene.de exklusiv berichtet, dass der als „N26-Hacker“ bekannt gewordene IT-Sicherheitsexperte Vincent Haupert dem Management-Team von „Iconic“ angehören soll.

Kurz vorher war auch schon eine weitere prominente Personalie bekannt geworden: Geschäftsführer von „Iconic“ wird der frühere Aboalarm-Chef Arnold Brunner – also quasi der Ex-Vorgesetze und künftige Vorgesetzte jenes Teams, das jetzt zu Iconic rübermacht. Bitter für Verivox: Auch Aboalarm-Gründer Bernd Storm (vor allem bekannt als Mitorganisator der Startup-Konferenz Startup-Konferenz Bits & Pretzels) hat das Unternehmen kürzlich verlassen. Wohin es ihn zieht, ist bislang unbekannt. Verivox hatte Aboalarm 2017 für 10 Mio. Euro erworben.

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Sicherheitsleck beim Bank-Verlag ermöglichte OLB-Kontenraub

Von Christian Kirchner und Heinz-Roger Dohms

Wie lassen sich von Brasilien aus Konten bei einer deutschen Regionalbank plündern? Das ist die Frage, die Banking-, Zahlungsverkehrs- und Sicherheitsexperten seit Tagen umtreibt. Finanz-Szene.de glaubt, das Rätsel nun weitgehend gelöst zu haben. Unseren Recherchen zufolge wurde der Kontenraub durch ein schwerwiegendes Sicherheitsleck beim Bank-Verlag ermöglicht. Zur Erläuterung: Der Bank-Verlag ist ein bankeneigener Dienstleister, der für eine Vielzahl deutscher Geldinstitute das Issuing Processing betreibt, also die bankenseitige Abwicklung bzw. Autorisierung von Debitkarten-Transaktionen. Eigentümer ist der Bundesverband deutscher Banken (BdB).

Wie vergangene Woche berichtet, hatten Cyber-Kriminelle bei der Oldenburgischen Landesbank mehr als 2000 Konten ausgeraubt und damit einen Schaden in Höhe von rund 1,5 Mio. Euro angerichtet. Die Regionalbank hatte in einer Stellungnahme betont, dass „ausdrücklich kein Datenschutzfall“ vorliege und weder bei einem Drittanbieter noch bei ihr selber Konto- oder Kartendaten gehackt worden sein. „Es handelte sich um einen Betrugsvorfall aus der organisierten Cyberkriminalität mit gefälschten Karten und Terminals, der aus Brasilien heraus begangen wurde.“

Die Formulierung legte nahe, dass es sich um eine sogenannte Brut-Force-Attacke gehandelt hat. Also um eine Methode, bei der Kriminelle die richtigen Kartendaten gewissermaßen durch „Ausprobieren“ erraten. Völlig unklar blieb allerdings, wie auf diese Weise die gängigen Sicherheits-Mechanismen ausgehebelt werden konnten. Was also ist genau passiert?

Unseren Informationen zufolge leiteten die Cyber-Gangster mit ihren Fake-Karten und Fake-Terminals alles in allem rund 250.000 Transaktionen ein. Die allermeisten dieser Versuche wurden abgeblockt. Eine mutmaßlich hohe Zahl an Transaktionen indes war in dem Sinne „erfolgreich“, dass im fernen Deutschland tatsächlich Geld von Konten abging. Die entsprechenden Kleinbeträge summierten sich schließlich auf die besagten anderthalb Millionen Euro.

Unter normalen Umständen hätte der Betrugsversuch jedoch aus mindestens zwei Gründen erfolglos bleiben müssen, sagen uns Experten:

  1. Die schiere Zahl an Transaktionsversuchen muss einen auffällig hohen Traffic ausgelöst haben
  2. Das Muster der Transaktionen trug eindeutig betrügerische Züge, sodass die Fraud-Erkennung (viel früher) hätte anspringen müssen

Dass der Cyber-Angriff dennoch glückte, lag unseren Erkenntnissen zufolge am Bank-Verlag. Laut Finanz-Szene.de-Informationen sollen die gefälschten Karten mit einem klassischen Magnetstreifen  (genauer: mit der sogenannten „Magnetspur 1“) ausgestattet gewesen sein – einem Security-Feature, das hierzulande in der Praxis seit Jahren überholt ist, weil Debit- und Kreditkarten stattdessen mit dem sogenannten EMV-Chip gesichert werden (der EMV-Chip ist der fingerkuppenkleine Quadrat vorne links auf der Karte, während es sich bei der „Track 1“ um den kartenbreiten Streifen auf der Rückseite ganz oben handelte).

Da man beim Bank-Verlag einen Magnetstreifen-Betrug aber offenbar gar nicht mehr auf der Rechnung hatte, soll die entsprechende Betrugserkennung für die „Track 1“ angeblich schlicht inaktiv gewesen sein. Die Cyber-Kriminellen hätten ihren Angriff also außerhalb der Abwehrsicherung eingeflogen. So zumindest wird uns der Fall geschildert.

Finanz-Szene.de konfrontierte mit diesen Erkenntnissen gestern die OLB, den Bank-Verlag und den BdB. Das Geldinstitut äußerte sich nicht konkret, der BdB verwies auf seine Tochter – und die wollte die Informationen weder bestätigen noch dementieren. In seiner Stellungnahme hieß es etwas schwammig:

„Der Bank-Verlag betreibt seit Jahren das Processing von Debit- und Kreditkarten, was die Prüfung aller Spur- und Chipdaten inkludiert. Zu den Details in diesem Fall sind wir nach wie vor in der Analyse mit der OLB und mit Mastercard, wie der Prüfmechanismus hier konkret gewirkt hat und warum die Transaktionsanfragen in den Ausnahmefällen zu positiven Ergebnissen führten.“

Eine Frage die sich vor dem Hintergrund unserer Informationen ebenfalls stellt: Haben die „Schutzmechanismen“ wirklich „frühzeitig angeschlagen“, wie die Oldenburgische Landesbank in ihrer Mitteilung behauptete? Bereits in einem NDR-Bericht von Mitte letzter Woche las sich der Hergang ein bisschen anders. Der Sender hatte – unter Berufung auf die OLB – berichtet: „Den Betrug bemerkt habe man einem Sprecher der Bank zufolge, weil auffällig viele Buchungen in Brasilien stattfanden und immer mehr Kunden gemeldet hätten, dass ihr Konto unerklärlicherweise im Minus sei.“ Dies las sich, als hätten Bank und Bank-Verlag von betroffenen Kunden erst alarmiert werden müssen, bevor das Sicherheitsleck dichtgemacht wurde. Die OLB teilte hierzu mit, dem Sachstand von letzter Woche sei nichts hinzuzufügen.

