Analyse

Deutsche Bank sucht Lösung für Milliardengeschäft mit Zertifikaten

11. Juli 2019

Von Christian Kirchner

Es gehört zu den skurrilen Zufällen, dass gerade erst vor neun Monaten zum letzten Mal die Abrissbirne gegen das 1971 errichtete Hochhaus namens „Deutsche Bank Investment Banking Center“ donnerte, das jahrzehntelang die Handelsabteilung der Blaubank beherbergt hat.

Jetzt, im Sommer 2019, sitzen die Blaubank-Trader in fast neuen Räumen schräg gegenüber der „Zwillingstürme“ in der Mainzer Landstraße. Unter sechs Bildschirmen pro Arbeitsplatz geht nichts, schalldämpfender Boden, von außen Sichtschutz, alles perfekt klimatisiert.

Wie genau es nun in den Handelsräumen weitergeht – das wissen die Trader aktuell selbst nicht genau. Denn die Abrissbirne schwingt nun auch Deutsche-Bank-CEO Christian Sewing. Wo genau sie einschlägt? Wer weiß das schon. Die deutsche Sozialgesetzgebung ist eine andere als in London oder New York. Zu vage ist noch die genaue Ausgestaltung der größten Restrukturierung in der Geschichte der Bank. Schlecht für Mitarbeiter.

Der Abstieg der Deutschen Bank…

Konkret sind auch die Herausforderungen, die mit dem Umbau für zehntausende Anleger einher gehen, die ihr Geld in Deutsche-Bank-Produkten angelegt haben: Was ist etwa mit der hauseigenen Zertifikateabteilung, einst stolzer deutscher Marktführer, in die Anleger immer noch rund rund 6 Mrd. Euro angelegt haben? Das entspricht immerhin annähernd dem Börsenwert einer ganzen Lufthansa oder ThyssenKrupp.

Am Montag schrieb die „Börsen-Zeitung“, die Abteilung stünde womöglich zum Verkauf, Neuemissionen würden eingestellt. Was nach Abwicklung klang. Dass das Neugeschäft eingestellt werde, dementiert nun die Bank auf Nachfrage von Finanz-Szene.de. 500 Produkte habe man alleine gestern emittiert. Zu den Verkaufsüberlegungen gebe es „kein Kommentar“. Aber in jedem Fall komme man allen vertraglichen Verpflichtungen nach, unter anderem die, Kurse für alle ausstehenden Zertifikate zu stellen.

Der Vorgang ist in doppelter Hinsicht interessant. Er wirft etwa die Frage auf, wie strukturiert der Prozess des Umbaus und der Kürzungen bei der Bank läuft angesichts der Tatsache, dass die Umbaupläne angeblich seit Dezember intern durchmodelliert werden.

Denn: die Zertifikateabteilung hängt intern organisatorisch am so genannten Equity-Geschäft, also jenem Bereich, den man global aufgeben will. Genau in diesem Segment verschwinden nun auch nach und nach die ersten Mitarbeiter weltweit. Ein Hinweis auf der Homepage zur Lage? Gibt es nicht.

Rund die Hälfte des ausstehenden Zertifikatevolumens des Instituts hat allerdings Aktien als Basiswert. Das heißt, die Bank ist auf einen funktionierenden Aktienhandel angewiesen, um das Geschäft mit Neuemissionen und die Kursstellungen für ausstehende Papiere überhaupt sinnvoll betreiben zu können. Zumal die „Deutsche“ einen guten Ruf bei Vieltradern hat. Den fairen und liquiden Handel stelle man, heißt es aus dem Umfeld, nun notfalls auch mit externen Partnern sicher. Will man das Geschäft auch künftig weiter betreiben, müsste es organisatorisch  intern „umgehangen“ werden.

Aber wohin? Diesbezüglich gibt es Stand gestern noch keinen konkreten Plan – zumindest keinen, den man kommunizieren will.

