Analyse

Acht Irrtümer über die Folgen des Zinstiefs für die Banken

5. September 2019

Von Christian Kirchner

Was sind das eigentlich für Vögel, die diesen komischen Finanz-Newsletter da machen? Kennen wochenlang kein anderes Thema als das angebliche „Zinsgemetzel“ da draußen (siehe hier, hier und hier). Und fangen auf Basis ihres angelesenen Halbwissens dann plötzlich an, irgendwas von „Zinswunder“ zu faseln, weil angeblich die Margen wieder steigen oder so ähnlich (siehe hier, hier und, gestern,  hier). Wo, bitteschön, ist denn da die klare Linie?

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Also: 1.) Wo, bitteschön, haben wir denn behauptet, wir hätten eine klare Linie? Und 2.) Hätten wir eine klare Linie, dann sähe die ungefähr so aus: Natürlich sind sinkende Zinsen tendenziell schlecht für Banken. Und natürlich hat sich die Lage in den vergangenen Monaten zugespitzt.

Zugleich allerdings hat unserem Eindruck nach speziell die Debatte um den EZB-Strafzins eine solche argumentative Eigendynamik entwickelt, dass ein paar Kontrapunkte nicht schaden können. Denn: Vieles, was da draußen momentan zum Themenkomplex „Die Banken und der Niedrigzins“ verbreitet wird, erweist sich bei näherem Hinsehen als allenfalls bedingt richtig.

Denn: Wussten Sie z.B., dass die deutschen Banken es schaffen, bereits fast jeden zweiten Euro, den sie von Firmenkunden als Sichteinlage erhalten, mit einem Strafzins zu belasten? Und dass die relativen Zinsüberschüsse seit einigen Jahren konstant sind – nachdem Sie zuvor jahrzehntelang gesunken waren?

Unsere Analyse zu acht kursierenden Thesen

These I: Früher war alles besser, auch beim Zins

In der Tat haben sich die Zinsmargen der deutschen Banken seit 1970er Jahren annähernd halbiert, grob von einst über 2% auf zuletzt noch 1%. Das liegt allerdings nicht nur am allgemeinen Zinsverfall (und flacheren Zinskurven), sondern vermutlich stärker noch am sich verändernden Wettbewerbsumfeld – siehe zum Beispiel die FMHs, die Interhyps oder die Check24s da draußen, die mit ihren Angebotsvergleichen die Margen schrumpfen lassen. Hinzu kommt: Dass die Zinsen fallen, ist ja kein ganz neues, sondern von der Grundtendenz her ein fast schon säkulares Phänomen. Trotzdem haben es viele deutsche Banken versäumt, sich vom Zinsertrag unabhängiger zu machen.

These II: Der Niedrigzins hat sich bereits tief in die Gewinn- und Verlustrechnungen der deutschen Banken hineingefressen

Nein, hat er nicht. Jedenfalls nicht bis 2017, also dem Jahr, aus dem die aktuellsten verfügbaren Bundesbank-Zahlen stammen.

Um das festzustellen, haben wir die Buba-Daten der zurückliegenden 50 Jahres rausgekramt und die Zinsüberschüsse in Relation zur Bilanzsumme gesetzt (um Volumen- bzw. Inflationseffekte zu bereinigen). Siehe da: Seit etwa 2002 halten sich die Zinsüberschüsse zwar mit leicht negativer Tendenz, aber doch einigermaßen stabil um die Marke von 100 Basispunkten – und das, obwohl die Kapitalmarktzinsen (gemessen an der Umlaufrendite, im Chart: grün) im gleichen Zeitraum brutal abgerauscht sind.

Quelle: Bundesbank

Warum das so? Drehen wir es einfach herum: weil die Welt nicht so einfach ist, wie sie Banker gerne zeichnen, wenn sie gegen den Niedrigzins wettern. Der Ökonom Kaspar Zimmermann hat sich in einer im Februar erschienenen Studie zunächst den Stand der Forschung über den Zusammenhang zwischen Zinsen und Bankgewinnen angesehen und urteilt: „Es gibt keinen Konsens in der wissenschaftlichen Literatur, welche Effekte die Zinsen auf die Profitabilität der Banken haben.“ (Lassen Sie diesen Satz einmal sacken). Und wer würde sich zutrauen, zu beurteilen, wo die Konjunktur, die Kreditnachfrage und die Kreditausfälle der Banken stünden, würde die EZB wieder positive Zinsen auf Einlagen zahlen?