Experten, mit denen wir am Wochenende über den Ablauf des Cyber-Angriffs sprachen, zeigten sich – gelinde gesagt – erstaunt über das Sicherheitsleck. Denn: Beim Kartenbetrug war in den vergangenen Jahren eine markante Verschiebung hin zu „Card not present“-Fällen festzustellen, also zu Methoden, bei denen gar keine physische Kredit- oder Debitkarte mehr zum Einsatz kommt. So entfielen laut einer EZB-Studie, die auf Zahlen von 2016 beruht, zuletzt drei Viertel aller Schäden auf „Card not present“-Fälle.

Anders ausgedrückt: „Card present“-Fälle galten unter Experten zunehmend als Relikt. „Einen ‚Card present“-Betrug in einer Größenordnung wie jetzt bei der OLB hat es hierzulande – soweit bekannt – seit Jahren nicht mehr gegeben“, sagte uns ein hochrangiger Payment-Manager. „Zweifelsohne haben die Kriminellen in Brasilien ein kleines Meisterstück vollbracht. Und trotzdem: Die hätten damit nicht durchkommen dürfen.“

Auch wenn der grobe Ablauf nun bekannt ist – manche Fragen bleiben einstweilen offen. Zum Beispiel: Warum traf es ausgerechnet die OLB? Beziehungsweise: Gibt es möglicherweise noch weitere Fälle, nur dass diese bislang nicht publik wurden? Plausibel jedenfalls erscheint die Annahme, dass es die Cyber-Kriminellen bei weiteren Adressen zumindest versucht haben. Eine weitere offene Frage: Wie kamen die Kriminellen an die sicherheitsrelevanten Kartennummern? Wurden diese wirklich mit technischer Unterstützung „erraten“ beziehungsweise „generiert“, wie letzte Woche behauptet? Manche Experten begegnen dieser These eher skeptisch.

Einig sind sich die Fachleute hingegen, dass die Angreifer ihr Husarenstück ganz ohne „institutionelle“ Unterstützung kaum hätten aufführen können. „Da muss bei einem örtlichen Netzbetreiber in Brasilien irgendjemand kollaboriert haben“, ist sich ein Insider sich. Hier schließt sich nun – zumal die Netzbetreiber ja von den großen Kreditkarten-Schemes lizenziert werden – die Frage an, welche Rolle Mastercard in der ganzen Affäre spielt. Betroffen waren ja bekanntermaßen ausschließlich Debitkarten des US-Konzerns. Sind die Amerikaner völlig frei von Schuld, wenn mir ihren Karten von Südamerika aus deutsche Girokonten abgeräumt werden? Mastercard wollte konkrete Fragen hierzu nicht beantworten.

Letzte Frage: Wer eigentlich haftet für den Schaden? Die OLB hat ihren Kunden die Verluste – selbstverständlich – umgehend erstattet. Allerdings darf man davon ausgehen, dass das Regionalinstitut, das dem US-Finanzinvestor Apollo gehört, die Rechnung an den Bank-Verlag weiterreichen wird. Doch ist das bereits der finale Adressat? Oder wird die BdB-Tochter ihrerseits versuchen, zumindest einen Teil des Schadens auf Mastercard bzw. auf die Akzeptanzseite (also den Acquirer/Netzbetreiber in Brasilien) weiterzuwälzen? Hierzu wollte sich gestern keiner der Akteure äußern.

So oder so: Der Image-Schaden für den Bank-Verlag, den hinter ihm stehende Bundesverband deutscher Banken und damit für die gesamte Bankenbranche, ist immens. Denn: Im Zahlungsverkehr verliert die Kreditwirtschaft seit Jahren an Boden. So wird das Akzeptanzgeschäft heutzutage nicht mehr von den Banken, sondern von anderen Playern dominiert. Beispiele: Der ehemals bankeneigene Acquirer Concardis gehört mittlerweile Finanzinvestoren, die Sparkassen haben die Mehrheit an der BS Payone im vergangenen Jahr an Ingenico veräußert.

Das sozusagen entgegengesetzte Geschäft, also das Issuing Processing, betreiben die Banken hingegen noch selbst – jedenfalls wenn es um Debitkarten-Transaktionen geht. Für die Sparkassen macht das der Deutsche Sparkassen-Verlag, für die Volksbanken die Fiducia, für die Deutsche Bank die hauseigene VÖB-ZVD Processing GmbH, für viele andere private Banken der Bank-Verlag.

Der Begriff „Debitkarte“ freilich war hierzulande lange Zeit mehr oder weniger gleichbedeutend mit der bankeneigenen „Girocard“. Inzwischen allerdings drängen Mastercard und neuerdings auch Visa mit eigenen Debitkarten auf den deutschen Markt. Ob die bankeneigenen Anbieter auch für diese Herausforderung gerüstet sind, wird sich erweisen.

