Strategie? Abwehrschlacht! Fünf Thesen zur Lage der Coba

Von Christian Kirchner

Die Coba wird radikal umgebaut, wie am Freitagnachmittag verlautete. Was steckt hinter der neuen Strategie „Commerzbank 5.0“? Eine Analyse in fünf Thesen zur Lage

These 1: Die Commerzbank wirft mit ihrer Strategie gutes Geld schlechtem hinterher

Die polnische Tochter mBank hat im Jahr 2018 eine Eigenkapitalrendite von 9,5% erwirtschaftet, die Comdirect von 8%, und die Commerzbank als Ganzes von 3,6% (und auch in den Vorjahren selten mehr, siehe unten). Was das Institut nun plant, heißt also: Das Management trennt sich mit dem Verkauf der mBank von der ertragreichsten Sparte, um mit dem Erlös die Restrukturierung und die Investitionen der ertragsschwächsten Teile der Bank zu finanzieren – in der Hoffnung, dass die Dinge in einigen Jahren vielleicht irgendwie besser laufen. Ob dieser Plan aufgeht, erscheint mehr als fraglich.

These 2: Die Commerzbank hat den Krisenmodus seit der Finanzkrise nie so richtig verlassen

In den elf Geschäftsjahren 2008-2018 hat die Commerzbank kumuliert 0,6 Mrd. Euro Verlust erwirtschaftet. Schlimmer noch: Lediglich in einem einzigen dieser Jahre hat die Bank ihre Kapitalkosten verdient. Die Eigenkapitalrendite schwankt seit 2012 zwischen 1,4% und 4,9%. Andere Großbanken der Eurozone kommen auf 8-10%.

Eigenkapitalrendite (RoTE) Commerzbank in %

Quelle: UBS-Research, Coba-Geschäftsberichte

Entsprechend war die Bank auch nur zweimal in der Lage, eine Dividende zu zahlen. Und die fiel mit jeweils 20 Cent arg schmal aus.

Auffällig zudem: Kaum, dass die Bank in der jüngeren Vergangenheit einmal einen nennenswerten Nettogewinn erwirtschaftete …

Nettogewinn in Mrd. Euro
2008 -0,3
2009 -4,1
2010 1,4
2011 -0,4
2012 0
2013 0,1
2014 0,3
2015 1,1
2016 0,3
2017 0,1
2018 0,9

Quelle: UBS

… wie 2015 und 2018, folgte schon kurz darauf (2016 und nun wieder 2019) die Ankündigung einer großen Restrukturierung.

These 3: Die Eingemeindung der Comdirect in die Mutter ist das Eingeständnis, dass die Stand-Alone-Strategie für die Tochter gescheitert ist

Commerzbank wie Comdirect ist es gelungen, die Marke Comdirect in der Wahrhehmung als digital und wachstumsstark zu positionieren. Wie Finanz-Szene.de indes schon im Mai analysiertet, steht die inflationäre Verwendung des Worts „Wachstum“ in den Präsentationen der Comdirect in keinem Verhältnis zu den harten Zahlen. Und bei Mutter wie Tochter fehlen starke Belege dafür, dass sie in der Lage sind, ihr Netto-Kundenwachstum auch in steigende Erträge und vor allem Gewinne umzumünzen.

In den letzten zehn Jahren hat die Comdirect tatsächlich imposante Wachstumsraten verzeichnet. Bei den Kunden (plus 1 Mio. auf nunmehr 2,5 Mio.) ebenso wie bei den Girokonten (plus 200% auf nunmehr 1,6 Mio.) ebenso wie bei dem betreuten B2C-Kundenvermögen, welches sich von 22 Mrd. Euro auf nunmehr 69 Mrd. mehr als verdreifacht hat.

Eines wächst aber nicht – der Gewinn. Weder vor Steuern noch danach.

Überschuss der Comdirect in Mio. Euro seit 2009

…wobei in diese Zahlen noch die Einmaleffekte der Sondergewinne aus einer Steuererstattung (2011+2012) und aus dem Verkauf der Anteile an Visa Europe (2016) enthalten sind.

Was bei der Comdirect hingegen wächst, das ist: der Aufwand, den die Bank betreiben muss, um einen Euro zu erlösen.

Cost-Income-Ratio Comdirect und Commerzbank

Quelle: Unternehmenspräsentationen

Aber handelt es sich bei der Comdirect nicht trotzdem um eine hochprofitable Bank? Nicht wirklich. Die akzeptable Eigenkapitalrendite ist vielmehr eine Funktion der Tatsache, dass das Institut schlicht sehr wenig Eigenkapital vorhalten muss.

Hinzu kommt: Es läuft aktuell nicht weniger als die Disruption der einstigen Disruptoren selbst, also der Online-Broker. Siehe hierzu unsere Analyse über das Scheinwachstum von Comdirect und Co. aus dem Frühjahr.

These 4: Der Bund hat seinen Commerzbank-Anteil jahrelang verwaltet wie ein bockiger Privatanleger, der sein Fehlinvestment nicht einsehen will

Eine kleine Rückblende: Der Bund hatte die Commerzbank in der Finanzkrise mit mehr als 18 Mrd. Euro gestützt. Heute hält er noch 16% an der Bank. Schon vor fünf Jahren stand – zu damaligen Aktienkursen um die 12 Euro- zur Debatte, dass der Bund sein Anteil verkauft. Letztlich  entschied sich Berlin jedoch gegen den Rückzug – weil die Politik schlicht warten wollte, bis der Einstandspreis wieder erreicht ist. Der liegt, je nach Rechnung und Berücksichtigung auch anderer Hilfen seit 2008, zwischen 18 und 26 Euro je Aktie.

Nun zeigt sich, dass diese Kalkulation nicht aufgegangen ist – und nicht mehr aufgehen wird. Der Bund hat hier agiert wie ein typischer Privatanleger, der in Buchverlusten keine Verluste sieht, solange man sie ja nicht realisiert. Aktuell steht die Commerzbank-Aktie bei 5,70 Euro, der umfangreiche Restrukturierungsplan fiel an der Börse zumindest am Freitag glatt durch, der Kurs bewegte sich quasi überhaupt nicht.

These 5: Die Commerzbank wird es in fünf Jahren in ihrer heutigen Form nicht mehr geben

Klingt wie eine Binse, denn den Großumbau leitet die Bank ja selbst ein. Allerdings dürfte das Umsetzungsrisiko bei der nunmehr vierten großen Restrukturierung nach 2009, 2013, 2016 größer denn je sein. Denn welche Vision will man Mitarbeitern vermitteln, wenn das ausgegebene Ziel – 4% Eigenkapitalrendite bis 2023 – dem Status quo entspricht, also der Rendite, die die Bank schon aktuell erwirtschaftet? Deutlicher kann man nicht machen, dass sich die Bank vollends in einer Abwehrschlacht befindet, in der es nicht um Wachstum und Kapitalrückflüsse für Aktionäre, sondern um nicht weniger als die Existenzsicherung geht. Und wie bei der Deutschen Bank auch steht auch bei der Coba der Verdacht im Raum, dass die Institute zur aktuellen Bewertung schlicht kein Kapital mehr von Aktionären erhalten und sich darum mit Spartenverkäufen und Bordmitteln helfen müssen – was die Prozesse verlängert.

Geht beim Umbau irgendetwas schief, dürfte der letzte Ausweg die Suche nach knallharten Kostensynergien sein. Die ließen sich aber nur mit einer Übernahme der Commerzbank wirklich heben – mit spätestens dann ganz, ganz üblen Folgen für die Belegschaft.

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Commerzbank: Wie in zehn Jahren drei Strategien scheiterten

Von Christian Kirchner

Die Commerzbank hat am Freitag die vierte neue Großstrategie binnen zehn Jahren verkündet. Finanz-Szene.de dokumentiert, was aus den vorherigen wurde.

Erster großer Plan: Die „Roadmap 2012“

  • Wann verkündet? Mai 2009. Die Commerzbank präsentiert unter Martin Blessing die „Roadmap 2012“. Die Finanzkrise hatte das Institut in den Monaten zuvor mit voller Wucht getroffen (operativer Verlust 2008: 5,4 Mrd. Euro) und zwang den Bund zum Einstieg.
  • Was waren die Ziele? Unter anderem ein operatives Ergebnis von 4 Mrd. Euro im Jahr 2012, eine Cost-Income-Ratio von unter 60% eine Eigenkapitalrendite von 12%.
  • Was kam heraus? 1,2 Mrd. Euro operativer Gewinn, 71% Cost-Income-Ratio und 1,4% Eigenkapitalrendite

Zweiter Plan: Die Strategie bis 2016

  • Wann verkündet? Im November 2012 auf dem „Investors Day“, nachdem die Roadmap 2012 „ausgelaufen“ war.
  • Was waren die Ziele? Unter anderem 10% Eigenkapitalrendite und eine Cost-Income-Ratio von unter 60% im Jahr 2016
  • Was kam heraus? Im Jahr 2016 eine Eigenkapitalrendite von 1% und eine Cost-Income-Ratio von 76%.

Dritter Plan: Die „Commerzbank 4.0“

  • Wann verkündet? Im September 2016. Martin Zielke hatte den Vorstandsvorsitz zuvor von Martin Blessing übernommen.
  • Was waren die Ziele? Eine Eigenkapitalrendite von  über 6 %, Erträge von 9,8 bis 10,3 Mrd. Euro, 6,5 Mrd. Euro Kostenbasis
  • Was kam heraus? Zur „Halbzeit“ im Geschäftsjahr 2018: 3,6% Eigenkapitalrendite, 8,6 Mrd. Euro Erträge, 6,9 Mrd. Kosten. Das Kostenziel wurde inzwischen implizit gestrichen.

Vierter Plan: „Die Commerzbank 5.0“

  • Wann verkündet? Wird voraussichtlich am 27. September verkündet, nachdem der Aufsichtsrat die Maßnahmen verabschiedet hat.
  • Was sind die Ziele? Für 2023 ein im Vergleich zu 2019 um rund 600 Mio. Euro verringertes Kostenniveau, maximal 5,5 Mrd. Euro nach Verkauf der mBank, mittelfristig eine Eigenkapitalrendite von mehr als 4%.

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Coba vor Totalumbau: Die mBank wird verkauft, die Comdirect integriert

Von Christian Kirchner

Hammer kurz vor dem Wochenende: Die Commerzbank hat am Freitag um 15:02 Uhr die wesentlichen Eckpunkte ihrer neuen Strategie vorgestellt. Demnach soll/en

  • netto rund 2300 weitere Stellen wegfallen
  • 200 der aktuell rund 1000 Filialen schließen
  • die Mehrheitsbeteiligung an der polnischen mBank (Wert aktuell: rund 2,2 Mrd.  Euro) verkauft werden
  • die Direktbanktochter Comdirect auf die Commerzbank verschmolzen werden. Die freien Aktionäre der Comdirect erhalten entsprechend ein Übernahmeangebot; aktuell hält die Commerzbank rund 82% der Aktien.

Die Maßnahmen sind Teil des „Strategieprogramms 5.0“, das der Aufsichtsrat kommende Woche erst noch verabschieden muss. Die Commerzbank war rechtlich zur Veröffentlichung der Eckdaten verpflichtet, nachdem das „Handelsblatt“ wesentliche Züge des Programms bereits am Freitagnachmittag  veröffentlicht hatte. 

Mit der Ankündigung erklärt sich nach der Deutschen Bank nun auch die Commerzbank über Jahre (genauer: bis 2023) zur Großbaustelle – und das angesichts einem Heimatmarkt, der womöglich bereits an der Schwelle zu einer Rezession steht. Offenbar ist die Ertragslage des Instituts noch viel stärker gefährdet, als Analysten und Investoren angenommen hatten. Vereinfacht gesprochen verkauft die Commerzbank nun ihr Tafelsilber – die polnische mBank, die technologisch als eines der führenden Institute Europas gilt -, um mit dem Erlös die anstehende Restrukturierung sowie notwendigev Digitalisierungs-Investitionen zu stemmen. 

Die Radikalität des Plans dürfte auch in Zusammenhang mit einem kräftigen Rutsch der Commerzbank-Aktie seit dem Platzen der Fusionsverhandlungen mit der Deutschen Bank stehen. Zwischen Ende April und Mitte August verlor die Papiere in der Spitze über 40% an Wert, was die Skepsis der Investoren spiegelte, ob die Bank auch für einen möglichen konjunkturellen Abschwung (mit steigenden Kreditausfällen) und dauerhaft niedrigen Zinsen gerüstet ist. 

In der Mitteilung setzte sich die Commerzbank zudem neue Mittelfristziele bis 2023. „Nach der Umsetzungsphase der Strategie wird mittelfristig eine Eigenkapitalrendite von mehr als vier Prozent angestrebt“, erklärte das Institut. Das liegt nur marginal über jener Rendite, die die Bank schon 2018 (3,4%) erzielt hat und sogar unter dem Wert der jüngsten Vergangenheit (Q2: 4,3%) – was belegt, in welch schwieriger Lage das Institut sich offenbar befindet.

