Analyse

Das steckt hinter dem 24%-Cost-Income-Mirakel bei der ING

13. Mai 2019

Von Christian Kirchner

Puuuh, da haben wir ja etwas ausgelöst mit unserem Artikel „ING Diba: 366 Leutchen erwirtschaften 41% des Gewinns“. Nicht nur ausweislich der Klickzahlen, sondern auch des Leser-Feedbacks. Dass da doch etwas nicht stimmen könnte, wäre da noch die harmloseste Zusammenfassung.

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Worum es geht: Die Wholesale-Banking-Sparte der ING Deutschland (also jener Bereich, der Bankgeschäfte für Großkunden mit mindestens 250 Mio. Euro Jahresumsatz betreibt) hat im ersten Quartal 141 Mio. Euro Gewinn vor Steuern erwirtschaftet, die Retail-Sparte hingegen nur 203 Mio. Euro. Nur??? Klar: 203 Mio. Euro sind mehr als 141 Mio. Euro. Aber man muss auf die Relationen schauen: Die Wholesale-Sparte kommt mir 366 Vollzeitstellen aus, die Retail-Sparte beschäftigt 4861 Mitarbeiter. Also 13-mal so viele. Und was sogar noch imposanter anmutet, das ist die Tatsache, dass der Wholesale-Bereich laut offiziellen Angaben mit einer schwindelerregenden Cost-Income-Ratio von 24% daherkommt.

Grund für uns, den Zahlen und einigen kursierenden Theorien, wie diese denn zustandekommen, nochmals nachzustiefeln.

Stimmen die genannten Zahlen überhaupt oder hat „Finanz-Szene.de“ sich verlesen?

Die Zahlen stimmen alle und sind alle auch hier im Quartalsbericht der niederländischen ING (die detaillierte Angaben auch zu ihrem Deutschland-Geschäft macht) nachzulesen.

Kann eine Bank(-sparte) überhaupt mit einer Cost-Income-Ratio von 24% arbeiten, ohne dabei exorbitante Risiken einzugehen?

Gemessen am Leser-Feedback kursieren zwei Theorien, wie die  ING Deutschland derart profitabel arbeiten kann. Die eine besagt: Die Wholesale-Sparte nahm erst 2011 ihre Arbeit auf, dreht seitdem ein immer größeres Rad (Kreditvolumen +40% seit 2016). Folglich sind Risikovorsorge und Kreditausfälle noch recht niedrig, weil sich die ING Deutschland sozusagen der Gnade der späten Geburt erfreue (und quasi nur konjunkturelle Boomzeiten kennt). Das dicke Ende kommt demnach später.

Und die andere Theorie? Besagt, die Niederländer verbuchten Geschäft in Frankfurt, obwohl es dort gar nicht originär vergeben worden sei.

Was davon stimmt?

Ein ganz wesentlicher Grund für die selbst im internen Vergleich unnatürlich hohe Profitabilität (die Cost-Income-Ratio des Wholesale-Bereichs im gesamten ING-Konzern liegt bei  59%) ist laut den Recherchen von „Finanz-Szene.de“ die gewählte Struktur der Oranje-Bank. So hat sich der Mutterkonzern entschieden, diverse Wholesale-Kompetenzcenter in Frankfurt anzusiedeln: etwa 2013 das Geschäft für Exportfinanzierung („Global Competence Center Structured Export Finance“), 2015 das Geschäft für die Unternehmensfinanzierung im Automobilsektor und 2017 das Kompetenzzentrum „Structured Metals and Energy Finance“. Das bedeutet konkret: Die Assets dieser Bereiche werden von Deutschland aus gemanagt, was insofern Sinn macht,  als die hiesige ING über massenhaft Retail-Einlagen verfügt, die sie a) nicht vollständig in Retail-Kredite  – also Baufinanzierung und Konsumentenkredite – und b) aus regulatorischen Gründen auch nicht einfach in andere Landesgesellschaften verschieben kann.

Mithin: Die hiesige ING verbucht in  ihren deutschen Kompetenzzentren Erträge, denen Kosten gegenüberstehen, die nur teilweise in Deutschland verbucht werden.