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Warum der DKB-Gewinn so deutlich zurückgegangen ist

Von Heinz-Roger Dohms

Markant gestiegene Risikokosten im Firmenkundengeschäft haben der zweitgrößten deutschen Onlinebank DKB das Halbjahresergebnis verhagelt. Wie aus den gestern vorgestellten Sechsmonats-Zahlen hervorgeht, stieg die Vorsorge in der nicht mal 15 Mrd. Euro großen Sparte auf stattliche 53 Mio. Euro. Konsequenz: Das Segmentergebnis schrupfte um mehr als 80%  auf nur noch 7,9 Mio. Euro.

Gleichwohl enttäuschte die zuletzt einigermaßen erfolgsverwöhnte BayernLB-Tochter nicht nur im Firmenkundengeschäft. So schrumpfte der Zinsüberschuss – bezogen auf die gesamte DKB – um unschöne 6% auf nur noch 479 Mio. Euro, die Verwaltungsaufwendungen stiegen um 17% auf 270 Mio. Euro (wobei hier nach Bankangaben „Investitionen in die digitale Infrastruktur“ zu Buche schlugen, also Einmaleffekt, wenn man so will). Das Konzernergebnis sank um 19% auf 155 Mio. Euro – und es wäre sogar noch deutlich stärker gesunken, hätten positive Bewertungseffekte in Höhe von 30,5 Mio. Euro das Ergebnis nicht zumindest ein wenig aufgehübscht.

Eine vermeintliche Erfolgsmeldung kam aus dem Retailbereich. So teilte die DKB gestern mit, stolze 198.000 Neukunden* gewonnen zu haben. Das freilich war der Bruttowert – netto akquirierten die Berlinern lediglich 111.000 neue Kunden. Mit anderen Worten. Auf fünf Kunden, die die DKB (für teures Geld) gewinnt, kommen zwei, die sie verliert.

*In der ursprünglichen Fassung hatten wir irrtümlich geschrieben, brutto seien es 189.000 Neukunden gewesen.  Das heißt auch: Die DKB hat nicht nur 78.000 Kunden verloren (wie sich aus der ursprünglichen Berichterstattung ergab), sondern 87.000 Kunden. Folge: Der Schlusssatz stimmt nur noch sehr ungefähr. Wenn man’s ganz genau nimmt, verliert die DKB sogar 2,2 Kunden, wenn sie fünf neue gewinnt (immer vorausgesetzt: Wir haben uns nicht verrechnet …).

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Liebe Sparkassen, steht es wirklich so schlimm um Euch?

Von Heinz-Roger Dohms

Das Jahr hat 365 Tage. An einem dieser Tage, nämlich immer am Tag der großen Bilanzpressekonferenz, erzählen einem die Sparkassen, wie gut es ihnen geht (dabei geht es ihnen sooooo gut ja gar nicht). Und an den übrigen 364 Tagen? Erzählen sie einem, wie schlecht es ihnen geht.

Nun hat dieses sog. „Schleweis-Gestöhn“ (früher: „Fahrenschon-Gewimmer“) über die Jahre natürlich „Rechtes-Ohr-rein-linkes-Ohr-raus-Charakter“ bekommen. Dieser Tage allerding ist das Lamento dermaßen laut, dass nicht mal wir es noch ignorieren können. Erst Schleweis‘ in geschliffenem Englisch („Dear Mr Draghi“) formulierter Klagebrief an den EZB-Chef. Gestern dann Schleweis‘ gefühlt 34-seitiges „Handelsblatt“-Interview, in dessen Verlauf manche Träne geflossen sein muss („Die Möglichkeiten der Sparkassen … sind endlich“).

Jedenfalls: Geht es den Sparkassen denn wirklich soooo schlecht? Dieser Frage will Finanz-Szene.de aus obigem Anlass in einer dreiteiligen analytisch-anekdotischen Serie nachgehen. Heute „Teil 1“ zum Thema: Stimmt es wirklich, dass diese Woche die letzte bayerische Sparkasse – wie deren Chef behauptet – genau deshalb ihr Kostenlos-Konto abschaffen musste, weil sie so sehr unter der EZB-Politik leidet?

1. Um welche Sparkasse geht es?

Um die „Stadt- und Kreissparkasse Erlangen Höchstadt Herzogenaurach“, die so heißt, wie sie heißt, weil es sich um eine Fusions-Sparkasse handelt. Bilanzsumme: 6,1 Mrd. Euro. Kunden: 130.000.

Wir erlauben uns, die „Stadt- und Kreisparkasse Erlangen Höchstadt Herzogenaurach“ im weiteren Verlauf dieses Artikels der Einfachheit halber „Sparkasse Erlangen“ zu nennen.

2. Was hat ihr Chef genau gesagt?

Die Sparkasse Erlangen hat diese Woche mitgeteilt, ihr kostenloses Girokonto (das letzte dieser Art bei einer bayerischen Sparkasse) zum Jahresende abzuschaffen. Vorstandschef Johannes von Hebel begründete dies regionalen Medien zufolge explizit und ausschließlich mit der EZB-Politik.

„‚Wir haben am längsten durchgehalten“, sagt Johannes von Hebel […] Er ist stolz darauf, die letzte Sparkasse in Bayern zu sein, die ein kostenloses Online-Girokonto anbietet. Doch auch damit ist Ende des Jahres Schluss. Die Sparkasse Erlangen muss ihre Gebühren anheben. Der Grund dafür ist für von Hebel […] die Zinspolitik der Europäischen Zentralbank. […] ‚Wir werden ein Stück weit geopfert, um den wirtschaftlichen Zusammenhalt in Europa zu erhalten‘, sagt der Erlanger Sparkassenchef.“

3. Wie geht es der Sparkasse Erlangen ausweislich ihrer wichtigsten Erfolgskennziffern?

Nicht mehr tippi-toppi, aber immer noch ordentlich und besser als gedacht.

