Exklusiv

Die irrsinnigen Eigenkapitalrenditen der Targobank

23. Januar 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Liebe Leser*innen, vergessen Sie für einen Moment bitte alles, was sie über den deutschen Bankenmarkt zu wissen glauben. Denn: Im Zuge unserer Bilanz-Schnüffeleien sind wir auf ein Geldinstitut gestoßen, das trotz der oft beschriebenen Branchenkrise seit Jahren eine Eigenkapitalrendite von rund 40% vor Steuern erwirtschaftet. Und nein, wir reden nicht von einer provisionsgeschwängerten Spezialbank wie Berenberg. Sondern von einem der großen, scheinbar stinknormalen „Einlagen rein, Kredite raus“-Player hierzulande – von der Targobank.

Auf Basis eines Eigenkapitals von 1441 Mio. Euro hat der Ratenkredit-Spezialist 2017 einen Vorsteuergewinn von 664 Mio. Euro erwirtschaftet. Macht: eine Rendite von 46%. Im Jahr zuvor waren es 45%, im Jahr davor 37%. Zur Einordnung: Die ING Diba, die ja fürwahr nicht im Verdacht steht, ineffzient und unprofitabel zu arbeiten, kam  zuletzt auf 17% (um die Vergleichbarkeit zu gewährleisten, haben wir hier ebenfalls auf Basis des HGB-Einzelabschlusses gerechnet).

Wie ist das möglich? Die Analyse von „Finanz-Szene.de“ in neun Punkten.

  1. Die Targobank ist ein stark wachsendes Institut. So stieg das sogenannte Nettokundenkreditvolumen 2017 um 18,4% auf 13,7 Mrd. Euro, die Bilanzsumme wuchs um 11,0% auf 17,0 Mrd. Euro (zum Vergleich: branchenweit ging die Bilanzsumme laut Bundesbank-Statistik um 1% zurück).
  2. Anders als andere Banken und Sparkassen schafft es die Targobank, das Volumenwachstum trotz allgemeinen Zinsverfalls in steigende Erträge zu übersetzen. Während die Zinseinnahmen 2017 über alle Banken hinweg um 8,9% einbrachen, legte die Targobank ein Plus von 3,6% auf 1063 Mio. Euro hin.
  3. Nach unserem Verständnis dürften die Zinserlöse zwar nicht komplett, aber doch zu einem beträchtlichen Teil aus dem Nettokundenkreditvolumen stammen. Drum haben wir einfach mal die Erträge durch das Volumen geteilt und heraus kam ein Wert von 7,8%. Das dürfte in Nullzinszeiten sehr, sehr, sehr ordentlich sein (auch wenn wir keinen Vergleichsmaßstab zur Hand haben).
  4. Das gilt umso mehr, als sich die Targobank zugleich fast zum Nulltarif refinanziert. 2017 beliefen sich die gesamten Zinsaufwendungen auf gerade einmal 41 Mio. Euro. Somit standen Zinserträge und Zinsaufwendungen  in einem Verhältnis von 26:1 (!!!) zueinander, während branchenweit die Relation bei 2:1 lag. Wie das geht? Die Targobank finanziert ihr Geschäft zum überwiegenden Teil aus kurzfristigen und also unverzinsten oder minimal verzinsten Kundeneinlagen. Vom bilanziellen Fremdkapital in Höhe von 15,5 Mrd. Euro entfielen 14,8 Mrd. Euro auf „Verbindlichkeiten gegenüber Kunden“. Davon wiederum waren 11,1 Mrd. Euro täglich fällig, wobei auf Girokonten 6,7 Mrd. Euro und auf Tagesgeldkonten 4,2 Mrd. Euro lagen.
  5. Rechnet man Zinserträge und Zinsausfand nicht als Bruch, sondern als Differenz, kommt man auf einen Zinüberschuss von 1025 Mio. Euro. Das ergibt gemessen am Vorjahr ein Plus von 4,9%. Auch hier zum Vergleich der Branchendurchschnitt für dasselbe Jahr: minus 6,1%.
  6. Laut Bundesbank-Statistik kamen Deutschlands Banken und Sparkassen 2017 auf eine Zinsmarge (definiert als Relation von Zinsüberschuss zur Bilanzsumme) von durchschnittlich 1,04%. Und die Targobank? Erreichte 6,0%. Wir wissen nicht, wie Sie das sehen. Aber wir sehen es so, dass das von allen Zahlen die unglaublichste ist.
  7. Wie praktisch alle Banken profitiert die Targobank von konjunkturbedingt sehr niedrigen Risikokosten. Addiert beliefen sich die „Abschreibungen und Wertberichtigungen auf Forderungen und Wertpapiere“ sowie die „Zuführungen zu den Rückstellungen im Kreditgeschäft“ auf 171 Mio. Euro (was gleichwohl mehr war als im Vorjahr; da kam die Targobank sogar mit 111 Mio. Euro aus). Mehr zu diesem Punkt weiter unten im Disclaimer
  8. Die Targobank hat offenkundig nicht nur ihre Risikokosten im Griff. So sanken die allgemeinen Verwaltungsaufwendungen trotz des ausgeweiteten Geschäfts um 0,5% auf 745,3 Mio. Euro; im Vergleich zu den 2015er-Zahlen gingen die Kosten sogar um 4,8% zurück. Die Cost-Income-Ratio betrug 56,0, was für eine Bank, die sich bundesweit mehr als 300 Filialen leistet (Tendenz: leicht steigend), zweifellos ein guter Wert ist (wobei wir die CIR jetzt nicht so atemberaubend finden wie andere Kennziffern).
  9. Unserm Eindruck nach ist die Targobank mit einer ziemlichen Vertriebspower unterwegs. Ein Indiz hierfür: Bei 74% der insgesamt 4221 Beschäftigten handelte es sich laut Geschäftsbericht explizit um Vertriebsmitarbeiter. Wobei zum Beispiel die Back-Office-Einheiten bei einer separaten Targo-Gesellschaft angesiedelt sind, so dass man besser sagt: Knapp die Hälfte der alles in allem rund 7500 Targo-Leute arbeitet im Vertrieb. Jedenfalls: Das dürfte immer noch ein hoher Wert sein – der erklären könnte, warum es der früheren Citibank in ihrem vertriebsseitig sehr kompetetiven Kerngeschäft (Ratenkredite) gelang, das Kreditvolumen binnen 12 Monaten um 12,0% zu steigern. Auch im „Autobank“ genannten B2B-Geschäft (Einkaufs- und Absatzfinanzierung für KfZ-Händler) scheint die Targobank übrigens höchst ambitioniert unterwegs zu sein. Obwohl erst 2015 gestartet, arbeitete die Tochter der französischen Großbank Credit Mutuel per Ende 2017 schon mit 2300 Autohändlern zusammen.
Fazit

