US-Anleihen-Schock verschreckt (auch deutsche) Banken

17. September 2019

Von Christian Kirchner

Auch wenn wir von Finanz-Szene.de uns normalerweise ausschließlich mit der deutschen Bankenbranche beschäftigen – was da gestern am US-Repo-Markt passiert ist, das können wir Ihnen guten Gewissens nicht verschweigen heute Früh. Denn 1.) passiert so etwas nur alle Jubeljahre mal (wenn überhaupt). Und 2.) dürfte es auch den ein oder anderen Bank hierzulande interessieren, wenn in Amerika mal eben der vielleicht wichtigste Funding-Markt völlig verrückt spielt.

Es ist nämlich so: Während alle Welt über Ultraniedrigzinsen zu motzen und zu jammern scheint, waren die Zinsen in einem Teilbereich des größten  Anleihenmarkts der Welt – jenem in den USA – gestern Abend kurzzeitig bei 10%. Richtig: 10%. (Der irre Chart dazu: hier).

Weil eine Menge Leute im so genannten „Repo Markt“ mit Anleihen um sich warfen auf der Suche nach US-Dollar in Cash. Aber zugleich nur wenige bereit waren, ihr hartes Cash für eine kurzzeitige Leihe jener US-Staatsanleihen auf den Tisch zu legen.  Den ganzen Spuk beenden musste dann schließlich – in einem ersten Manöver dieser Art seit der Lehman-Pleite – die US-Notenbank, die 53 Mrd. US-Dollar in das System injizierte. Im Kern hatte der Kapitalmarkt kurzzeitig nicht weniger als ein Finanzierungsproblem.

Was alles nicht unbedingt Nachrichten sind, die Banken dieser Tage gerne hören, zumal auch die Interbankenzinsen einen (wenngleich auch kleinen) Satz nach oben machten. Das wiederum dürfte der US-Notenbank, die wieder im Zinssenkungsmodus ist, gar nicht schmecken. Es hieße nämlich, dass der Notenbank, wenn auch nur kurz, die Kontrolle über die kurzfristigen Zinsen entglitten ist. Vereinfacht: Die Finanzierungsmärkte müssen, das ist eine Lehre der Lehman-Zeit, besonders für die Banken jederzeit ruckelfrei laufen. Was sie aber seit Montag nicht mehr tun.

Das ganze ist, zugegeben, ein wenig technisch. Genau genommen geht es um den rund 2 Billionen US-Dollar schweren Repo-Markt für US-Staatsanleihen. Statt Anleihen zu kaufen oder zu verkaufen, können sich dort Investoren und Händler auch auf so genanntes Repo-Geschäft einlassen: Dabei überlässt ein Halter von US-Staatsanleihen über Nacht seine Anleihen gegen Cash plus Zinsen einem anderen Investor. Wer Anleihen hält, aber Cash braucht, kann sich so kurzfristig welches besorgen. Wer kein Cash benötigt, kann es kurzzeitig anderen zur Verfügung stellen und Zinsen kassieren. Die Anleihen dienen als Sicherheit der Transaktion. Der spätere Rückkauf ist dabei fest vereinbart (Repo = „Repurchase Agreement“).

Und der für Transaktionen dieser Art dafür fällige Zins stieg kurzzeitig schon am Montag auf 5% p.a., gestern Abend dann für einige Momente gar auf 10%, ehe die Fed das Ganze lösen musste.

Nun gibt es zwei mögliche Deutungen dieser Entwicklung. Pessimisten wie die notorisch paranoiden Blogger bei Zerohedge sehen hier bereits Boten einer Krise, gar eine „Liquiditätspanik“. So dick muss es nicht gleich kommen, obgleich auch ausgewogene Medien Sorgen transportieren.“Die Finanzierungsmärkte stehen unter Stress“, „Das hat es in der Post-Krisen-Ära noch nicht gegeben“,“Niemand weiß, was passiert“ und „Es ist nicht genügend Cash im Bankensystem, um die ganzen Anforderungen an Liquidität und Regulierung zu erfüllen“, zitiert auch der ausgeruhte Sender CNN gestern Abend gestandene Analysten. Was insbesondere die Notenbank irritieren dürfte: Das „Knacken“ im Repo-Markt griff auch auf den Zinssatz über, zu dem sich Banken unteinander Geld leihen.

Die Optimisten dagegen sehen in der Entwicklung am Montag und Dienstag lediglich eine technisch bedingtes, sehr kurzfristiges Ungleichgewicht von Angebot und Nachfrage. Denn: Die USA nahmen am Montag rund 78 Mrd. US-Dollar in neuen Anleihen auf, was rund 50 Mrd. US-Dollar mehr waren, als an Zins und Tilgung für auslaufende Anleihen fällig wurde. Zugleich müssen viele US-Unternehmer aktuell ihre vierteljährliche Steuervorauszahlung leisten, das heißt, haben einen kurzfristigen, aber hohen Cashbedarf. Die Kombination aus zuletzt eher knappen Dollars, dem Cash-Hunger der Konzerne und des Ungleichgewichts am US-Anleihenmarkt habe den Repo-wie Interbanken-Zinsmarkt kurzzeitig ins Wanken gebracht.

Doch selbst wenn man dieser Deutung glaubt, hieße dies, dass die US-Notenbank die Dollarknappheit technisch offenbar unterschätzt hat. Und: das Problem eines Ungleichgewichts bei Angebot und Nachfrage nach US-Staatsanleihen wird angesichts eines Defizits von 1 Billion US-Dollar so rasch nicht verschwinden.

Wer hier Recht hat – Optimisten oder Pessimisten – können wir Ihnen zwar nicht sagen. Eine Menge kluger Leute, die so flott nichts aus dem Konzept bringt, waren jedenfalls gestern auf dem Kurznachrichtendienst Twitter reichlich nervös.

Und die US-Notenbank offenbar auch – denn die kündigte am späten Abend für Mittwoch gleich die nächste Intervention am Repo-Markt an. Dann gleich mit 75 Mrd. US-Dollar.

Weiterführende Links:

Die FT zumThema (Paywall)

CNN zum Thema

Wall Street Journal (Paywall)

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