Exklusiv

Bis zu 2,3 Mio. Euro: Vergütungen bei Sparkassen explodieren

15. Juli 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Sparkassen-Vorstände in Deutschland verdienen viel, viel mehr Geld als bislang bekannt – das zeigen Recherchen des Branchen-Newsletters Finanz-Szene.de. Laut den jeweils aktuellsten verfügbaren Geschäfts- und Offenlegungsberichten* summierten sich zuletzt bei sage und schreibe mindestens 40 Sparkassen-Managern die Bezüge und Pensionsrückstellungen auf mehr als 1 Mio. Euro. Bei zwei Führungskräften der Kreissparkasse Köln und einem Vorstand der Sparkasse Duisburg waren es sogar mehr als 2 Mio. Euro. Und bei der Hamburger Sparkasse kamen gleich drei Manager auf eine Vergütung zwischen 1,5 und 2 Mio. Euro.

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Dabei dürfte die tatsächliche Zahl der Einkommens-Millionäre über die von „Finanz-Szene.de“ ermittelten Fälle sogar weit hinausgehen. Denn: Aufgrund gesetzlicher Bestimmungen lassen sich genaue Gehaltsstrukturen nur bei den Instituten in Nordrhein-Westfalen sowie bei ganz wenigen Großsparkassen nachvollziehen.

Konkret untersuchte „Finanz-Szene.de“ die Geschäfts- bzw. Offenlegungsberichte von 21 Sparkassen und stieß hierbei auf die besagten 40 Fälle (die sich wiederum auf 16 Geldhäuser verteilten; bei den fünf anderen gab es keinen Einkommens-Millionär). Zur Einordnung: Unter den untersuchten Instituten waren gerade mal vier der zehn größten bzw. lediglich acht der 20 größten deutschen Sparkassen.

Die Gehälter von Sparkassen-Vorständen sorgten in den vergangenen Jahren immer wieder für öffentliche Diskussionen, zuletzt 2016. Damals hatten das Recherche-Netzwerk „Correctiv“ und die „FAZ“ auf Basis der 2014er-Geschäftsberichte ermittelt, dass die höchsten Vorstandssaläre bei der Hamburger Sparkasse (im Schnitt 854.000 Euro), bei der Kreissparkasse Köln (704.000 Euro) und bei der Sparkasse Hannover (614.000 Euro) flössen. Auch frühere Untersuchungen hatten immer wieder nahegelegt, die Arbeit von Sparkassen-Vorständen werde zwar teilweise mit hohen sechsstelligen Beträgen vergütet – aber nicht im Millionenbereich.

Woher kommt nun die enorme Diskrepanz zwischen den Recherche-Ergebnissen von Finanz-Szene.de und früheren Erhebungen? Wir glauben, es liegt an insgesamt fünf inhaltlichen bzw. methodischen Faktoren:

  1. Die Bezüge vieler Sparkassen-Vorstände scheinen in den letzten Jahren nochmal merklich gestiegen zu sein
  2. Bei einigen wenigen Sparkassen (nämlich bei jenen, die von den Aufsehern aufgrund ihrer Bilanzsumme als „bedeutendes Institut“ eingestuft werden) finden sich in den Offenlegungsberichten Angaben, die über die Zahlen in den Geschäftsberichten hinausgehen
  3. Zumindest bei Deutschlands größter Sparkasse, nämlich der aus Hamburg, kassieren die Topmanager (wie „Finanz-Szene.de schon vor anderthalb Jahren publik machte) doppelt, nämlich einmal in ihrer Funktion als Vorstände der „Hamburger Sparkasse AG“ und zum anderen als Vorstände der „Haspa Finanzholding“. Die Gesamtvergütung ergibt sich aus den Holding-Dokumenten. Wer also allein in die Berichte der Hamburger Sparkasse AG schaut, erhält ein unvollständiges Bild
  4. Frühere Untersuchungen – so scheint uns jedenfalls – haben die Komponente „Altersvorsorge“ warum auch immer ausgeklammert
  5. Dabei wird gerade diese Komponente immer entscheidender, wenn man ermitteln will, wie hoch die Arbeit von Deutschlands Sparkassen-Managern vergütet wird. Denn: Die Pensionsrückstellungen für die Vorstände sind im Zuge des Zinstiefs geradezu explodiert. Das wiederum ist darauf zurückzuführen, dass sich die bei vielen Sparkassen bemerkenswert üppigen Pensionszusagen am Kapitalmarkt kaum mehr verdienen lassen. Folge: Die Institute müssen mehr und mehr Geld aus dem laufenden Geschäft beiseitelegen, um ihre Verpflichtungen zu erfüllen