Zimmermann testete darüber hinaus den Zusammenhang dann noch einmal konkret basierend auf den Daten von Banken in 17 Ländern seit 1870 und kommt zum Schluss, dass die Abhängigkeit der Bankgewinnen von Zinsänderungen um so höher ist, je höher der Anteil an Spareinlagen auf der Passivseite ist. Was dann auch erklärt, warum wir aktuell das größte Zinsgeheul aus dem Kreis der (einlagenstarken) Sparkassen hören.

These III: Die EZB-Strafzinsen belasten die deutschen Banken brutal

Ja und nein. Christian Sewing machte vorgestern die Rechnung einer dreistelligen Millionensumme für seine Deutsche Bank auf. Laut einer (auf EZB- und Barkow-Zahlen beruhenden) Erhebung von Deposit Solutions haben deutsche Banken 2018 rund 2,5 Mrd. Euro an negativen Einlagenzinsen an die EZB abgeführt; 2019 dürften Zahlungen die gleiche Größenordnung fällig werden.

Das ist nicht nichts – aber es scheint doch tragbar, gemessen am aggregierten 2017er-Überschuss der deutschen Banken, der laut Buba-Daten bei 22,3 Mrd. Euro lag.

Und was oft vergessen wird (und uns vom Ausmaß her sehr überrascht hat, als wir in die Statistiken hinabgestiegen sind): Die Banken reichen einen Teil dieser Belastung ja an die Kunden weiter. Ende 2017 (!) konnten die deutschen Geldhäuser bereits fast jeden zweiten (!) Euro, den Firmenkunden in Form von Sichteinlagen bei ihnen deponiert hatten, mit Negativzinsen belegen. Bei Privathaushalten? War es immerhin schon gut jeder zehnte.

These IV: Die Banken (das heißt: alle Banken) leiden unterm Zinstief

Mag sein. Aber bei manchen ist es (siehe auch unser „Kurz gebloggt“ zur Deutschen Bank gestern) sozusagen ein Leiden auf hohem Niveau. Denn: Gerade jene Banken, die sich vor allem über den Kapitalmarkt Geld besorgen, profitieren auch von sinkenden Refinanzierungskosten.

In Zahlen: Zwischen 2011 und 2017 sanken die Zinsaufwendungen der deutschen Großbanken um 38%, ihre Erträge aber nur um 32%. Ein nettes, kleines „Delta“. (Wobei klar ist, dass es dieses „Delta“ bei den allermeisten Sparkassen und Volksbanken nicht gibt).

These V: Die EZB-Zinspolitik bringt die Sparkassen und Genobanken in essentielle Not

Ja, die Zinsmargen von Sparkassen …

Zinsmarge aller Sparkassen in Deutschland in %
2011 2,21
2012 2,12
2013 2,10
2014 2,09
2015 2,06
2016 1,96
2017 1,87

… und Volksbanken …

Zinsmarge aller Genossenschaftsbanken in Deutschland in %
2011 2,30
2012 2,21
2013 2,25
2014 2,21
2015 2,14
2016 1,99
2017 1,90

… sinken. Aber sie tun das auf relativ hohem Niveau, gemessen an den Zinsmargen der deutschen Bankenbranche insgesamt:

Zinsmarge aller Banken in Deutschland in %
2011 1,03
2012 1,00
2013 1,02
2014 1,10
2015 1,11
2016 1,09
2017 1,04

Quelle jeweils: Bundesbank Monatsbericht September 2018

These VI. Die Filialbanken leiden so sehr unter den niedrigen Zinsen, dass sie ihre Gratiskonten abschaffen müssen – was wiederum zur Folge hat, dass die Kunden in Heerscharen zu den Direktbanken abwandern

Ach, komm. Das ist zwar eine These, die in unterschiedlichen Facetten auch dieser Tage wieder kräftig durchs Dorf getrieben wird – allerdings sollte man (oh Gott, jetzt kommen wir mit unseren Phrasen ganz schön ins Schlittern …) vielleicht auch mal die Filiale im Dorf lassen.

