Exklusiv

Die triste Wirklichkeit hinter der bilanziellen Fassade der DZ Bank

16. Oktober 2018

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Wolfgang Kirsch, der scheidende Vorstandschef der DZ Bank, ist zwar noch ein paar Wochen im Amt – die Abschiedselogen auf seine Person sind jedoch praktischerweise schon verfasst. Laut Frankfurter Allgemeine Zeitung ist Kirsch der „Doyen des deutschen Bankwesens“, der seinen Nachfolgern  „ein bestelltes Haus“ hinterlässt. Und die Börsen-Zeitung hielt neulich fest, Kirsch habe seine Amstzeit genutzt, um das genossenschaftliche Spitzeninstitut  „als eine der stabilsten, ertragsstärksten und obendrein von Ratingagenturen am besten bewerteten Bankengruppen Europas zu etablieren“.

Was an diesen Lobreden stimmt: Der DZ-Bank-Konzern steht heute besser da als 2006, als Wolfgang Kirsch den Chefposten übernahm – oder zumindest besser als nach dem Finanzcrash 2008. Darüber hinaus hat Kirsch es geschafft, das einst tief zerstrittene genossenschaftliche Lager zu befrieden und die DZ Bank nach vielen vergeblichen Anläufen schließlich doch noch mit der verschwisterten Düsseldorfer WGZ Bank zu fusionieren. Und zwar mehr oder weniger zu seinen Bedingungen. Das sind keine geringen Verdienste, zumal wenn man vergleichenderweise schaut, wie es anderen Großbanken hierzulande geht und wie schleppend die Konsolidierung im Sparkassensektor vorangeht.

Indes: Es gibt noch eine andere Wahrheit – eine, die der Öffentlichkeit bislang verborgen blieb. Denn diese Wahrheit zeigt sich erst, wenn man weit hinter die bilanzielle Fassade des nach Bilanzsumme zweitgrößten deutschen Bankkonzerns schaut.

So zeigen aufwendige Recherchen von „Finanz-Szene.de“: Wolfgang Kirsch, der „European Banker of the Year 2014“, wird seinen Nachfolgern Uwe Fröhlich (derzeit Generalbevollmächtigter) und Cornelius Riese (derzeit Finanzchef) nicht nur einen ertragsstarken Gesamtkonzern übergeben – sondern auch eine gewaltige Baustelle. Und hiermit sind nicht die beiden üblichen Problemtöchter gemeint, also die DVB Bank und die mittlerweile schamvoll umbenannte einstige VR Leasing. Sondern: Die entscheidende Baustelle ist die eigentliche DZ Bank AG selbst. Also die Kernbank, um die herum das Konglomerat aus Versicherung, Fondsgesellschaft, Leasing-Unternehmen, Bausparkasse und so weiter errichtet wurde.

Die öffentliche Wahrnehmung ist freilich eine andere. Die geht nämlich so, dass die eigentliche Bank vielleicht keine Ertragsperle ist, aber doch ähnlich viel zum Konzerngewinn beisteuert wie die beiden Stars der Gruppe, also die R+V und die Union Investment. Genau dieses Bild malte die DZ zuletzt bei der Bilanz-Pressekonferenz auch selber. Dort wurden neben dem Konzernergebnis auch die Gewinne der einzelnen Gesellschaften veröffentlicht. Platz eins: die R+V mit 795 Mio. Euro; Platz zwei mit sehr, sehr ordentlichen 752 Mio. Euro: die DZ Bank AG.

Wie die Recherchen von „Finanz-Szene.de“ nun allerdings zeigen, handelt es sich bei den 752 Mio. Euro um eine (man muss das leider so ausdrücken) bilanzielle Scheingröße, die weitgehend in sich zusammenfällt, sobald man hineinpiekst. Doch das ist nicht alles. Denn bei noch näherer Betrachtung stellen sich zwei fast schon ketzerisch anmutende Fragen:

  • Verdient die DZ Bank AG operativ überhaupt Geld?
  • Und, weil „Finanz-Szene.de“ bei seinen Recherchen nämlich auch noch auf die Auflösung von Reserven in beträchtlicher Höhe gestoßen ist: Wie ist es eigentlich um die Kapitalsituation der DZ Bank AG bestellt?