Die Auswirkungen des ersten, vierten und fünften Faktors lassen sich beispielhaft an der Sparkasse Aachen illustrieren – nämlich indem man die Zahlen, die sich aus dem 2012er-Geschäftsbericht ergeben, einfach mal denen gegenüberstellt, die sich im 2017er-Abschluss finden:

Sparkasse Aachen: Bezüge und Pensionszuführungen für amtierende Vorstandsmitglieder im Jahr 2012:

Vorstand Bezüge Pension Summe
Herpers 577.000 € 30.000 € 607.000 €
Laufs 525.000 € 155.000 € 680.000 €
Burmester 429.000 € 335.000 € 764.000 €
Wagemann 499.000 € 119.000 € 618.000 €
Nellessen 357.000 € 46.000 € 403.000 €
Summe 2.387.000 € 685.000 € 3.072.000 €

 

Sparkasse Aachen: Bezüge und Pensionszuführungen für amtierende Vorstandsmitglieder im Jahr 2017:

Vorstand Bezüge Pension Summe
Herpers 745.000 € 859.000 € 1.604.000 €
Laufs 650.000 € 697.000 € 1.347.000 €
Burmester 620.000 € 611.000 € 1.231.000 €
Wagemann 618.000 € 478.000 € 1.096.000 €
Nellessen 466.000 € 330.000 € 796.000 €
Summe 3.099.000 € 2.975.000 € 6.074.000 €

Man sieht:

  • Faktor 1: Die Bezüge derselben fünf Vorstände haben sich von 2012 bis 2017 von 2,39 Mio. auf 3,10 Mio. Euro erhöht, ein Plus von 30%
  • Faktor 4: Hätte man die Pensionszuführungen 2012 bereits eingerechnet, wären man damals schon auf 3,07 Mio. statt auf 2,39 Mio. Euro gekommen
  • Faktor 5: Vor allem aber sind die Pensionszuführungen für dieselben fünf Vorstände zwischen 2012 und 2017 von damals 685.000 Euro auf zuletzt 2,98 Mio. Euro in die Höhe geschossen, ein unwirkliches Plus von 334%

Die Folgen dieser Entwicklung:

  • Die addierten Bezüge und Pensionszuführungen für die Vorstände der Sparkasse Aachen haben sich zwischen 2012 und 2017 glatt verdoppelt
  • Der mittlerweile pensionierte Vorstandschef Hubert Herpers kam auf 1,6 Mio. Euro, auch drei weitere Vorstände knackten die Millionenmarke

Ist die Sparkasse Aachen nun ein krasser Ausnahmefall? Mitnichten. Bei der (übrigens deutlich kleineren) Sparkasse Duisburg kamen ebenfalls vier Manager über die Millionengrenze, bei der Sparkasse Bielefeld waren es immerhin drei, bei der Haspa in Hamburg fünf und bei der Kreissparkasse Köln sogar sechs.

Hier die 16 Sparkassen und die 40 öffentlich-rechtlichen Sehr-gut-Verdiener in der Übersicht:

https://www.finanz-szene.de/banking/das-sind-die-40-einkommens-millionaere-der-sparkassen/

*Stichtag  war der 5. Juli. Die Geschäftsberichte haben wir über den elektronischen Bundesanzeiger eingesehen, die Offenlegungsberichte fanden sich auf den Websites der Sparkassen.

* Wir haben zum einen bekannten Finanzprofessor (der sich öffentlich häufig zu Vergütungsfragen äußert) und zum anderen eine auf Vergütungsfragen spezialisierte, ebenfalls bekannte Beraterfirma gefragt, ob die „Vergütung“ im Offenlegungsbericht völlig oder zumindest weitgehend identisch sei mit der Summe aus „Bezügen“ und „Pensionszuführungen“ im Geschäftsbericht. Der Professor meinte, ja, das sei so. Von der Beraterfirma kam die Antwort, nein, man könnte die Zahlen nur näherungsweise vergleichen.  

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