Nach dem Ritchie-Aus: Der D-Day bei der Deutschen Bank

4. Juli 2019

Von Christian Kirchner

An diesem Sonntag soll der Aufsichtsrat der Deutschen Bank zusammenkommen, um über den angeblich geplanten Radikalumbau (inklusive großen Vorstands-Revirements) zu entscheiden. Die erste Nachricht ist seit Freitagmittag raus: Investmentbanking-Chef Garth Ritchie* verlässt das größte Geldhaus der Republitk. Und sonst so? Finanz-Szene.de beantwortet alle wichtigen Fragen:

Wie sieht der Plan aus, den die Deutsche Bank am Sonntag beschließen wird?

Vorab: Offiziell sagt die Bank dazu nichts. Hinauslaufen soll es im Kern aber auf ein deutliches Schrumpfen des Investmentbankings und perspektivisch den Abbau von 15.000 bis 20.000 Stellen. Wie die „Süddeutsche Zeitung“ heute Früh berichtet, soll zudem die CIB-Sparte (das Kürzel steht für Corporate & Investmentbanking) zerschlagen werden.

Konkret schreit die „SZ“ Folgendes: Erstens werde das I-Banking von der Corporate-Sparte abgetrennt. Und zweitens würden die Geschäftskunden – die bislang von der Privat- und Firmenkundenbank betreut werden – der Corporate-Sparte zugeschlagen. Was ist mir der Transaktionsbank? Die soll der neuen Corporate-Super-Einheit angehören. Das deutlich verkleinerte Investmentbanking hingegen stünde künftig allein da.

Innerhalb des I-Bankings wiederum soll – so heißt es jedenfals in den meisten Medien übereinstimmend – das Aktiengeschäft weltweit und das US-Geschäft dabei besonders stark gestutzt werden.

Und personell? Gelten abgesehen von Ritchie teilweise widersprechenden Medienberichten zufolge auch die Compliance-Chef Matherat, der CFO von Moltke, der Privatkundenchef Strauß und der „Dieser Vorstand ist mir Unbekannt“-Vorstand Steinmüller als gefährdet. Dass dieses Quartett geschlossen gehen muss, darf allerdings als ausgeschlossen gelten.

Vorstandschef Christian Sewing übrigens soll das Investmentbanking künftig in Personalunion mitführen, wie die Deutsche Bank mitteilte. Entsprechende Gerüchte gab es seit Wochen, nachdem zunächst das „Manager Magazin“ Ende Mai über die Pläne für die Doppelrolle berichtet hatte.

Was ist die zentrale Frage jetzt?

Ob die Bank um eine Kapitalerhöhung herumkommt. Denn zunächst gilt es die anfallenden Aufwendungen für eine Restrukturierung zu finanzieren – ehe dann später (so hofft die Bank) die Kosten sinken.  Faustregel: 100 bis 150 % dessen, was später mal eingespart werden könnte p.a., muss erstmal für Abfindungen, Asset-Bereinigung etc. pp. berappt werden.

Dabei gilt es zu beachten: Die Deutsche Bank verfügt über gut 10 Mrd. Euro mehr Eigenkapital, als sie regulatorisch zwingend braucht. Es gilt jedoch das stille Abkommen zwischen Aufsehern, Anleihegläubigern und Banken, dass solche „Grenzen“ besser nicht ausgetestet werden. Sprich: De facto ist der Puffer dünner, als es die gut 10 Mrd. Euro suggerieren.

Was soll der Umbaut bringen und wo will die Bank hin?

Das Kernziel lautet: Das extrem volatile Investmentbanking soll nicht länger das Ergebnis prägen – sondern das sollen die stabilen Bereiche tun (Transaktion Banking, Retail,  Firmenkunden,  Asset Management). Im Best-Case-Szenario finanziert sich dieser Umbau von selbst: Die Kosten sinken, weil defizitäre Abteilungen geschlossen werden. In der Folge steigt der Gewinn. Und weil die Bank obendrein als weniger riskant wahrgenommen wird, kann sie sich zudem günstiger refinanzieren.

Mit harten Einschnitten im Investmentbanking könnten zudem die bilanziellen Risiken sinken. Und: Beschäftigt die Bank weniger Investmentbanker, braucht sie auch weniger Boni zu zahlen. Die Kombination aus weniger Kapital, das vorgehalten werden muss und niedrigeren Kosten erlaubt rasche Kapitalrückzahlungen an Aktionäre.

Das Problem bei all diesen Planspielen: Im Banking tritt der Best Case selten ein.

Wo sind die Risiken der aktuell bekannten Pläne?

Wenn es alles so einfach und naheliegend wäre, wie gerade beschrieben, hätte die Deutsche Bank den Großumbau längst vollzogen. Hat sie aber nicht. Warum?

  1. Wenn die Bank eine Restrukturierung tatsächlich aus Bordmitteln finanzieren will, wird die Fehlermarge kleiner. Konjunkturschocks, juristischer Ärger, irgendein mittelgroßer Skandal … und schon droht wieder ein Teufelskreis aus sinkender Kreditwürdigkeit, fallendem Aktienkurs und steigenden Verlusten.
  2. Eine Restrukturierung birgt immense Ausführungsrisiken, und das über Jahre hinweg. Einfaches Beispiel: Machen’s die Mitarbeiter überhaupt mit?
  3. Der Rückzug aus großen Teilen des Aktien- und US-Geschäfts könnte andere Bereiche (Corporate Finance, deutsche IPOs) schwächen.
  4. Wie nachhaltig sind überhaupt die Erträge und Gewinne der als „sicher“ etikettierten Segmente?

Warum ist Abwarten keine Option?

Nach der geplatzten Fusion mit der Commerzbank gab es zwei Entwicklungen, die ein „Weiter so“ fast unmöglich machen. Zum einen sind die Hoffnungen auf eine baldige Zinswende verpufft – was insofern richtig wehtut, als höhere Zinsen der mit viel Liquidität (> 200 Mrd. Euro) und hohen Kundeneinlagen ausgestatteten Deutschen Bank einen risikolosen Ertragsschub bescheren würden.

Zum anderen zeichnet sich immer deutlicher ab, dass die Marktbedingungen für die Erträge im Investmentbanking immer schlechter werden. Im globalen M&A-Geschäft gingen die Umsätze aller Banken im zweiten Quartal 2019 nach einem sehr schwachen Jahresstart um 27% zum Vorjahresquartal zurück. Speziell im Kernmarkt Deutschland sind die Zahlen des ersten Halbjahres zum Gruseln: Anleihengeschäft -13%, M&A-Deals -72%, Aktienmarktgeschäft -75%, IPO-Geschäft -97%, meldet der Datendienst „Refinitiv“.

*Der Artikel wurde in der Nacht zu Freitag veröffentlicht. Wir haben ihn Freitagnachmittag nach Bekanntwerden des Ritchie-Abgangs entsprechend ergänzt.

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