Exklusiv

Die Scheingewinne der deutschen Sparkassen

15. März 2019

Von Heinz-Roger Dohms

In den letzten Tagen sind die deutschen Sparkassen mal wieder ziemlich gefeiert worden, wie eigentlich jedes Jahr im März, wenn ihre Berliner Vertretung, der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV), die aggregierten Geschäftszahlen seiner knapp 400 Einzelinstitute veröffentlicht. „Die 384 deutschen Sparkassen haben im vorigen Jahr ein Betriebsergebnis vor Bewertung von 10 Mrd. Euro erwirtschaftet“, vermeldete zum Beispiel die „Börsen-Zeitung“ – und kommentierte, was natürlich als Seitenhieb auf die Deutsche Bank und die Commerzbank gemeint war: „So sehen Champions aus.“

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Nun mag man die Sparkassen, jedenfalls im Vergleich zu den beiden maladen Frankfurter Großbanken, durchaus für „Champions“ halten. Bloß: Dieses Urteil am „Betriebsergebnis vor Bewertung“ in Höhe von 10 Mrd. Euro festzumachen, ist insofern problematisch, als diese Zahl: nicht stimmt! Oder vorsichtiger ausgedrückt: Zumindest ist das nicht die Zahl, die die Bundesbank ausweisen wird, wenn sie im Herbst ihre offizielle, an die testierten HGB-Abschlüsse angelehnte Ertragsstatistik für die deutsche Kreditwirtschaft veröffentlichen wird. Da dürfte dann nämlich in der Spalte „Betriebsergebnis vor Bewertung“ in Bezug auf die Sparkassen eine ganz andere Zahl stehen. Und zwar eine merklich niedrigere.

Glauben Sie nicht? Sollten Sie aber! Der Branchen-Newsletter Ihres Vertrauens, also „Finanz-Szene.de“, hat das schlechte Wetter der vergangenen Tage nämlich genutzt, um in einer fummeligen Datenrecherche sämtliche Gewinnzahlen, die der DSGV für die Geschäftsjahre 2010 bis 2017 veröffentlicht hat, mit denen der Buba abzugleichen. Resultat: Während das „Betriebsergebnis vor Bewertung“ laut Sparkassenverband in jedem der untersuchten Jahre bei mindestens 10 Mrd. Euro lag, kamen die Sparkassen laut Bundesbank letztmalig 2012 auf ein zweistelliges Milliardenergebnis. In manchen der  von „Finanz-Szene.de“ untersuchten Jahre war die Differenz zwischen dem DSGV- und dem Bundesbank-Ergebnis geradezu grotesk. 2015 lag der Unterschied zum Beispiel bei 1,5 Mrd. Euro, 2014 waren es (wobei wir da für den Verband nur vorläufige Zahlen haben) sogar 1,7 Mrd. Euro. Im Schnitt der analysierten Jahre lag das vom DSGV ausgewiesene „Betriebsergebnis vor Bewertung“ um 1,1 Mrd. Euro höher als das der Bundesbank; insgesamt geht es also um eine Differenz von 8,8 Mrd. Euro.

Was sagt der Sparkassenverband nun selbst zu alledem? Er sagt:

Im Gegensatz zum HGB und der Darstellung der Bundesbank, die an HGB angelehnt ist, weist der DSGV in seiner betriebswirtschaftlichen Sichtweise im operativen Ergebnis („Betriebsergebnis vor Bewertung“) nur Erträge und Aufwendungen der jeweiligen Rechnungsperiode aus. Sämtliche periodenfremden Erträge und Aufwendungen werden in der Rechnung des DSGV im „neutralen Ergebnis“ ausgewiesen. In der Rentabilitäts-Darstellung des DSGV wird das „neutrale Ergebnis“ vor dem „Ergebnis vor Steuern“ – je nach Vorzeichen – addiert oder subtrahiert. Dies kann demzufolge zu einer Erhöhung oder Verminderung des operativen Ergebnisses führen, um ganz transparent den tatsächlichen Periodenerfolg der Sparkassen darzustellen.

Nun ist es natürlich dem Sparkassenverband unbenommen, eine eigene Methodik bei der Erstellung seiner Zahlenwerke anzuwenden – und es mag sogar sein, dass diese Methodik (je nachdem, welche Zwecke der DSGV verfolgt) dem HGB überlegen ist. Trotzdem bringt das Vorgehen nach Ansicht von „Finanz-Szene.de“ mindestens vier gravierende Probleme mit sich:

