Exklusiv

IPO-Analyse: Die Sieger heißen Morgan Stanley & Deutsche Bank

27. Mai 2019

Von Christian Kirchner

Gestern früh haben wir Ihnen eine Statistik des Grauens präsentiert: Von den 99 Unternehmen, die seit der Finanzkrise an die Frankfurter Börse gegangen sind, notieren 59 heute im Minus – trotz mittlerweile zehnjährigen Bullenmarkts. Heute wollen wir uns nun die 37 beteiligten IPO-Banken einzeln vorknöpfen:  Wer hat Qualität platziert – und wessen Börsengänge sind gefloppt?

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Damit’s einigermaßen übersichtlich bleibt, haben wir die Banken auf Basis der Ergebnisse in sechs Gruppen systematisiert: Die Pseudo-Seriösen, die Börsengang-Maschinen, die „Hall of Shame“, die (nicht immer edlen) Privatbanken, die (leicht bis schwer murksigen) Lokalmatadoren Frankfurts – und die „Gespenster“.

Und dann gibt es noch: Die große Überraschung. 

Die Pseudo-Seriösen

Was zeichnet sie aus? Sie haben den klingenden Namen einer Großbank. Mit nur ganz wenigen Platzierungen als Konsortialführer spielen sie aber kaum eine Rolle im deutschen IPO-Markt– und die Seriosität der Adresse war für Anleger kein Indikator für Qualität zu einem angemessenen Preis. Denn die Neuemissionen entpuppten sich als nichts anderes als Vollkatastrophen.

  • Bank of America Merrill Lynch: Platzierte co-federführend Windeln.de 2015. Kurs seit IPO: -94%.
  • Société Générale: Platzierte den Schmuckhändler Elumeo 2015, Kurs seit IPO: -95%.
  • LBBW: Platzierte 2012 die Hess AG, Pleite ein halbes Jahr nach dem Börsengang!,
  • Unicredit: Platzierte nur Prime Office REIT 2011, Performance seitdem: -48%, Underperformance zum Gesamtmarkt: 93 Prozentpunkte (im Folgenden der Einfachheit halber: %, auch wenn Prozentpunkte gemeint sind bei relativem Abschneiden)
  • Credit Agricole: Platzierte nur 2011 Adler Modemärkte. -67% seit IPO.

Die Börsengang-Maschinen

Was zeichnet sie aus? Dass an ihnen wegen ihres guten Rufs im Investmentbanking kaum ein Weg vorbeiführt – jedenfalls wenn es ordentlich Platzierungskraft braucht. Und, so zeigt unsere Analyse: Dass Anleger mit ihnen meistens gut gefahren ist sind. Mithin also meist eine Win-Win-Kombination für Emittenten und Zeichner.

  • Goldman Sachs: 14 Platzierungen, davon 9 mit Outperformance zum Gesamtmarkt. Durchschnittlicher Zugewinn seit Börsengang: 53%. Durchschnittliche Outperformance zum Gesamtmarkt: 36%
  • JP Morgan: 17 Platzierungen, von denen allerdings nur 8 den Gesamtmarkt schlugen. Im Schnitt trotzdem eine Outperformance von 7%.
  • Citigroup:: 12 Emissionen, mit denen Anleger unterm Strich im Vergleich zum Gesamtmarkt 9% einbüßten.
  • Credit Suisse: Ganz stark. 4 von 5 Platzierungen schlugen den Markt, Outperformance im Schnitt 31%.
  • UBS: Noch stärker. Im Schnitt 37% Outperformance bei insgesamt fünf Platzierungen.
  • Morgan Stanley: Der Outperformer schlechthin. Von 12 Platzierungen haben 8 den Markt geschlagen, wirkliche Flops gab es nur zwei, nämlich Rocket Internet (-46%) und RTL (-17%). Die hohe Quote stark gelaufener Börsengänge (u.a. Ströer, Delivery Hero, Vonovia, Kabel Deutschland) sorgt für eine durchschnittliche Outperformance von 66%. Topwert unter den Banken mit mindestens zwei Platzierungen in den letzten zehn Jahren.

Die Hall of Shame

Was zeichnet sie aus? Dass alle oder fast alle ihrer Platzierungen gefloppt sind.