An der Börse wurden die Umbaupläne daher auch nur lauwarm begrüßt – zumindest unter den Aktionären der Commerzbank. Am späten Nachmittag notierten die Aktien rund 1,3% im Plus. Ganz anders die Anteilsscheine der Comdirect: in Erwartung eines Übernahmeangebots durch die Commerzbank schossen die Papiere 26% nach oben auf 11,50 Euro. Die Commerzbank kündigte ein Angebot an, das eine Prämie von 25% auf den unbeeinflussten Kurs der Comdirect-Aktien vorsehe, das heißt: dem Kurs vor der Bekanntgabe der neuen Strategie.

Ein simpler Überschlag legt nahe, dass die Commerzbank aus ihrem mBank-Verkauf rund 2,2 Mrd. erlösen, aber für die noch ausstehenden Comdirect-Anteile lediglich 0,3 Mrd. Euro aufwenden müsste. Die Differenz dürfte  die von der Commerzbank geplanten neuen Investitionen und Restrukturierungen finanzieren. Vorgesehen ist insgesamt ein Investitionsvolumen von rund 1,6 Mrd. Euro. Davon sollen voraussichtlich 750 Mio. Euro auf zusätzliche Investitionen in Digitalisierung, IT-Infrastruktur und Wachstum und weitere 850 Mio. Euro für einen notwendigen Stellenabbau sowie geplante Anpassungen im Filialnetz entfallen.

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Kosten plus 58% seit 2013: Wie will Berenberg DAS finanzieren?

Von Christian Kirchner

Gelegentlich helfen ein paar Schritte zurück, um einen Blick für das Wesentliche zu bekommen. Das gilt etwa für die Hamburger Privatbank Berenberg. Die hat viel vor, in der Vermögensverwaltung, im Investmentbanking und überhaupt als Bank als solche.

Aber wie viel sie vorhat – und um welchen Preis -, das erschließt sich erst, wenn man einfach mal die wesentlichen Kennziffern der Bank im letzten Geschäftsjahr (also 2018) mit denen von vor fünf Jahren vergleicht (also 2013).

Die Bilanzsumme? Plus 4%. Die Kundeneinlagen? Plus 16%. Das verwaltete Vermögen?  Plus 22%. Alles im Prinzip recht ordentlich und unspektakulär.

Aber die Mitarbeiter? Plus 54%. Die Aufwendungen? Plus 58%. Kurz: Berenberg dreht ein immer größeres Rad, allen voran im Investmentbanking, in der Hoffnung, dass sich die Investitionen in Mitarbeiter und das Geschäft langfristig auszahlen.

Berenberg: Veränderung wesentlicher Kennziffern 2013-2018

Quelle: Geschäftsberichte

Berenberg ist, wenn man so will, die Antipode der Deutschen Bank. Die zieht sich aus London und New York und vor allem dem Aktiengeschäft eher zurück und will sich stärker auf den Heimatmarkt konzentrieren. Berenberg dagegen? Den Hamburgern wird es in Deutschland zu eng, also baut man das Investmentbanking aus, vor allem in London und New York. Und das vor allem im Aktiengeschäft.

Kann das gutgehen?

Basierend auf den Zahlen von Berenberg bis Ende 2018 und den jüngsten Zwischenständen im Kapitalmarktgeschäft weltweit steht eines fest: Bank wie Mitarbeiter brauchen vermutlich sehr viel Durchhaltevermögen und tiefe Taschen. Denn: 2018 fiel ein Überschuss von lediglich noch 23 Mio. Euro an – der niedrigsten Wert seit vielen Jahren. Diesen Gewinn haben indes „sonstige betriebliche Erträge“ in Höhe von 72 Mio. Euro – der Großteil davon aus einem Verkauf des Schweiz-Geschäfts – nachdrücklich begünstigt. Auf Ebene des Konzerns (und nicht nur der Bank), wo dieser Verkaufserlös anders behandelt wird, schrumpfte der Jahresgewinn 2018 gar nur auf 4 Mio. Euro. Das geht aus dem dieser Tage im Bundesanzeiger veröffentlichten Konzernbericht hervor (die „Wirtschaftswoche“ berichtete hierüber zuerst). Auch wenn zahlreiche einmalige Kosten auch für eine Restrukturierung anfielen, zeigt der Überblick eine Bank im Turbo-Modus (zumindest bei Kosten und Mitarbeitern), …

in Mio. Euro 2014 2015 2016 2017 2018
Bilanzsumme 4514 4738 4716 4741 4693
Zinsüberschuss 27 56 165 67 53
Provisionsüberschuss 244 321 254 343 279
Verwaltungskosten 258 291 314 348 372
Netto-Überschuss 40 104 161 90 23
Mitarbeiter 1159 1236 1407 1474 1640

Quelle: Geschäftsberichte

… die ihne positive Sondereffekte bereits defizitär gewesen wäre.

Was ist da los? 

Blicken wir tiefer in die Zahlen: Im Asset Management  hatte und hat die Bank – Finanz-Szene.de berichtete – viel vor, seit Jahren kauft sie prominente Fondsmanager, Analysten und Vertriebsprofis zusammen. Indes: Bereinigt um den Verkauf von Berenberg Schweiz stand das verwaltete Kundenvermögen insgesamt Ende 2016 bei 35,7 Mrd. Euro. Und per Ende 2018 mit 36,7 Mrd. Euro. Also nur unwesentlich höher. Und dafür der ganze Aufwand?

Die Publikumsfonds von Berenberg verwalten aktuell zusammen 3,4 Mrd. Euro. Ein ansehnlicher Betrag. Aber vom Anspruch, zu einer „Adresse“ im deutschen Asset Management zu werden, weit entfernt. Der Marktanteil unter Publikumsfonds beträgt in Deutschland drei Jahre nach Beginn der Offensive rund 0,3%.

Die Hoffnung, dass starke und erfahrene Promi-Manager wie der kürzlich gegangene Asset-Management-Chef Henning Gebhardt oder sein Nachfolger Matthias Born signifikant Gelder von Kunden „mitbringen“ würden, erfüllte sich nicht. In Zahlen: Gebhardts alter Fonds „DWS Aktienstrategie Deutschland“ verwaltet mit 3,8 Mrd. Euro mehr als alle Berenberg-Publikumsfonds zusammen.

Berenberg ist nicht das erste Haus, das auf die harte Tour spürt, wie verkrustet der Vertriebsmarkt in Deutschland bei Fonds immer noch ist. Und hofft, dass sich das irgendwann ändert. Spaß macht das Geschäft angesichts des branchenweit heftigen Margenverfalls durch die ETF-Konkurrenz generell immer weniger.

Folge: Statt die Abhängigkeit vom Investmentbanking zu reduzieren, hängen Wohl und Wehe der Hanseaten immer stärker davon ab. Diese Erkenntnis spiegelt sich auch in der neuen Führungsstruktur, in der neben den persönlich haftenden Gesellschaftern Hans-Walter Peters und Hendrik Riehmer nun David Mortlock (Leiter Zentralbereich Investment und Corporate Banking) sowie Christian Kühn (Leiter Zentralbereich Banksteuerung) aufrücken. Peters scheidet aus Altersgründen 2020 aus. Das Asset Management ist dann nicht  prominent im Gesellschafterkreis vertreten. Dafür das Investmentbanking mit Mortlock und Riehmer quasi gleich zweimal.

Berenberg ist nun mal tendenziell ein Aktienhaus, und das Provisionsgeschäft macht traditionell rund 90% an den Überschüssen aus. Das ist eigentlich in diesen Zeiten, in denen Zinsstöhnen unter Banken en vogue ist, ein Vorteil. Denn ob der Einlagenzins der EZB bei -0,5% oder plus 1% steht, beeinflusst die Berenberg-GuV kaum. Wohl aber, wie das Aktiengeschäft läuft.

Das Dumme ist nur: Nach einem operativ, wie sagt man?, herausfordernden Jahr 2018 läuft es im Kerngeschäft mit dem Aktienhandel branchenweit betrachtet global schlecht. Und in Deutschland? Sauschlecht. Die Erlöse im Aktien-Geschäft insgesamt sind 2019 weltweit um 20% gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen, wie der Datendienstleister Refinitiv errechnet hat. In Deutschland beträgt der Einbruch gar 64%. 

Berenberg kann sich damit trösten, in diesem katastrophalen Umfeld in Deutschland wenigstens relativ gut abgeschnitten zu haben. Per Mitte September kletterte man gegenüber dem Vorjahr von Rang 7 auf Rang 2 in den „League Tables“ der aktivsten Banken im Aktiengeschäft hierzulande. Was aber schlicht daran liegt, dass das Geschäft bei anderen noch stärker einbrach. Bei Berenberg sank die Anzahl der Deals um 47%, das Volumen um 35% zum Vorjahreszeitraum, wie Refinitiv per Montag errechnet hat – eine teure Abnutzungsschlacht für alle Banken.

Wie sehr setzt das Berenberg zu? Offiziell äußert sich das Unternehmen nicht zu unterjährigen Entwicklung. „Die Gesellschafter sind an einer langfristigen positiven Entwicklung des Unternehmens interessiert. Dies war uns schon immer wichtiger als ein einzelnes Jahresergebnis“, so ein Sprecher. Laut Finanzkreisen ist man zuversichtlich, dass die bereits im vergangenen Jahr vollzogene Restrukturierung im laufenden Geschäftsjahr Früchte trägt.  Und fairerweise sei angemerkt: Mit eben jener Restrukturierung schon Ende 2018 bewies man eine gute Nase, dass 2019 härter werden könnte (was sich auch erst 2019 in sinkenden Mitarbeiterzahlen niederschlagen wird).

Finanz-Szene.de hat dennoch ein wenig Erbsenzählerei betrieben: In den Monaten Januar bis September 2018 sammelte Berenberg im Aktienbereich insgesamt 38 der begehrten „Tombstones“ für gelungene Aktien-Kapitalmarkt-Transaktionen wie Zweitplatzierungen, Spinoffs, Kapitalerhöhungen oder eben Börsengänge. 2019 waren es bislang im gleichen Zeitraum lediglich 24. Der „Deal-Count“ fällt auch bei Refinitiv ähnlich aus.

Und da wäre da noch die Sache mit den Börsengängen, denen Finanz-Szene.de schon einmal im Frühjahr nachgegangen ist. Denn auffällig war: Die Post-IPO-Performance der Börsengänge von Berenberg trübte sich in den vergangenen drei Jahren deutlich ein. Berenberg schob das unter anderem darauf, dass man nun einmal besondere Kompetenz im Technologie- und E-Commerce-Bereich habe und der nicht gut gelaufen sei an den Börsen. Jedenfalls: Von den sieben Neuemissionen 2017 und 2018 mit Berenberg als (teils: Co-) Konsortialführer qualifiziert sich Varta (+360%) zum Überflieger, aber gleich drei (Westwing, Home24, Vapiano) mit Verlusten zwischen 81 und 92% für die Kategorie „katastrophal“. Was am Finanzplatz Frankfurt durchaus registriert wurde.

Und 2019? Brachte Berenberg als Konsortialführer nur ein einziges Unternehmen im regulierten Markt in Deutschland an die Börse: die Global Fashion Group. Nach einer ursprünglichen Preisvorstellung von 6 bis 8 Euro je Aktie torkelte der Konzern dann zum Emissionspreis von 4,50 Euro Ende Juni an die Börse. Die Kursentwicklung in den knapp drei Monaten seitdem: minus 54%.

In wenigen Tagen steht dann der Börsengang von Teamviewer an. Ein deutscher Technologiekonzern – eigentlich Berenbergs Paradedisziplin. Und bei 1,4 bis 2,1 Mrd. Euro angepeiltem Emissionserlös gibt es endlich richtig etwas zu verdienen.

Konsortialführer sind indes Goldman Sachs und Morgan Stanley.

Berenberg? Ist nicht im Konsortium. Weder führend noch als Junior-Bank. Einen Pitch gab es dem Vernehmen nach gar nicht.

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Deutsche Bank sackt in deutschen „League Tables“ durch

Von Christian Kirchner

Wie läuft es eigentlich in dem für die Banken so lukrativen Investmentbanking in Deutschland? Kommt drauf an, ob man das Geschäft mit Anleihen betrachtet – dann läuft es bislang eher schlecht (minus 7% zum Vorjahreszeitraum).

Oder das mit Fusionen und Akquisitionen – dann läuft es katastrophal (minus 52%). Oder das mit Aktien, dann läuft es noch katastrophaler (minus 64%).

All das geht aus den neuesten Zahlen des Datenanbieters Refinitiv hervor, kompiliert in lobenswert erbsenzähliger Kleinarbeit bis einschließlich 16. September.

