Exklusiv

Die Wahrheit über die Bethmann Bank

24. Mai 2019

Von Christian Kirchner

Wer sich über die laut Eigendarstellung „mit Abstand größte echte Privatbank in Deutschland“ informieren möchte, hat drei Möglichkeiten. Die erste: Er (bzw. sie) bringt wenigstens eine halbe Mio. Euro liquides Vermögen mit. Das gibt einem die Möglichkeit, im Zuge einer privaten Kundenberatung alles zu erfragen, was man schon immer über die Bethmann Bank wissen wollte.

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Die zweite Option: Sie, liebe Leser*innen, konsultieren die seit Jahren durchweg wohlwollende Medienberichterstattung über den – gemessen an den Assets under Management von 38 Mrd. Euro – drittgrößten Private-Banking-Anbieter hierzulande nach Deutscher Bank und Commerzbank. Da erfahren Sie dann nämlich, dass die Bethmann Bank …

  • … „(die) Rentabilität deutlich gesteigert“ hat (Euro am Sonntag, 2012)
  • … „Tritt gefasst, im Jahr 2012 einen kleinen Gewinn erzielt und diesen im Jahr 2013 ausgebaut“ hat (FAZ, 2013)
  • … „trotz Fusion Verlust vermieden“ hat (FAZ, 2014)
  • ….“den Neid der Rivalen spürt“ (FAZ, 2014)
  • … „extrem gut ins Jahr 2015 gestartet“ ist (Börsen-Zeitung, 2015)
  • ….“sich über mehr Kundenvermögen freut“ (FAZ, 2016)
  • … einen Vorstandschef hat, dessen Weggang im März 2017 eine „Auszeit wie bei Pep Guardiola“ bedeutete (FAZ, 2017)
  • … ein Haus ist, dessen Effizienz sich „für deutsche Verhältnisse durchaus sehen lassen [kann]: 64 Cent musste die Bethmann Bank 2016 aufwenden, um einen Euro Ertrag zu erwirtschaften. Viele Wettbewerber wären froh, kämen sie auf 70 Cent.“ (FAZ, 2017)
  • … 2016 operativ „72 Millionen Euro“ und ein Jahr später „8 Millionen Euro“ Gewinn erwirtschaftet hat (Bloomberg, 2018)
  • … einen „starken Jahresauftakt“ gefeiert hat (Handelsblatt, 2018)

Wir wissen nicht, wie sich diese Artikelauszüge für Sie anhören – aber für uns klingt das nach einer Bank, bei der es ziemlich gut läuft, gerade gemessen an den schwierigen, tiefroten Jahren zu Beginn des Jahrzehnts.

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit, sich über die Bethmann Bank mit ihren rund 500 Mitarbeitern zu informieren: Man schaut einfach mal in die entsprechenden Abschlüsse im Bundesanzeiger und fragt anschließend bei der Bank nach, was es mit den Zahlen auf sich hat. Und dann stellt man fest:

Die ABN-Amro-Tochter hat ohne Einmaleffekte bei den Erträgen auf HGB-Basis in drei der letzten vier Jahre, darunter den letzten beiden bislang testierten, rote Zahlen geschrieben.

Warum? Zunächst einmal leidet Bethmann an einem den Geschäftsberichten zufolge ungelösten, handfesten Ertragsproblem. Denn von wegen 64 Cent Aufwand je Euro Ertrag (woher auch immer diese Zahl kommen mag): Laut HGB-Abschluss lag die Cost-Income-Ratio zuletzt konsequent bei mehr als 90%.

Wobei natürlich alles immer eine Definitionsfrage ist. Im 2017er-Abschluss zum Beispiel bietet Bethmann als Alternative zur herkömmlichen Aufwand-Ertrag-Relation eine „um Transformationsprojektkosten bereinigte“ Cost-Income-Ratio an, in einem jüngeren Interview auch schon mal eine Cost-Income-Ratio „ohne Infrastrukturinvestitionen“.