  • Das Betriebsergebnis vor Bewertung lag 2018 bei 0,76% der durchschnittlichen Bilanzsumme. Das liegt leicht unter dem Sparkassen-Mittel (0,82%) und ist nicht mehr wie in den goldenen Zeiten, als die Sparkassen einen Wert von mindestens 1,0% anstrebten. Aber es sollte immer noch auskömmlich sein. Und es liegt auffällig deutlich über dem Planwert (0,67%). Wenn ein semi-seriös gemeinter Quervergleich erlaubt sei: Die ultrageile Sparkasse Aachen, über „ähnlich profitabel arbeitet wie die Citigroup“, kam zuletzt auf 1,12%. So profitabel wie die Citigroup arbeitet die Sparkasse Erlangen also nicht. Aber muss ja auch vielleicht nicht sein.
  • Auch andere Kennziffern scheinen zu passen. So gibt die Sparkasse Erlangen beispielsweise ihre Cost-Income-Ratio für 2018 mit 64,2% an. Auch das ist ordentlich und deutlich besser als der Planwert (68,2%).

4. Welchen Einfluss hat die EZB-Politik auf die Sparkasse Erlangen?

Einen immensen und negativen (es sei denn, man argumentiert jetzt ganz makromäßig, dass ohne die aggressive EZB-Zinspolitik letztlich alles zusammengebrochen wäre, also auch die GuV der Sparkassen Erlangen – aber diese Debatten sind nicht unser Bier hier). In Zahlen:

  • Der Zinsüberschuss ist von 2016 auf 2017 um 9% gesunken und im vergangenen Jahr um weitere 6% (wegen der vor zwei Jahren vollzogenen Fusion lassen sich leider keine längeren Zeiträume vergleichen)
  • Die Zinsspanne lag zuletzt nur noch bei 1,47% der DBS.  2017 waren es noch 1,63% gewesen, im Jahr davor 1,81%.
  • Die Tendenz bleibt negativ. Für 2019 erwartet die Sparkasse, dass sich die Zinsspanne auf nur noch 1,34% verengt.

5. Ist also tatsächlich alles ganz schlimm? Und liegt die Schuld allein bei der EZB?

Was auffällt, wenn man dieser Tage durch die Halbjahreszahlen deutscher Banken streift: Bei vielen Instituten hat sich der Zinsüberschuss zuletzt stabilisiert oder zieht sogar wieder an. Bei der LBBW stiegt im Vergleich zum ersten Halbjahr 2018 um 2%, bei der HSBC Deutschland um 10%, bei der Apobank um 5%.

Und übrigens: Das mit den wieder steigenden Zinsüberschüssen ist nicht zwingend nur ein 2019er-Phänomen. Bei der Apobank zum Beispiel (das fiel uns dieser Tage zufällig auf, als wir wegen einer anderen Sachen in der letztjährigen GuV waren) ist das Zinsergebnis auch 2018 schon um hübsche knapp 6% gestiegen.

Nun ist das „deutsche Ärzte- und Apothekertum“ eine andere Zielgrupe als „die Menschen in der Region Erlangen“. Und wenn man so frech ist, die Sparkasse Erlangen mit der LBBW oder der deutschen HSBC zu vergleichen – dann muss man fairerweise hinzufügen, dass die Sparkassen auf der Funding-Seite schwierigeren Bedingungen unterliegen. Denn: Eine Großbank, die sich überwiegend über „Wholesale“ refinanziert, profitiert von den Negativzinsen am Kapitalmarkt, während die Sparkassen ihren Sparern immerhin noch einen Nullzins anbieten.

Doch trotz all dieser Einschränkungen. Tatsache ist: Es gibt Banken, die es momentan schaffen, den Verfall beim Zinsergebnis trotz EZB-Politik zu stoppen bzw. den Trend sogar umzukehren. Die Sparkassen Erlangen schafft es (warum auch immer) nicht.

Und Teil der Wahrheit ist auch, dass die Sparkasse Erlangen unter der EZB-Politik nicht nur leidet, sondern teilweise von ihr profitiert, auch wenn Herr von Hebel das nicht öffentlich sagt. So wurde der Anstieg bei den Einlagen (um gut 300 Mio Euro auf rund 5 Mrd. Euro) durch den parallelen Anstieg der Kreditvolumens (um gut 200 Mio. Euro auf 3,5 Mrd. Euro) fast vollständig absorbiert. In ihrem Abschluss räumt die Sparkasse unumwunden ein, dass der Niedrigzins das Geschäft massiv anschiebt:

„Die Forderungen an Kunden […] sind um 8,1 % auf 4.033.132 TEUR gestiegen. […] Darüber hinaus sind erneut hohe Kreditzusagen im Wohnungsbau- Finanzierungsgeschäft zu verzeichnen. Wir führen diese Entwicklung auf das ungebrochene Bedürfnis unserer Kunden nach Sachwerten bei einer anhaltenden Niedrigzinsphase zurück. Aufgrund dieser Sachverhalte wurden unsere Erwartungen übertroffen.“

Letzter Punkt: Der oft zitierte Strafzins der EZB  ist in der GuV der Sparkasse Erlangen eine überschaubare Größe: Das Volumen „abgesetzter negativer Zinsen“ lag zuletzt bei gut 600.000 Euro.

6. Resümee

Natürlich setzen die niedrigen Zinsen der Sparkasse Erlangen zu. Das bislang kostenlose Online-Girokonto zu bepreisen, ist vor diesem Hintergrund ein nachvollziehbarer und vermutlich auch vernünftiger Schritt.

Zumal: Angesichts von rund 90.000 Kunden, die dieses Modell bislang nutzen und künftig 3,95 pro Monat berappen sollen, ist da durchaus was zu holen. Angenommen, 90% der betroffenen Kunden bleiben der Bank trotz Entgelt treu – dann spült die Maßnahme im nächsten Jahr fast 4 Mio. Euro Ertrag in die Kasse. Das ist das Sechsfache dessen, was die Franken in diesem Jahr an Strafzinsen an die EZB überweisen mussten. Kein schlechter Deal.