Die Banken befinden sich demnach in einer Abwehrschlacht, in der nur noch darauf ankommt, wer weniger als der jeweils andere verliert. Auffällig: Einer der größten Verlierer ist die Deutsche Bank, die ihr Investmentbanking allerdings gerade auch massiv kürzt. Das illustriert ein Blick auf Fusionen und Akquisitionen …

League Table Fusionen und Akquisitionen Deutschland 2019, Stand 16.9.

Rang 2019 Rang 2018 Bank Erlöse in Mio. $ zum Vorjahr
1 1 Goldman Sachs 38.330 -73%
2 14 BofA/Merrill Lynch 35.304 -30%
3 4 JP Morgan 31.916 -64%
4 5 Credit Suisse 24.668 -64%
5 16 Lazard 22.140 -54%
6 12 Citi 17.056 -69%
7 3 Morgan Stanley 16.723 -84%
8 2 Deutsche Bank 11.102 -91%
9 18 UBS 9.508 -60%
10 61 Duff & Phelps 7.347 5903%
Summe 106.005 -52%

Quelle: Refinitiv, Vorjahr = gleicher Vorjahreszeitraum (bei Rang/Volumen)

Hier wurde die Deutsche Bank von Rang 2  auf Rang 8 durchgereicht mit einem 91%igen Einbruch. Hintergrund: Bei den sechs größten M&A-Deals mit deutscher Beteiligung – egal ob als Käufer oder Übernahmeziel – war die Deutsche Bank auf keiner Seite tätig.

Eine Macht bleibt die Deutsche Bank hingegen im Anleihengeschäft, …

League Table Anleihengeschäft Deutschland 2019, Stand 16.9.

Rang 2019 Rang 2018 Name Erlöse in Mio. $  zum Vorjahr
1 1 Deutsche Bank 24.079 -15%
2 2 UniCredit 21.244 -15%
3 9 Citi 15.307 18%
4 3 JP Morgan 14.958 -23%
5 6 Commerzbank AG 14.912 -21%
6 8 Barclays 14.337 0%
7 4 HSBC Holdings PLC 14.089 -28%
8 7 BofA/Merrill Lynch 12.856 -25%
9 13 LBBW 11.197 14%
10 15 TD Securities 11.071 30%
Summe 304.934 -7%

Quelle: Refinitiv, Vorjahr = gleicher Vorjahreszeitraum (bei Rang/Volumen)

… wo es einzig der Citi gelingt, in einem schrumpfenden Markt deutlich zuzulegen.

Deutliche Veränderungen gibt es auch in der Königsdisziplin, dem Aktiengeschäft …

League Table Aktiengeschäft Deutschland 2019, Stand 16.9.

Rang 2019 Rang 2018 Name Erlöse in Mio. $ zum Vorjahr
1 1 JP Morgan 1.708 -50%
2 7 Berenberg 1.015 -35%
3 6 Credit Suisse 951 -48%
4 3 BofA/Merrill Lynch 944 -62%
5 2 Goldman Sachs 862 -66%
6 10 UniCredit 788 -28%
7 4 Deutsche Bank 737 -67%
8 8 BNP Paribas SA 402 -72%
9 5 Citi 401 -80%
10 11 Societe Generale 364 -52%
Summe 9.836 -64%

Quelle: Refinitiv, Vorjahr = gleicher Vorjahreszeitraum (bei Rang/Volumen)

…. wo die Deutsche Bank (die genau diesen Bereich restrukturiert) ebenfalls stark an Boden verloren hat, Berenberg – siehe auch unsere heutige große Geschichte – sich auf Rang 2 vorarbeiten konnte.

Aber um welchen Preis? Um in den League Tables den Satz von 7 auf 2 zu machen, genügte es bereits, „nur“ 35% an Geschäft zum Vorjahreszeitraum zu verlieren.

Unwahrscheinlich, dass das vierte Quartal hier noch viel rausreißt. So bleibt den Banken schon jetzt nur die Hoffnung auf 2020, verbunden mit der Frage, ob das Aktiengeschäft dann endlich wieder richtig anspringt. Denn Kosten verursacht das Investmentbanking und der Handel dauerhaft. Die Erträge sind indes stark zyklisch.

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Von wegen minus 0,5%: Warum jetzt die „Bankzinsen“ steigen

Von Christian Kirchner

Bislang gab es zwei Möglichkeiten, die Strafzins-Entscheidung der EZB vergangene Woche zu deuten.

  • Die erste Interpretation lautete: Die Notenbanker haben die Einlagenzinsen für die Banken von -0,4% auf -0,5% gesenkt, verschärfen also für Banken die Lage. Dazu trägt auch der erneute, zinssenkende Kauf von Staatsanleihen bei.
  • Die zweite Interpretation (die auch unsere war) hingegen lautete:  Durch die parallele Einführung eines Staffelzinses (bei dem es sich de facto um einen Freibetrag handelt, und zwar in sechsfacher Höhe der sog. Mindestreserve) verschärft sich die Situation für die Banken nicht etwa – sondern sie entspannt sich. Das gilt insbesondere für die deutsche Kreditwirtschaft, die im Vergleich zur Ist-Situation rund 500 Mio. Euro p.a. sparen könnte

Doch nun bietet der Kapitalmarkt (bzw. der Geldmarkt) plötzlich eine dritte Interpretation an: Die Lage für die Banken entspannt sich nicht nur – sie ändert sich grundlegend. Denn seit Tagen ist ein Phänomen zu beobachten, das es nach der EZB-Sitzung von vergangener Woche (die ja unter dem Motto „Quantitative Easing zum Quadrat“ zu stehen schien) eigentlich gar nicht geben dürfte:

Die Zinsen steigen!!! Wenn auch nur ein kleines bisschen.

Konkret: Die Erwartung an die Höhe jener Zinsen in den kommenden Jahren, zu denen sich Banken untereinander Geld leihen, ist binnen Tagen um 0,05 bis 0,15 Prozentpunkte nach oben gegangen. Und mit wieder positiven Geldmarktzinsen rechnen Händler nun ein Jahr früher, als das bislang der Fall war.Zu sehen ist das in dieser Grafik hier. Auch die Rendite zweijähriger Bundesanleihen ist nicht mehr so extrem tief, wie sie es war. Sie liegt jetzt bei -0,69% statt -0,83% vor der EZB-Sitzung.

Die Erklärung für dieses Phänomen ist vergleichbar mit dem Prinzip, das viele Erwachsene früher mit ihren Kindern praktiziert haben, als sie auf Zinsen hohe Steuern zahlen mussten: Sie eröffneten einfach Konten auf die Namen der Kinder und genossen damit die Freibeträge mehrfach. Ähnlich verhält es sich nun mit dem EZB-Staffelzins für die Banken.

Denn: Die Geldhäuser Deutschlands, Frankreichs oder den Niederlanden sitzen zwar auf riesigen Bergen überschüssiger Liquidität; die Banken in Südeuropa tun das aber nicht. Weshalb es sich, wenn demnächst der Staffelzins (und damit der faktische Freibetrag) in Kraft tritt,  anbietet, dass die Banken im Süden die überschüssigen Reserven der Banken im Norden aufnehmen. Man einigt sich dabei (wenn auch technisch über Umwege) quasi in der Mitte: Die einen müssten 0,5% Strafzins zahlen, die anderen nichts. Also wird der effektive negative Zins am Ende irgendwo dazwischen liegen. Genau das scheinen die Kapitalmärkte jetzt schon einzupreisen.

„Der beste Weg, es zusammenzufassen, ist, dass wir so etwas wie eine kleine Zinsanhebung gesehen haben, verbunden aber mit einem klaren Ziel und neuen Anleihenkäufen“, zitiert Reuters Kacper Brzezniak, Portfoliomanager bei Allianz Global Investors.

Was genau heißt das für Banken? Sie haben eine kurzfristige Erleichterung bekommen –  und zwar bei den Zinsen generell wie auch beim kurzfristigen Einlagenzins bei der EZB. Obendrein erhalten die Banken nun auch noch die Perspektive, dass die Zinsen etwas rascher wieder steigen könnten. Weil die EZB nun ihr Mandat, die Inflation anzuheizen, nochmals aggressiver verfolgt, und zugleich auch der Druck auf die Politik steigt, fiskalische Spielräume auszunutzen.

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US-Anleihen-Schock verschreckt (auch deutsche) Banken

Von Christian Kirchner

Auch wenn wir von Finanz-Szene.de uns normalerweise ausschließlich mit der deutschen Bankenbranche beschäftigen – was da gestern am US-Repo-Markt passiert ist, das können wir Ihnen guten Gewissens nicht verschweigen heute Früh. Denn 1.) passiert so etwas nur alle Jubeljahre mal (wenn überhaupt). Und 2.) dürfte es auch den ein oder anderen Bank hierzulande interessieren, wenn in Amerika mal eben der vielleicht wichtigste Funding-Markt völlig verrückt spielt.

Es ist nämlich so: Während alle Welt über Ultraniedrigzinsen zu motzen und zu jammern scheint, waren die Zinsen in einem Teilbereich des größten  Anleihenmarkts der Welt – jenem in den USA – gestern Abend kurzzeitig bei 10%. Richtig: 10%. (Der irre Chart dazu: hier).

Weil eine Menge Leute im so genannten „Repo Markt“ mit Anleihen um sich warfen auf der Suche nach US-Dollar in Cash. Aber zugleich nur wenige bereit waren, ihr hartes Cash für eine kurzzeitige Leihe jener US-Staatsanleihen auf den Tisch zu legen.  Den ganzen Spuk beenden musste dann schließlich – in einem ersten Manöver dieser Art seit der Lehman-Pleite – die US-Notenbank, die 53 Mrd. US-Dollar in das System injizierte. Im Kern hatte der Kapitalmarkt kurzzeitig nicht weniger als ein Finanzierungsproblem.

Was alles nicht unbedingt Nachrichten sind, die Banken dieser Tage gerne hören, zumal auch die Interbankenzinsen einen (wenngleich auch kleinen) Satz nach oben machten. Das wiederum dürfte der US-Notenbank, die wieder im Zinssenkungsmodus ist, gar nicht schmecken. Es hieße nämlich, dass der Notenbank, wenn auch nur kurz, die Kontrolle über die kurzfristigen Zinsen entglitten ist. Vereinfacht: Die Finanzierungsmärkte müssen, das ist eine Lehre der Lehman-Zeit, besonders für die Banken jederzeit ruckelfrei laufen. Was sie aber seit Montag nicht mehr tun.

Das ganze ist, zugegeben, ein wenig technisch. Genau genommen geht es um den rund 2 Billionen US-Dollar schweren Repo-Markt für US-Staatsanleihen. Statt Anleihen zu kaufen oder zu verkaufen, können sich dort Investoren und Händler auch auf so genanntes Repo-Geschäft einlassen: Dabei überlässt ein Halter von US-Staatsanleihen über Nacht seine Anleihen gegen Cash plus Zinsen einem anderen Investor. Wer Anleihen hält, aber Cash braucht, kann sich so kurzfristig welches besorgen. Wer kein Cash benötigt, kann es kurzzeitig anderen zur Verfügung stellen und Zinsen kassieren. Die Anleihen dienen als Sicherheit der Transaktion. Der spätere Rückkauf ist dabei fest vereinbart (Repo = „Repurchase Agreement“).

Und der für Transaktionen dieser Art dafür fällige Zins stieg kurzzeitig schon am Montag auf 5% p.a., gestern Abend dann für einige Momente gar auf 10%, ehe die Fed das Ganze lösen musste.

Nun gibt es zwei mögliche Deutungen dieser Entwicklung. Pessimisten wie die notorisch paranoiden Blogger bei Zerohedge sehen hier bereits Boten einer Krise, gar eine „Liquiditätspanik“. So dick muss es nicht gleich kommen, obgleich auch ausgewogene Medien Sorgen transportieren.“Die Finanzierungsmärkte stehen unter Stress“, „Das hat es in der Post-Krisen-Ära noch nicht gegeben“,“Niemand weiß, was passiert“ und „Es ist nicht genügend Cash im Bankensystem, um die ganzen Anforderungen an Liquidität und Regulierung zu erfüllen“, zitiert auch der ausgeruhte Sender CNN gestern Abend gestandene Analysten. Was insbesondere die Notenbank irritieren dürfte: Das „Knacken“ im Repo-Markt griff auch auf den Zinssatz über, zu dem sich Banken unteinander Geld leihen.

Die Optimisten dagegen sehen in der Entwicklung am Montag und Dienstag lediglich eine technisch bedingtes, sehr kurzfristiges Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Denn: Die USA nahmen am Montag rund 78 Mrd. US-Dollar in neuen Anleihen auf, was rund 50 Mrd. US-Dollar mehr waren, als an Zins und Tilgung für auslaufende Anleihen fällig wurde. Zugleich müssen viele US-Unternehmer aktuell ihre vierteljährliche Steuervorauszahlung leisten, das heißt, haben einen kurzfristigen, aber hohen Cashbedarf. Die Kombination aus zuletzt eher knappen Dollars, dem Cash-Hunger der Konzerne und des Ungleichgewichts am US-Anleihenmarkt habe den Repo-wie Interbanken-Zinsmarkt kurzzeitig ins Wanken gebracht.