Was aber stand unterm Strich? Aus (kumulierten) Erträgen von mehr als 700 Mio. Euro in den Jahren 2013-2017 hat das Frankfurter Traditionsinstitut einen (kumulierten) HGB-Gewinn von 12 Mio. Euro erwirtschaftet. Dabei stand 2016 ein Gewinn von 2,7 Mio. Euro und 2017 – dem letzten Jahr mit im Bundesanzeiger veröffentlichtem HGB-Abschluss – ein Gewinn von 6,1 Mio. Euro zu Buche.

Nicht viel. Aber im umkämpften deutschen Privatbankenmarkt auf den ersten Blick durchaus achtbar. Denn dort verlieren selbst Promi-Adressen angesichts zins- und wettbewerbsbedingt sinkender Margen gern mal Geld und ist Ertragsschwäche kein institutsspezifisches Thema von Bethmann.

Doch was passiert, wenn man z.B. den 2016er-Gewinn mal ein bisschen hinterfragt? Denn: Auf der Ertragsseite lief jenes Jahr gemessen an den damaligen Planungen übel: Die Erlöse lagen „rund EUR 20 Mio. unter dem finalen Ertragsbudget von EUR 177 Mio. Euro“, wie es im Abschluss heißt. Das war übrigens das Jahr, bevor der langjährige Vorstandschef Horst Schmidt seinen Ausstieg aus der Bank im März 2017 (siehe die Guardiola-Auszeit weiter oben) ankündigte. Ein etwaiger Zusammenhang zwischen den Zahlen und dem Weggang wird seitens der Bethmann Bank bestritten.

Wie kann ein Geldinstitut, dass seine Ertragsziele derart deutlich verfehlt, „schwarz“ sein?

Nun: Es traf sich zumindest nicht schlecht, dass in besagtem 2016er-Abschluss „Erträge aus Gewinnabführungsverträgen“ in nicht eben geringer Höhe von 25 Mio. Euro gebucht werden konnten. Ein Posten, der in den Geschäftsberichten der Vorjahre nicht auftaucht. Wo der plötzliche Erlös herkam? Im Abschluss ist dazu keine nähere Information zu finden. Aus der Abwicklung von in den Nullerjahren aufgelegten Infrastrukturfonds, sagt die Bank auf Nachfrage. Zöge man diesen laut internen Leistungsindikatoren „außerordentlichen Ertrag“ ab, wäre die Bank mithin auf HGB-Basis in den roten Zahlen gewesen.

2017 wiederholte sich der Vorgang. Diesmal erwirtschaftete die Bank laut HGB-Abschluss einen Gewinn von 6,1 Mio. Euro. Doch auch hier lag dem Plus ein Einmaleffekt (wieder laut Bethmann aus der Abwicklung von Fonds) von diesmal 8,9 Mio. Euro zugrunde. Ansonsten hätte auch hier ein Verlust gestanden.

Auf Nachfrage bestätigt die Bank, ohne diese Einmaleffekte seien die HGB-Abschlüsse tatsächlich „rot“ gewesen 2016 und 2017. Ein Sprecher weist aber darauf hin, dass sich die Bank inmitten eines Transformations-Programms befinde und zahlreiche Investitionen in Infrastruktur und Digitalisierung stemme, die sich langfristig in Sachen Profitabilität auszahlen würden. Zudem sei der HGB-Gewinn nicht die „für die Geschäftssteuerung relevante“ Kennziffer.

Um mehr Klarheit zu schaffen, bat Finanz-Szene.de die Bethmann Bank zu beziffern, wie die „relevanten“ Ergebnisse der Jahre 2016-2018 ausgefallen seien und worum es sich bei den gegenüber der Presse kommunizierten Gewinn-Zahlen handele? „In den Jahren 2016-18 betrug das operative Ergebnis 4,4 Mio., 3,5 Mio.  und 12 Mio. Euro“, teilte ein Bethmann-Sprecher mit.

Die Basis für diese Zahlen? „Diese Angabe ist eine interne Steuerungsgröße und basiert unter anderem auf IFRS“, heißt es dazu. 