  • BankM (nutzt Fintech Group-Plattform): Vier Platzierungen (Van Camel, Haikui Seafood, Ultrasonic, Youbisheng), viermal kamen bis heute Verluste von mindestens 76% heraus.
  • Macquarie: Die vier vermeintlichen „China-Kracher“ Tintbright, First Textile, Powerland und Joyou explodierten allesamt in den Händen ihrer Anleger mit Verlusten von 87 bis 100%.
  • Sal. Oppenheim: Ein Börsengang, Vtion, -99%. Aber was aus Oppenheim wurde, weiß man ja.
  • Kepler: Zwei Börsengänge, zwei Quasi-Totalverluste.

Die (teils unedlen) deutschen Privatbanken

Was zeichnet sie aus? Dass sie über Vernetzung und Stallgeruch verfügen. Aber ihre Ergebnisse nicht immer überzeugen.

  • Bankhaus Lampe: Drei Platzierungen, davon lief eine gut (Hella, 45% Outperformance zum Gesamtmarkt), eine medioker (Akasol, 12% Underperformance), eine übel (Voltabox, -35%).
  • Quirin: Einmal topp (Aves One), ein Megaflop (Isaria Wohnen).
  • Hauck&Aufhäuser: Drei Platzierungen (Serviceware, STS und DFV), die verglichen mit dem Emissionspreis zwischen 16% und 64% unter Wasser stehen.
  • Berenberg: Bei den Hanseaten lohnt vor allem die Entwicklung einen näheren Blick. Denn Berenberg ist zum einen sehr rege (19 Emissionen seit 2009!), weist bei einer markttypischen Flop-Quote (11/19)  immerhin eine durchschnittliche Outperformance zum Gesamtmarkt von 5% auf. Die großen Gewinner hierbei: Varta (+174% seit IPO) und Lotto24 (+440% seit IPO!). Aber: Varta war der einzige „Überflieger“, den Berenberg seit 2015 platziert hat.  Seitdem haben nämlich 7 von 9 Emissionen absolut wie relativ zum HDax schlecht abgeschnitten. Berenberg steht auch hinter den 2018er Flops Westwing (-65% relativ zum HDax) und Home24 (-76% relativ zum HDax).

Die (leicht bis schwer murksigen) Lokalmatadoren

Was zeichnet sie aus? Dass sie in Frankfurt sitzen, aber – wenn man ihre IPO-Performance zugrunde legt – an einer ausgewachsenen Heimschwäche leiden.

  • Steubing: Die einzige Platzierung (der Bekleidungshersteller Ming Le Sports 2012, -99%) war winzig, hat sich aber binnen kürzester Zeit einen legendären Ruf in Sachen Bafin-Ärger und dem Veröffentlichen skurriler Ad-Hocs erworben. Zum Beispiel, dass nicht weniger als das eigene operative Geschäft in China, „vermutlich“ veräußert worden sei, man wisse aber nicht, wie und an wen und ob da überhaupt Geld geflossen sei. So wurde es vor zwei Jahre aus dem Headquarter über einem Friseursalon in Bad Vilbel mitgeteilt.
  • Mainfirst: Die einzige Platzierung Evonik (2013) liegt 61 Prozentpunkte hinter dem Gesamtmarkt.
  • ICF: Zwei Platzierungen (Ferratum 2015, Capsensixx 2018), zweimal Verluste von 34 bzw. 41% gegenüber dem Ausgabepreis
  • Oddo. Zwei Platzierungen (B.R.A.I.N., Steilmann), davon war einer so mittel (17% Underperformance), die andere ein Desaster (-99% ab IPO). Dass Oddo dann Close Brothers Seydler übernahm, welche wiederum hinter dem Bastei-Lübbe-IPO 2013 steht (-72%), fügt sich ins Bild.
  • Commerzbank. Klar, Investmentbanking im breiteren Sinne betreiben die Frankfurter nicht mehr. Aber bei Börsengängen in Deutschland helfen sie ab und zu trotzdem. Dabei liegen echte Erfolge schon eine Weile zurück (Stabilus 2014, +92% seitdem), Norma 2010 (+77%). Aber sonst? Nur drei der neun Platzierungen schlugen den Markt, im Schnitt stehen rund 20% Underperformance ab Emissionspreis. Jüngste Beispiele: die 2018er Börsengänge von Creditshelf (-16%) und Serviceware (-31%).

Die Gespenster: Kurz da, dann wieder weg

Was zeichnet sie aus? Nur ein oder zwei Auftritte überhaupt. Und eine diffundierende Performance.