Doch selbst wenn man dieser Deutung glaubt, hieße dies, dass die US-Notenbank die Dollarknappheit technisch offenbar unterschätzt hat. Und: das Problem eines Ungleichgewichts bei Angebot und Nachfrage nach US-Staatsanleihen wird angesichts eines Defizits von 1 Billion US-Dollar so rasch nicht verschwinden.

Wer hier Recht hat – Optimisten oder Pessimisten – können wir Ihnen zwar nicht sagen. Eine Menge kluger Leute, die so flott nichts aus dem Konzept bringt, waren jedenfalls gestern auf dem Kurznachrichtendienst Twitter reichlich nervös.

Und die US-Notenbank offenbar auch – denn die kündigte am späten Abend für Mittwoch gleich die nächste Intervention am Repo-Markt an. Dann gleich mit 75 Mrd. US-Dollar.

Weiterführende Links:

Die FT zumThema (Paywall)

CNN zum Thema

Wall Street Journal (Paywall)

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„Der EZB-Jubel von Finanz-Szene.de liegt auf BILD-Niveau“

Von Christian Kirchner

Stimmt es, dass infolge die jüngsten Zinsrutsches die Zinsmargen der deutschen Banken steigen (wie wir gemutmaßt hatten)? Stimmt es, dass die  hiesigen Geldhäuser durch den neuen Staffelzins der EZB  um 900 Mio. Euro „brutto“ bzw 500 Mio. Euro „netto“ entlastet werden (wie wir behauptet hatten)?

Nein, stimmt nicht, sagen einigen unserer Leser. Oder sie sagen: Stimmt zum Teil, aber nicht ganz. Drum hier: Eine kleine Auswahl unserer Leser-Mails aus den letzten 14 Tagen – in einem Fall mit einer kleinen Replik unsererseits:

Zu „Draghis 900-Mio-Euro-Geschenk an die Deutschen Banken“ (Finanz-Szene.de vom 13. September)

  • „Danke für die Übersicht zur Wirkung des Tiering der EZB. Allerdings stimmt die Aussage vorn und hinten nicht … Das Delta von 900 Mio. Euro bezieht sich auf eine hypothetische Situation mit 50 Basispunkten Strafzins und ohne Tiering – die gibt es nicht und hat es nie gegeben. Ergo gibt es auch keine „Entlastung“  in der Höhe. Bei 40 Basispunkten Strafzins liegen die Kosten ziemlich genau bei 2,4 Mrd. Euro (statt der heutigen 3,0 Mrd. Euro); damit liegt der Tiering-Effekt für deutsche Banken auch nicht 500 Mio. Euro (und schon gar nicht 900 Mio. Euro), sondern bei 300 Mio. Euro. Das Ganze entfällt auf ca. 2.500 deutsche Banken (gemäß CRR), was im Schnitt  120.000 Euro Entlastung je Institut. Wie man hier solch eine Jubelmeldung mit 900 Mio. Euro verbreiten kann … leider nicht besser als ‚BILD-Niveau‘.“
Antwort Finanz-Szene.de: Selbst der in diesem Punkt unverdächtige Bundesverband deutscher Banken kommt nach eigenen Berechnungen auf eine Entlastung von 520 Mio. Euro (gemessen am Ist-Zustand) bzw. 1,1 Mrd. Euro gemessen am künftigen Strafzins von minus 0,5%. Die Analysten von JP Morgan präzisierten zudem am Freitag in einer Studie, dass allein 300 Mio. Euro Staffelzins-Ersparnis auf die  Deutsche Bank und die Commerzbank entfallen. Richtig ist aber auch: da maßgeblich ist, wie der Stand der Dinge ab Anfang November ist in Sachen Überschussliquidität bei den Banken, handelt es sich um simple Hochrechnungen.

Zum Thema „Acht Irrtümer über die Folgen des Zinstiefs für Deutsche Banken“ (Finanz-Szene.de vom 5. September).

  • „Einer Ihrer Aussagen lautet: Die Zinsmargen von Sparkassen und Volksbanken sinken. Aber sie tun das auf relativ hohem Niveau, gemessen an den Zinsmargen der deutschen Bankenbranche insgesamt.‘ Diese Darstellung ist, vorsichtig ausgedrückt, unvollständig. Denn der Vergleich der Zinsspannen von Sparkassen und Genobanken einerseits mit denen der Großbanken andererseits wird nur verständlich, wenn gleichzeitig auf die relative Bedeutung der Zinsspanne für die Gewinn- und Verlustrechnungen der drei Gruppen hingewiesen wird: Bei Spakas und Genos liegt der Anteil der Zinsüberschüsse bei 70% und mehr aller Erträge – bei den Privatbanken bei zum Teil unter 50%. Dann wird nämlich erst deutlich, dass der erhebliche Rückgang über die Zeit bei diesen beiden Gruppen wehtut – während die privaten Institute über die Zeit eine relativ stabile Zinsspanne ausweisen können.“
  • „Schauen Sie mal auf die Kosten der Bafin; die steigen und steigen und steigen seit Jahrzehnten – und wer bezahlt das: die Banken. (…)  Als der einheitliche Bankenaufsichts-Mechanismus SSM kam, war die Ansicht der Beamten, dass die Kosten bei der Bafin fallen würden, da man ja weniger Aufgaben hat – total falsch, wie sich inzwischen herausgestellt hat. Es ist bei beiden Institutionen nur mehr geworden. (…)

Zum Thema „Wie Deutschlands Banken trotz Zinsrutsch ihre Margen ausbauen“ (Finanz-Szene.de, 21. August)

„Meine These wäre, wenngleich nicht überprüft:  Was wir dieses Jahr im Anstieg des Zinsüberschusses sehen, ist weniger der Margenausweitung, sondern schlicht der Tatsache geschuldet, dass die Bankbücher nicht mehr weniger abwerfen als im Vorjahr, sondern bei -0,4% geparkt sind. Zudem ist meine Vermutung: Retail/Immobilien weiten Margen aus, Firmenkunden engen sie ein.“

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Draghis 900-Mio.-Euro-Geschenk an die deutschen Banken

Von Christian Kirchner

Als Notenbank kann man es nie allen recht machen. Mit den gestrigen Entscheidungen hat die EZB es ihren Kritikern in den deutschen Banken allerdings recht schwer gemacht, sie weiterhin so uneingeschränkt zu kritisieren, wie das zuletzt der Fall war.

Kurz, was beschlossen worden ist:

  • Der negative Einlagenzins sinkt noch weiter von 0,40% auf 0,50% … (im Prinzip schlecht für die Banken)
  • Zugleich  führt die EZB allerdings Staffelzinsen auf eben jene Strafzinsen ein, das heißt, sie mildert die negativen Effekte vor allem für die einlagenstarken Institute in Deutschland (hallo @BdB, das sind wir!!!), Frankreich und den Niederlanden
  • Ab November kauft die EZB wieder Anleihen im Wert von zunächst 20 Mrd. Euro pro Monat, und das, wenn nötig, auch im Reich der Anleihen mit negativen Renditen
  • Und: EZB-Chef Draghi kündigte in der vorletzten Ratssitzung seiner Amtszeit quasi ein zweites „Whatever it takes“ an. Heißt: Die EZB will die Anleihenkäufe und Niedrigzinsen so lange beibehalten, bis die Inflationserwartungen wieder in Richtung knapp 2% steigen. Zeitrahmen? Gibt es keinen mehr. Zugleich stutzte sie aber die eigenen Inflationsprognosen für 2020 auf nur noch 1% und für 2021 auf 1,5%. Was wiederum impliziert: Auf drei Jahre Ausnahmezustand in der Geldpolitik müssen sich die Banken noch mindestens einstellen.

Was heißt das nun? Hier die  wichtigsten Implikationen in Form eines FAQs:

Wie fallen die Maßnahmen verglichen mit den Erwartungen aus?

Noch umfangreicher, als die EZB-Auguren erwartet hatten. Was auch erklärt, warum Aktien und Anleihen gestern deutlich gestiegen sind.

Wie reagierten die Bankaktien und warum?

Die in den letzten Wochen ohnehin schon deutlich gekletterten Bankaktien konnten ihr Niveau gestern bemerkenswerterweise verteidigen (Euro Stoxx 50 Banks: +0,1% nach +13% binnen vier Wochen; Deutsche Bank -0,1% nach +29% in den letzten vier Wochen).

Weil? Weil nun tatsächlich der von den Banken ersehnte Staffelzins eingeführt wird (Details unten). Und weil sich die EZB (siehe oben) mit aller Macht gegen die drohende Rezession stemmen will, was die Bankaktionäre hoffen lässt, dass die befürchtete doppelte Kreditkrise (mehr Ausfälle, weniger Neugeschäft) doch noch abgewendet wird.

Die Kehrseite freilich: Die Zinswende (mit potenziell wieder steigenden Zinserträgen für die Banken) ist, wenig überraschend,  um mindestens drei Jahre verschoben.

Wie reagierte die Bankenlobby?

„Die EZB erinnert an einen Autofahrer, der falsch in eine Sackgasse abgebogen ist und dennoch weiter Gas gibt“, meinte BdB-Präsident Hans-Walter Peters. „Die negativen Auswirkungen dieser Geldpolitik überwiegen mittlerweile, gleichzeitig haben sich die positiven Effekte abgenutzt“, wusste DSGV-Präsident Helmut Schleweis schon wenige Minuten nach dem Zinsentscheid. „Die EZB betreibt eine Geldpolitik mit der Brechstange, wo Geduld gefragt ist“, ließ sich BVR-Präsidentin Marija Kolak zitieren. 

Was steckt hinter den neuen Staffelzinsen für Banken?

Kombiniert man die aktuelle Überschussliquidität sämtlicher europäischer Banken (rund 1800 Mrd. Euro) mit dem künftig geltenden EZB-Strafzins von -0,5%, dann ergäbe (Konjunktiv!) sich hieraus rein rechnerisch eine Belastung von rund 9 Mrd. Euro jährlich. Was das für die deutschen Banken hieße (Konjunktiv!), lässt sich insofern errechnen, als ein Drittel der überschüssigen Liquidität (also rund 600 Mrd. Euro) auf die hiesige Kreditwirtschaft entfällt.

Nun aber vom Konjunktiv in den Indikativ – und damit zum neuen EZB-Staffelzins, der funkioniert wie ein Freibetrag: In Zukunft soll das Sechsfache der sog. „Mindestreserve“ (also des Geldes, das die Banken obligatorisch bei der Notenbank lagern müssen und das auch heute schon von Strafzinsen ausgenommen ist) von Negativzinsen verschont bleiben. Das heißt für deutsche Banken, dass rund 180 Mrd. Euro Überschussliquidität künftig nicht mit Negativzinsen belegt werden.

Daraus ergibt sich für die Geldinstitute hierzulande eine Entlastung von rund 900 Mio. Euro pro Jahr (bzw. gemessen am Status quo eines 0,4%igen Strafzinses ohne Staffelung immerhin noch eine Entlastung von rund 500 Mio. Euro; hier eine schöne Übersicht bei Pictet zu dem Thema). Der guten Ordnung halber: Wie die übrigen Maßnahmen die GuV belasten, lässt sich schwer quantifizieren bzw. kaum vorhersehen.

Gibt es bald wieder (höhere) Guthabenzinsen?

Naja, zumindest dürfte das Thema „Minuszinsen für Normalsparer“ bis auf Weiteres vom Tisch sein. Ob die ein oder andere Bank den Sparern nun sogar wieder eine Verzinsung bietet, wird man sehen – ein bisschen Spielraum jedenfalls wäre  fürs Erste wieder da. Zumal: Womöglich werden auch die  Geldmarktzinsen als Folge der neuen Staffelung leicht ansteigen.

Und was ist mit den Kreditzinsen?

Auch hier gilt: Die Banken hätten durch die Entlastungen bei den EZB-Strafzinsen theoretisch jetzt etwas mehr Spielraum, in eine etwaige Konditionenschlacht einzusteigen. Dass sich einige Banken auf ein Szenario negativ verzinster Immobilienkredite einstellen, hatten wir neulich ja beschrieben. Zugleich ist unser Eindruck allerdings, dass große Teile der Kreditwirtschaft die Null-Linie bei den Bauzinsen unter allen Umständen verteidigen will („unter allen Umständen“ heißt: bis die erste Bank ausscheidet bzw. bis das Spiel kartellrechtlich heikel wird). Dazu passt, was eine Sprecherin des Baugeldvermittlers Interhyp dieser Tage zu „Finanz-Szene.de“ sagte – nämlich das einige Banken „in den bei uns hinterlegten Produktdaten festgelegt haben, dass auch bei Bestkonstellationen ein bestimmter Mindestzins im positiven Bereich nicht unterschritten werden darf“..

Was muss ich sonst noch wissen zum EZB-Zinsentscheid?