Also: Zwar haben es die Direktbanken mit ihren immer noch kostenlosen Girokonten zu einiger (medialer) Prominenz gebracht. Auch bei Finanz-Szene.de. Aber ein Massenzulauf ist – bislang – nicht auszumachen. Die deutsche ING führte zuletzt 2,5 Mio. Girokonten, bei der DKB waren es 3,0 Mio, bei N26 mögen’s 1,5 bis 2 Mio. sein (das Startup weist keine Zahlen für Deutschland aus), bei der Comdirect 1,6 Mio, bei Santander waren es 0,5 Mio. Girokonten, und bei der Consorsbank weiß man’s nicht (die hat zwar 1,5  Mio. Kunden, aber das werden ja beileibe nicht alles Girokunden sein).

Landet man am Ende sehr, sehr wohlwollend gerechnet vielleicht irgendwo bei 10 bis 12 Mio. kostenlosen Girokonten bei Direktbanken. Gemessen an laut Bundesbank 103 Mio. „Konten für täglich fällige Einlagen“ insgesamt. Kurz: es gibt gar keine „Gratiskultur“.

These VII. Selbst wenn die Banken mit den niedrigen Zinsen noch einigermaßen zurechtkommen – ihre Kunden (und um die geht’s den Banken ja in erster Linie) leiden ungeheuerlich.

Mal halb lang. Erstens gibt es keine validen empirischen Belege dafür, dass die Geldpolitik der EZB der Sparmotivation der (besonders deutschen) Kunden schadet. Seit 2013 ist die Sparquote sogar wieder von 8,9% auf nunmehr 10,4% gestiegen (vermutlich, weil die Sparquote ist in allererster Linie eine Funktion des Einkommens ist, nicht der Zinsen).

Und zweitens: Sooooo krass sind Zinsverluste der normalen Bürger nun auch wieder nicht. Im Schnitt liegen trotz der hohen Sparquote nämlich „nur“ 5000 Euro je Privathaushalt auf Sparkonten. Beim reichsten Zehntel sind es zwar immerhin 29.000 Euro – was aber überschaubar ist gemessen am Wert des selbstgenutzten Wohneigentums (beim reichsten Zehntel im Schnitt 340.000 Euro) und des Wertpapiervermögen (60.000 Euro).

Wer’s provokant mag, könnte die Folgen des Niedrigzinses im Banken-Kunden-Kontext so zusammenfassen: Die Durchschnittskunden hätten auch bei höheren Zinsen wenig zu erwarten. Die reichen Kunden profitieren massiv. Und die Banken fahren die Immofinanzierung hoch.

These VIII: Die braven deutschen Banken machen braves Zinsgeschäft – und werden nun dafür bestraft

Kann man so sehen. Man kann aber auch (wie es der Bafin-Chef Hufeld neuerdings gern tut) fragen, ob die deutschen Banken denn an den anderen Stellschrauben kräftig genug ziehen. Beispiel:

  • Verwaltungsaufwendungen deutscher Banken in 2010: 82,2 Mrd. Euro
  • Verwaltungsaufwendungen deutscher Banken in 2017: 88,5 Mrd. Euro

Noch ein Beispiel? Wie weiter oben schon gesagt, haben die wenigsten deutschen Banken es geschafft, ihre Abhängigkeit vom Zinsgeschäft rechtzeitig zu reduzieren.  Dabei betonen sowohl die Bundesbank (hier die entsprechende Studie) als auch die EZB (hier der letzte Financial Stability Report): Je höher der Anteil der Provisionserträge an allen Erträgen, desto sicherer und profitabler die Bank.

Wie meinte unser Gästeblogger Robert Haselsteiner neulich doch noch gleich? Vielleicht sind die deutschen Banken auch einfach zu faul für den Vertrieb. 

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