Lesen Sie hier unsere Bilanzanalyse in sieben Akten:

1. Akt: Wo stehen die 752 Mio. Euro?

Die Zahlen, die die DZ Bank Jahr für Jahr auf ihrer Bilanz-PK vorstellt, entstammen dem konsolidierten IFRS-Bericht des Gesamtkonzerns. Für 2017 weist der Bericht ein Ergebnis vor Steuern in Höhe von 1,8 Mrd. Euro aus. Wer wissen will, wie die Summe zustandekommt, muss auf die Doppelseite 28/29 scrollen (hier der Link zum entsprechenden PDF). Denn dort findet sich in Tabellenform die „Segmentberichterstattung“.

Die Zahlen der eigentlichen DZ Bank AG stehen gleich in der ersten Spalte, die Bank ist also quasi das erste Segment. In der Zeile „Konzernergebnis vor Steuern“ stößt man denn auch auf besagte 752 Mio. Euro, wobei sich dieser Gewinn ganz wesentlich (wie bei den meisten deutschen Banken) aus dem Zinsüberschuss speist. Dieser Zinsüberschuss steht gleich in der obersten Zeile und wird mit 1276 Mio. Euro angegeben. So weit, so gut. Scheinbar zumindest.

2. Akt: Wie hoch der Zinsüberschuss wirklich ist

Scrollt man in dem Dokument allerdings ein paar Seiten zurück, stellt man fest, dass dort für die DZ Bank AG plötzlich ein ganz anderer Zinsüberschuss vermerkt ist. Dieser beträgt nämlich nun nicht mehr 1276 Mio. Euro, wie es in der Tabelle heißt, sondern nur noch 646 Mio. Euro, also gerade mal die Hälfte. Die Begründung wird in Klammern mitgeliefert. Es handele sich bei den 646 Mio. Euro um das Zinsergebnis „ohne Beteiligungsergebnis“. Also um das, was man gemeinhin unter einem „Zinsergebnis“ versteht: Man zieht vom Zinsertrag den Zinsaufwand ab, und übrig bleibt das Zinsergebnis.

3. Akt: Huch, wer löst denn da Reserven auf?

Die DZ Bank veröffentlicht noch einen zweiten jährlichen Bericht, auch wenn die Öffentlichkeit den immer geflissentlich übersieht. Es handelt sich um den Abschluss der eigentlichen DZ Bank AG (hier der Link zum entsprechenden PDF), aufgestellt nach den Maßgaben des HGB und nicht nach denen des internationalen Regelwerks IFRS.

Die erste und gleich wesentliche Abbildung im HGB-Abschluss findet sich auf Seite 20, sie gibt die sog. „Ertragsrechnung“ wieder. Ein paar Dinge fallen einem hier gleich ins Auge:

  • Auch in der HGB-Bilanz ist das Zinsergebnis (das mit 1340 Mio. Euro ein bisschen höher ausfällt als in der Segmentspalte im IFRS-Bericht) kein reines Zinsergebnis. Denn 737 Mio. Euro entfallen auch hier auf „Beteiligungserträge“ (also z.B. abgeführte Gewinne von Töchtern).  Zieht man diesen Wert von den 1340 Mio. Euro ab, kommt man auf ein Zinsergebnis im eigentlich Sinne von nur noch 603 Mio. Euro.
  • Dann fällt auf, dass das HGB-Ergebnis vor Steuern deutlich von dem Wert in der Segmentspalte des Konzernberichts abweicht. Es beträgt nämlich gerade einmal 320 Mio. Euro statt 752 Mio. Euro.
  • Und dann stößt man in der „Ertragsrechnung“ noch auf einen 250 Mio. Euro hohen Erlös, der aus einer Auflösung  nach §340g HGB resultiert. Die Connaisseure wissen, dass damit der „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ gemeint ist, eine HGB-spezifische Bilanzposition, die Banken nutzen, um Reserven zu bilden (oder eben, wenn die Zeiten schwierig sind, um Reserven aufzulösen).

Die Frage lautet nun: Warum ist das HGB-Vorsteuerergebnis trotz des 250 Mio. Euro kräftigen Ertrags-Dopings so viel niedriger als das Vorsteuerergebnis in der Segmentspalte im IFRS-Bericht? Denn: Den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ gibt es in der IFRS-Welt überhaupt nicht. Darum sind die 250 Mio. Euro zwar in den 320 Mio. Euro HGB-Gewinn drin, nicht aber in den 752 Mio. Euro IFRS-Gewinn. Wie kann das sein?