Also keine übergroßen Risiken? Oder dreht die deutsche ING womöglich doch ein zu großes Rad, zum Beispiel in der gewerblichen Immobilienfinanzierung?

Kein Gerücht streuen Topmanager deutscher Banken so gern über andere deutsche Banken, wie das, dass die jeweils andere Bank ein viel zu großes Rad drehe in der gewerblichen Immobilienfinanzierung. Auch über die hiesige ING wird das gern behauptet.

Wir haben darum einfach mal bei der ING Deutschland nachgefragt, wie groß das Rad, das ihre Wholesale-Leute im Bereich „Real Estate Finance“ drehen (der laut eigenen Angaben „Kunden auf der ganzen Welt mit Fremdkapital bei Gewerbeimmobilien“ versorgt), denn wirklich ist . Antwort: Auf die gewerbliche Immobilienfinanzierung entfalle per Ende 2018 lediglich ein Kreditvolumen von 4 Mrd. Euro, gemessen an insgesamt 35 Mrd. Euro in der Wholesale-Sparte. Und die sogenannte Loan-To-Value-Ratio – also das Verhältnis des Kreditbetrages zum Wert eines Objekt – läge bei rund 45%. Also keine Werte, die wie ein allzu großes Rad aussehen.

Kann man von den 41% Gewinnbeitrag der Wholesale-Sparte im ersten Quartal nun auf das Gesamtjahr 2019 schließen?

Nein, nicht zwingend. So wurden in Q1 Regulierungskosten in Höhe von 56 Mio. Euro zum allergrößten Teil bilanziell der Retail-Sparte aufgebürdet. Hätte man sie gleich verteilt auf beide Sparten, läge der Gewinnbeitrag des Wholesale-Teams bei rund 34%. Nicht mehr ganz so spektakulär – aber dennoch der höchste Wert auf Quartalsebene bislang. Zuletzt waren es rund 30% gewesen.

Wie geht es nun weiter?

Die deutsche ING hat zurzeit im Wertpapier-Bereich drei Jobs ausgeschrieben, in der Immofinanzierung einen, bei „Finanzen & Sparen“ gibt es vier offene Stellen – und im Wholesale-Banking: 32. Das sagt eigentlich alles.

Die frühere ING Diba fokussiert sich immer stärker aufs Geschäft mit Großkunden, was die Vermutung zulässt, dass die Wholesale-Sparte schon bald auf einen Ergebnisanteil von 50% und mehr kommen könnte. Dies hat auch mit simplen Basiseffekten zu tun: Das Provisionsgeschäft im Retail-Banking kommt (wie bei den meisten anderen Banken in Deutschland) auch bei der ING schlicht nicht in die Hufe. 2018 machte es lumpige 12% der gesamten Erträge aus. (In Q1 2019 übrigens waren es trotz Börsen-Hausse weiterhin nur 12%).

Was also tun? An der Zinsmarge drehen? Quasi unmöglich. Denn die Verzinsung für das populäre Extra-Konto, der ING-Variante des Tagesgelds, ist seit 2012 in zehn Schritten von 1,75% auf nunmehr 0,01% gesunken. Da geht nichts mehr. Zumal auf der Aktivseite die hübsch verzinsten Altkredite allmählich auslaufen, die Marge also eher sinkt als steigt. Sonst noch eine Option? Gebühren für das Girokonto zu verlangen, wäre ein riskantes Experiment, das schon Wettbewerbern wie der HVB und der Postbank ausweislich ihrer Kundenzahlen und Provisionserträge zumindest keinen sichtbaren Schub gegeben hat.

All das ist ein Luxusproblem auch in der Retail-Sparte, die im Schnitt der letzten vier Quartale mit einer Cost-Income-Ratio von 52% agiert. Aber dass die Zukunft in Sachen Ergebnis der (kleinen) Wholesale-Sparte gehört und die höheren Ertragsanteile nur eine Frage der Zeit sind, das ist keine allzu gewagte These.

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