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Wären private Sparkassen der „Big Bang“ für Deutschland?

16. Juli 2019

Von Jim Leaviss *

Wer nach den limitierenden Faktoren für das Wirtschaftswachstum in der Eurozone  sucht – der landet schnell bei der  Schwäche der Banken. Zwar hat Europas Kreditwirtschaft ihre Rentabilität in den zurückliegenden Jahren verbessert, zuletzt erreichten die Banken der Eurozone immerhin eine Eigenkapitalrendite von 6% (im Vergleich zu 3% im Jahr zuvor). Trotzdem, so hielt die EZB fest, reichte das nicht, um die langfristigen Kapitalkosten, die bei den meisten Banken zwischen 8% und 10% liegen dürften, zu decken.

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Was also tun? Gibt es nicht irgendeine Möglichkeit, die Rentabilität der Banken zu stärken – und auf diesem Wege zugleich die Wirtschaft anzukurbeln? Und was hieße das für Deutschland, wo die fünf größten Banken nur 31,4% des Gesamtvermögens der Kreditwirtschaft auf sich vereinen?

Lassen Sie mich einen Gedanken formulieren: Eine „Demutualisierung“ (also quasi: eine Privatisierung) der Sparkassen könnte beide Probleme auf einmal lösen. Ich möchte darlegen, wie ich hierauf komme:

Knapp 400 Sparkassen gibt es in Deutschland mit 50 Mio. Kunden. Diese werden als kommerzielle Betriebe geführt, sind aber in der Regel im Besitz der Kommunen (auch wenn im Sparkassen-Sektor lieber von „kommunaler Trägerschaft“ als von „kommunalem Besitz“ gesprochen wird). Einer der Kritikpunkte an den Sparkassen lautet nun, dass sie – weil sie nicht der Profitmaximierung verpflichtet sind – die Auseinandersetzung mit unprofitablen Firmenkunden scheuen. Zumal dann, wenn enge, langwierige Beziehungen zu den Unternehmen bestehen. Folge: Die „Zombifizierung“ ganzer Branchen, weil die Sparkassen einfach zu viele Unternehmen am Leben halten.

Ist das eine gute oder schlechte Sache? Schlecht ist es, wenn man der Ansicht ist, dass die Aufrechterhaltung verlustbringender Firmen andere Unternehmen mit deulich mehr Potenzial in ihrer Entwicklung behindert.

Was nun würde die Demutualisierung der Sparkassen hieran ändern? Um das zu verstehen, hilft ein Blick nach Großbritannien. Denn dort ermöglichte der sogenannte „Butterfill Act“ von 2007 den 59 britischen Bausparkassen, entweder zu fusionieren oder zu demutualisieren.

Etwa 15 von ihnen taten dies, darunter Abbey National, C&G, Alliance & Leicester, Halifax und Northern Rock. Die Sparer dieser Institute erhielten einen unerwarteten Gewinn aus Barmitteln oder Aktien. In Lambeth bekamen die Menschen  je 500 Pfund, während die 7,5 Mio. Halifax-Kunden jeweils 333 Aktien bekamen, die zusammen mehr 2000 Euro wert waren. Dies wirkte in bisschen wie Helikoptergeld, obwohl die Wirtschaft den Anreiz zu diesem Zeitpunkt gar nicht so sehr brauchte. Und die Folge für die Branche? Der britische Bankenmarkt wurde zumindest ein Stück weit konsolidiert.

Würde Deutschland diesem Beispiel folgen, könnte gleich zwei Probleme angegangen werden: 1.) Deutschland hat zu viele Banken. 2.) Deutschland hat eine sehr schwache Aktienkultur – mit der Folge, dass die deutschen Haushalte in den letzten Jahren nicht an den Vermögenseffekten steigender Aktienmärkte teilgenommen haben.

Eine Demutualisierung der Sparkassen könnte also a) einen unerwarteten Geldsegen für die deutschen Verbraucher freisetzen und somit das Wachstum ankurbeln, b) dem Bankensektor (ein zweischneidiges Schwert, ich weiß) und damit der Wirtschaft insgesamt weniger Wettbewerb und höhere Gewinne bescheren, c) die Effizienz der Banken durch Größenvorteile und Konsolidierung verbessern und d) die Beteiligung der deutschen Haushalte am Aktienmarkt erhöhen.

Hat das bei den britischen Bausparkassen gut funktioniert? Bis zu einem gewissen Punkt. Keine der demutualisierten Gesellschaften existiert noch als eigenständige Einheit, und einige, wie Northern Rock, gingen  spektakulär Pleite. Tatsächlich steht zu befürchten, dass ein verminderter Wettbewerb  auch Konsequenzen haben könnte (z.B. höhere Gebühren und Kreditkosten), die dem Ziel einer besseren gesamtwirtschaftlichen Entwicklung entgegenstehen.

Ein letzter Gedanke. Braucht Deutschland solche revolutionär anmutenden Ideen, um zu wachsen? In meinen Jahren an den Anleihemärkten haben Ökonomen und Strategen clevere Strategien entwickelt, um Japan aus seiner schrecklichen Notlage zu befreien. Diese Notlage beinhaltete indes eine fast vernachlässigbare Arbeitslosenquote, geringe Kriminalität, hohe Bildung, sozialen Zusammenhalt und ein hohes Pro-Kopf-Vermögen. Das ist nicht viel anders als im heutigen Deutschland. Ist das niedrige Wachstum der deutschen Wirtschaft also überhaupt so eine schlechte Sache?

* Jim Leaviss ist globaler Anleihenchef des britischen Vermögensverwalters M&G, der rund 320 Mrd. Euro für private und institutionelle Kunden verwaltet. Zuvor arbeitete Leaviss für die britische Notenbank. Er betreibt zudem den viel beachteten https://www.bondvigilantes.com/. Bei dem Artikel handelt es sich um die von der Finanz-Szene.de-Redaktion gekürzte und bearbeitete Version eines englischsprachigen Original-Artikels.

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