4. Akt: Ein Versuch, den HGB-Abschluss der DZ Bank AG zu verstehen

Der HGB-Abschluss der DZ Bank ist was für Feinschmecker, nicht nur wegen des Zinsüberschusses, der nur zur Hälfte überhaupt ein Zinsüberschuss ist. So wendete die DZ Bank  im vergangenen Jahr 800 Mio. Euro auf, um das Schiffsdesaster bei der Tochter DVB Bank aufzufangen. Diese 800 Mio. Euro sind komplett GuV-relevant, allerdings finden sie sich nicht in einer Position, sondern in verschiedenen. Nach unserem Verständnis wurden der DVB in einem ersten Schritt 500 Mio. Euro zugeschustert, die man als „Ertragszuschuss“ deklarierte. Das hatte den Effekt, dass sich der Verlust der DVB auf nur noch rund 300 Mio. Euro reduzierte. Diese rund 300 Mio. Euro verbuchte die DZ Bank dann als Aufwendungen aus Verlustübernahme vor dem Ergebnis der normalen Geschäftstätigkeit. Die 500 Mio. Euro „Ertragszuschuss“ hingegen deklarierte die DZ Bank als außerordentliche Aufwendung, womit sie aus der normalen Geschäftstätigkeit getilgt wurden.

Also wie gesagt, was für Feinschmecker. Zumal der außerordentlichen Aufwendung in Höhe von 500 Mio. Euro  diverse andere Posten gegenüberstehen wie beispielsweise …

  • ein außerordentlicher Ertrag in Höhe von 107 Mio. Euro, der sich aus der Abwicklung einer Irland-Tochter ergab
  • besagte 250 Mio. Euro aus dem „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ (wobei die jedoch  dem normalen Ergebnis zugeordnet sind und nicht dem außerordentlichen)
  • ein Einmalertrag aus dem Verkauf der Concardis-Beteiligung in Höhe von 126 Mio. Euro

… jedenfalls: Lässt sich aus dieser Melange überhaupt so etwas wie der operative Gewinn der eigentlichen Bank destillieren? Kann man also überhaupt sagen, wie gut (oder schlecht) das eigentliche Bankgeschäft läuft?

5. Akt: Wie gut steht die DZ Bank denn nun da?

Mit dieser Frage wandte sich „Finanz-Szene.de“ (wie bei anderen komplexen bilanziellen Fragestellungen in der Vergangenheit auch schon) an Stefan Best, langjähriger Managing Director Financial Institutions bei Standard & Poor’s und heute Dozent an der Wiesbaden Business School. Auf Basis des Abschlusses der DZ Bank entwirft Best folgende Aufstellung:

DZ Bank AG, HGB
Erläuterungen S. 20ff 2017 2016
Zinsüberschuss 603 610
Beteiligungen, Gewinngemeinschaften etc. 737 741
Provisionen 376 406
Handel 424 563
Sonstige Erträge 152 147
Erträge 2.292 2.467
Verwaltung 1.477 1.458
Sonstige Aufwendungen 179 126
AfA 52 56
Aufwendungen 1.708 1.640
Risikovorsorge Kredit 14 -313
Zuschreibungen WP, Anteile etc. 225 117
Fonds f.a. Bankrisiken 250 0
Verlustübernahmen -351 -20
Ergebnis der normalen Geschäftstätgikeit 722 611
a.o. Erträge 107 1
a.o. Aufwand -509 -343
Steuern -250 -54
Jahresüberschuss 570 323

Aus dieser Aufstellung eliminiert Best nun sämtliche nicht-operativen Positionen, also insbesondere auch die 737 Mio. Euro Erträge aus Beteiligungen, Gewinngemeinschaften etc. …

DZ Bank AG HGB, operativ
Erläuterungen S. 20ff 2017 2016
Zinsüberschuss 603 610
Beteiligungen, Gewinngemeinschaften etc.
Provisionen 376 406
Handel 424 563
Sonstige Erträge 152 147
Erträge 1.555 1.726
Verwaltung 1.477 1.458
Sonstige Aufwendungen 179 126
AfA 52 56
Aufwendungen 1.708 1.640
Risikovorsorge Kredit 14 -313
Zuschreibungen WP, Anteile etc.
Fonds f.a. Bankrisiken
Verlustübernahmen
Ergebnis -139 -227
a.o. Erträge
a.o. Aufwand
Steuern
Jahresüberschuss