So – um diese Zahlen aber auch nochmal in ein anderes Verhältnis zu setzen: In der 2018er-GuV findet sich ein Posten, der sich „Erträge aus Zuschreibungen zu Forderungen und bestimmten Wertpapieren sowie aus der Auflösung von Rückstellungen im Kreditgeschäft“ nennt.  Diese Erlösposition war im vergangenen Jahr stolze 41,5 Mio. Euro schwer, taucht im Jahresüberschuss dann aber gar nicht mehr auf (der nämlich belief sich gerade mal auf 8,5 Mio. Euro).

Was ist passiert? Die Sparkasse Erlangen hat im vergangenen Jahr mal eben stille Reserven in Höhe von rund 43 Mio. Euro gehoben, etwa das 65-Fache der an die EZB abgeführten Strafzinsen

Die Möglichkeiten der Sparkassen sind endlich? Och, ein bisserl was scheint noch zu gehen.

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CRX Markets fundet heimlich – und ist jetzt 65 Mio. € wert

Von Heinz-Roger Dohms

Einer der „Hidden Champions“ unter den deutschen Fintechs, nämlich das Working-Capital-Startup CRX Markets, hat nach Informationen von Finanz-Szene.de und unserem Recherchepartner „startupdetector.de“ die nächste Finanzierungsrunde durchgezogen. Bereits Anfang Juni sicherten sich die Münchner von Investoren 6 Mio. Euro und kommen nun auf eine Post-Money-Bewertung von rund 65 Mio. Euro. Damit dürfte CRX Markets zu den 20 größten deutschen Fintechs  gehören.

Das Geschäftsmodell von CRX basiert auf der Supply-Chain-Finanzierung. Dazu haben die Münchner eine digitale Plattform aufgebaut, über die – vereinfacht und unvollständig ausgedrückt – Lieferanten ihre Forderungen an Investoren verkaufen können. Ähnliche Geschäftsmodelle betreiben hierzulande beispielsweise das Frankfurter Finanz-Startup Traxpay oder die hiesige Tochter des US-Fintech-Riesen 2CFO, an dem unter anderem die Allianz beteiligt ist. Gemessen an der Prominenz der Kunden dürfte CRX Markets zu den Marktführern gehören – denn hierzu gehören beispielsweise Nestlé, die Lufthansa oder Vattenfall

Vorstandschef Frank Lutz bestätigte gestern Abend auf Anfrage von Finanz-Szene.de die Finanzierung. Bei den Investoren handele es sich wie auch schon bei vorherigen Funding-Runden „um keine Venture-Capital-Fonds, sondern um Unternehmer-Persönlichkeiten, die zum Teil auch unserem Management bzw. dem Aufsichtsrat angehören“. Chef der CRX-Aufsichtsrats ist Philip Holzer, früher bei Goldman Sachs Deutschland die Nummer zwei hinter Alexander Dibelius.

Zudem gehört auch Carlo Kölzer dem Kontrollgremium an. Er und sein Kompagnon Moritz von den Linden hatten CRX Markets 2012 gegründet. Drei Jahre später wurde das Duo dann wegen eines anderen Unternehmens über die Fintech-Szene hinaus bekannt, nämlich als sie den ebenfalls von ihnen gegründeten Devisen-Handelsplatz 360T für mehr als 700 Mio. Euro an die Deutsche Börse verkauften.

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LBBW und HSBC: Wie wenig vom Zinswunder übrig bleibt

Von Heinz-Roger Dohms

Der Disclaimer vorweg: Weil gestern echt wenig Zeit war (jedenfalls bei uns hier), sind wir in die Halbjahresberichte von LBBW und HSBC Deutschland nicht wirklich tief eingestiegen (wobei die HSBC ohnehin nur ein paar dürre Zeilen für die Öffentlichkeit bereithielt).

Falls man allerdings davon ausgeht, dass das, was man auf den ersten Blick gesehen hat, die Wirklichkeit einigermaßen sauber widerspiegelt – dann sind die Zahlen hochinteressant und bestätigen zwei Trends, die wir in den vergangenen Wochen (z.B. hier und hier) ja schon mal angedeutet hatten:

  1. Die Risikovorsorge, die jahrelang kein Thema war, wird allmählich wieder eines.
  2. Unseren Banken (siehe auch die Sechs-Monatszahlen von „Deutscher“ und „Coba“) gelingt es auf fast schon wundersame (oder sagen wir besser: auf kontraintuitive) Art und Weise, an ihren Zinsergebnissen zu drehen.

Sehr schön zeigt sich das an der LBBW, die auf ihrer Homepage dankenswerterweise auch die Halbjahresberichte der vergangenen Jahre bereithält. Dadurch dauerte es keine drei Minuten um festzustellen, dass der Zinsüberschuss zuletzt vier Jahre in Folge geschrumpft war (einmal sogar um 14%) – nur um nun zum ersten Mal wieder zu steigen, und zwar um 1,9% auf 811 Mio. Euro.

Zinsergebnis der LBBW per 30. Juni, prozentuale Veränderung im Vergleich zum Sechs-Monats-Ergebnis des jeweiligen Vorjahres

2015 -14,2%
2016 -6,1%
2017 -2,1%
2018 -0,1%
2019 1,9%

Für die deutsche HSBC haben wir einen ähnlichen Mehrjahres-Vergleich auf die Schnelle nicht erstellen können. Allerdings darf man davon ausgehen, dass auch die Düsseldorfer Briten in den vergangenen Jahren mit dem Zinsergebnis das ein oder andere Mal gehadert haben werden – während es diesmal um satte 10% auf 113 Mio. Euro raufging.

Wie kommt’s?

Dieser Tage  hatte wir ja die Vermutung geäußert, dass die deutschen Banken den kapitalen Zinsrutsch der vergangenen Monate genutzt haben, um ihre Margen zumindest für den Moment ein bisschen nach oben zu schieben – schlicht, indem die günstigen Refikosten nur bedingt weitergegeben werden.

