Analyse

Der Zinsschock – oder: Warum fusionieren Deutsche Bank und Commerzbank wirklich?

2. April 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Warum sollen Deutsche Bank und Commerzbank nochmal fusionieren (und das auch noch so plötzlich)? So genau weiß das niemand – an Begründungen mangelt es trotzdem nicht. Mal werden die Refiprobleme der Blaubank angeführt. Dann deren Ertragsschwäche im I-Banking. Beliebt ist immer auch die Erzählung von den viel zu hohen Kosten. Und dann gibt es natürlich die, die behaupten, Deutsche und Coba müssten zusammengehen, weil „Berlin“ das so will.

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Frage: Dürfen wir von „Finanz-Szene.de“ Ihnen heute mal mit einer ganz anderen Theorie kommen? Denn: Liegt’s am Ende ganz schlicht an den Zinsen? Genauer gesagt: Erstens am Zins-GÄUchen (alles, was bis Herbst 2018 passiert ist). Und zweitens am Zins-GAU (alles was seitdem passiert ist und in der Debatte der vergangenen Wochen seltsamerweise kaum eine Rolle spielt?). Unsere Analyse:

Das Zins-GÄUchen

30. August 2017: Die Bundesbank hat eingeladen, um den versammelten Finanzjournalisten ihre „Niedrigzinumfrage unter deutschen Banken“ (befragt: 1.555 und mithin 88 Prozent aller deutschen Institute) zu präsentieren – und überrascht mit einem verblüffenden Ergebnis: Ja, die niedrigen Zinsen seien zwar irgendwie natürlich nicht schön. Laut Umfrage allerdings werde es der deutschen Kreditwirtschaft gelingen, den Rückgang des Zinsergebnisses im betrachteten Zeitraum (2016-2021) größtenteils durch ein stärkeres Provisionsergebnis zu kompensieren!

Die Buba wäre nicht die Buba, hätte sie die These an jenem denkwürdigen Augusttag nicht auch ganz genau quantifiziert:

  • Die Gesamtkapitalrentabilität werde über das Zinsergebnis um 0,27 Prozentpunkte sinken
  • … zugleich aber über das Provisionsergebnis um 0,24 Punkte steigen.

Potztausend („Potztausend“ ist übrigens die neue Lieblingsvokabel von „Finanz-Szene.de“), und schon verteidigen Deutschlands knorrige Banken eine Gesamtkapitalrendite – also der Überschuss in Relation zur Bilanzsumme – von unter dem Strich 0,43 Prozent.

Was bedeutet das nun? Das bedeutet, dass der Anteil der Provisionen am traditionell extrem zinslastigen Ertragsmix der hiesigen Geldinstitute von 2016 bis 2021 dramatisch zunehmen sollte. Doch kann man davon, nun, da gemessen am von der Bundesbank abgefragten Zeitraum immerhin schon mal Halbzeit ist (2016-2018), irgendwas sehen?

2016 2017 2018
Sparkassen 76% 74% 73%
VR-Banken 78% 77% 76%
Deutsche Bank 51% 48% 53%
Dt. Bank PK+FK 56% 58% 60%
Commerzbank 54% 47% 56%
Coba PK+FK 51% 49% 54%

Die Prozentwerte drücken den Anteil des Zinsergebnisses am addierten Provisions- und Zinsergebnisses (im Falle der Sparkassen und Genos) bzw. an den Gesamterträgen (im Falle der Deutschen Bank und der Commerzbank) aus. Conclusio: Während die Zinsabhängigkeit der Sparkassen und Volksbanken seit 2016 zumindest leicht zurückgegangen, aber immer noch sehr hoch ist, leben die beiden Frankfurter Großbanken (und zwar auch und gerade in ihrem Privat- und Firmenkundengeschäft)  auf dem Weg nach unten bei den Erträgen insgesamt heute sogar stärker von ihren Zinsüberschüssen, als das 2016 der Fall war. Denn: Die Gesamterträge der Gelbbank sind in diesem Zeitraum um rund 9% gesunken, bei der Blaubank waren es sogar rund 14%.

Zusammengefasst: Im Falle von Deutscher Bank und Commerzbank hat sich die Prognose der Bundesbank nicht nur nicht bewahrheitet – sondern eingetreten ist das glatte Gegenteil. Und während Banker, Aufseher, Wissenschaftler und (wir) Journalisten den Themenkomplex „Banken/Zinsen“ seit ein, zwei Jahren eigentlich nur noch unter dem Aspekt „Was passiert eigentlich, wenn die Zinswende kommt?“ beleuchten (siehe die per se sehr lesenwerte Megaserie in der „Börsen-Zeitung“ neulich) … hat die Wirklichkeit die öffentliche Debatte längst konterkariert. Das Zins-GÄUchen mündete nämlich nicht in der Zinswende. Sondern sie mündete: im Zins-GAU.