  • Wenn die EZB ihre Anleihen-Käufe wie angekündigt forciert, dann werden Bundesanleihen bald knapp werden (und zwar rein rechnerisch bereits in neun Monaten). Heißt:  Die Notenbank muss ihre selbst gewählte Obergrenze (wonach sie von jeder Bunds-Tranche nur maximal 33% erwirbt) anheben. Oder auf den Kauf deutscher Staatsanleihen demnächst verzichten.
  • Der zentrale Vorwurf der EZB-Kritiker lautet, dass selbst noch niedrigere Zinsen die Kreditvergabe nicht weiter erhöhen werden. Wenn es wirklich so kommen sollte, wäre das für die Banken ein echtes Problem – denn dann schwächelt das Neugeschäft, während dem Kreditbuch parallel durch mögliche Vermögensblasen weitere Risiken erwachsen könnten.
  • Was, wenn trotz allem die Rezession kommt: Hat die EZB dann überhaupt noch irgendeinen Spielraum? Die Draghi-Kritiker sind auch hier skeptisch.

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Die verdeckte Erlös-Maschine des Wunder-Fintechs Exporo

Von Christian Kirchner

Wenn stimmt, dass bei Fintechs in spitzen Segmenten die „Winner takes it all“-Regel greift – dann ist Exporo bei den Crowdfinanzierern nicht nur auf dem Weg dorthin. Sondern die Hamburger haben längst gewonnen. 203 Immobilien-Projekte sind seit der Gründung Ende 2014 über die Exporo-Plattform finanziert worden. In diesen Tagen wird das Startup die 500-Mio.-Euro beim vermittelten Kapital knacken. Ein Meilenstein nicht nur für das Unternehmen selbst, sondern für Fintech-Deutschland insgesamt.

Was den Marktanteil angeht, sind die Hanseaten grob gesagt inzwischen doppelt so groß wie die vier wichtigsten Wettbewerber zusammen (Zinsbaustein, Engel & Völkers, Bergfürst und Zinsland). Und auch beim eigenen Funding kann Exporo aus dem Vollen schöpfen: Im Juni pumpte ein Investorenkreis rund um E-Ventures, Holtzbrinck Ventures, Heartcore und Partech 43 Mio. Euro in Exporo. Die Bewertung? Angeblich irgendwo um die 150 Mio. Euro.

Vor allem aber: Anders als manch andere hochgewettete deutsche Fintechs erwirtschaftet Exporo nach eigenen Angaben längst ernstzunehmende Erlöse. Rund 14 Mio. Euro sind es 2018 angeblich gewesen (mehr als N26), bis zu 25 Mio. Euro sollen es in diesem Jahr werden.

Was die Frage aufwirft: Was genau macht dieses eierlegende Wollmilchsau-Startup eigentlich? Wirklich nur bei Kleinanlegern Geld einsammeln, dieses dann an Immobilien-Projektierern weiterleiten – und das auch noch gebührenfrei, wie es in der Selbstbeschreibung im firmeneigenen Blog heißt?

Wir wollten es genauer wissen. Und haben uns pars pro toto eines der derzeit angebotenen Beteiligungsprojekte ganz genau angesehen, nämlich das Hamburger „Urban Living“-Projekt.

Was wir dabei entdeckt haben? Ein genialisches Erlösmodell, das vielleicht nicht ganz zum „gebührenfrei“-Bild passt, das Exporo von sich selber zeichnet – das aber erklären könnte, warum das Hamburger Fintech so breitbeinig unterwegs ist wie kaum ein anderes deutsches Finanz-Startup.

Auf geht’s:

Das Projekt

Das Bauprojekt, das wir uns angesehen haben, firmiert unter dem Titel „Urban Living“, es handelt sich um ein geplantes Wohn- und Geschäftshaus im Hamburger Stadtteil Wandsbek, genauer: in der Brauhausstraße 5. Das Exposé, in dem sich alles etwas blumiger liest als im 54-seitigen, eng beschriebenen Wertpapierprospekt, das unserer Analyse zugrundliegt, ist von einer „sehr guten Makro- und gute Mikrolage“ die Rede.

Wobei die Mikrolage u.a. aus einem Parkhaus, einer Autovermietung, einem Decathlon und einem Schuh-Outlet besteht. Und: Das ganze entsteht zwischen S-Bahn-Trasse und vierspuriger Straße. Das „Urban“ ist also schon da, das „Living“ muss noch werden. Exporo wirbt damit, dass von 100 Projekten, die man sich ansieht, nur 2-3 für so gut befunden werden, dass sie es auf die Plattform schaffen.

Die Rahmendaten

Die Mindestanlage für die Schwarminvestoren beträgt 1000 Euro, der in Aussicht gestellte Zins liegt bei 6%. Laufzeit: zwei bis drei Jahre, je nachdem, wie schnell sich das Projekt weiterveräußern lässt. Die Zeichnung der Anteile läuft momentan, knapp zwei Drittel sind schon platziert. Findet auch noch das letzte Drittel Abnehmer, dann hätten die Crowdanleger insgesamt 3,26 Mio. Euro in „Urban Living“ investiert.

Die Kennzahlen

Die Bestandsimmobilie auf dem 4300 Quadratmeter großen Grundstück soll abgerissen, das neue Objekt über 15.400 Quadratmeter Wohn- und Nutzfläche verfügen. Die gesamten Investitionskosten werden mit 13,8 Mio. Euro angegeben, als Verkaufserlös werden als „Best Case“ circa 26 Mio. Euro angestrebt.

Dabei handelt es sich nicht etwa um den Verkaufserlös für die Wohnungen und Geschäftsräume. Sondern für den Verkaufserlös des Projekts an jemanden, der das alles überhaupt erst bauen und verkaufen will. Exporo teilt dazu mit, dass es tatsächlich ein „Best Case“ sei. Üblich seien 15 bis 30 Prozent Projektgewinn. Dennoch: Anleger agieren hier als Investoren, die schon wieder mit Zins und Tilgung weg sein wollen, noch ehe sich der erste Baukran dreht.

Das Immo-Crowd-Modell (I)

Wenn sich mit einem Immobilienprojekt binnen kürzester Zeit aus 13,8 Mio. Euro im „Best Case“ 26 Mio. Euro machen lassen – wer hat dann ein Interesse daran,  ein Heer von Kleinanlegern an diesem Reibach mitverdienen zu lassen? Alles eine Frage des Fremdkapitalhebels? Und: Gibt es nicht genügend Banken, Heuschrecken,  Immobilienprofis und vor allem genügend „Geld“ da draußen, das nur darauf lauert, trotz Nullzinszeiten üppige Renditen zu generieren? Zumal die Kleinanleger von Exporo sogar noch mit teurem Aufwand umworben werden, etwa mit Miles&More-Prämien oder Neukunden-Incentives von bis zu 100 Euro …

Die Erklärung: Immobilienprojektierer verfügen in der Regel über wenig Eigenkapital. Und Banken übernehmen zwar gerne die (mit Immobilien besicherte) Fremdfinanzierung und wollen Schuldner ersten Ranges sein, halten sich mit Eigenkapitaleinschüssen aber lieber zurück. Genau hier kommt Exporo ins Spiel: Die Hamburger Crowd-Plattform bringt die Projektierer mit den Kleinanlegern zusammen – die genau (wie früher nur Großanleger und Profis) das Nachrangkapital zur Verfügung stellen, das den Projektieren fehlt und das die Banken im Fall der Fälle aus dem Risiko nehmen soll.

Wenn ein Vergleich des aktuellen deutschen Immobilienbooms mit dem amerikanischen Goldrausch des 19. Jahrhunderts erlaubt ist: Exporo verzichtet (scheinbar!) darauf, selbst nach Gold zu suchen – um stattdessen  am Verkauf von Schaufeln und Sieben zu verdienen. So sieht es jedenfalls auf den ersten Blick aus.

Das Immo-Crowd-Modell (II)

Exporo gründet für jedes seiner Crowd-Projekte eine eigene Gesellschaft, im Falle der von uns untersuchten „Urban Living“ ist das die „Exporo Projekt 109 GmbH“.

Der eigentliche Projektentwickler freilich ist ein anderer – im konkreten Fall handelt es sich hierbei um eine Immobilienfirma namens „HSP7“. Sie muss die Investitionssumme von 13,8 Mio. Euro auftreiben, die sich beim „Urban Living“-Projekt stark vereinfacht dargestellt zusammensetzt aus …

  • einem besicherten Darlehen zweier Banken in Höhe 9 Mio. Euro
  • einem Kurzfristkredit einer weiteren Bank in Höhe von 3,26 Mio. Euro
  • 1,64 Mio. Eigenkapital und eigenkapitalähnlichen Mitteln des Projektentwicklers selbst

Aus diesem Geld wird nun zunächst einmal für 11,2 Mio. Euro  das Grundstück gekauft samt dem Altgebäude, das abgerissen werden soll. Wichtig: Ob das Projekt „fliegt“, ist Stand jetzt noch gar nicht sicher. Nicht einmal eine Baugenehmigung liegt vor.

Trotzdem kommen an der Stelle nun die „Exporo Projekt 109 GmbH“ und mit ihr die Crowdanleger ins Spiel. Denn sie braucht es erstens, um den Kurzfristkredit der einen Bank abzulösen – und zweitens, um die beiden anderen Banken durch die Nachrangigkeit der Schwarmgelder gegen möglicher Verluste abzupuffern. Was die ganze Struktur aus Kreditgebersicht verbessert.

Und Exporo? Ist weiterhin nur der Mittler. Scheinbar.

Die Methode Exporo (I): Zinsprofiteur

Ist Exporo wirklich nur der Mittler. Nein! Denn anders als es auf den ersten Blick scheint, verkauft Exporo nicht nur Schaufeln und Siebe – Exporo gräbt auch selbst nach Gold. Auch bei dem von uns untersuchten Projekt und wenn auch nur ein bisschen.

Denn: Noch bevor die Crowdanleger ins Spiel kommen, sind bereits Millionenbeträge über einen weiteren involvierten Akteur geflossen – die „Bridge Capital GmbH“. Diese hat nämlich eine (bei derlei Projekten indes übliche) Zwischenfinanzierung in Höhe von 1,7 Mio. Euro gestellt. Die Verzinsung für die „Bridge Capital GmbH“ liegt bei 10% p.a.. Diese Zwischenfinanzierung wir dann wiederum alsbald mit dem Geld der Crowdanleger abgelöst, die trotz der Nachrangigkeit freilich keine 10% erhalten, sondern – s.o. – „nur“ 6%.

Und so sieht die Struktur dann hinterher aus: 9 Millionen Darlehen, 1,64 Mio. Euro Eigenkapital und eigenkapitalersetzende Darlehen, die sämtlich mit einem Rangrücktritt gegenüber den Forderungen der Exporo-Anleger von 3,26 Mio. Euro ausgestattet sind.

Exporo teilt hierzu mit, eine solche Zwischenfinanzierung erfolge „immer dann, wenn der Darlehensnehmer das vereinbarte Kapital (oder Teile davon) schneller braucht, als die Plattform zur Verfügung stellen kann“. Das Ganze sei „ein extrem wertvolles Instrument, da man so auch Projekte finanzieren kann, für die die Plattform unter anderem aufgrund der BaFin-Regulierung sonst zu langsam wäre.

Die “ Bridge Capital GmbH“ ist? Eine 100%ige Tochter der Exporo AG.

Die Methode Exporo (II): Gebühren-Einheimser:

Anleger, die sich im Exporo-Blog über das Unternehmen informieren, könnten meinen, sie hätten es mit einer Non-Profit-Organisation zu tun. So heißt es an einer Stelle:

Keine versteckten Gebühren, keine kleingedruckten Klauseln, keine undurchschaubaren Rechenbeispiele (…) insbesondere bei exporo.de, denn hier zahlen die Kapitalgeber nicht nur null Gebühren auf ihre Investitionen – auch die Anmeldung und die Nutzung der Plattform sind gänzlich kostenfrei. Das investierte Geld fließt also vollständig in die jeweilige Beteiligung und wird dementsprechend verzinst“

Dabei setzt sich Exporo in seiner Eigendarstellung explizit von der Fondsbranche ab („Dschungel der Intransparenz“) und gibt seinen Anlegern eine Tabelle an die Hand, derzufolge für Exporo-Kunden weder ein Ausgabeaufschlag noch eine „Total Expense Ratio“ anfallen.

Und die Wirklichkeit? Ist dem eng beschriebenen Wertpapierprospekt zu entnehmen. Dort heißt es nämlich, „Kosten und Nebenkosten“ betrügen hübsche 3,5% der Anlagesumme. Und kommen der „Exporo Investment GmbH“ zugute, auch das eine 100%ige Tochter der eigentlichen Exporo AG.

Exporo teilt dazu mit, das sei eine veraltete Darstellung, die man anpassen werde.