Auf den ersten Blick ergibt sich aus der Rechnung der Eindruck, die DZ Bank habe  im vergangenen Jahr einen operativen Verlust von 139 Mio. Euro und im Jahr davor (wegen der Risikovorsorge im Kreditgeschäft) sogar einen operativen Verlust in Höhe von 227 Mio. Euro erlitten …

… allerdings: Wenn man die Erträge abzieht, die sich aus der Holdingstruktur ergeben, dann muss man natürlich auch die Kosten berücksichtigen, die die Holdingstruktur mit sich bringt. Aus der Bilanz herauslesen lassen sich diese Aufwendungen nicht. Die DZ Bank gibt sie mit 300 Mio. Euro an, was zwar üppig, aber nicht unplausibel erscheint. (Anmerkung: Wir haben die Pressestelle der DZ Bank mit sämtlichen Ergebnissen unsere Recherche konfrontiert; die 300 Mio. Euro entstammen der Antwort, die uns das Institut gegeben hat. Und, wenn eine Anmerkung in der Anmerkung erlaubt ist: Die DZ Bank hat sämtliche unserer Fragen zügig, sauber, transparent und  umfassend beantwortet. Das haben wir bei ähnlichen Bilanzrecherchen in den vergangenen Monaten schon ganz anders erlebt.).

Jedenfalls: Kombiniert man die Berechnungen Stefan Bests mit den 300 Mio. Euro, so ergibt sich, dass die DZ Bank in den vergangenen zwei Jahren nur knapp über der Nulllinie war – 2017 wohlgemerkt bei positiver Risikovorsorge. Ein ernüchternder Befund. Zumal vor dem Hintergrund, dass „Finanz-Szene.de“ bei seinen Recherchen auf eine der Öffentlichkeit bislang unbekannte Altlast aus dem 2015er-HGB-Abschluss gestoßen ist. Dazu gleich mehr. Erst noch einmal zurück in die IFRS-Welt des Konzerns.

6. Akt: Was wird da eigentlich wie konsolidiert?

Noch einmal zur Erinnerung: Ausgangspunkt unserer Analyse war ja der (angeblich) 752 Mio. Euro schwere Ergebnisbeitrag der DZ Bank zum Konzerngewinn. Wie wir inzwischen wissen, kann der reale Beitrag so hoch garnicht gewesen sein – denn operativ hat die eigentliche DZ Bank ja kaum Gewinn gemacht.

Blicken wir noch mal auf die im „1. Akt“ bereits erwähnte große Tabelle zur „Segmentberichterstattung“ – und fangen wir einfach mal an zu rechnen:

  • Der Zinsüberschuss des DZ-Bank-Konzerns beläuft sich auf 2.941 Mio. Euro. Addiert man hingegen die Zinsergebnisse sämtlicher Segmente, kommt man auf eine Summe von 3.547 Mio. Euro.
  • Dasselbe beim Vorsteuergebnis. Das betrug 2017 auf Konzernebene, wie weiter oben schon einmal erwähnt, 1810 Mrd. Euro. Addiert man hingegen die Gewinne sämtlicher Segmente, kommt man auf 2.505 Mio. Euro.

Es tun sich also erkleckliche Differenzen von 596 Mio. Euro bei den Zinsen und von 695 Mio. Euro beim Ergebnis auf.

Diese Differenzen werden nun aufgefangen in einer Zusatzspalte, die sich „Sonstige/Konsolidierung“ nennt. Denn dort finden sich die entsprechenden Beträge 1:1 wieder, jeweils mit einem dicken Minuszeichen davor. Wie geht das?

Dadurch, dass die abgeführten Ergebnisse der Töchter als Zinsertrag in das Segmentergebnis der Bank gepackt werden, entsteht bei der Bank ein „unechter“ Zinsertrag – dem bei den Töchtern allerdings kein entsprechender Zinsaufwand gegenübersteht. Ein Plus ohne Minus. Somit fehlt in der Konsolidierungsspalte zu den Erträgen der korrespondierende Aufwand, wodurch der Gewinn hier wieder (dickes Minuszeichen!) künstlich eliminiert werden muss.

