Exklusiv

Das 1-Mrd.-Euro-Problem der Hamburger Sparkasse

19. Juli 2019

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Die Hamburger Sparkasse leidet offenbar seit Jahren unter einem schwerwiegenden, in seinen Ausmaßen öffentlich bislang unentdeckten Bilanz-Problem. Konkret geht es dabei um die „Rückstellungen für Pensionen“, die laut Recherchen von „Finanz-Szene.de allein in den vergangenen vier Jahren unfassbare 325 Mio. Euro verschlungen haben. Das ist mehr Geld, als die Haspa – bei der er sich um die größte deutsche Sparkasse handelt – trotz exzellenter Zinsergebnisse und niedrigster Kreditausfälle im gleichen Zeitraum an kumulierten Gewinnen erwirtschaften konnte.

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Alles in allem summieren sich die Pensions-Rückstellungen der Haspa laut öffentlich einsehbaren Geschäftsberichten mittlerweile auf rund 1 Mrd. Euro (um genau zu sein: Laut Abschluss der Hamburger Sparkasse AG sind es 944 Mio. Euro, laut Konzernabschluss der darüber hängenden Haspa Finanzholding liegt der Wert bei 1.069 Mio. Euro). Das ist ein Vielfaches dessen, was andere große Sparkassen für die Altersvorsorge ihrer zurückgelegt haben. In München zum Beispiel waren es (auf Basis der jüngsten einsehbaren Abschlüsse) zuletzt 209 Mio. Euro, in Frankfurt 132 Mio. Euro, bei der Sparkasse KölnBonn 75 Mio. Euro und bei der Kreissparkasse Köln 114 Mio. Euro.

Die Haspa nimmt für sich in Anspruch, mit ihren Pensionslasten „transparent“ umzugehen, da diese im Geschäftsbericht ausgewiesen würden. Auch habe Vorstandschef Harald Vogelsang die Auswirkung der Niedrigzinsphase auf die Pensionsrückstellungen bei den Jahres-PKs „wiederholt ausführlich und sehr transparent“ dargestellt. Ob die interessierte Öffentlichkeit von der 1-Mrd.-Euro-Bürde aber wirklich weiß, darf bezweifelt werden. Ein Beispiel: In der vierseitigen, eng beschriebenen Pressemitteilung, die die Hamburger Sparkasse Ende Februar zu ihren 2018er-Zahlen an Journalisten verschickte („Haspa macht sich fit für die Zukunft“), tauchte das Stichwort „Pensionen“ an keiner Stelle auf. Stattdessen wurde der Rückgang des Jahresüberschusses eher allgemein mit „außerordentlichen Belastungen der Niedrigzinsphase“, „hohen regulatorischen Aufwänden“,  „erheblichen Volatilitäten an den Kapitalmärkten“ sowie mit „Investitionen“ begründet.

In einem Interview mit der „Welt“ in diesem Februar wurde Haspa-Chef Harald Vogelsang sogar explizit gefragt, warum das Jahresergebnis denn gesunken sei, wo die Entwicklung doch immer so positiv dargestellt werde. Hierauf gab Vogelsang zwar eine ausführliche Antwort (200 Mio. Euro für Investitionen, 145 Mio. Euro für die IT-Migration etc. pp), über die Pensionen verlor er aber auch hier: kein Wort.

Fairerweise: Als Finanz-Szene.de (siehe unser Stück: „Der Kosten-Wahnsinn bei der Hamburger Sparkasse„) neulich nachfragte, ob die enormen „sonstigen betrieblichen Aufwendungen“ denn auch mit Pensionszusagen zusammenhängen, wurde dies von einem Haspa-Sprecher eindeutig bejaht. Da waren wir es dann, die zu diesem Zeitpunkt zu blöd waren, die wahren Ausmaße des Problems zu erkennen (bzw. im Geschäftsbericht an den richtigen Stellen nachzusehen).

