Sparkassen-Serie, Teil 2

Die verrückten Bilanzen der ostdeutschen Sparkassen

3. September 2019

Von Heinz-Roger Dohms

Mit deutschen Sparkassen-Chefs hat der britische „Guardian“ normalerweise nichts am Hut. Für Ulrich Lepsch allerdings (Spitzname: „Lausitz-Napoleon“) machte die Qualitätszeitung vor ein paar Jahren eine Ausnahme.

Der Artikel erschien im September 2007, als Lepsch neben seinem Job bei der Sparkasse Spree-Neiße auch noch als Präsident von Energie Cottbus amtierte – und gerade den beliebten Cheftrainer Sander gefeuert hatte. Was ihm nicht nur vorübergehend einen zweiten Spitznamen eintrug („Der Buhmann der Bundesliga“) – sondern eben auch besagten „Guardian“-Bericht, in dem er dann über sich lesen musste:

„Lepsch was not content with working behind the scenes. The man nicknamed ‚Napoleon‘ craved a portion of Sander’s limelight and started to meddle with the team selection. […] He wants to bring in a big, Western name like Klaus Augenthaler or Jürgen Kohler, but his dreams of a future in mid-table comfort can be filed under ‚delusions of grandeur‘.“

Lang ist’s her. Und, ääähhh, und warum erzählen wir Ihnen das eigentlich heute morgen alles?

Weil Ulrich Lepsch nicht nur als Fußball-Präsident (der er seit 2014 nicht mehr ist), sondern auch Sparkassen-Chef (der er seit 19 Jahren ist) ins „Limelight“ drängt.

Der Grund hierfür ist die Cost-Income-Ratio von 39%, die die Sparkasse Spree-Neiße zuletzt auswies – der mit Abstand beste Wert aller deutschen Sparkassen und womöglich sogar der beste Wert aller deutschen Banken überhaupt. Zum Vergleich: Die größte Sparkasse der Republik, die Hamburger Haspa, kam zuletzt auf eine Aufwand-Ertrag-Relation von 79%. Bei der ING Deutschland, berühmt für ihre Effizienz und berüchtigt für ihre Kostendisziplin, waren es 47%. Die Deutsche Bank? 93%. Die Commerzbank? 80%.

Klar, dass regionale Medien und Fachzeitschriften gleichermaßen jubeln, wenn sie über die Sparkasse Spree-Neiße berichten.

  • In der Börsen-Zeitung“ wurde Lepsch schon vor Jahren als „Kostenkiller“ und „CIR-König“ beschrieben, der „gnadenlos“ den Aufwand drücke.
  • „Bank intern“ nannte die 39% neulich „sensationell“ und analysierte: „Die ungebrochen breite Präsenz in der Region, für Lepsch Ausdruck enger Kundenbindung, ist die Basis für Wachstum, im Einlagen- wie im Kreditgeschäft. So als wären Niedrigzins und Regulatorik geradezu Problemfelder aus einer anderen Welt, ist die Ertragslage der Sparkasse nach wie vor rekordverdächtig.“
  • Und die Lausitzer Rundschau schrieb: „Nein, auch die Finanzprofis können sich nicht wirklich erklären, wie er [also Lepsch] es immer wieder schafft, eine strahlende Bilanz abzuliefern.“

Wirklich nicht?

Wer die Zahlen der Sparkasse Spree-Neiße aufdröselt, merkt recht schnell, dass die 39% Aufwand-Ertrag-Relation nicht nur die Folge von „Kosten-Killing“ und „breiter Präsenz in der Region“ sein können. Sondern: In erster Linie dürfte sie das Ergebnis einer ziemlich verrückten Bilanzstruktur sein. Per Ende 2018 lag das Geschäftsvolumen der Sparkasse Spree-Neiße bei 3,8 Mrd. Euro. Die Kundenkredite machten  allerdings nur 1,0 Mrd. Euro aus, also wenig mehr als ein Viertel des gesamten Geschäfts. Deutlich mehr Geld, nämlich 2,5 Mrd. Euro, lag in Wertpapieren.

Entsprechend sieht auch die Gewinn- und Verlustrechnung aus. Im Kreditgeschäft fielen gerade einmal Erträge von 34,1 Mio. Euro ab – zu wenig, um die (übrigens um 6,5% gestiegenen) Personal- und Verwaltungskosten in Höhe von 42,6 Mio. Euro auch nur annähernd zu decken. Das Gros der Erträge und letztlich des Gewinns kam aus Wertpapieren. 62,1 Mio. Euro machte diese Erlösposition aus, also fast das Doppelte des Kreditgeschäfts.

Anders gesagt: Die sensationell anmutende Cost-Income-Ratio dürfte vor allem daher rühren, dass – bewusst überspitzt formuliert – dem größten Teil der Erträge auf der Kostenseite nur das Gehalt des Treasurers entgegensteht.

