Kurz gebloggt

Echt jetzt, Herr Hamers? Die Lieblings-Ausrede der CEOs

24. Oktober 2019

Von Christian Kirchner

Der ING-Chef Ralph Hamers hat dem heutigen Handelsblatt (Paywall) ein Interview gegeben, und natürlich geht es darin auch um Fusionen und Übernahmen. Schließlich galt die Oranje-Bank (Börsenwert: 40 Mrd. Euro) ja monatelang als potenzieller Käufer der Commerzbank (Börsenwert: 7 Mrd. Euro). Bis das Interesse offenbar erlahmte – und Hamers, ohne sich konkret zu einer Bank zu äußern, nun in dem Interview sagt: Ja, natürlich, Zusammenschlüsse über Ländergrenzen hinweg könnten Kosten sparen und Synergien freisetzen. Aber:

„Das Problem in Europa ist, dass die Bankenunion nicht vervollständigt ist. Das erschwert grenzüberschreitende Fusionen sehr.“

Die Bankenunion? Schon wieder die Bankenunion? Das kam uns als Motiv dann doch bekannt vor:

„Erst wenn die Bankenunion endgültig steht, wird die Konsolidierung kommen“

(Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing im September 2018)

Es wird zu Zusammenschlüssen kommen, sobald „fundamentale Hindernisse für eine Konsolidierung der Bankenbranche beseitigt seien und die Bankenunion vollendet wird“.

(Société Générale-Chef Frederic Oudea im Mai 2019)

„(Eine Vertiefung der Bankenunion) wäre dringend notwendig. (…) Positiv finde ich dagegen die Diskussionsvorschläge aus dem Finanzministerium zu einer vierten Säule der Bankenunion, denn die Fragmentierung des europäischen Bankenmarkts zählt aus meiner Sicht zu den größten Problemen der Branche.“

(Bankenpräsident Hans-Walter Peters im Juni 2019)

Die Liste mit Zitaten ließe sich fortsetzen. Nachdem es in Europa  schon seit Jahren zu keinem größeren grenzüberschreitenden Banken-Merger mehr gekommen ist (oder fällt Ihnen einer ein?), ist der Schuldige hier fürendlich ausgemacht. Die Bankenunion! Bzw. die Noch-immer-nicht-Vollendung selbiger.

Der Spin ist dabei immer der gleiche: Eigentlich wären länderübergreifende Fusionen dringend nötig, um irgendwie die Profitabilität zu retten. Aber solange man nicht mal anstandslos die überschüssigen Spareinlagen aus Land A in Land B als Kredit ausreichen kann, mache das alles ja keinen Sinn.

Aber ist das so? Oder könnte es nicht vielmehr sein, dass eine vertiefte Bankenunion zwar hilfreich wäre – aber die wahren Gründe für die ausbleibenden M&A-Deals ganz andere sind?

Zumindest gibt es dafür einige – aus unserer Sicht – gewichtige Indizien:

  • Auch ohne Bankenunion rufen Branchenexperten und solche, die es sein wollen, seit Jahren regelmäßig die große M&A-Welle aus. „Bankenfusionen und -akquisitionen werden das Thema des Jahres 2019“, orakelte Standard & Poor’s Anfang Januar.  Genauso sahen es im vergangenen Jahr die Analysten von UBS und Citigroup. Doch nix passierte.
  • Auch ohne Bankenunion werden seit Jahren hinter den Kulissen mögliche Zusammenschlüsse ausgelotet (oder etwa nicht, Herr Hamers?)
  • Auch ohne Bankenunion könnte auf nationaler Ebene ja eigentlich konsolidiert werden, was das Zeug hält. Über die „Super-Landesbank“ indes wird viel geredet, aber nichts passiert. Und Commerzbank und Deutsche Bank? Hatten die Kleider schon vom Leib. Und haben sich dann doch wieder angezogen.
  • Und wenn man einmal auf die Volumina und die Zahl der Transaktionen blickt …

Quelle: Deutsche Bank Research

… sieht man einen säkularen Anti-M&A-Trend. Und das in einer Branche, die doch eigentlich nach Konsolidierung schreien müsste.

Welche Gründe könnte es also geben, die sonst noch gegen Fusionen und Übernahmen sprechen?

  • Die Banken in Europa haben gute Zeitpunkte für beherztes M&A verpasst – entweder, weil sie dem Aufschwung misstraut haben oder aber, weil sie – und das dürfte eine besonders in Deutschland verbreitete Variante sein – stets die Hoffnung hatten, dass die baldige Zinswende die Profitabilität auch ohne schmerzhafte Einschnitte retten werde. Jetzt kommt zum Pech der ausgebliebenen Zinswende noch das Pech demnächst steigender Kreditausfälle hinzu, weil die Konjunktur kippt. Da haben alle besseres zu tun  als sich in M&A-Deals erst einmal ein, zwei Jahre mit sich selbst zu beschäftigen
  • Am Flickenteppich nationaler Regulierungen über Banken hinaus (etwa dem Verbraucherschutz) wird sich so rasch nichts ändern
  • Zu brutal niedrigen Bewertungen (Schnitt der Eurozonen-Banken: Kurs-Buchwert-Verhältnis 0,5 und 4,6% Dividendenrendite) will sich kaum eine Bank freiwillig in einen M&A-Deal einbringen, so billig auch der „Nachbar“ sein mag
  • Investoren können sich für das Thema nicht erwärmen, denn die Empirie zeigt: Banken sind nicht besonders gut im Management großer M&A-Deals. Folge: Die Eigentümer der aufgekauften Institute mögen gewinnen, die Renditen der Käufer aber oft erodieren (Quelle).

Ist es nicht am Ende so: Gäbe es im europäischen Bankensektor tatsächlich über Skaleneffekte so richtig was zu holen – wären dann die Finanzinvestoren (sprich: nicht nur Cerberus …) nicht längst im großen Stil eingestiegen?

Auffällig jedenfalls: Langsam, aber sicher scheint sich die Eurozone ja durchaus in Richtung Bankenunion zu bewegen. Irgendeinen M&A-Impuls haben dieser Fortschritte aber nicht ausgelöst. (Quelle)

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