Tatsächlich dürften die Pensionslasten der wesentliche Grund sein, warum die Haspa trotz einzigartiger Rahmenbedingungen (eine extrem starke Marktposition in einer boomenden Stadt) schon seit Jahren nur noch mickrige Ergebnisse erwirtschaftet. 2018 betrug der Jahresüberschuss 70 Mio. Euro – was 0,16 % der Bilanzsummen entsprach. Zum Vergleich: In den frühen Nullerjahren hatte die Hamburger Sparkasse trotz damals deutlich kleiner Bilanzsumme noch regelmäßig Überschüsse von 140 Mio. Euro und mehr erwirtschaftet.

Wie sehr die Zuführungen zu den Pensionen den Überschuss inzwischen belasten, zeigt sich, wenn man die Entwicklung der beiden Kenngrößen direkt miteinander vergleicht. Damit’s nicht zu unübersichtlich wird, haben wir uns auf die Geschäftsjahre 2006, 2009, 2012, 2015 und 2018 beschränkt (übrigens: Dass, wie und warum die Haspa immer aalglatte Gewinne ausweist, wäre mal eine Geschichte für sich wert).

Jahresüberschuss Veränderung der Pensions-Rückstellungen
2006 145 Mio. € 1 Mio. €
2009 60 Mio. € 3 Mio. €
2012 75 Mio. € 37 Mio. €
2015 80 Mio. € 109 Mio. €
2018 70 Mio. € 87 Mio. €

Was ebenfalls auffällt: Während Sparkassen und Volksbanken normalerweise bemüht sind, wann immer es geht, Reserven gemäß 340g HGB zu bilden („Fonds für allgemeine Bankrisiken“), hat die Haspa der Schlechtwetter-Rücklage seit 2015 überhaupt kein Geld mehr zugeführt.*

Zuführung zu 340g Veränderung der Pensions-Rückstellungen
2015 0 109 Mio. €
2016 0 72 Mio. €
2017 0 57 Mio. €
2018 0 87 Mio. €

Haben die hohen Pensionslasten womöglich verhindert, dass die Haspa in den letzten Jahren Reserven hätte bilden können, die angesichts des sich abzeichnenden Zinstiefs nochmal wichtig werden können?

Eine Sprecherin weist das auf Anfrage klar zurück: „Angesichts der sich aus Basel III abzeichnenden Anforderungen sowie des Wachstums im Kundengeschäft haben wir das Eigenkapital der Haspa in den vergangenen Jahren planmäßig weiter erhöht. Zum Ende des Jahres 2018 lag dieses bei rund 2,73 Mrd. Euro und der Fonds für allgemeine Bankrisiken, welcher aufsichtsrechtlich dem harten Kernkapital zugeordnet wird, bei 0,7 Mrd. Euro. Damit verfügt die Haspa über eine gute Eigenkapitalausstattung. “

Mit Blick auf die Zukunft stellen sich aus Sicht von „Finanz-Szene.de“ zwei wesentliche Fragen. Die erste lautet:

1.) Hat nur die Haspa das Problem – oder haben es andere Sparkassen auch, nur dass man es dort nicht so gut sieht?

Wer unsere Berichterstattung zu den explodierenden Vergütungen von Sparkassen-Vorständen verfolgt hat (siehe hier und hier), der weiß, dass es für die steigenden Pensionslasten grosso modo zwei Erklärungen gibt: a) Üppige Zusagen. Und b) Das Zinstief, das dazu führt, dass sich die Anlagen für die Pensionäre am Kapitalmarkt immer schlechter verzinsen – und entsprechend mehr Geld aus den GuV abgezwackt werden muss, um die Zusagen zu erfüllen.