  • Barclays: Einmal Top (Buwog, +135%), einmal Flop: (Vapiano, -70%)
  • Kempen: Einmal Top (Ado Properties, +147%), einmal okay (DO Deutsche Office, +3% ab IPO, aber 13% hinter Gesamtmarkt)
  • BNP: Nur aktiv bei SHW (2011) und Braas (2014), einmal -68%, einmal -13%.
  • Jefferies: Blitzauftritt als Co-Konsortialführer mit Vapiano (-70% binnen zwei Jahren für Erstzeichner)
  • Baader: Begleitete den Megaflop Elumeo (-95% zum Emissionspreis)
  • CM Equity: Steht für den Quaso-Totalverlust Snowbird (-99%)
  • Viscard:. Muss sich fragen lassen, ob China Specialty Glass überhaupt an die Börse gehörte (-99%).
  • CICC:  Sehr ähnlicher Fall, denn Joyou (ebenfalls ein chinesisches Unternehmen) stürzte seit dem IPO um -99%.
  • KKR: Der Private-Equity-Riese platzierte Kion selber, die Anleger dürfen sich freuen: 129% Plus.
  • BHF und Equinet:  Co-führend hinter Derby Cycle (+158%)

Na, haben Sie eine Bank vermisst? Genau. Es fehlt noch:

Die große Überraschung

Was zeichnet sie aus? Dass der Ruf ihrer Investmentbanker längst verblasst ist. Dass aber ihre IPO-Bilanz gemessen am angekratzten Ruf durchaus eine eigene Kategorie rechtfertigt.

  • Deutsche Bank. Das Institut war an 29 Börsengängen seit 2009 als Konsortialführer beteiligt – Rekord in Deutschland. Beachtliche 55% aller dieser 29 Neuemissionen schlugen gemessen am Emissionspreis den Gesamtmarkt. Warum die Deutsche Bank (jedenfalls gemessen an ihren IPOs im Heimatmarkt) so viel besser ist als ihre Renommee, lesen Sie morgen in einer eigenen Analyse).

*Methodik:

Finanz-Szene.de hat die „Leistung“ der IPO-Banken anhand der folgenden Kriterien bewertet

  • Wie haben die von Banken platzierten Aktien absolut abgeschnitten (Veränderung Emissionspreis bis heute)
  • Wie haben die die von Banken platzierten Aktien relativ abgeschnitten – dabei wurde die Kursveränderung zwischen Emissionspreis und heute in Bezug gesetzt zum Abschneiden des deutschen Aktienmarkts (HDax) im gleichen Zeitraum.

Daraus lassen sich Durchschnittswerte errechnen sowie „Quoten“, welcher Prozentsatz an allen Neuemissionen der jeweiligen Bank den Gesamtmarkt schlug.

Wichtig: Finanz-Szene.de nimmt hier die Perspektive der Anleger ein – auch wenn Investmentbanken im Auftrag der Unternehmen bzw. Alteigentümer, für die sie einen möglichst hohen Emissionspreis/-erlös erzielen wollen.

Weitere methodische Hinweise:

  • Gewertet wurden die Börsengänger, bei denen die jeweilige Bank als Konsortialführer („Global Coordinator“, „Lead Manager“, „Sole Bookrunner“) beteiligt war, entweder als alleiniger Konsortialführer oder als Teil eines Konsortiums mehrerer Banken
  • Dividenden wurden weder bei den Einzelaktien noch dem Vergleichsindex berücksichtigt
  • Vergleichsindex für das relative Abschneiden ist der umfassende HDax-Index, der die Titel aus Dax, MDax und Tecdax abbildet
  • Durchschnittswert ist stets der simple Mittelwert, nicht der Median, da es nur eine geringe Fallzahl gibt und der simple Mittelwert die Perspektive der Anleger am besten spiegelt
  • Stichtag für die Analyse war der 17. Mai 2019, gerechnet wurde ab Emissionspreis (nicht erstem Kurs)
  • es wurde keine Volumengewichtung vorgenommen, alle Börsengänge gehen gleich ein in die Betrachtung ein
  • die Grundgesamtheit sind dabei Börsengänge im geregelten Markt (Prime Standard). Ausnahme: Rocket Internet, gestartet im „Open Market“ mit späterem Segmentwechsel, wurde aufgrund seiner Größe/Bedeutung ab Start im Open Market gewertet.
  • Wenn Sie zu anderen Schlüssen kommen, schreiben Sie uns bitte an redaktion@finanz-szene.de, und wir prüfen das Ergebnis und passen unsere Auswertung gegebenenfalls an.

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