Kurz gebloggt

Deutsche Bank: Das Phantom-Votum für Paul Achleitner

21. Mai 2019

Von Christian Kirchner

In 19 von 28 EU-Ländern ist die Veröffentlichung von Wahlprognosen unmittelbar vor (politischen) Wahlen verboten. In Deutschland unterliegen zumindest die öffentlich-rechtlichen Sender einer freiwilligen Selbstbeschränkung.

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Und das aus gutem Grund. Schließlich können Prognosen über den (wahrscheinlichen) Ausgang einer Wahl das Wahlverhalten beeinflussen: Menschen stimmen nämlich ganz gerne mit dem erwarteten Gewinner. Und wenn sie das Gefühl haben, ihre Stimmabgabe lohne ohnehin nicht, weil der Sieger angeblich schon feststeht, gehen sie vielleicht gar nicht erst zur Wahl – der Sieg Donald Trumps gegen die „Hat-ja-eh-gewonnen“-Hillary-Clinton 2016 lässt grüßen.

Man sollte das – natürlich nicht im juristischen, aber doch im kommunikativ-strategischen Sinne – im Hinterkopf haben, wenn man in diesen Tagen liest, die wichtigste Abstimmung auf der Deutsche-Bank-HV am morgigen Donnerstag sei im Grunde genommen schon entschieden. Nämlich  die über die Entlastung von Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Und zwar entschieden insofern, als dass „PA“ die über 50% bei der Entlastung schon sicher habe. So stand es sinngemäß am Sonntag in der „FAS“. So stand es gestern auf „Handelsblatt Online“.  Und so bestätigen das die berühmten „Finanzkreise“ auch gegenüber Finanz-Szene.de.

Plausibel ist das ganze allemal. Und setzt obendrein schon mal einen niedrigen Anker. Zwar machen Aktionärsberater öffentlich Stunk. Aber wie die Abstimmungsergebnisse ausfallen, das entscheiden letztlich …

  • der US-Fondsriese Blackrock (rund 5% Aktienanteil),
  • die inzwischen etwas klammen Chinesen von HNA (ebenfalls rund 5%),
  • der US-Finanzinvestor Cerberus (rund 3%),
  • die Investoren aus Qatar (6%) und
  • der Hedgefonds Hudson Executive (3%)

… und zwar entscheiden sie das notfalls auch gegen die moppernden Rebellen.

Die Großaktionäre halten zusammen also  mindestens 22% der stimmberechtigten Aktien. In der Regel konferieren sie in den Wochen vor der Hauptversammlung mit dem Aufsichtsratschef – und dürften entsprechend ihre Entscheidung (pro Achleitner) längst gefällt haben.

Nun aber zur mathematischen Einordnung:  In den Jahren 2014 bis 2018 betrug die Präsenzquote bei der Deutschen Bank-Hauptversammlung zwischen 30% und 43%.

Präsenzquote und Abstimmungsverhalten bei Entlastung Achleitner (einzeln) oder Aufsichtsrat

Quelle: DB Homepage

Das heißt: Es bräuchte vermutlich nicht einmal eine „geschlossene Reihe“ der Großanleger von in toto 22% der Stimmen, um Paul Achleitner mehrheitlich zu entlasten und so eine Blamage zu ersparen. Selbst die Fondsgesellschaft Union Investment (0,4% der Stimmen) kündigte bereits ihre Unterstützung Achleitners an. Zumal die meisten Aktionäre nicht auch noch einen wackelnden Großaktionär wollen, wo die Bank schon genug zu kämpfen hat mit Reputation und Ertragskraft.

Die Chancen stehen daher gut für Paul Achleitner, die Prüfung am Donnerstag auch ohne den kommunikativen „Die Sache ist eh‘ klar“-Spin zu bestehen.  Was erst Recht für den Fall gilt, dass er – wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet – auf Wunsch einiger Investoren dann doch zumindest vor Vertragsende 2022 Platz machen könnte.

Die Chancen stehen damit auch gut für die ganze Bank, dass zwar viele (womöglich auch ein wenig sensationslüstern) auf ein „Scherbengericht“ in der Festhalle warten. Aber dass es am Ende wieder die gleiche, geradezu folkloristische Vorstellung gibt, in der am Rednerpult letztlich nur ein paar minder wichtige Kritiker über das Missverhältnis von Boni und Aktienkurs wettern.

Und wenn Sie nun fragen, ob eine Zielmarke von 50% nicht ohnehin sehr niedrig gesetzt ist: 2015 saß der damalige Co-Chef Anshu Jain vor der HV scheinbar fest im Sattel – doch dann stimmten nur 61% der Aktionäre für eine Entlastung des Vorstands, 39% dagegen. Das reichte für eine Rasur: Nicht nur, aber auch wegen dieses Ergebnisses war Jain drei Wochen später (von Achleitner) später gefeuert. Insofern könnte es sich bei den 50% um cleveres Erwartungsmanagement handeln. Denn käme Achleitner auf jene 61%, die Jain einst zum Verhängnis wurden – dann könnte man das beinahe schon als Triumph verkaufen.

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