Wahrscheinlich ist da der Weg, den auch die Commerzbank schon im vergangenen Jahr beschritten hat: Die hat ihr Investmentbanking schon lange gestutzt und dann auch, nach Jahren der Marktanteilsverluste, ihr Geschäft im Paket mit anderen Bereichen an die französische Société Générale verkauft.

… und der Feldzug der Deka

Was zum zweiten interessanten Aspekt der Geschichte führt: Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Deutsche Bank in Sachen Marktanteil (gemessen am investierten Volumen)  von der Spitze schlicht „durchgereicht“ wird? Ihre Position als einst wichtigster und mächtigster Emittent in einem der größten Derivate-Länder der Welt verliert ? Während ausgerechnet die lange eher für ihre Latenz in strategischen Entscheidungen bekannte Deka binnen sechs Jahren von Null auf Platz 1 in einem tot geglaubten Markt durchstartet?

Der Zertifikatemarkt in Deutschland, mit über 70 Mrd. Euro Volumen alles andere als eine Nische, hat binnen gerade einmal fünf Jahren tektonische Verschiebungen erlebt: Einst mächtige Privatbanken wie die Deutsche Bank, Commerzbank und die HVB verloren absolut wie relativ an Boden. Das Geschäft machen nun Landesbanken, die DZ-Bank – und allen voran die Deka.

Dazu muss man wissen, dass der Zertifikatemarkt Mitte der Nuller Jahre  eine massive Konsolidierungswelle erlebte. Das verwaltete Volumen sank  von 90 Mrd. Euro Mitte 2014 um knapp ein Viertel auf 68 Mrd. per Ende 2015, nicht aber zunächst die Zahl der Akteure, die um die Anlegergelder buhlten. Es ging darum, zu entscheiden, ob man „up“ will – oder „out“ ist.

Die Deka? Wollte „up“.

Die Deutsche Bank und die Commerzbank hingegen? Irgendwie die Mitte, vor allem aber kein Geld verlieren oder einen öffentlichkeitswirksamen Skandal provozieren, wenn bei den stets leicht stigmatisierten Zertifikaten etwas anbrennt wie einst bei der „Lehman-Oma“, die Talkshow-Dauergast war. Die ihre zwischendurch wertlosen Lehman-Zertifikate übrigens bei der Hamburger Sparkasse verkauft bekam.

Rangfolge in den Marktanteilen, Basis investiertes Volumen

Deutsche Bank Commerzbank Deka DZ-Bank
2007 1 2
2010 1 2 4
2013 1 2 > 10 4
2016 2 7 4 1
2019 5 8 1 2

Quelle: Derivate Verband, Stand jeweils Juli, Commerzbank: berichtete 2007 noch nicht über Volumina

Erkundigt man sich in der Branche, wie der Deka dieses Husarenstück gelungen ist und wie auch die rivalisierenden Genossen der DZ-Bank in die Spitzengruppe vorstoßen konnten, gibt es zwei Theorien, die sich nicht einmal widersprechen.

Die eine lautet: Man sei eben auch wieder bereit, aggressiv Produkte an den Mann bzw. die Frau zu bringen, deren Chancen und Risiken eigentlich nur Optionsprofis  beurteilen können. Lang laufende Zinsdifferenz-Anleihen, Aktienanleihen auf hauseigene Fonds, Multi-Express-Zertifikate mit Memory, Airbag und Lieferwert, Memory Express Stepdown ST mit Airbag – der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, wie ein Blick auf aktuelle Deka– und DZ-Neuemissionen zeigt. Das kann man kritisch sehen, aber liefe das alles für Kunden schlecht, kämen nicht laufend neue hinzu.

Die andere lautet: Die Deka reüssiert, weil das ganze Haus vom Vorstand abwärts ein klares Bekenntnis zu genau diesem Zertifikate-Geschäft gegeben hat. Das heißt: Schulungen wurden intensiviert, Dutzende Experten ausgebildet, die Produkte in der „Fläche“ ausgerollt. Und auch die Spielräume ausgenutzt in der Frage, inwiefern der hauseigene Vertrieb die Konkurrenz aussperrt.