Die Methode Exporo (III): Noch’n Schluck

Wir erinnern uns: Exporo will 3,26 Mio. Euro bei den Anlegern einsammeln. Zugleich kalkulieren die Hamburger allerdings nur mit einem „Netto-Emissionserlös“ von 2,86 Mio. Euro. Macht einen Unterschied von 400.000. Euro oder 12,3% der Brutto-Summe – ungefähr das Doppelte des den Anlegern in Aussicht gestellten jährlichen Zinskupons in Höhe von 6%. Was es mit diesem Geld auf sich hat? Laut Prospekt geht es um „Vermittlungs-, Strukturierungs- und Marketinggebühren … die aus dem Emissionserlös gezahlt werden“.

Exporo teilt auf Anfrage mit, man erhalte hiervon nur „einen kleinen Teilbetrag“ und stellt fest: „Wir haben weniger als 50% der Strukturierungs-Fees verglichen mit offenen und geschlossenen Fonds.“

Und sonst so? (I)

Findet sich noch eine, nun ja, Merkwürdigkeit, bei der Exporo indes glaubhaft versichert, sie spiele in der Praxis keine Rolle. Die weiter oben vorgestellte „Bridge Capital GmbH“ (also jene 100%ige Exporo-Tochter, die die mit 10% verzinste Zwischenfinanzierung in Höhe von 1,7 Mio. Euro leistet) ist nämlich nicht der einzige Brückenkreditgeber. Ausweislich des Prospekts können in diese Rolle auch „Privatpersonen“ und „andere Vorfinanzierungs-Gesellschaften“ schlüpfen.

Laut Exporo handelt es sich dabei „typischerweise um HNWI [Anm.: also ultrareiche „Individuals“] oder professionelle Investoren“, die ebenfalls eine höhere Verzinsung erhielten, da sie nur wenige Wochen investiert seien. Allerdings stellt Exporo dazu fest, dass sich um eine „absolute Ausnahme“ handele, dass einzelne Investoren kurzfristig aushelfen, in der Regel genüge das Vehikel „Bridge Capital“.

Und sonst so? (II)

In einen Wertpapierprospekt werden mögliche Risiken und Konflikte aus rechtlichen Gründen im Zweifel eher extensiv ausgewälzt. Die Ämterhäufung im Bereich „Interessenkonflikte“ des Prospekts ist indes doch bemerkenswert. Denn der Geschäftsführer der Exporo Investment 109 GmbH, also der Emittentin des Wertpapiers? Heißt Björn Maronde. Vorstand und Aktionär der Exporo AG als Muttergesellschaft? Heißt Björn Maronde. Und: „Herr Maronde ist darüber hinaus Geschäftsführer in weiteren Tochtergesellschaften der Exporo AG“.

Alles natürlich kein Problem, solange die Immobilienprojekte „fliegen“. Aber wie verhandelt man mit sich selbst, wenn es kracht? „Bei einem Auftreten von Interessenkonflikten ist nicht auszuschließen, dass die Interessenabwägung der Beteiligten zulasten der Emittentin vorgenommen wird, was negative Auswirkungen auf die Vermögens-, Finanz- und Ertragslage der Emittentin und damit mittelbar auch auf die Zins- und Rückzahlungsansprüche der Anleger haben kann“, heißt es im Prospekt.

Resümee

Exporo lässt sich seine Plattform-Position gleich an mehreren Stellen vergüten – das wesentliche Risiko trägt indes die längste Zeit der Crowdanleger (was den nicht zu stören scheint, solange der Immobilien-Boom anhält und keine Projekte ausfallen.)

Der eigentliche Hebel beim „Urban Living“-Projekt freilich liegt an anderer Stelle: Was, wenn die Kalkulation aufgeht und aus 13,8 Mio. Euro Investitionssumme tatsächlich 26 Mio. Euro Verkaufserlös werden. Wer profitiert dann?

  • Die Banken sind es nicht, die haben ja nur den Kredit gegeben
  • Die Crowdanleger sind es auch nicht, denn deren jährliche Rendite wird ja trotz Nachrang-Risiko mit 6% gedeckelt
  • Naheliegenderweise profitiert von der satten Differenz (abzüglich Zinskosten und sonstiger Aufwendungen  …) also allein der Projektentwickler, obwohl von ihm gerade mal 1,64 Mio. Euro Eigenkapital kamen?
  • Oder am Ende doch wer anders?

Exporo weist auf Nachfrage erneut darauf hin, dass es ganz selten noch  Projekte gebe, die so einen hohen Profit hätten. 26 Mio. Euro seien nun mal „Best Case“. Und für die Rückführung der Exporo-Darlehen sei bereits ein Verkaufspreis von rund 13 Mio. Euro. ausreichend. Und die Erwirkung der geplanten Baugenehmigung – Kern also der Spekulation, die hier Privatanleger eingehen – hebe den Wert des Grundstückes nun mal immens.

Und wenn nicht? Wenn der Goldrausch am Immobilienmarkt mal endet? Dann ist das schlecht für die Schürfer. Aber die Verkäufer der Schaufeln und Siebe – die haben ihren Schnitt gemacht.

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Ähem: Klappt bei der Postbank eigentlich irgendwas?

Von Christian Kirchner

Natürlich: Wenn es bei einer Bank zu einem solchen, ähem, Clusterfuck kommt wie Anfang der Woche bei der Postbank –  dann ist hieran in der Regel nicht nur das Geldinstitut selber schuld. Konkret: Die Einführung der PSD2 endete auch deshalb im Chaos, weil viele Kunden die angekündigte Umstellung offenbar schlicht ignoriert hatten.

Dieser Umstand exkulpiert allerdings nicht die Bank und ihr Management. Konkret: Warum um alles in der Welt wurden die neuen Authentifizierungs-Regeln fürs Online-Banking ausgerechnet in der Woche implementiert, in der sich die Postbank wegen des Zwists mit Verdi ohnehin im Ausnahmezustand befand? War diese Kollision wirklich nicht zu verhindern?

Die Folgen dieses fatalen Management-Fehlers im Bullet-Point-Stil:

  • Kunden, bei denen die Umstellung (egal ob selbstverschuldet oder nicht) nicht funktionierte, fanden sich alsbald in einer kafkaesken Spirale wieder
  • Sie kamen nicht in ihr Konto und konnten mangels Authentifizierung auch keine Nachricht an die Bank versenden
  • Auf Social Media half die Postbank zwar nach Kräften, trotzdem blieb den dortigen Mitarbeitern im Zweifel nichts anderes übrig, als auf die Hotline zu verweisen.
  • Die wiederum war schwer bis gar nicht zu erreichen …
  • … was nach offiziellen Angaben wiederum am Tarifkonflikt lag
  • Einige Kunden sperrten sich derweil aus, weil ihre wiederholten (aus ihrer Sicht richtigen) Login-Eingaben vom neuen System als fehlerhaft interpretiert wurde
  • Die Schnittstellen zu Drittanbietern funktionierten teils nicht oder überforderten die Nutzer
  • Viele Kunden waren ganz generell mit der Aktualisierung ihrer App überfordert
  • Und last but not least: Die zentrale Postbank-App für Bankgeschäfte, nämlich der „Finanzassistent“, hatte große Schwierigkeiten mit dem neuesten Android-Betriebssystem Android 10.

Alles an sich keine Dramen. Aber in der Summe? Übel.

Zumal die Probleme, die am Montag zum Chaos geführt hatten, zum Teil auch gestern noch anhielten. Siehe etwa die Beschwerden bei  Twitter, hier auf Facebook oder bei bei „Allestörungen“).

Was man dazu wissen muss: Andere Banken haben die Umstellung auf die PSD2-Regeln weitgehend geräuschlos hingekriegt, übrigens bislang auch die Mutter der Postbank, also die Deutsche Bank.

Leider fügen sich die Ereignisse der vergangenen Tage in das traurige Bild, das die Bonner seit Langem abgeben. Belege? Gehen Sie doch mal in eine Postbank-Filiale. Schlangen wie im Ostdeutschland der 80er. Ein Mobiliar wie im Westdeutschland der 90er. Ein Produktangebot wie in Nullerjahren. Aber 2019er-Gebühren.

Ihr langjähriger Chef, Frank Strauß, hat die Postbank vor zwei Monaten im Streit verlassen. Zins- und Provisionsüberschüsse kommen nicht vorwärts. Verkündet die Deutsche-Bank Privatkundensparte (zu der auch die Postbank gehört) ansteigende Zahlen, wie neulich geschehen – dann fällt die Erfolgsnews  beim ersten Pieks in sich zusammen: Sondereffekt (hier beschrieben) …

Äh, und warum wollte die Deutsche Bank die Postbank damals eigentlich haben? Ach ja: die vielen Einlagen, mit denen die Blaubank ihr Investmentbanking refinanzieren und sichere Zinserträge erwirtschaften wollte – alles Makulatur in Zeiten negativer EZB-Zinsen.

Und nun? Der neue Privatkundenchef soll sparen. Doch macht die Belegschaft das mit? Die Bewertungen auf dem Jobportal Kununuu sind alarmierend.

Innovationen? Nö. Stattdessen bewirbt sich die Postbank chancenreich um den Titel als „Deutschlands letzte Großbank ohne Apple Pay“. Daneben macht das Institut mit Exzessen bei den Orderkosten (+100% binnen gut eines Jahres) auf sich aufmerksam und dreht auch ansonsten an der Gebührenschraube. 

So führt man keine Marke, mit der man noch viel vorhat. Die Deutsche Bank verbindet mit der Postbank keine Visionen, sondern verfolgt offenbar das Ziel, herauszuholen, was aus der Marke und ihren Kunden (noch) herauszuholen ist. Ein riskanter Kurs. Denn wenn das Investmentbanking gestutzt wird – müsste die Deutsche Bank das Retailgeschäft dann nicht hegen und pflegen?

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PSD2-Umstellung bei der Postbank endet im Chaos

Von Christian Kirchner

{Update vom 10.9.2019, neu: Hotline kann laut Bandansage Kunden „in absehbarer Zeit nicht bedienen“}

Die Einführung der zweistufigen Anmeldung zum Online-Banking („Zwei-Faktor-Authentifizierung“) hat bei der Postbank am Montag zu massiven Problemen geführt. Beim Internetportal „allestörungen.de“ gingen zeitweise mehr als 1500 Nutzerbeschwerden gleichzeitig ein. Dabei echauffierten sich die Kunden über nicht erreichbare Online-Seiten, angeblich nicht länger gültige Logins sowie über eine spezielle Postbank-App („BestSign“), die eigentlich zum Einloggen und zur Freigabe von Transaktionen dient, aber offenbar in vielen Fällen nicht funktionierte.

Die Postbank hatte die Kunden im Vorfeld auf „Wartungsarbeiten“ hingewiesen,  die am Sonntag zwischen 0 Uhr und 14 Uhr stattfinden sollten – und die offenkundig der Umstellung auf die „Zwei-Faktor-Authentifizierung“ dienten (siehe hierzu „Teil I“ unserer großen PSD2-Serie vom 12. August).

Anders als geplant führten die IT-Maßnahmen aber nicht zu einem reibungslosen Übergang vom alten aufs neue System, auch wenn eine Sprecherin die Probleme herunterzuspielen versuchte.  Sie sprach gestern Nachmittag gegenüber Finanz-Szene.de von einer „vorübergehenden Störung“, die „behoben“ sei. Die Bank und ihre Tools seien wieder „uneingeschränkt erreichbar“. Tatsächlich war es jedoch so, dass frustrierte Nutzer selbst gestern Abend noch Fehler meldeten.

Die PSD2-Umstellung hat zur Folge, dass die Kunden seit Sonntag die „BestSign“-App oder chipTAN benutzen müssen, um sich zum Online-Banking anzumelden. Das bisherige Verfahren mit simplem Login über Zugangsnummer und Passwort  sowie mit einer mobilen TAN funktioniert nicht mehr. Viele betroffene Kunden dürften die entsprechende Ankündigungen ignoriert haben und hatten deswegen dann Schwierigkeiten mit dem Login und der Freigabe von Transaktionen. Gleichwohl hatte die Postbank laut Finanz-Szene.de-Recherchen zugleich mit einer Fülle von technischen Problemen zu kämpfen, die nicht im Einfluss der Kunden standen – darunter exemplarisch:

  • dass die Login-Site auf postbank.de über Stunden nicht erreichbar war
  • dass der Zugang über die HBCI-Schnittstelle ohne weitere Authentifizierung abgeschaltet worden ist – weshalb insbesondere die Finanzsoftware-Zugänge nicht länger funktionierten
  • dass bereits funktionierende, für die sogenannte „starke“ Authentifizierung bereits eingerichtete Zugänge etwa über das Smartphone ohne Update der App zeitweise nicht klappten – laut Nutzermeldungen noch am gestrigen Abend nicht
  • dass Kunden die Fehlermeldung über ein falsches Login und Passwort erhielten, obwohl sie die richtige Kombination eingegeben hatten – anschließend aber aufgrund von Fehlversuchen gesperrt waren
  • dass Kunden nicht länger die Zugänge von Privat- und Geschäftskonten trennen konnten, da je natürlicher Person nur eine so genannte „ID“ vergeben wird, die beim Anmeldeprozess nötig wird
  • dass Sofortüberweisungen über Trustly, Giropay und Klarna zeitweise nicht funktionierten
  • dass die Hotline stark überlastet war

Finanz-Szene.de versuchte am Dienstag morgen probeweise, die Postbank-Hotline zu erreichen. Der Ansage, wegen „Streikmaßnahmen könnte es zu längeren Wartezeiten kommen“  folgte dabei die Ansage, aufgrund eines „unvorhergesehen hohen Aufkommens“ könne man Kunden „in absehbarer Zeit nicht telefonisch bedienen“

Auf dem Portal „Allestörungen“ rissen die Meldungen frustrierter Nutzer nicht ab. Im Kommentar-Bereich der „Wartungsmeldung“ auf Facebook erschienen 585 weitgehend kritische User-Posts.