Die DZ Bank bestätigt: Ja, die Beteiligungserträge werden „doppelt ausgewiesen“, bevor sie dann herauskonsolidiert werden. Keine unrechtmäßige, aber eine gewöhnungsbedürftige Form der Bilanzierung. Und die  Erklärung dafür, wie es sein kann, dass einer Bank, die operativ knapp oberhalb der Nulllinie agiert, im IFRS-Bericht ein Vorsteuergewinn von 752 Mio. Euro zugebilligt wird. Wie groß der Ergebnisbeitrag wirklich ist? Die DZ Bank antwortet hierauf: „Der Ergebnisbeitrag der DZ Bank AG ohne Berücksichtigung von Beteiligungserträgen und Holdingkosten liegt (…) derzeit bei ca. 200 Mio. Euro p.a.“

7.  Akt: Hat die DZ Bank am Ende sogar ein Kapitalproblem?

Was hat all das nun mit Lage und Zukunft der DZ Bank AG zu tun? Einiges! Denn die vorletzte Woche öffentliche gewordenen Pläne,  bis 2022 nochmals weitere fast 500 Arbeitsplätze und damit fast jeden zehnten Job abzubauen (nachdem im Zuge der Übernahme der WGZ Bank  schon 700 Stellen gestrichen wurden), erscheint vor dem Hintergrund der „Finanz-Szene.de“-Recherchen plötzlich in völlig neuem Licht. Denn agiert die Geno-Spitzenbank wirklich noch aus einer „Position der Stärke“, wie zum Beispiel die „Börsen-Zeitung“ schrieb. Und war es überhaupt noch der scheidende Vorstandschef Kirsch, der das Programm auf den Weg gebracht hat? Oder waren es nicht vielmehr die künftigen Co-Chefs, die nicht noch mehr Zeit verlieren wollten?

Und schließlich: Warum wurde in dem Mitarbeiterbrief die Cost-Income-Ratio  mit „deutlich über 80%“ angegeben, obwohl die entsprechende Kennziffer sowohl im Konzernbericht als auch im HGB-Abschluss merklich niedriger ist?

Es sieht auf den ersten Blick fast so aus, als gäbe es bei der DZ Bank keine zweigeteilte, sondern eine dreigeteilte Berichterstattung, nämlich eine für die Öffentlichkeit (IFRS), eine fürs Handelsregister (HGB) und eine für den internen Gebrauch. Und das Bemerkenswerte: Ungefähr so scheint es auf den zweiten Blick tatsächlich auch zu sein. Denn so wie die DZ Bank die Sache in ihrer Antwort auf unsere Fragen darstellt, ist sie mit der eigenen Bilanzierung selber (noch) nicht wirklich zufrieden.

Wörtlich heißt es:

„Die DZ Bank hat Umfang und Transparenz der Finanzberichterstattung bereits in den letzten Jahren deutlich ausgeweitet (z.B. Gesellschaften als Einzelsegmente). Darüber hinaus hat sie sich zum Ziel gesetzt, den Grundgedanken einer detaillierteren Trennung von Holding- und Geschäftsbank-Aktivitäten in der Berichterstattung umzusetzen. Die Separierung der Rechenwerke einer Holding ist herausfordernd. Neben der Ertragsposition aus Beteiligungen sind mit der Holding-Funktion auch signifikante Aufwendungen verbunden. Dies umfasst Verwaltungsaufwendungen (Konzernsteuerung, Projekte für Konzerndatenhaushalte, anteilige Bankenabgabe, etc.), Refinanzierungsaufwendungen für die Beteiligungsbuchwerte und Kosten für Nachrangkapital. Vor diesem Hintergrund sind erste Näherungsrechnungen projekthaft entwickelt und in der internen Kommunikation verwendet worden. Diese sollen in den nächsten Jahren schrittweise in die externe Berichterstattung überführt werden.“

Zurück zu unserer Analyse und der noch offenen Frage: Was war denn nun 2015? Also: Wie die Recherchen von „Finanz-Szene.de“ zeigen, war der 250 Mio. Euro schwere Griff in den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ in 2017 nicht der erste dieser Art. Denn zwei Jahre zuvor hatte die DZ Bank  den Notfonds schon einmal angezapft, damals sogar im Umfang von ziemlich satten 565 (!) Mio. Euro. Laut den Ausführungen im Jahresabschluss wurden die Reserven benötigt, um „Abschreibungen insbesondere auf die Buchwerte“ der beiden Töchter Schwäbisch Hall (-232 Mio. Euro) und DZ Privatbank (-274 Mio. Euro) zu kompensieren.

