Analyse

Wie Deutschlands Banken trotz Zinsrutsch ihre Margen ausbauen

21. August 2019

Von Christian Kirchner

Warum die deutschen Banken in immer größere Ertrags-Schwierigkeiten schlittern, war bei Finanz-Szene.de schon Gegenstand vieler Analysen – und alle liefen sie im Kern auf drei Punkte hinaus: 1.) Das Provisionsgeschäft wächst zu langsam, weil die Kunden preissensibel und wertpapierscheu sind. 2.) Das Zinsgeschäft leidet unter den sinkenden Zinsen, zumal die Banken nicht wissen, wohin mit den vielen Einlagen. 3.) Hinzu gesellt sich nun auch noch die Sorge, dass Kreditausfälle aufgrund der immer schwächeren Konjunktur die Ergebnisse belasten.

So weit, so bekannt. Scheinbar. Denn zumindest „Punkt 2“, das Zinsgeschäft, bedarf neuerdings einer näheren Prüfung. So fiel uns schon bei der Durchsicht der Halbjahreszahlen von Deutscher Bank und Commerzbank auf, dass die Zinsüberschüsse trotz rückläufiger Zinsen nicht etwa gefallen sind, sondern: gestiegen Und zwar um je rund 8% zum Vorjahreshalbjahr! Warum? Die Begründungen der Institute fielen ein bisschen nebulös aus, ließen sich am Ende aber vor allem so verstehen, dass es an den steigenden Volumina liege.

Doch tut es das wirklich?

Nicht ganz. Denn wie neue Analysen von Finanz-Szene.de vermuten lassen, gibt es neben den Volumina einen weiteren, vermutlich sogar deutlich relevanteren Faktor, warum Deutschlands Banken ihren Ertragsverfall im Zinsgeschäft zumindest für den Moment gestoppt haben: gestiegene Margen. Oder um genau zu sein: krass gestiegene Margen.

Egal ob Firmen-, Immobilien- oder Ratenkredite: Deutschlands Banken haben den jüngsten Zinsrutsch am Kapitalmarkt offenbar genutzt, um ihre angepeilten Zinsmargen markant auszuweiten. Mit anderen Worten: Die Institute geben den deutlichen Zinsrückgang auf der Passivseite trotz des angeblich so harten Wettbewerbs nur bedingt an ihre Kunden weiter. (Klar: wie die Zinsmarge tatsächlich ausfällt, weiß man erst hinterher, denn dafür gibt es mehr Variablen als nur das Neugeschäft – etwa auslaufende Kredite und wie viele ihre „alten“ Kredite nachverhandeln – das Neugeschäft gibt dennoch hier die grobe Richtung vor.)

Kommen wir nun zu den Daten – und blicken zunächst auf die Renditedifferenz zwischen 10-jährigen Bundesanleihen und dem durchschnittlichen effektiven Zinssatz für Immobilienkredite mit 10-jähriger Zinsbindung. Bezug ist jeweils das Neugeschäft. Die Differenz gibt einen Hinweis darauf, wie viel Geld die Banken in der Baufinanzierung über die Zinsseite verdienen können. Denn die Refikosten orientieren sich üblicherweise am Renditeniveau des Kapitalmarkts zuzüglich eines individuellen Aufschlag je nach Risikoprofil des Instituts.

Hier zunächst die Entwicklung zwischen September 2016 und September 2018 …

Quelle: FMH Finanzberatung

Man sieht – dass man nichts sieht: Die Renditedifferenz pendelt mit kleinen Ausreißern in einem engen Band von gerade einmal 20 Basispunkten. Die Banken stellen den Kunden also stets einen ähnlichen Aufschlag für ihre Kosten, ihr Risiko und natürlich ihren Gewinn auf ihre eigenen Refinanzierungskosten. Dabei fluktuierte die Rendite der 10jährigen Bundesanleihen durchaus markant um über einen Prozentpunkt.