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Berenberg: Die bescheidene Bilanz des Henning Gebhardt

Von Christian Kirchner

Vor einem Jahr schien es für einen Moment, als wäre Berenberg die neue Großmacht im deutschen Aktienfondsgeschäft. Der frühere DWS-Star Henning Gebhardt war schon seit zwei Jahren da; von der Allianz hatte man den Nebenwerte-Guru Matthias Born und von der Commerzbank den Multi-Asset-Experten Bernd Meyer losgeeist. Und dann verkündeten die Hamburger am 6. September 2018 auch noch, dass Gebhardts Nachfolger für Deutschland-Fonds bei der DWS, Tim Albrecht, zu Berenberg wechsle.

Es war eine Schmach für die Deutsche Bank. Und ein Coup für Berenberg. Bis kurz darauf publik wurde, dass Albrecht doch nicht zu den Hanseaten wechselt. Sondern bei der DWS bleibt. Aus dem vermeintlichen Coup wurde eine kleine Blamage, früh gegackert, aber kein Ei gelegt zu haben.

Ein Jahr später muss Berenberg nun den nächsten Rückschlag eingestehen bei seinem ambitionierten und mutmaßlich teuren Versuch, zu einem der führenden deutschen Asset Manager aufzusteigen. Denn wie gestern mitgeteilt wurde, wird der vor drei Jahren stolz als „Mr. Aktie“ verpflichtete Gebhardt die Traditionsbank verlassen. Ein veritabler Paukenschlag, wie es floskelhaft heißt.  Schließlich waren Berenbergs Pläne aufs engste mit Henning Gebhardt verknüpft. Der 52-Jährige amtierte als Leiter des Zentralbereichs Wealth and Asset Management von Berenberg, als Manager des prominentesten Berenberg-Deutschland-Aktienfonds und als Mitglied der erweiterten Geschäftsführung.

Offiziell heißt es, Gebhardt wolle sich „neuen Aufgaben widmen“. Inoffiziell gilt als offenes Geheimnis, dass „Mr. Aktie“ sich durchaus Hoffnungen gemacht hatte, neben den persönlich haftenden Gesellschaftern Hans-Walter Peters und Hendrik Riehmer zum persönlich haftenden Gesellschafter ernannt zu werden. Darüber hatte das „Manager Magazin“ im Juni berichtet. 

Berufen wurden dann aber im Juni David Mortlock (Leiter Zentralbereich Investment und Corporate Banking) sowie Christian Kühn (Leiter Zentralbereich Banksteuerung). Da Peters 2020 aus Altersgründen ausscheidet, wäre eine Berufung von Gebhardts eigentlich naheliegend gewesen, damit das für die Bank strategisch angeblich so wichtige Asset Management im Gesellschafterkreis vertreten ist. In der neuen Konstellation fällt dies nun wohl in Riehmers Beritt.

Tatsächlich war Gebhardts Performance nicht so, dass an ihm kein Weg vorbeigeführt hätte. Der von ihm selbst gemanagte „Berenberg Aktienstrategie Deutschland“ – eigentlich gedacht als neuer Flaggschiff-Fonds – verwaltet aktuell rund 100 Mio. Euro; so viel waren es Anfang 2018 auch schon gewesen. Irgendwie war es so, dass die Branche immer auf die große Initialzündung wartete. Doch die kam nie.

Dass der Fonds sowohl über ein als auch über drei Jahre hinter dem aktuellen Vergleichsindex liegt (je rund 8 Prozentpunkte), dürfte dem Vertrieb auch kaum zuträglich sein. Dabei gilt es indes zu berücksichtigen, dass die Strategie des Fonds vor zwei Jahren neu aufgesetzt wurde, weshalb längerfristige Vergleiche mit der Zeit vor Juni 2017 hinken.

Insgesamt gilt – wie ein Blick auf die Aktienfonds zeigt – die Performance der Sparten als gut, aber keineswegs überragend.

vs. Vergleichindex
Volumen in Mio. Euro 1 Jahr 3 Jahre
Berenberg activeQ Eurozone Equities R 57 -5,60% -11,50%
Berenberg Aktien-Strategie Deutschland R 104 -8,60% -8,20%
Berenberg European Focus Fund R 71 -0,90%  *
Berenberg European Micro Cap R 409 -1,10% *
Berenberg European Small Cap R 195 2,10% 7,30%
Berenberg Eurozone Focus Fund R 27 1,60% *
Berenberg Global Focus Fund M 46 * *
Berenberg Sustainable World Equities M 25 * *
Berenberg-1590-Aktien Mittelstand R 168 -9,70% 0,80%
Berenberg-1590-Aktien Strategie Global A 61 ** **

( * = noch keine Drei-Jahres-Performance; ** = keine Benchmark)

Performance: jeweils Prozentpunkte; Quelle: Berenberg.de

Dasselbe gilt übrigens auch für die verwalteten Volumina: Im Aktienfondsbereich sind es rund 1,1 Mrd. Euro, in den Anleihen- und Multi-Asset-Produkten liegen weitere gut 2 Mrd. Euro. Das sind zwar fraglos Summen  im „sichtbaren“ Bereich der Publikumsfonds, aber noch zu wenig, wenn man selbst Spezialistenteams für alle wesentlichen Bereiche Aktien, Anleihen und Multi Asset unterhält und als unabhängiges Haus auch viel in den Vertrieb investieren muss. Zum Vergleich: Alleine Gebhardts alter Fonds, der „DWS Aktien Strategie Deutschland“, verwaltet rund 3,9 Mrd. Euro.

Wenig hilfreich dürfte auch sein, dass bei Publikumsfonds in Deutschland insgesamt trotz röhrender Börsen im ersten Halbjahr der Nettoabsatz nur noch bei 1,8 Mrd. Euro lag – nachdem es 2017 und 2018 kumuliert noch 48 Mrd. Euro waren. Völlig erlahmt ist 2019 deutschlandweit der Vertrieb von Mischfonds – und damit ausgerechnet der Produktkategorie, die Berenberg im vergangenen Herbst um- und ausgebaut hatte und wo die Hanseaten zwei neue Fonds lanciert hatten.

Wie eine kleine Abschiedsrede liest sich im Lichte der gestrigen Mitteilung ein Interview Gebhardts mit dem Managzin „Fundview“ vor zwei Wochen. Auf das Frankfurter Berenberg-Team bezogen heißt es da, „unser Setting und die Besetzung der Teams sind inzwischen abgeschlossen.“ Und: „Die Strukturen für weiteres Wachstum sind geschaffen.“

Und das Wachstum kann die Bank dringend brauchen: 2018 stand nur noch ein Überschuss von 23 Mio. Euro zu Buche – ein Rückgang um rund drei Viertel zum Vorjahr und überdies „gerettet“ von sonstigen betrieblichen Erträgen über 72 Mio. Euro, die größtenteils aus dem Verkauf des Schweiz-Geschäfts stammten.

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Acht Irrtümer über die Folgen des Zinstiefs für die Banken

Von Christian Kirchner

Was sind das eigentlich für Vögel, die diesen komischen Finanz-Newsletter da machen? Kennen wochenlang kein anderes Thema als das angebliche „Zinsgemetzel“ da draußen (siehe hier, hier und hier). Und fangen auf Basis ihres angelesenen Halbwissens dann plötzlich an, irgendwas von „Zinswunder“ zu faseln, weil angeblich die Margen wieder steigen oder so ähnlich (siehe hier, hier und, gestern,  hier). Wo, bitteschön, ist denn da die klare Linie?

Also: 1.) Wo, bitteschön, haben wir denn behauptet, wir hätten eine klare Linie? Und 2.) Hätten wir eine klare Linie, dann sähe die ungefähr so aus: Natürlich sind sinkende Zinsen tendenziell schlecht für Banken. Und natürlich hat sich die Lage in den vergangenen Monaten zugespitzt.

Zugleich allerdings hat unserem Eindruck nach speziell die Debatte um den EZB-Strafzins eine solche argumentative Eigendynamik entwickelt, dass ein paar Kontrapunkte nicht schaden können. Denn: Vieles, was da draußen momentan zum Themenkomplex „Die Banken und der Niedrigzins“ verbreitet wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als allenfalls bedingt richtig.

Denn: Wussten Sie z.B., dass die deutschen Banken es schaffen, bereits fast jeden zweiten Euro, den sie von Firmenkunden als Sichteinlage erhalten, mit einem Strafzins zu belasten? Und dass die relativen Zinsüberschüsse seit einigen Jahren konstant sind – nachdem Sie zuvor jahrzehntelang gesunken waren?

Unsere Analyse zu acht kursierenden Thesen

These I: Früher war alles besser, auch beim Zins

In der Tat haben sich die Zinsmargen der deutschen Banken seit 1970er Jahren annähernd halbiert, grob von einst über 2% auf zuletzt noch 1%. Das liegt allerdings nicht nur am allgemeinen Zinsverfall (und flacheren Zinskurven), sondern vermutlich stärker noch am sich verändernden Wettbewerbsumfeld – siehe zum Beispiel die FMHs, die Interhyps oder die Check24s da draußen, die mit ihren Angebotsvergleichen die Margen schrumpfen lassen. Hinzu kommt: Dass die Zinsen fallen, ist ja kein ganz neues, sondern von der Grundtendenz her ein fast schon säkulares Phänomen. Trotzdem haben es viele deutsche Banken versäumt, sich vom Zinsertrag unabhängiger zu machen.

These II: Der Niedrigzins hat sich bereits tief in die Gewinn- und Verlustrechnungen der deutschen Banken hineingefressen

Nein, hat er nicht. Jedenfalls nicht bis 2017, also dem Jahr, aus dem die aktuellsten verfügbaren Bundesbank-Zahlen stammen.

Um das festzustellen, haben wir die Buba-Daten der zurückliegenden 50 Jahres rausgekramt und die Zinsüberschüsse in Relation zur Bilanzsumme gesetzt (um Volumen- bzw. Inflationseffekte zu bereinigen). Siehe da: Seit etwa 2002 halten sich die Zinsüberschüsse zwar mit leicht negativer Tendenz, aber doch einigermaßen stabil um die Marke von 100 Basispunkten – und das, obwohl die Kapitalmarktzinsen (gemessen an der Umlaufrendite, im Chart: grün) im gleichen Zeitraum brutal abgerauscht sind.

Quelle: Bundesbank

Warum das so? Drehen wir es einfach herum: weil die Welt nicht so einfach ist, wie sie Banker gerne zeichnen, wenn sie gegen den Niedrigzins wettern. Der Ökonom Kaspar Zimmermann hat sich in einer im Februar erschienenen Studie zunächst den Stand der Forschung über den Zusammenhang zwischen Zinsen und Bankgewinnen angesehen und urteilt: „Es gibt keinen Konsens in der wissenschaftlichen Literatur, welche Effekte die Zinsen auf die Profitabilität der Banken haben.“ (Lassen Sie diesen Satz einmal sacken). Und wer würde sich zutrauen, zu beurteilen, wo die Konjunktur, die Kreditnachfrage und die Kreditausfälle der Banken stünden, würde die EZB wieder positive Zinsen auf Einlagen zahlen?

Zimmermann testete darüber hinaus den Zusammenhang dann noch einmal konkret basierend auf den Daten von Banken in 17 Ländern seit 1870 und kommt zum Schluss, dass die Abhängigkeit der Bankgewinnen von Zinsänderungen um so höher ist, je höher der Anteil an Spareinlagen auf der Passivseite ist. Was dann auch erklärt, warum wir aktuell das größte Zinsgeheul aus dem Kreis der (einlagenstarken) Sparkassen hören.

These III: Die EZB-Strafzinsen belasten die deutschen Banken brutal

Ja und nein. Christian Sewing machte vorgestern die Rechnung einer dreistelligen Millionensumme für seine Deutsche Bank auf. Laut einer (auf EZB- und Barkow-Zahlen beruhenden) Erhebung von Deposit Solutions haben deutsche Banken 2018 rund 2,5 Mrd. Euro an negativen Einlagenzinsen an die EZB abgeführt; 2019 dürften Zahlungen die gleiche Größenordnung fällig werden.