Der Zins-GAU

Wie viel Liquidität schob die Deutsche Bank per Ende 2018 nochmal vor sich her? Ach ja, 259 Mrd. Euro – ein Drittel mehr als ein Jahr zuvor. Klingt wie eine gute Nachricht. Aber ist es das, wenn man mal betrachtet, was sich seit Herbst an der Zinsfront abspielt?

Das absolute Zinsniveau: Die kurzfristigen Zinsen kleben bei minus 0,37%, also praktisch auf dem Niveau der EZB-Einlagenzinses von minus 0,4%. Das schmerzt speziell die deutschen Banken, die (weil ihr Kunden nicht anlegen, sondern sparen) momentan auf einem hohen dreistelligen Milliardenbetrag an Überschussliquidität sitzen. Was die Sache noch schlimmer macht, ist die jüngste Entwicklung bei den langfristigen Zinsen: Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit rentierten im Oktober noch bei plus 0,4% – jetzt sind es minus 0,1%. Gut vier Fünftel aller ausstehenden Bundesanleihen haben damit jetzt einen eingebauten „Strafzins“ für ihre neuen Käufer.

Die Inflationserwartungen: Der wichtigste Teuerungs-Indikator die EZB sind  klassischerweise die (auch wenn’s ein bisschen überkomplex klingt) die „Inflationserwartungen für die jährliche Inflation in fünf Jahren für die darauffolgenden fünf Jahre“. Noch im Oktober lag dieser Schlüsselwert bei 1,7%. Und jetzt? Sind es nur noch 1,3%. Das bedeutet: Der Spielraum für die von den deutschen Banken so sehnsüchtig erhoffte Zinswende hat sich in den letzten Monaten dramatisch verengt. Die Notenbank hat überhaupt keinen Druck, Leitzinsen anzuheben – und das womöglich über Jahre.

Inflationserwartungen (5Year/5Year Swap, Inflation in fünf Jahren für die folgenden fünf Jahre)

 

Die Zinskurve: Was den deutschen Banken (und also auch: der Deutschen Bank und der Commerzbank) vermutlich am meisten wehtut, das ist die drastische Veränderung der Zinskurve in den vergangenen Monaten. Denn lag die Differenz zwischen zehnjährigen und dreimonatigen Bundesanleihen vor einem halben Jahr noch bei 1,2 Prozentpunkten – so sind es jetzt nur noch 0,4 Punkte. Das Thema Fristentransformation ist damit bis auf Weiteres tot.

Auch hierzu eine Grafik:

Die Zinsmargen deutscher Banken für Immobilienkredite und alle Kredite und die Zinskurve (01/2003 bis 04/2019)

Sie zeigt: Die Zinsmarge der deutschen Banken hängt seit vielen Jahren aufs engste mit dem Verlauf besagter Zinskurve zusammenhängen. Für die hiesige Kreditwirtschaft bahnt sich damit das nächste Drama an. Um das zu erkennen, braucht man grafisch nur mal auf die zurückliegenden Wochen zu schauen, also das jüngste „Zucken“ der roten Linie in der obigen 15-Jahres-Grafik nach unten.

Zoomen wir also in die vergangenen Wochen, um das Ausmaß zu erkennen.

Zinsdifferenz zwischen 10jährigen und dreimonatigen Bundesanleihen, in Prozentpunkten

Klar: Korrelation ist was anderes als Kausalität. Und sinkende Zinsen helfen Banken an anderen Fronten. Aber interessant ist ja trotzdem, dass die Gerüchte um eine Fusion zwischen Deutscher Bank und Commerzbank just ab Dezember immer lauter wurden, als die Zinskurve quasi täglich flacher wurde und damit die „sicheren“ Ertragsquellen immer fraglicher wurden.

Jedenfalls, wenn wir Sie zum Ende unsere kleinen Analyse noch mit einer letzten Grafik behelligen dürfen: Was passiert eigentlich, wenn man den Zinskurven-Chart mal über die letzten drei Jahre gegen die Aktiencharts von Deutscher Bank und Commerzbank schneidet?

Urteilen Sie selbst.

Zinsdifferenz von Bundesanleihen und der kumulierte Börsenwert von Commerzbank und Deutscher Bank

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