Leider kennen wir uns auf dem Markt für Ratenkredite nicht sonderlich gut aus. Allerdings scheint uns, wenn man den Erfolg der Targobank erklären will, ein Punkt offensichtlich und einer weiterer Punkt naheliegend zu sein:

Der offensichtliche: Als fast reinrassiger Konsumentenfinanzierer profitiert die Targobank wie kaum eine andere deutschen Bank von der stabilen Konjuntur und den damit einhergehend niedrigen Kreditausfallraten.

Und der naheliegende: Wenn wir die Zahlen richtig deuten (speziell die Zinsspanne, die Pi mal Daumen irgendwo bei sieben Prozentpunkten liegen dürfte), dann wird der Wettbewerb bei Ratenkrediten in erster Linie über den Vertrieb und erst in zweiter über die Konditionen entschieden.

Ob das eine Form der finanzwirtschaftlichen Betätigung ist, bei der man abends mit dem Gefühl zu Bett geht, die Welt den Tag über ein bisschen besser gemacht zu haben, sei mal dahingestellt (ist als B2B-Newsletter aber auch nicht unser Bier). Fest steht: Einträglich ist das Geschäft zumindest im Falle der Targobank allemal.

  • Noch ein vorletzter Punkt: Vermutlich wäre es spannend zu beleuchten, welchen Zinsänderungsrisiken sich die Targobank durch ihre extrem kurzfristige Refinanzierung (wir vermuten mal: im vollen Bewusstsein) aussetzt. Denn auch wenn man gemeinhin sagt, dass ein granulares Funding ein sicheres ist – gilt das auch noch, wenn die Einlagenzinsen dann doch irgendwann mal anziehen?
  • Und ein letzter Punkt: Warum ist der Return on Equity so viel höher als bei der ING Diba? An der Kapitalausstattung (also am Equity) liegt es vermutlich eher weniger. Sondern daran, dass im Ratenkreditgeschäft die Spannen (und damit der Return) viel, viel höher sind als in den beiden Kernfeldern der ING Diba (bzw.: man sagt ja neuerdings ING Deutschland …), nämlich in der Baufinanzierung und im Kreditgeschäft mit Großunternehmen.
Disclaimer:
  • Das 2017er-Ergebnis der wurde ein gutes Stück auch durch positive Einmaleffekte geprägt, die sich allerdings nicht genau beziffern lassen. So löste die Targobank z.B. stille Reserven auf, die dann (soweit wir es verstehen) mit Abschreibungen verrechnet wurden 
  • Auch 2016 (Vorsteuerrendite: 45%) gab es 1-2 Sondereffekte, wie den Verkauf der Visa-Anteile. Hier dürfte der Einfluss auf die GuV aber überschaubar gewesen sein.
  • 2015 war unserem Eindruck nach relativ frei von Einmaleffekten. Hier lag die Rendite bei 37%, so dass wir Pi mal Daumen behaupten würden, dass die Targobank bereinigt in den letzten Jahren im Schnitt bei etwa 40% rausgekommen ist, vielleicht ganz leicht drunter
  • Die Eigenkapitalrendite nach Steuern anzugeben, wie es ja eigentlich üblich ist, war nicht möglich, weil die Targobank ihren Gewinn an die Targo Deutschland GmbH abführt und erst dort Körperschafts- und Gewerbesteuern anfallen. Erfahrungsgemäßg muss man vom Gewinn vor Steuern noch rund ein Drittel abziehen, um das Nachsteuerergebnis zu bekommen.

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