Dass jedenfalls die Dinge auch nach Start des Transformations-Programms nicht so liefen, wie man es sich vorgestellt hatte, zeigen drei weitere Aspekte: Im Abschluss 2016 gab die Bank an, bis 2019 auf ein verwaltetes Vermögen von 40 Mrd. Euro kommen zu wollen. Im Abschluss 2017 wurde dieses Ziel dann auf 2021 verschoben.

Auch die Ziele für die zuletzt notorisch hohe Cost-Income-Ratio haben sich verschoben: Peilte die Bethmann Bank hier zunächst eine CI-Ratio von unter 75% bis 2020 an, so sind es nun unter 80% – das allerdings bis 2021. Während des Jahres 2017 prüfte die Mutter ABN Amro zudem „die Bewertung der Bethmann Bank und kam wegen der Erwartungen in Bezug auf Rentabilität und Kapitaleinsatz zu dem Schluss, dass der Geschäfts- oder Firmenwert teilweise wertgemindert ist“ – und schrieb 36 Mio. Euro ab.

Nochmal zurück zu den Assets. Eine der wichtigsten Kennziffern bei Privatbanken ist das verwaltete Vermögen. Sie gibt an, auf welcher Basis ein Institut überhaupt Zins- und Provisionsmargen erzielen kann, und ist auch deshalb wichtig, weil die Gebühren meist anhand des verwalteten Volumens erhoben werden.

Zum Jahresende 2015 – mithin also vor dreieinhalb Jahren – betrug das verwaltete Vermögen bei der Bethmann Bank 36,2 Mrd. Euro. Aktuell sind es, wie die Bank auf Nachfrage mitteilt, 38,2 Mrd. Euro. Macht ein an sich gesundes Plus von 2 Mrd. Euro.

Allerdings flossen der Bank ab Jahresende 2015 und bis Ende 2018 laut Abschlüssen und Kommunikation Jahr für Jahr netto neue Mittel zu, in der Summe rund 2,5 Mrd. Euro. Zudem liefen die Kapitalmärkte seit Ende 2015 unter dem Strich herausragend, was üblicherweise starke Markteffekte auf das Vermögen hat. Globale Aktien legten gemessen am MSCI World rund 35% zu seit Ende 2015, der Dax 11%, selbst ein Korb europäischer Staatsanleihen 7%.

Wie kann es also sein, dass der Anstieg der Assets under Management geringer ausfällt als die Netto-Zuflüsse?

Dazu teilt die Bethmann Bank mit, die „Net New Assets“ seit Ende 2015 beliefen sich auf 2,2 Mrd. Euro, die „Performance auf Assets ohne Custody“ 1,3 Mrd. Euro. Allerdings hätten sich im gleichen Zeitraum die Assets im Verwahrgeschäft  (Custody) um rund 1,5 Mrd. Euro verringert.

Bleibt nach all den Zahlen die Frage: Wie hoch war denn nun der Gewinn 2018? Kommuniziert wurden bereits per Interview und auch auf unsere Nachfrage hin: 12 Mio. Euro. Das war allerdings ein „operatives Ergebnis“, genauer: eine  „interne Steuerungsgröße, basiert unter anderem auf IFRS“. Man nutze diese „interne Steuerungsgröße“, um „konzernintern Vergleichbarkeit im Budgetierungsprozess zu gewährleisten“.

Und wie fiel dann der Gewinn aus, der nicht auf  „internen Steuerungsgrößen“, „basierend unter anderem auf IFRS“ aufsetzt, sondern auf so etwas wie einem testierten Jahresabschluss?

Die Zahl konnte „mit Blick auf die heutige (23. Mai., d. Red.) AR-Sitzung sowie das noch ausstehende Testat nicht genannt“ werden, so die Auskunft.

Bereits genannt indes: 2019 wird schwierig. In einem Interview mit der „Börsen-Zeitung“ erklärte der Vorstandschef Ende März , der Ertragsausblick für 2019 falle angesichts des ungünstigen Basiseffekts verhalten aus.

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