Betrachten wir nun jedoch, was seit Herbst 2018 passiert ist:

Quelle: FMH Finanzberatung

Man sieht: Die Banken ihre angepeilten Zinsmargen bei Immobilienkrediten deutlich ausgeweitet. So sanken die Renditen 10-jähriger Bundesanleihen (im Folgenden die „Zins-Benchmark“) seit Herbst um rund 1,2 Prozentpunkte, die Zinsen bei 10-jährigen Baufinanzierungen aber nur um rund 0,6 Prozentpunkte.

Ein Immobilienphänomen? Mitnichten. Die MFI-Zinsstatistik der Bundesbank stützt den Befund auch für (neue) Kredite an Privathaushalte generell, einem Markt mit rund 1,1 Billionen Euro Volumen:

Renditedifferenz 10jährige Bundesanleihen / effektive Zinsen neuer Kredite an private Haushalte

Quelle: Bundesbank (aktuelle Zahlen noch nicht verfügbar)

Genauso stellt sich die Lage bei Konsumentenkrediten dar, Bezug auch hier das Neugeschäft

Renditedifferenz 10jährige Bundesanleihen / effektive Zinsen neuer Konsumentenkredite

Quelle: Bundesbank

Und nichts anderes ist es bei Krediten an Unternehmen und Privatpersonen insgesamt:

Renditedifferenz 10jährige Bundesanleihen / effektive Zinsen neuer Kredite an nicht-monetäre Institutionen

Quelle: Bundesbank

Nun lassen sich diese ausgeweiteten Margen zumindest in Teilen auch mit der Risikoeinschätzung erklären. Genauer wäre zudem: wir beobachten den Versuch, die Margen auszuweiten, da bei Krediten bekanntlich erst „zum Schluss“ abgerechnet wird, sprich: Stimmt das Ergebnis auch nach möglichen Ausfällen und nach der Risikovorsorge? Und: wir beobachten hier das Neugeschäft; von Bedeutung für die Zinsmarge ist auch, wie sich die Dinge in bestehenden Kreditbüchern entwickeln und wie genau die ausgereichten Kredite refinanziert sind.

Trotzdem passen die angepeilten Margen nicht wirklich zum Gejammer der Banken in den EZB-Zinsbefragungen, in denen stets zu Ausdruck kommt, wie sehr die Margen (angeblich) unter Druck stehen und wie immens (angeblich) der Wettbewerbsdruck ist.

Freilich drängt sich noch eine andere Lesart auf: Bleibt den Banken am Ende gar nichts anderes übrig, als die Margen im Kreditgeschäft auszuweiten – weil nämlich im Einlagengeschäft nicht nur nichts mehr zu verdienen ist, sondern die Banken von den Privathaushalten mittlerweile mit einem höheren einstelligen Milliardenbetrag monatlich zugeschüttet werden?

Naja, könnte man so sehen. Andererseits: Die EZB-Einlagenzinsen wie auch die Geldmarktzinsen liegen schon nicht erst seit ein paar Wochen, sondern mittlerweile rund drei Jahren mehr oder weniger minus 0,4 Prozent. Verschlimmert hat sich die Lage hier zuletzt nicht mehr. Im Gegenteil: Denn bei Tages- und Festgeld sowie im Einlagengeschäft generell gleiten die Zinsen der Nulllinie entgegen.

Durchschnittsverzinsung beim Neugeschäft

Quelle: FMH Finanzberatung, Bundesbank

Eine kleine anekdotische Evidenz zur Lage: Als Finanz-Szene.de zuletzt diverse Banken befragte, ob sie denn mit negativen Immobilienzinsen rechnen (ein Leser wies uns übrigens darauf hin, bereits eine Finanzierung zu 0,03% effektiven Jahreszins bei einer Direktbank gesehen zu haben), gaben sich zumindest zwei Institute erstaunlich selbstbewusst, die „Nulllinie“ verteidigen zu können, selbst wenn der Zinsrutsch weiter gehe.

Der Grund für den  Optimismus? Liegt womöglich in den obigen Charts: Zwar gibt es viel Gezeter über drohende Strafzinsen. Die höheren Zinsmargen konnten Banken indes ohne großes Aufhebens durchsetzen. Wettbewerb hin oder her.

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