Bei den meisten von Finanz-Szene.de in den letzten Wochen untersuchten Sparkasse ist es nun aber so, dass der weit überwiegende Teil der Pensions-Rückstellungen dazu dient, den Vorständen und Ex-Vorständen ein sorgenarmes Alter zu ermöglichen. Ein gutes und einigermaßen repräsentatives Beispiel hierfür ist die Sparkasse KölnBonn. Bei der belaufen sich allein die Rückstellungen für ehemalige Mitglieder des Vorstands und deren Hinterbliebenen auf sage und schreibe 52 Mio. Euro. Allerdings: Da kommt dann eben auch nicht mehr viel anderes dazu, denn die gesamten Pensions-Rückstellungen betragen (siehe oben) nur rund 75 Mio. Euro.

Bei der Hamburger Sparkasse indes stellen sich die Dinge bilanziell völlig anders dar. Die Pensionslasten sind dort so krass, dass neben den Vorständen auch ein markanter Anteil der übrigen Belegschaft pensionsberechtigt sein muss – anders ließe sich die Summe von 1 Mrd. Euro nicht erklären.

Ist die Haspa also ein völliger Sonderfall? Ehrlich gesagt stehen wir, was diesen Punkt betrifft, mit unserer Recherche erst am Anfang. Die Hamburger Sparkasse allerdings deutet in ihrer Stellungnahme an, dass sie mit dem Problem nicht alleine stehe:

„Im Gegensatz zu anderen Sparkassen nehmen wir [die Pensionsrückstellungen] direkt auf die eigenen Bücher, während einige andere Unternehmen diese z.B. in weiten Teilen ausgelagert haben und nicht mehr in der eigenen Bilanz ausweisen. „

Klar: Die Haspa weist ihre Rückstellungen transparent aus. Das bedeutet auch, dass die Öffentlichkeit über die Bilanz über die tatsächliche Höhen sensibilisiert werden. Das macht den Fall dann indes noch interessanter. Denn wie eine „normale“ Sparkasse ohne die besonderen Standortvorteile der Haspa eine solche Bürde stemmen soll – das ist zumindest uns unklar. Denn dass Lasten und Rückstellungen ausgelagert werden, bedeutet schließlich nicht, dass die Ansprüche verschwinden.

Womit wir bei der zweiten Frage wären:

2.) Falls das Zinstief anhält, wofür ja alles spricht – muss die Haspa den Pensions-Rückstellungen in den nächsten Jahren dann ähnliche Beträge zuführen wie in den letzten Jahren?

Bei allem, was man an der Haspa kritisieren mag (hohe Kosten, Missmanagement in IT-Fragen, üppigstes Vorstandsgehälter …) – ein Ertragsproblem scheint sie bislang nicht zu haben. 2018 war der Zinsüberschuss sogar höher als 2014, während er beispielsweise bei der Sparkasse KölnBonn im gleichen Zeitraum um fast ein Fünftel gesunken ist. Was aber wird passieren, wenn sich das Zinstief in den nächsten Jahren dann doch mal in die Erträge fressen wird – kann die Haspa ihre Pensionslasten dann überhaupt noch stemmen?

Die Haspa teilt hierzu mit:

„Solange die Niedrigzinsphase anhält, stellen die Pensionsrückstellungen naturgemäß eine hohe Belastung dar, die die Haspa jedoch tragen kann und wird. Wenn die Zinsen wieder steigen, wird dies zu einer spürbaren Entlastung führen.“

Der Jahresabschluss, der dem Pensionsproblem mittlerweile eine Art Sonderbericht widmet („Besonders wichtige Prüfsachverhalte“) indes zeigt, dass die Zeiten zumindest nicht besser werden:

„Das Betriebsergebnis vor Bewertung“ – also die entscheidende Steuerungsgröße im Sparkassensektor – „erwarten wir auf Basis der dargestellten Planungen deutlich niedriger als im Jahr 2018.“

—-

*Intime Haspa-Kenner werden wissen, dass die Hamburger Sparkasse AG ihre 340g-Reserve 2014 um 200 Mio. Euro aufgestockt hat. Dabei allerdings handelte es sich, soweit wir wissen, um die Umwandlung stiller Reserven. Heißt: Auch das Geld kam nicht aus dem aktuellen Ergebnis.

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