Wir würden ja vermuten, dass es bei HSBC und LBBW genau so gewesen ist, auch wenn die Pressemitteilung der deutschen HSBC in dieser Hinsicht wenig Erhellendes bietet (stattdessen wird im gleichen Satz, in dem der 10-prozentige Anstieg verkündet wird, fast habituell behauptet, der Zinsüberschuss habe unter dem Niedrigzins „gelitten“) und die Bank auf Nachfrage den „Verdacht“ einer Margenausweitung zurückweist.

Offenherziger ist da der Halbjahresbericht der LBBW, in dem es heißt: „Dabei waren insbesondere im Geschäft mit Mittelstandskunden und Großunternehmen stabile Finanzierungsmargen zu verzeichnen“ (wir sind so frei, „stabil“ einfach mal mit „leicht steigend“ zu übersetzen).

Interessanterweise waren die Zinsergebnisse nicht das Einzige, was stieg. Auch bei den Provisionen legten sowohl die LBBW (sogar um 6,5%) als auch die HSBC Deutschland (5,2%) zu. Dass die Ergebnisse alles in allem dennoch bescheiden ausfielen – das wiederum lag: an der Risikovorsorge. Bei derLBBW stieg sie markant von 33 Mio. Euro auf 63 Mio. Euro, noch deutlich schlimmer (jedenfalls in Relation zum Kreditportfolio) traf es die HSBC. Sie hatte letztes Jahr zwischen Januar und Juni durch die Auflösung von Risikovorsorge noch 2,6 Mio. Euro „verdient“. Diesmal hingegen wurde das Ergebnis um satte 29,2 Mio. Euro belastet. In der Pressemitteilung ist sogar von „hohen Einzelwertberichtigungen“ die Rede. Uff.

Was das alles unterm Strich heißt? Dass die Lage so mäßig bis trist ist wie sie es seit Jahren schon ist, freilich nicht nur in Stuttgart und Düsseldorf: Die LBBW hat auf Sechs-Monats-Sicht aus 265 Mrd. Euro Bilanzsumme kümmerliche 219 Mio. Euro Nachsteuergewinn herausgeschabt (also 0,08%), bei HSBC Trinkaus (wie man früher sagte) waren es 30,9 Mio. Euro Überschuss aus 28,1 Mrd. Euro Bilanzsumme (also 0,10%). So sind die Zeiten.

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Warum N26 vom Grover-CFO des „Diebstahls“ bezichtigt wurde

Von Heinz-Roger Dohms

Irgendwann im Laufe des vergangenen Donnerstags ist Thomas Antonioli dann der Kragen geplatzt.

Was man dazu wissen muss: Antonioli ist Absolvent der Insead Business School. Er ist ein früherer „Assistant Vice President“ der Commerzbank. Er ist zudem früherer „Vice President Corporate Finance“ von Kreditech. Und aktuell firmiert er als Finanzchef des bekannten Berliner Startups Grover. Man darf sich Antonioli also als jemanden vorstellen, der seine Worte zu wägen weiß.

Jedenfalls: Von den vier Sprachen, die Antoniolo nach eigenen Angaben beherrscht, wählt er die englische und haut bei Linkedin am vergangenen Donnerstag folgenden öffentlichen Rant gegen die Berliner Smartphone-Bank N26 raus:

„Dear N26,

that your employees are misreading a positive for a negative account balance is in itself already surprising for a bank. That on this basis you close the account without warning, keep the positive balance, hand over the (non-existent) claim to a Debt Collection agency and then stop answering any emails is outright theft and the worst user experience one can have with a bank. I really want to support you as one of the biggest German startup success stories, but this is definitely unacceptable treatment. Please sort it out.“

Uff. „Outright theft“, regelrechter Diebstahl also.

Da schluckt man erstmal. Schließlich ist es kein alltäglicher Vorgang, dass ein Topmanager eines Berliner Startups ein anderes Berliner Startup (und noch dazu das prominenteste der Stadt) eines Verbrechens bezichtigt.

Doch trotz dieses fast schon maximalen Vorwurfs kommt von N26: vier Tage lang keinerlei Reaktion.

Dafür reagieren viele andere. Übers Wochenende bekommt Antoniolis Linkedin-Beitrag mehr als 200 hochgereckte Daumen, unter anderem von zwei Raisin-Managern und vom Friday-CEO Christoph Samwer (was insofern bemerkenswert ist, als sich manche Fintech-Jungs den Daumen eher absägen lassen würden, als ihn unter einen N26-kritischen Post zu platzieren).

Es werden allerdings nicht nur Daumen hochgereckt. Es werden auch die ersten Kommentare abgesetzt. Ein „Software Developer“ von SAP zum Beispiel empfiehlt Antonioli, sich an die Bafin zu wenden. Er hoffe aufrichtig, dass das nicht nötig sein werde, antwortet der Grover-CFO.

Eine junge Dame erkundigt sich „aus purem Interesse“, ob Antonioli irgendein Feedback seitens N26 auf seinen Beitrag erhalten erhalten. „Nope“, gibt Antonioli zurück, dasselbe gelte für die fünf E-Mails, die er in den zurückliegenden 14 Tagen an die Digitalbank geschrieben habe.

„Es wäre beinah witzig, wenn es nicht so traurig wäre“, kommentiert eine andere junge Frau. Gäbe es bei Linkedin neben der „Thumbs up“- auch eine „Big Hug“-Funktion, Antonioli wäre in den vergangenen Tagen ziemlich oft virtuell in den Arm genommen worden.

