Aus der Szene

Die Sparkasse, die 22x gegen ihren Nicht-Vorstand verlor

9. Oktober 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Kommen Sie zufällig aus Gütersloh? Dann kennen Sie diese Geschichte hier natürlich. Wenn Sie allerdings nicht aus Gütersloh kommen, liebe Leserin, lieber Leser – dann geht es ihnen womöglich so wie uns. Wir sind gestern nämlich zum ersten Mal über die Geschichte gestolpert, wie sich die Sparkasse Gütersloh in einen langjährigen Rechtsstreit mit einem Mann verwickelte, der einmal ihr Vorstand werden sollte.

Köstlich!

1. Akt: Im März 2014 verkündet die Sparkasse Gütersloh, den „gebürtigen Ostwestfalen“ Christoph Bender in den Vorstand zu berufen

In der entsprechenden Pressemitteilung wird der vormalige Direktor des Vertriebsmanagements der Sparkasse Düsseldorf vom Verwaltungsrat überschwänglich gelobt:

„Der gebürtige Ostwestfale Christoph Bender bringt umfassende Erfahrungen insbesondere im Kreditgeschäft in sein neues Amt ein. Er verfügt über eine hohe fachliche Expertise und über große Führungskompetenz. Der Verwaltungsrat ist sicher, dass Christoph Bender sehr gut für die Stelle des Vorstandsmitglieds geeignet ist.“

2. Akt: Die Bafin hegt Zweifel, ob Benders Erfahrungen wirklich so umfassend sind, wie die Sparkasse Gütersloh glaubt

… und legt deshalb im Juli 2014 ein Veto gegen die bereits verkündete Berufung ein – woraufhin die Sparkasse ihrem Noch-nicht-Vorstand wenige Wochen später fristlos kündigt.

3. Akt: Der Noch-nicht-und-nicht-mehr-Vorstand Benders setzt sich gegen die Kündigung juristisch zu Wehr

… und hat Erfolg damit. In einem Artikel der lokalen Zeitung „Die Glocke“ heißt es im März 2015: „Das Gericht bestätigte Bender und seinen Rechtsanwalt Dr. Knut Müller in ihrer Auffassung, dass sowohl die fristlose Kündigung durch die Sparkasse als auch deren Anfechtung des Arbeitsvertrags […] unwirksam ist. Für Bender bedeutet das Urteil, dass er Anspruch auf sein Vorstandsgehalt hat – die Sparkasse muss ihn über die fünf Vertragsjahre zwar nicht beschäftigen, aber bezahlen. Allerdings ist Bender verpflichtet, sich um eine Arbeitsstelle auf ähnlichem Niveau zu bemühen. Die Sparkasse muss dann die Differenz zum Vorstandsgehalt zahlen.“

4. Akt: Eine Serie von Prozessen beginnt, die irgendwie immer gleich enden: Bender gewinnt, Sparkasse verliert

Irgendwann beginnen die lokalen Medien, die Zahl der Niederlagen zu protokollieren. Sie kommen letztlich auf 22.

5. Akt: Die Sparkasse und ihr Verwaltungsrat sehen ein, dass 22 Niederlagen dann vielleicht doch genug sind

Die juristischen Feinheiten des jahrelangen Rechtsstreits en detail nachzuvollziehen – dazu fehlte uns gestern die Recherchekapazität. Was wir aus der Lektüre der Sekundärquellen aber ganz grob mitgenommen haben, war (sofern wir es richtig verstanden haben) das Folgende:

  • Die Sparkasse und ihr Verwaltungsrat fühlten sich von Bender irgendwie getäuscht
  • Die Gerichte folgten dieser Darstellung keineswegs

Schön hierzu das folgende Zitat, das wir dem „Westfalen-Blatt“ vom 14. Juni 2018 entnehmen durften: „Für die feste Überzeugung des Verwaltungsrates, Bender habe seinen Dienstvertrag unter falschen Angaben erschlichen, fehlt es Richter Jens Degner zufolge ‚an jeglichem substantiiertem Vorbringen‘ der Sparkasse.“

Letzten Endes lässt sich die Causa vermutlich ungefähr so zusammenfassen: Die Sparkasse Gütersloh entschied sich nach einem (übrigens durchaus aufwendigen) Bewerberverfahren für den falschen Kandidaten, präsentierte diesen stolz der Öffentlichkeit, wurde vom Veto der Bafin kalt erwischt – und entschied sich in dieser Situation dann für die Kündigungsvariante, was sich im Nachhinein als teuer (s.u.) herausgestellt hat. Wobei aus zwei „online“ leider nur bedingt verfügbaren Artikeln des „Westfalen-Blatts“ (hier und hier) hervorgeht, dass wohl irgendwie auch noch eine Anhängerkupplung eine Rolle gespielt hat. Aber das würde jetzt definitiv zu weit führen.

Festzuhalten bleibt: Nach zuvor 22 Niederlagen verständigte sich die Sparkasse Gütersloh im Herbst 2018 mit ihrem Beinahe-und-schon-sehr-lange-nicht-mehr-Vorstand Bender auf eine außergerichtliche Einigung.

Die Bilanz

In ihrem gestern veröffentlichten Artikel „Der verheimlichte Vorstand“ zieht das „Westfalen-Blatt“ (nach Lektüre des inzwischen verfügbaren 2018er-Jahresberichts der Sparkasse) eine Bilanz der Affäre. Die Kollegen gehen davon aus, dass der finanzielle Schaden für die Sparkasse Gütersloh deren zuletzt ausgewiesenen Jahresüberschuss (2,1 Mio. Euro) übersteigt.

Köstlich? Nur für den, der drüber lachen kann.

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