Commerzbank schlägt (die selbst gedrückten) Erwartungen

28. Oktober 2019

Von Christian Kirchner

Die Latte ein bisschen tiefer zu hängen, um leichter drüberspringen zu können, ist ein altbekannter Trick. Die Latte allerdings so tief zu hängen, dass man fast versäumt hätte drüberzuspringen – das ist ein Bubenstück, wie es nur einem gelingt. Nämlich unserer lieben Commerzbank.

Etwas weniger blumig: Am späten Nachmittag hat die Coba gestern per Ad-hoc die wesentlichen Kennziffern ihres Quartals-Ergebnisses (Juli bis September) vorab veröffentlicht. Und die Zahlen sind, da gibt es nichts zu deuteln, absolut betrachtet wirklich sehr ordentlich (448 Mio. operativer Gewinn, 294 Mio. Euro Nettogewinn). Noch sehr viel schmucker sehen die Zahlen freilich in der relativen Betrachtung aus, also gemessen an dem, was der Markt angeblich vorausgesagt hatte.  So heißt es gleich in der Überschrift und zu Beginn des zweiten Absatzes der Commerzbank-Mitteilung, das Ergebnis liege  „über den Erwartungen“ bezogen auf die durchschnittlichen Analysten-Schätzungen. Die indes waren erst kurz zuvor veröffentlicht worden. Es musste offenbar alles sehr schnell gehen.

Hier der entsprechende Vergleich zwischen der sogenannten Konsens-Schätzung und den tatsächlichen Zahlen für das dritte Quartal:

in Mio. Euro Konsens tatsächlich
Erträge 2.136 2.183
Kosten * Pflichtabgaben 1.645 1.621
Risikoergebnis 145 114
operativer Gewinn 353 448
operativer Gewinn Privatkunden 289 315
operativer Gewinn Firmenkunden 99 146
Nettogewinn 248 294

Eigentlich wären die Q3-Zahlen (also die tatsächlichen)  erst am 7. November fällig gewesen. Weicht das Ergebnis allerdings deutlich von den Konsens-Schätzungen ab (die die Commerzbank vergangene Woche für das Quartal eingeholt hatte), muss eine AG dies unverzüglich mitteilen – eine Pflicht, der die Commerzbank in schwierigen Zeiten gewiss gerne nachgekommen ist. Und die auch an der Börse mit einem Plus von 2,3% der Aktie honoriert wurde.

Nun mag es ein wenig haarspalterisch klingen. Aber dass die Commerzbank die Erwartungen geschlagen hat, hängt zentral damit zusammen, dass sie ebendiese Erwartungen in den vergangenen Monaten – vor allem mit der Vorstellung der Strategie „Commerzbank 5.0“ – in rekordverdächtigem Ausmaß gedrückt hatte. Allen voran Vorstandschef Martin Zielke strahlte aus, er ringe sich zu den ganzen unschönen Maßnahmen (Jobstreichungen, mBank-Verkauf,  Comdirect-Verschmelzung …) vor allem deshalb durch, weil die Zeiten nicht nur düster werden, sondern es längst schon sind.

Hat da also einer ein allzu kalkuliertes Erwartungs-Management betrieben? Finanz-Szene.de jedenfalls pflegt einen kleinen Ordner, in den wir immer brav die historischen Konsens-Schätzungen ablegen. Und darum können wir heute  kurz dokumentieren, wie sich diese Konsens-Schätzungen für das Gesamtjahr 2019 bei der Commerzbank zwischen Mai  und nunmehr Oktober verändert haben:

Schätzung für 2019 im Mai aktuell Veränderung
Erträge 8.703 8.572 -131
Kosten 6.328 6.362 34
operativer Gewinn gesamt 1.404 1.168 -236
Nettogewinn gesamt 894 776 -118
operativer Gewinn Privatkunden 887 913 26
operativer Gewinn Firmenkunden 710 352 -358

Quelle: Analysten-Konsensschätzungen laut Commerzbank-Homepage 

Kurz: Innerhalb weniger Monate sind die Erwartungen drastisch gesunken – nur damit die Commerzbank nun plötzlich verkündet: Ätsch, wie liegen ja viel besser im Rennen, als Ihr alle glaubt.

Aus den heute veröffentlichten Konsens-Schätzungen für die Jahre 2019 bis 2021 (den ersten seit Verkündung der Strategie „Commerzbank 5.0“) geht indes auch hervor, wie skeptisch Analysten nunmehr für die kommenden Jahre sind. Hier eine kleine Übersicht der Prognosen für das Jahr 2021 – wie diese im Mai und August ausgesehen haben und nun aktuell aussehen:

in Mrd. Euro Mai August aktuell
Erträge 9,2 8,9 8,0
davon Zinserträge 5,3 5,2 4,6
davon Provisionserträge 3,3 3,1 3,0
Kosten 6,1 6,2 5,9
operativer Gewinn 2,0 1,6 1,1
Nettogewinn 1,3 1,0 0,7

… was wiederum heißt: Binnen weniger Monate korrigierten Analysten ihre Ertrags-Erwartungen um 1,2 Mrd. Euro herunter, ihre Kosten-Erwartungen aber nur um 0,2 Mrd. Euro. Das damit droht, provokant formuliert, das „Deutsche-Bank-Syndrom“ der letzten vier Jahre: zwar sinken die Kosten. Aber eben nicht so schnell wie die Erträge, was den Gewinn unter Druck setzt.

Wenn jedenfalls ein Sinn der Übung der Strategie „Commerzbank 5.0“ auch war, „da draußen“ für eine Erwartungs-Reduktion zu sorgen, damit die Ergebnisse wenigstens gefühlt maximiert werden können – dann ist das der Commerzbank definitiv gelungen. Und die Grundlage ist geschaffen, es deutlich besser zu machen als in den vergangenen Jahren: Statt viel zu versprechen (hier eine Finanz-Szene.de-Übersicht der drei gescheiterten Strategien der letzten zehn Jahre) und dann wenig zu liefern, wird jetzt halt wenig versprochen – damit das mit dem Liefern nicht mehr so schwer fällt.

Die Deutsche Bank jedenfalls ist fein raus und kann ihre Ergebnisse am Mittwoch ganz entspannt präsentieren: die selbst ermittelten Analystenschätzungen zu verfehlen ist Stand Montag nicht möglich.

Es gibt einfach keine – man habe nicht genügend Schätzungen für eine aussagekräftige Durchschnittsbildung, heißt es auf der Investor-Relations-Seite der Bank.

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