  1. Dem DSGV geht es nach eigenen Angaben darum, eine saubere Periodenabgrenzung zu erreichen. Letzten Endes scheint seine Methodik aber vor allem darauf hinauszulaufen, dass die wichtigste Kennzahl – nämlich das „Betriebsergebnis vor Bewertung“ – in jeder einzelnen Periode (=Geschäftsjahr) wesentlich besser ausfällt, als dies nach HGB-Standard der Fall ist.
  2. Die DSGV-Zahlen lassen sich zwar mit sich selbst vergleichen. Sie entziehen sich allerdings der Vergleichbarkeit mit den Zahlen anderer Banken und Bankengruppen. Das ist auch deshalb ärgerlich, weil es durch das Nebeneinander von HGB und IFRS für Investoren und Öffentlichkeit ohnehin schwierig ist, verlässliche Aussagen zum deutschen Bankenmarkt zu treffen. Dadurch, dass der DSGV eine eigene Methodik anwendet, schafft er einen sozusagen dritten Rechnungslegungs-Standard und verkompliziert die ohnehin komplizierte Lage.
  3. Dies zu tun, wäre dem DSGV natürlich trotzdem unbenommmen, wenn dieses Vorgehen der Öffentlichkeit bewusst wäre. Das scheint aber nicht der Fall zu sein. Selbst die „Börsen-Zeitung“, die sich mit den Sparkassen so intensiv befasst wie kein anderes Medium, flaggt die DSGV-Zahlen seit Jahr und Tag als „Kennzahlen nach HGB“ aus.
  4. Durch das fehlende Bewusstsein erwächst speziell den konkurrierenden Volks- und Raiffeisenbanken ein Wettbewerbsnachteil oder zumindest ein Nachteil in der öffentlichen Wahrnehmung. Das „Betriebsergebnis vor Bewertung“ der Sparkassen und das „Betriebsergebnis vor Bewertung“ des Genossenschaftssektors werden in Medienberichten nämlich gern in einem Atemzug genannt (siehe „BÖZ“ vom 13. März) oder sogar explizit miteinander verglichen (siehe „Handelsblatt vom 13. März). Dabei sind die Kennzahlen, obwohl sie den gleichen Namen tragen, eigentlich nicht miteinander vergleichbar. So sieht es also immer so aus, als würden die Sparkassen ein viel höheres „Betriebsergebnis vor Bewertung“ erwirtschaften als die Kreditgenossen. Dabei ist der Unterschied in Wirklichkeit gar nicht so groß.

[Exkurs: Um Sparkassen und Volksbanken einigermaßen fair miteinander zu vergleichen, müsste man vermutlich den Vorsteuergewinn nehmen (siehe „Finanz-Szene.de" vom 7. März). Das verlangt aber nach ein paar zumindest semikomplexen Rechenschritten (siehe „Finanz-Szene.de" ebenfalls vom 7. März), weil der DSGV diese Kennziffer gar nicht erst veröffentlicht und überdies an dieser Stelle die 340g/340f-Problematik ins Spiel kommt, die wir heute aber nicht vertiefen wollen.]

Bleibt die Frage, was der DSGV da eigentlich genau macht. Um ehrlich zu sein, können wir das nicht zu 100% nachvollziehen (was daran liegen dürfte, dass wir den Kram nicht studiert haben).

Klar ist: Das „Betriebsergebnis vor Bewertung“ (von den Banken gern auch als „operativer Gewinn“ bezeichnet) errechnet sich normalerweise, indem man den Zinsüberschuss, den Provisionsüberschuss und ein paar kleinere Ertragskomponenten addiert – und davon dann die Aufwendungen (aber nicht: die Risikokosten) abzieht. Während die DSGV- und die Buba-Zahlen beim Zins- und beim Provisionsergebnis noch ganz, ganz grob übereinstimmen, beginnen bei den Aufwendungen bereits die Probleme. Beispiel: Während die Sparkassen ihre Aufwendungen für 2017 mit 18,9 Mrd. Euro bezifferten, waren es laut Bundesbank 20,0 Mrd. Euro. Eine krasse Differenz.

Unsere allererste Vermutung war, der Unterschied könnte mit etwaigen Pensions-Verpflichtungen zu tun haben. Das dementiert der DSGV aber indirekt. Stattdessen verweist er, siehe ja auch schon oben: auf die Periodenabgrenzung. Nochmal O-Ton DSGV:

Wir nehmen hier eine exakte Abgrenzung von periodenfremden Zinserträgen und -aufwendungen vor […[…]es schließt außerdem entsprechende Erfolge aus derivativen Geschäften ein. Der negative neutrale Aufwand resultiert im Wesentlichen daraus, dass Sparkassen im größeren Maße Refinanzierungen abgelöst und hierfür Vorfälligkeits-Entschädigungen für zukünftige Jahre gezahlt haben.

Jetzt mal mit unseren eigenen Worten: Letzten Endes läuft das, was der DSGV da tut, vermutlich darauf hinaus, dass er jenen Aufwand, den er als „nicht operativ“ wahrnimmt, aus den regulären Aufwendungen herauszuhalten versucht. Das Problem ist nun aber, dass es a) von genau diesem Aufwand bei den Sparkassen immer viel zu viel zu geben scheint und dass b) dieser Aufwand sich blöderweise nicht einfach in Luft auflöst. Und so braucht’s, um das Ganze aufzufangen, dann die einigermaßen esoterische GuV-Position „Neutrales Ergebnis“, die in manchen Jahren so markant unneutral zu sein scheint, dass sie auf bis zu minus 1,4 Mrd. Euro anschwillt (wie es zum Beispiel 2014 und 2015 der Fall war). In der Theorie (siehe der obere der beiden DSGV-O-Töne) kann es zwar durchaus so sein, dass das „neutrale Ergebnis“ auch mal positiv ausfällt. In der Praxis allerdings präsentiert es sich zumindest für den von uns untersuchten Acht-Jahres-Zeitraum immer krass negativ (2018 war das „neutrale Ergebnis“ übrigens mit minus 0,9 Mrd. Euro auch wieder nicht ganz so positiv).

Damit wären wir nun beim für heute letzten Punkt: Wie wir in den vergangenen Wochen lernen durften, kursiert zu den deutschen Sparkassen nicht etwa eine Cost-Income-Ratio (wie man naiverweise meinen sollte), sondern deren zwei. Die eine sieht immer richtig gut aus (irgendwo zwischen 62 und 65), die andere immer noch okay (so zwischen 66 und 69). Frage in die Runde: Kann es womöglich sein, dass es noch eine dritte gibt? Und dass das dann die ist, die es mit den Cost-Income-Ratios anderer Banken zu vergleichen gilt?

 

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