Das ist nicht nichts – aber es scheint doch tragbar, gemessen am aggregierten 2017er-Überschuss der deutschen Banken, der laut Buba-Daten bei 22,3 Mrd. Euro lag.

Und was oft vergessen wird (und uns vom Ausmaß her sehr überrascht hat, als wir in die Statistiken hinabgestiegen sind): Die Banken reichen einen Teil dieser Belastung ja an die Kunden weiter. Ende 2017 (!) konnten die deutschen Geldhäuser bereits fast jeden zweiten (!) Euro, den Firmenkunden in Form von Sichteinlagen bei ihnen deponiert hatten, mit Negativzinsen belegen. Bei Privathaushalten? War es immerhin schon gut jeder zehnte.

These IV: Die Banken (das heißt: alle Banken) leiden unterm Zinstief

Mag sein. Aber bei manchen ist es (siehe auch unser „Kurz gebloggt“ zur Deutschen Bank gestern) sozusagen ein Leiden auf hohem Niveau. Denn: Gerade jene Banken, die sich vor allem über den Kapitalmarkt Geld besorgen, profitieren auch von sinkenden Refinanzierungskosten.

In Zahlen: Zwischen 2011 und 2017 sanken die Zinsaufwendungen der deutschen Großbanken um 38%, ihre Erträge aber nur um 32%. Ein nettes, kleines „Delta“. (Wobei klar ist, dass es dieses „Delta“ bei den allermeisten Sparkassen und Volksbanken nicht gibt).

These V: Die EZB-Zinspolitik bringt die Sparkassen und Genobanken in essentielle Not

Ja, die Zinsmargen von Sparkassen …

Zinsmarge aller Sparkassen in Deutschland in %
2011 2,21
2012 2,12
2013 2,10
2014 2,09
2015 2,06
2016 1,96
2017 1,87

… und Volksbanken …

Zinsmarge aller Genossenschaftsbanken in Deutschland in %
2011 2,30
2012 2,21
2013 2,25
2014 2,21
2015 2,14
2016 1,99
2017 1,90

… sinken. Aber sie tun das auf relativ hohem Niveau, gemessen an den Zinsmargen der deutschen Bankenbranche insgesamt:

Zinsmarge aller Banken in Deutschland in %
2011 1,03
2012 1,00
2013 1,02
2014 1,10
2015 1,11
2016 1,09
2017 1,04

Quelle jeweils: Bundesbank Monatsbericht September 2018

These VI. Die Filialbanken leiden so sehr unter den niedrigen Zinsen, dass sie ihre Gratiskonten abschaffen müssen – was wiederum zur Folge hat, dass die Kunden in Heerscharen zu den Direktbanken abwandern

Ach, komm. Das ist zwar eine These, die in unterschiedlichen Facetten auch dieser Tage wieder kräftig durchs Dorf getrieben wird – allerdings sollte man (oh Gott, jetzt kommen wir mit unseren Phrasen ganz schön ins Schlittern …) vielleicht auch mal die Filiale im Dorf lassen.

Also: Zwar haben es die Direktbanken mit ihren immer noch kostenlosen Girokonten zu einiger (medialer) Prominenz gebracht. Auch bei Finanz-Szene.de. Aber ein Massenzulauf ist – bislang – nicht auszumachen. Die deutsche ING führte zuletzt 2,5 Mio. Girokonten, bei der DKB waren es 3,0 Mio, bei N26 mögen’s 1,5 bis 2 Mio. sein (das Startup weist keine Zahlen für Deutschland aus), bei der Comdirect 1,6 Mio, bei Santander waren es 0,5 Mio. Girokonten, und bei der Consorsbank weiß man’s nicht (die hat zwar 1,5  Mio. Kunden, aber das werden ja beileibe nicht alles Girokunden sein).

Landet man am Ende sehr, sehr wohlwollend gerechnet vielleicht irgendwo bei 10 bis 12 Mio. kostenlosen Girokonten bei Direktbanken. Gemessen an laut Bundesbank 103 Mio. „Konten für täglich fällige Einlagen“ insgesamt. Kurz: es gibt gar keine „Gratiskultur“.

These VII. Selbst wenn die Banken mit den niedrigen Zinsen noch einigermaßen zurechtkommen – ihre Kunden (und um die geht’s den Banken ja in erster Linie) leiden ungeheuerlich.

Mal halb lang. Erstens gibt es keine validen empirischen Belege dafür, dass die Geldpolitik der EZB der Sparmotivation der (besonders deutschen) Kunden schadet. Seit 2013 ist die Sparquote sogar wieder von 8,9% auf nunmehr 10,4% gestiegen (vermutlich, weil die Sparquote ist in allererster Linie eine Funktion des Einkommens ist, nicht der Zinsen).

Und zweitens: Sooooo krass sind Zinsverluste der normalen Bürger nun auch wieder nicht. Im Schnitt liegen trotz der hohen Sparquote nämlich „nur“ 5000 Euro je Privathaushalt auf Sparkonten. Beim reichsten Zehntel sind es zwar immerhin 29.000 Euro – was aber überschaubar ist gemessen am Wert des selbstgenutzten Wohneigentums (beim reichsten Zehntel im Schnitt 340.000 Euro) und des Wertpapiervermögen (60.000 Euro).

Wer’s provokant mag, könnte die Folgen des Niedrigzinses im Banken-Kunden-Kontext so zusammenfassen: Die Durchschnittskunden hätten auch bei höheren Zinsen wenig zu erwarten. Die reichen Kunden profitieren massiv. Und die Banken fahren die Immofinanzierung hoch.

These VIII: Die braven deutschen Banken machen braves Zinsgeschäft – und werden nun dafür bestraft

Kann man so sehen. Man kann aber auch (wie es der Bafin-Chef Hufeld neuerdings gern tut) fragen, ob die deutschen Banken denn an den anderen Stellschrauben kräftig genug ziehen. Beispiel:

  • Verwaltungsaufwendungen deutscher Banken in 2010: 82,2 Mrd. Euro
  • Verwaltungsaufwendungen deutscher Banken in 2017: 88,5 Mrd. Euro

Noch ein Beispiel? Wie weiter oben schon gesagt, haben die wenigsten deutschen Banken es geschafft, ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft rechtzeitig zu reduzieren.  Dabei betonen sowohl die Bundesbank (hier die entsprechende Studie) als auch die EZB (hier der letzte Financial Stability Report): Je höher der Anteil der Provisionserträge an allen Erträgen, desto sicherer und profitabler die Bank.

Wie meinte unser Gästeblogger Robert Haselsteiner neulich doch noch gleich? Vielleicht sind die deutschen Banken auch einfach zu faul für den Vertrieb. 

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Zins-Lamento: Der verräterische Satz des Christian Sewing

Von Christian Kirchner

Ach herrje, was hat sein Redenschreiber den armen Christian Sewing beim „HB“-Banken-Gipfel gestern über die niedrigen Zinsen lamentieren lassen …

  • „Gesamtwirtschaftlich wird eine weitere Zinssenkung auf dem aktuellen Niveau verpuffen“
  • „Langfristig ruinieren diese Niedrigzinsen das Finanzsystem“
  • “ Diese Zinspolitik belastet unsere Branche enorm“
  • „Allein uns als Deutsche Bank kosten die negativen Einlagenzinsen einen dreistelligen Millionenbetrag in diesem Jahr“

Doch dann sagte Sewing (laut Manuskript) plötzlich einen Satz, mit dem er alle anderen Sätze, die er zum Thema Zinsen sagte, fast schon konterkarierte:

„Wer Zugang zum billigen Geld hat, gehört potenziell zu den Gewinnern.“

Oha! Soll das etwa heißen, dass es da draußen  Banken gibt, die „potenzielle Gewinner“ sind? Nicht trotz, sondern womöglich gar wegen der niedrigen Zinsen?

Das wäre ja eine fast schon unerhörte Behauptung. Denn gehört es nicht dieser Tage (zumal beim „HB“-Banken-Dingens) zum guten Ton, die niedrigen Zinsen zur Wurzel allen Übels da draußen zu erklären?

Also, schauen wir doch einfach einmal, wie es bei Sewings eigenem Arbeitgeber, also der Deutschen Bank, ausschaut. Was war 2018 bei  Zinsüberschuss und Zinsmarge los? Was fünf Jahre zuvor (als die Niedrigstzins-Ära begann)? Und was zehn Jahre zuvor (als die EZB -Leitzinsen noch dufte bei über 4% lagen)?

Voilà:

Zinsüberschuss in Mrd. € Zinsmarge in %
2008 11,4 1,02
2013 12,8 1,31
2018 12,7 1,33

Quelle: Geschäftsberichte

Was vergessen? Ach ja, die Halbjahrszahlen 2019 sind ja auch schon da. Und da ging es mit dem Zinsüberschuss verglichen mit der identischen Vorjahresperiode um leckere 6% nach oben.

Irgendwelche Fußnoten? Ja, zwei: Natürlich beeinflussen viele Dinge die Zinsmarge, nicht nur die Höhe der Kapitalmarktzinsen. Und: es handelt sich jeweils um den Zinsüberschuss nach Risikovorsorge. Mag sein, dass die EZB-Basher lieber mit dem Zinsüberschuss vor Risikovorsorge argumentieren. Allerdings wüssten wir nicht, warum dieser Ansatz in irgendeiner Weise adäquater sein sollte.

Nun wollen wir nicht so tun, als wären die niedrigen Zinsen ein Segen für die deutsche Bankenindustrie. Klar: steigen die Zinsen in der Breite, treibt das perspektivisch die Gewinne.

Die Rolle des Zins-Stöhners allerdings verkörpert der Sparkassen-Chef Schleweis im Zweifel viel glaubhafter, als dies der Deutsche-Bank-Chef Sewing tut. Schließlich leider die Sparkassen und mit ihnen die Volksbanken ja tatsächlich unter den niedrigen Zinsen. Denn: Sie refinanzieren sich größtenteils über Einlagen. Und da ist – jedenfalls bislang – bei Null Schluss bei Privatkunden.

Wer hingegen wie die Deutsche Bank im großen Stil den Kapitalmarkt anzapft (und via Kampagnen wie dem „Zugreifzins“ Einlagen sucht und nicht etwa loswerden will); wer also „Zugang zu billigem Geld hat“, um mit Christian Sewing zu sprechen, dem kann es passieren, dass er momentan wider alle Intuition zu den „potenziellen Gewinnern“ gehört.

(Exkurs: War die Aussicht auf (noch günstigere) Refinanzierungskosten nicht einer der wichtigsten Gründe, warum die Deutsche Bank vor ein paar Monaten überhaupt überlegt hat, mit der Coba zu fusionieren? Oder ist das jetzt Geschichtsklitterung?)

Dass es die „potenziellen Gewinner“ jedenfalls gibt, das belegt eine aktuelle Berenberg-Analyse zur Deutschen Pfandbriefbank.  Darin steht, der Trend fallender Margen habe sich im zweiten Quartal „komplett gedreht“. Folge (zumal parallel die Volumina wachsen): Aufs Gesamtjahr wird der Zinsüberschuss der PBB endlich wieder steigen, glaubt Berenberg.

Eine Momentaufnahme? Mitnichten. Schon seit Jahren reagieren Banken bzw. Bankengruppen sehr unterschiedlich auf das Zinsumfeld, wie eine Betrachtung der Jahre 2013 bis 2017 auf Basis von Bundesbank-Daten zeigt (die 2018er-Zahlen liegen noch nicht vor).

Dass die  Zinsentwicklung die Banken ganz unterschiedlich „trifft“, lässt sich mit einer simplen Betrachtung der Zinsmargen in den Jahren seit Einführung der Strafzinsen auf Einlagen (2014) sowie der ersten massiven Anleihenaufkäufe (2015) beobachten:

Zinsmargen von Großbanken, Sparkassen und Genobanken 2013-2017in Prozent

Quelle: Bundesbank

Man sieht:

  • Die Zinsmargen von Sparkassen und Volksbanken fielen kontinuierlich – wiewohl ausgehend von einem seeehr kommoden Niveau.
  • Die Zinsmargen der Großbanken dagegen waren 2017 ähnlich hoch wie 2013, auch wenn die Spannen hier traditionell deutlich kleiner sind und die Großbanken natürlich auch voluminöse Bilanzen haben.

Die Musterlösung? Hätten wir einen Leitkommentar für eine Banker-Postille zu schreiben, würden wir jetzt fordern: „Refikosten runter! Und zugleich die EZB-Strafzinsen bitte streichen!“

So ähnlich hat es Christian Sewing übrigens gestern formuliert:

„Langfristig ruinieren diese Niedrigzinsen das Finanzsystem. Einzelne Nachbesserungen wie ein so genanntes Tiering-System sind notwendig, um die negativen Konsequenzen abzumildern“

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