Etwas weniger überspitzt drückt es der Sparkassen-Experte Guido Versondert von Independent Credit View aus: „Im Wertpapiergeschäft ist der Personal- und Sachaufwand natürlicherweise geringer als im Kreditgeschäft.“

Interessant ist der Vergleich zur Sparkasse Aachen, deren 2017er-Zahlen wir vor einigen Monaten analysiert hatten („Normale deutsche Sparkasse arbeitet ähnlich profitabel wie die Citigroup“) und deren Cost-Income-Ratio von 56% ebenfalls hervorragend ist: Bei der Sparkasse Aachen ist nicht das Wertpapiergeschäft zweieinhalb mal so groß wie das Kreditgeschäft. Sondern umgekehrt das Kreditgeschäft viermal so groß wie das Wertpapiergeschäft.

Der Grund für die verquere Bilanzstruktur der Spree-Neiße-Sparkasse und anderer Ost-Institute ist bekannt: Er liegt im Einlagenüberhang, den praktisch alle ostdeutschen Sparkassen aufweisen, weil es in den neuen Ländern zu wenige Unternehmen und zu wenige Häuslebauer gibt, als dass sich die Spareinlagen sinnvollerweise in Kredite umwandeln ließen. Welche Blüten aus dieser Konstellation mitunter erwachsen, hatten wir ja bereits im vergangenen Herbst in unserem Artikel über das Fußball-lastige Kreditbuch der VR-Bank Bad Salzungen Schmalkalden beschrieben.

„Ende 2018 lag der Passivüberhang sämtlicher deutscher Sparkassen bei rund 127,3 Mrd. Euro. Davon dürfte ein signifikanter Teil auf die ostdeutschen Institute entfallen sein“, sagt Experte Versondert, der allerdings zugleich betont: „Es ist es überhaupt nicht verwerflich, wenn Sparkassen und Genossenschaftsbanken je nach regionalem Markt stark aufs Wertpapiergeschäft setzen. Jedenfalls wäre es nicht empfehlenswert, mit aller Macht Kredite vergeben zu wollen, wenn die Nachfrage das einfach nicht hergibt.“

Interessanterweise wird der Passivüberhang in den meisten Medienberichten als Problem beschrieben. Tatsächlich fahren viele Ost-Sparkassen mit dem fehlenden Kreditgeschäft jedoch seit vielen Jahren ganz hervorragend. Und manche sogar: irre gut. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man nur mal ein paar relative Erfolgs-Kennzahlen der Sparkasse Spree-Neiße neben die der Sparkasse Köln-Bonn legen:

Spree-Neiße Köln-Bonn
Cost-Income-Ratio 39% 78%
Betriebsergebnis gemessen an der Bilanzsumme 1,76% 0,44%
Ertrag je Mitarbeiter 272.000 € 158.000 €

Zugegeben: Die Bilanzstruktur der Cottbusser Sparkasse ist sogar für Ostverhältnisse extrem. Gleichwohl: Selbst beim größten Ost-Institut, nämlich der Mittelbrandenburgischen Sparkasse aus Potsdam, ist das Wertpapiervolumen (4,8 Mrd. Euro) nicht soooo viel geringer Kreditvolumen (6,4 Mrd. Euro). Ähnlich stellt sich das Verhältnis bei den Mitgliedsinstituten des Ostdeutschen Sparkassenverbands insgesamt dar. Dort kamen auf Kredite in Höhe von 57 Mrd. Euro zuletzt Wertpapiere in Höhe von 48 Mrd. Euro. (Hinweis: Die thüringischen Sparkassen gehören dem OSV nicht an).

Die Frage ist, wie lange die Zahlen so (sensationell) bleiben, wie sie es sind. Denn in der Theorie müssten die Erträge aus den Wertpapieranlagen im Zuge des Zinstiefs ja irgendwann zu sinken beginnen – zumindest, sofern es sich um festverzinsliche Papiere halten, was bei der Spree-Neiße-Sparkasse der Fall ist.

In der Praxis allerdings sind die Erträge in Cottbus erstaunlich stabil, wenn man die aktuellen Zahlen mit denen vor drei bzw. vor sechs Jahren vergleicht (bitte immer dran denken: Wir reden hier rein von den Erträgen, nicht vom Überschuss …)

Wertpapiererträge der Sparkasse Spree-Neiße:

2018 62,1 Mio. €
2015 64,5 Mio. €
2012 70,4 Mio. €

Früher oder später dürfte das Phänomen der abschmelzenden Wertpapier-Erträge freilich auch die Sparkasse Spree-Neiße und viele die anderen Ost-Sparkassen ereilen. Und dann? Dürften die Erträge abschmelzen, die Cost-Income-Ratios steigen – und die fetten Jahren vorbei sein.

In Cottbus kann man diesem Szenario freilich entspannt entgegensehen – denn Fett für magere Zeiten hat die Spree-Neiße-Sparkasse genügend angefressen. Beleg: Aus regulatorischer Sicht müssen die Lausitzer eine harte Kernkapitalquote von mindestens 6,4% erfüllen, geht aus dem Offenlegungsbericht hervor. Zuletzt waren es : 43,3%.

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