Während man hinter der Abschreibung auf die Schwäbisch-Hall die allgemeine Krise der Bausparkassen vermuten darf, kommt die erhebliche Abschreibung auf die ja doch eher kleine DZ Privatbank ziemlich überraschend. Was ist da vorgefallen? Bzw.: Ist da was vorgefallen? Die DZ Bank verneint dies. Sie schreibt: „Bei beiden Steuerungseinheiten [Anm.: also bei der Bausparkasse einerseits und der Privatbanktochter andererseits] schlägt sich insbesondere das Niedrigzinsniveau in den Unternehmenswerten nieder. Bei der DZ Privatbank kommt ergänzend das wettbewerbsintensive Marktumfeld im Private Banking hinzu.“

Interessanter an der Causa ist ohnehin ein anderer Aspekt: 2014/2015 hatte die DZ Bank ihren Eigentümern – also den Volks- und Raiffeisenbanken – eine Kapitalerhöhung in Höhe von 1,5 Mrd. Euro abgerungen; auch dieser Coup gilt zu Recht als eine der großen Leistungen von Vorstandschef Kirsch. Bloß: Rechnet man die aufgelösten 250 Mio. Euro aus 2017 und die aufgelösten 565 Mio. Euro aus 2015 zusammen, dann sind das mehr als 800 Mio. Euro, womit heute nach HGB-Logik die Hälfte der großen Kapitalerhöhung schon wieder aufgebraucht ist.

Per Ende 2017 stellt sich die Kapitalsituation der DZ Bank AG wie folgt dar:

2017
Eigenkapital 10.504
Fonds f.a. Bankrisiken 4.272
Summe 14.776
davon:
Anteile an verb. U. 11.414
Beteiligungen 386
Aktive latente Steuer 1.061
Immaterielles Vermögen 77
Überbewertung Finanzanlagen 93
Summe 13.031

Das Eigenkapital summert sich auf 14,8 Mrd. Euro (ohne den zweimaligen Griff in den „Fonds für allgemeine Bankrisiken“ wären es mithin 15,6 Mrd. Euro …). Davon entfallen allerdings schon mal 11,8 Mrd. Euro auf Anteile an verbundene Unternehmen sowie auf Beteiligungen. „Das wirft die Fragen nach der Fungibilität – also der freien Verwendbarkeit – dieses Kapitals auf“, sagt der Bilanzexperte Best. Im Falle einer Notsituation sei nämlich „keineswegs klar, dass die DZ Bank AG tatsächlich Kapital von den Töchtern abziehen oder diese verkaufen kann.“

Verbleiben also noch rund 3 Mrd. Euro Eigenkapital. Davon allerdings setzen sich rund 1,25 Mrd. Euro aus aktiven latenten Steuern, immateriellem Vermögen und der Überbewertung von Finanzanlagen zusammensetzen. Dies seien „Positionen von zweifelhaftem Wert“, so Experte Best.

Hat die DZ Bank am Ende also ein Kapitalproblem? Das Institut antwortet wie folgt:

„Die angemessene Kapitalisierung bestimmt sich für Kreditinstitute auf Basis der Vorgaben gem. CRR / CRD IV. Für die Frage der angemessenen Kapitalisierung der DZ Bank ist hierbei vor allem die Gruppenperspektive relevant. Hier liegt die Kapitalisierung auf gutem Niveau (30.06.2018: harte Kernkapitalquote: 13,7%). Die DZ BANK AG ist mit einer harten Kernkapitalquote von 15,9% per 30.06.2018 sogar noch besser kapitalisiert. Die Kapitalquoten liegen jeweils deutlich über den aufsichtlichen Mindestanforderungen.“

Formell ist das natürlich richtig – zumal die Ratingagenturen der DZ Bank als Teil des großen genossenschaftlichen Verbunds ohnehin eine sehr gute Bonität bescheinigen. Und doch: Ist der Eindruck falsch, dass die Bank als solche über verblüffend wenig ureigenes, über jeden Zweifel erhabenes Eigenkapital verfügt?

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