Die Deutschen Bank verlassen indes dann 2017 und 2018 nach je über einem Jahrzehnt in Führungspositionen der Zertifikate-Abteilung Stefan Armbruster in Richtung des Rivalen Vontobel, Nicolai Tietze in Richtung Morgan Stanley, von wo aus sie dann zu Wettbewerbern wurden.

Derweil sackte der Marktanteil der Deutschen Bank durch: von 16% 2015 auf 12% 2016 und dann 10% 2017. Gespiegelt entspricht das ungefähr dem Aufstieg der Deka in diesen Jahren: Von 10% 2015 auf 13% 2016 und 15% 2017 in einem inzwischen wieder leicht wachsenden Markt.

Man habe, wissen Insider,  im Kleinen des deutschen Retail-Markts im Sparkassenlager genau das gemacht, was der Deutschen Bank über Jahre im Großen gefehlt habe: Eine Strategie entwickelt und dann an einem Strang konsequent über Jahre durchgezogen. Es sei auch kein Zufall, dass an der Spitze der Deka während des Feldzugs im Zertifikatemarkt mit Michael Rüdiger ein (auch optisch damals gut als solcher erkennbarer) ehemaliger Investmentbanker stand.

Das Kalkül der Deka: Die Provisionserlöse aus dem Zertifikategeschäft sind hochwillkommen im Ertragsmix, weil sich Fonds eher schleppend verkaufen und man auf der Zinsseite für die Milliarden an Einlagen kaum Verwendung hat. Und generell sind Zertifikate obendrein auch eine feine Möglichkeit, sich in Milliardenhöhe günstig zu refinanzieren, denn man sammelt Milliarden an Fremdkapital ein, das mit allerhand Optionen aufgepeppt wird.

Der Plan aus Deka-Sicht? Ging voll auf: Das Haus hat binnen fünf Jahren kurzerhand alles aufgerollt, ist Marktführer mit 20% Marktanteil, wie der Derivateverband kürzlich zu berichten wusste.  Zuletzt verkaufte die Deka nach großzügiger Rechnung mehr Zertifikate als Fonds. Und wurden Banken wie die Commerzbank oder eben die Deutsche Bank durchgereicht auf 4 bzw. 8% Marktanteil.

Ob der Plan gleichwohl aus Anlegersicht aufgeht? Das wird sich erst im nächsten Börsencrash zeigen, in dem viele Zertifikatestrukturen durch ihre typischen Ausgestaltungen überproportional genau dann verlieren, wenn es richtig ungemütlich wird mit Verlusten von 30% an den Aktienmärkten und mehr. So wie einst nach der Lehman-Pleite.  

In Frankfurt gab es damals nicht wenige, die den Zertifikatemarkt für klinisch tot hielten. Wer würde die oft überkomplexen Produkte künftig wohl überhaupt noch kaufen wollen nach dem Lehman-Desaster? Um so lauter waren einige Lacher, als die Deka im Jahr 2012 – damalige Platzhirsche: Deutsche Bank und Commerzbank – ankündigte, in genau diesen Markt einsteigen zu wollen.

Verkündet haben sie das ganze dort, wo auch die Zertifikate-Abteilung der Deka heute noch sitzt: Im Trianon-Tower in der Mainzer Landstraße. Ein funktionaler Turm, aus den 90ern, gemäß der typischen Ansprüchen einer Bank an Platz, IT und Komfort quasi kaum noch vermittelbar.

Wenn die Trader der Deutschen Bank aus dem Fenster ihres neuen Gebäudes schauen, sehen sie nicht die Deutsche Bank. Sondern den Trianon-Tower. Er liegt genau gegenüber.

{In einer älteren Version des Artikels wurde das investierte Zertifikatevolumen bei der Deutschen Bank mit 8 Mrd. Euro angegeben, tatsächlich sind es laut jüngsten Zahlen 6 Mrd. Euro}

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