Indes, nicht jeder, der mit Antonioli fühlt, will gleich den Stab über N26 brechen. Der Coindex-Manager Kai Kuljurgis schreibt:

„Well, guys I get all your thoughts and I really feel for Thomas Antonioli (I would be really pissed if my account was closed w/o notice with funds held back!) – BUT I do not get how people use events like this to rant about successful companies like N26 Group. For me the fact that more issues like this are being reported is in close correlation to the fact that their users are way more digital and online than the ones of e.g. Commerzbank AG (who had even more and more serious issues, while offering a worse product and UX). […]“

Weil N26 erfolgreich ist, soll man sich mit Kritik zurückhalten? Interessante Sicht der Dinge. Aber sei’s drum. Kuljurgis‘ Umarmung jedenfalls ist so allumfassend, dass sie gleich für beide reicht, für den Grover-CFO und für die Digitalbank.

Unterdessen wird die Kommentar-Spalte unter Antoniolis Beitrag immer länger. Nun schlägt die Stunde der Lösungsorientierten, die versuchen, diverse N26-Manager per „Tag“ auf Antoniolis Problem aufmerksam zu machen.

„Martin Schilling, surely this can be sorted“, schreibt ein Nutzer, der sich selber ohne falsche Bescheidenheit als „astute, experienced and decisive business leader“ charakteristiert.

Martin Schilling, das zur Erläuterung, ist der COO von N26. Doch der COO reagiert nicht. N26 ist zwar eine digitale Bank, aber mit Linkedin, so scheint es, haben ihre Manager eher wenig am Hut.

Noch ein Versuch: „Let see if the INSEAD network works“, schreibt ein mutmaßlicher Insead-Absolvent und taggt Will Sorby an, der auch ein Insead-Alumni ist, vor allem aber UK-Chef von N26. Doch auch hier: Keine Reaktion.

Erste Fintech-Promis versuchen, ihre Kontakte spielen zu lassen. Sven Weizenegger, Mitgründer von Perseus, schreibt: „Gerrit Glass. Can you help?“ Gerrit Glass, bei N26 für die internationale Expansion zuständig, rührt sich nicht. René Griemens, dem früheren Finanzchef von Kreditech, wird die Sache jetzt zu bunt. Er will die Dinge offenbar regeln, wie man sie früher geregelt hat, von Mann zu Mann, von C-Level zu C-Level, auf dem kurzen Dienstweg.  Also schreibt er einfach nur: „Valentin S.“ Doch auch der auf diese Weise getaggte Valentin Stalf, Gründer und CEO von N26, reagiert nicht.

Verflixt.

Der Freitag vergeht. Der Samstag vergeht. Der Sonntag vergeht. Der Montag geht auf Mitternacht zu. Und plötzlich meldet sich: Georg Hauer, der neue N26-General-Manager für den deutschen Markt. Offenbar gibt es bei der Berliner Digitalbank also wenigstens einen Großkopferten, der mitbekommt, dass bei Linkedin zu diesem Zeitpunkt seit rund 100 Stunden über N26 abgelästert wird.

 could you please send me a PM? I do not know the context or why this happened but our team will be happy to look into it.“

Nun sei mal dahingestellt, wie „happy“ das Team wirklich ist. Jedenfalls passiert der Linkedin-Timeline zufolge nach dem Hauer-Kommentar rund neun Stunden lang nichts (mag sein, dass der Grover-CFO ein Mann mit einem gesegneten Schlaf ist) – bis Thomas Antonioli schließlich antwortet: „Thanks Georg, PM‘d you.“

Daumen hoch!, kann man da nur sagen.

Und jetzt noch, wie es zu alldem gekommen ist.

Also: Nach Recherchen von Finanz-Szene.de soll Antonioli tatsächlich im Dispo gewesen sein, kommt ja mal vor, zumal bei einem N26-Konto. Ein Kundenbetreuer bat ihn daraufhin, den Dispo auszugleichen, nannte in der entsprechenden E-Mail aber eine viel zu niedrige Summe (offenbar ein Vertipper). Antonioli jedenfalls überwies den Betrag, den ihm N26 genannt hatte, und sogar noch ein bisschen mehr. Damit wähnte er das Konto (aus seiner Sicht: zurecht …) wieder im Plus, in Wahrheit war es aber weiterhin im Minus, wenn auch nicht mehr so stark.

Danach müssen die Dinge irgendwie eskaliert sein: N26 kündigte schließlich das Konto, Antonioli beschwerte sich, kam damit aber offenbar nicht durch, und irgendwann sah er keinen anderen Ausweg mehr, als seinen Rant bei Linkedin abzusetzen. Den Rest, liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie. Ach nein, das Ende kennen Sie noch nicht. Antonioli und N26 haben sich ausgesprochen, der Grover-CFO bleibt Kunde bzw. wird wieder Kunde, Big Hug.

Was zurückbleibt, ist die Frage: Mal angenommen, Herr Antonioli wäre nicht Herr Antonioli, sondern irgendein x-beliebiger Kunde, der nicht in der Lage ist, die halbe Berliner Startup-Community sowie das Insead-Netzwerk aufzuscheuchen … Wie wäre der Fall dann ausgegangen?

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Cyber-Gangster rauben bei Regionalbank mehr als 2000 Konten aus

Von Heinz-Roger Dohms

Liebe Oldenburgische Landesbank, seit wann sind wir bei Dir denn nicht mehr auf dem Presseverteiler? Kürzlich waren wir es doch noch. Und nun, wo Du endlich mal was Spannendes zu erzählen hast, hätten wir es fast nicht mitbekommen. Fast so, als hättest Du es genau darauf angelegt …

Also, was ist passiert: Cyber-Kriminelle haben auf mehr als 2000 (!) Konten bei Dir zugegriffen und dabei 1,5 Mio. Euro erbeutet. Seltsam, dass die Online-Medien gestern und die Zeitungen heute Früh nicht voll sind von der Geschichte. Man muss sich das mal vorstellen: >2000 Konten bei Regionalbank ausgeraubt!!! Was dagegen war im Frühjahr bei N26 und jüngst bei Revolut los, als es um jeweils einen (!) dokumentierten Fall ging …

Wie gut, dass es die „Emder Zeitung“ gibt, die die Sache aufgedeckt hat. Und die regionale „dpa“, die gestern nachhakte und von Dir mitgeteilt bekam, „Konten- oder Kartendaten seien nicht gehackt worden“. Wie beruhigend! Jedenfalls: Wir selber wollen uns die Causa heute mal näher angucken auch um zu sehen, was Mastercard mit der Sache zu tun hat, den deren Debitkarte war ja offenbar das Einfallstor. Bis dahin vertrösten wir unsere Leser mit der Dokumentation der Pressemitteilung, die uns zwar nicht erreicht hat, die wir aber auf deiner Website gefunden haben:

„In der vergangenen Woche hat es eine missbräuchliche Nutzung von Debit Master-Cards gegeben. Betroffen war ein Teil der Karten, die die OLB an ihre Kunden ausgegeben haben. Andere Produkte als die Debit Mastercard waren oder sind nicht betroffen: Kunden, die also beispielsweise eine OLB Girocard, eine Visa-Kreditkarte oder eine normale Mastercard-Kreditkarte nutzen, waren oder sind nicht betroffen.

Es lag ausdrücklich kein Datenschutzfall vor: Konto- oder Kartendaten sind weder bei der OLB noch bei einem Drittanbieter gehackt worden. Es handelte sich um einen Betrugsvorfall aus der organisierten Cyberkriminalität mit gefälschten Karten und Terminals, der aus Brasilien heraus begangen wurde.

Insgesamt beschränkte sich der Betrug auf etwas mehr als 2.000 betroffene Konten. Alle betroffenen Kunden hat die Bank schnell ermittelt und schriftlich informiert. Allen Betroffenen, denen durch die missbräuchliche Verwendung ihrer Debit Mastercards Schaden entstanden ist, wurde der Schaden umgehend vollständig erstattet. Der Kunde musste dafür nichts unternehmen.

Aus Vorsorge sind sofort alle Debit Mastercards gesperrt worden. Anstelle der gesperrten Debit Mastercards sendet die OLB ihren Kunden neue Debit Mastercards zu. Die Debit Mastercard ist ein attraktives Produkt, das für die Kunden die Möglichkeiten in der Bargeldversorgung erweitert. Mit der OLB Debit Mastercard kann man an allen Geldautomaten mit Mastercard-Symbol Geld abheben, innerhalb des Euroraums ist dies in der Regel gebührenfrei.

Die Sicherheit insbesondere der Daten und der Geldeinlagen der Kunden hat für die OLB höchste Priorität. Es ist in diesem Kontext auch gut und wichtig, dass die Schutzmechanismen frühzeitig angeschlagen haben. Wie in der gesamten Finanzbranche wird die Bank in Zusammenarbeit mit allen Dienstleistern die Abwehrmechanismen gegen Cybercrime kontinuierlich weiterentwickeln.“

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Raisin („Weltsparen“) schluckt Vorsorge-Spezialisten Fairr

Von Heinz-Roger Dohms

Ein halbes Jahr nach der Übernahme der Frankfurter MHB Bank hat das Berliner Fintech Raisin („Weltsparen“) die nächste spektakuläre Übernahme gelandet. Wie CEO Tamaz Georgadze im Gespräch mit Finanz-Szene.de berichtete, akquiriert der 2013 gestartete Spareinlagen-Vermittler das im gleichen Jahr gegründete Frankfurter Altervorsorge-Startup Fairr. Zum Kaufpreis wollte Georgadze keine konkreten Angaben machen, er soll aber im signifikanten zweistelligen Millionenbereich liegen.

Mit der Akquisition unterstreicht Raisin seinen Ruf als eines der aggressivsten expandierenden deutschen Finanz-Startups. Schon 2017 hatten die Berliner das UK-Fintech PBF Solutions übernommen, um sich frühzeitig auf dem britischen Markt breitzumachen. Auch in Österreich, den Niederlanden, Spanien, Frankreich ist Raisin aktiv. Zudem hat Georgadze angekündigt, in diesem Jahr in zwei weiteren Märkten an den Start zu gehen.

Vor allem aber erweitert Raisin so konsequent wie wenige andere hiesige Finanz-Startups sein Produkt-Portfolio: Gestartet als Vermittler von Spareinlagen (sprich: hiesige Zinsjäger legen ihr Geld über Weltsparen bei ausländischen Hochzinsbanken an), launchte das Fintech Anfang vergangenen Jahres „Weltinvest“, einen ETF-basierten Quasi-Robo für Geldanlage.

Während Raisins Einlagen-Plattform über alle regionalen Märkte hinweg gerechnet laut Unternehmensangaben auf rund 200.000 Nutzer kommt, liegt „Weltinvest“ groben Schätzungen aus der Branche zufolge bei 10.000 bis 15.000 Kunden. Im Mai hatte Finanz-Szene.de berichtet, dass „Weltinvest“ bei den verwalteten Vermögen die 100-Mio.-Euro-Marke geknackt hat.

„Mit der Übernahme von Fairr decken wir nun die drei wichtigsten Säulen im Bereich der Geldanlage ab – nämlich für kurzfristig orientierte Anleger das Tagesgeld, für langfristig orientierte Anleger ETF-basierte Aktienprodukte und für alle, die von staatlicher Förderung profitieren wollen, die Riester- bzw. die Rürup-Vorsorge“, sagte Georgadze.

Fairr vertreibt Riester- und Rürup-Renten auf Online-Basis und soll bereits auf eine fünfstellige Kundenzahl kommen. Nach Georgadzes Angaben erreicht das ebenfalls in Berlin beheimatete Finanz-Startup zurzeit eine Ablaufsumme (also die zugesagten Versicherungs-Beiträge bis zum Vertragsende) von mehr als 1,5 Mrd. Euro. Der Fairr-Gründer und Geschäftsführer Jens Jennissen bleibt an Bord, auch der Markenname soll erhalten bleiben, allerdings künftig im einem Zusatz versehen: „Fairr by Raisin“.

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