Privatbanken-Serie, Teil 1

Kosten plus 58% seit 2013: Wie will Berenberg DAS finanzieren?

20. September 2019

Von Christian Kirchner

Gelegentlich helfen ein paar Schritte zurück, um einen Blick für das Wesentliche zu bekommen. Das gilt etwa für die Hamburger Privatbank Berenberg. Die hat viel vor, in der Vermögensverwaltung, im Investmentbanking und überhaupt als Bank als solche.

Aber wie viel sie vorhat – und um welchen Preis -, das erschließt sich erst, wenn man einfach mal die wesentlichen Kennziffern der Bank im letzten Geschäftsjahr (also 2018) mit denen von vor fünf Jahren vergleicht (also 2013).

Die Bilanzsumme? Plus 4%. Die Kundeneinlagen? Plus 16%. Das verwaltete Vermögen?  Plus 22%. Alles im Prinzip recht ordentlich und unspektakulär.

Aber die Mitarbeiter? Plus 54%. Die Aufwendungen? Plus 58%. Kurz: Berenberg dreht ein immer größeres Rad, allen voran im Investmentbanking, in der Hoffnung, dass sich die Investitionen in Mitarbeiter und das Geschäft langfristig auszahlen.

Berenberg: Veränderung wesentlicher Kennziffern 2013-2018

Quelle: Geschäftsberichte

Berenberg ist, wenn man so will, die Antipode der Deutschen Bank. Die zieht sich aus London und New York und vor allem dem Aktiengeschäft eher zurück und will sich stärker auf den Heimatmarkt konzentrieren. Berenberg dagegen? Den Hamburgern wird es in Deutschland zu eng, also baut man das Investmentbanking aus, vor allem in London und New York. Und das vor allem im Aktiengeschäft.

Kann das gutgehen?

Basierend auf den Zahlen von Berenberg bis Ende 2018 und den jüngsten Zwischenständen im Kapitalmarktgeschäft weltweit steht eines fest: Bank wie Mitarbeiter brauchen vermutlich sehr viel Durchhaltevermögen und tiefe Taschen. Denn: 2018 fiel ein Überschuss von lediglich noch 23 Mio. Euro an – der niedrigsten Wert seit vielen Jahren. Diesen Gewinn haben indes „sonstige betriebliche Erträge“ in Höhe von 72 Mio. Euro – der Großteil davon aus einem Verkauf des Schweiz-Geschäfts – nachdrücklich begünstigt. Auf Ebene des Konzerns (und nicht nur der Bank), wo dieser Verkaufserlös anders behandelt wird, schrumpfte der Jahresgewinn 2018 gar nur auf 4 Mio. Euro. Das geht aus dem dieser Tage im Bundesanzeiger veröffentlichten Konzernbericht hervor (die „Wirtschaftswoche“ berichtete hierüber zuerst). Auch wenn zahlreiche einmalige Kosten auch für eine Restrukturierung anfielen, zeigt der Überblick eine Bank im Turbo-Modus (zumindest bei Kosten und Mitarbeitern), …

in Mio. Euro 2014 2015 2016 2017 2018
Bilanzsumme 4514 4738 4716 4741 4693
Zinsüberschuss 27 56 165 67 53
Provisionsüberschuss 244 321 254 343 279
Verwaltungskosten 258 291 314 348 372
Netto-Überschuss 40 104 161 90 23
Mitarbeiter 1159 1236 1407 1474 1640

Quelle: Geschäftsberichte

… die ihne positive Sondereffekte bereits defizitär gewesen wäre.

Was ist da los? 

Blicken wir tiefer in die Zahlen: Im Asset Management  hatte und hat die Bank – Finanz-Szene.de berichtete – viel vor, seit Jahren kauft sie prominente Fondsmanager, Analysten und Vertriebsprofis zusammen. Indes: Bereinigt um den Verkauf von Berenberg Schweiz stand das verwaltete Kundenvermögen insgesamt Ende 2016 bei 35,7 Mrd. Euro. Und per Ende 2018 mit 36,7 Mrd. Euro. Also nur unwesentlich höher. Und dafür der ganze Aufwand?

Die Publikumsfonds von Berenberg verwalten aktuell zusammen 3,4 Mrd. Euro. Ein ansehnlicher Betrag. Aber vom Anspruch, zu einer „Adresse“ im deutschen Asset Management zu werden, weit entfernt. Der Marktanteil unter Publikumsfonds beträgt in Deutschland drei Jahre nach Beginn der Offensive rund 0,3%.

Die Hoffnung, dass starke und erfahrene Promi-Manager wie der kürzlich gegangene Asset-Management-Chef Henning Gebhardt oder sein Nachfolger Matthias Born signifikant Gelder von Kunden „mitbringen“ würden, erfüllte sich nicht. In Zahlen: Gebhardts alter Fonds „DWS Aktienstrategie Deutschland“ verwaltet mit 3,8 Mrd. Euro mehr als alle Berenberg-Publikumsfonds zusammen.

Berenberg ist nicht das erste Haus, das auf die harte Tour spürt, wie verkrustet der Vertriebsmarkt in Deutschland bei Fonds immer noch ist. Und hofft, dass sich das irgendwann ändert. Spaß macht das Geschäft angesichts des branchenweit heftigen Margenverfalls durch die ETF-Konkurrenz generell immer weniger.

Folge: Statt die Abhängigkeit vom Investmentbanking zu reduzieren, hängen Wohl und Wehe der Hanseaten immer stärker davon ab. Diese Erkenntnis spiegelt sich auch in der neuen Führungsstruktur, in der neben den persönlich haftenden Gesellschaftern Hans-Walter Peters und Hendrik Riehmer nun David Mortlock (Leiter Zentralbereich Investment und Corporate Banking) sowie Christian Kühn (Leiter Zentralbereich Banksteuerung) aufrücken. Peters scheidet aus Altersgründen 2020 aus. Das Asset Management ist dann nicht  prominent im Gesellschafterkreis vertreten. Dafür das Investmentbanking mit Mortlock und Riehmer quasi gleich zweimal.

Berenberg ist nun mal tendenziell ein Aktienhaus, und das Provisionsgeschäft macht traditionell rund 90% an den Überschüssen aus. Das ist eigentlich in diesen Zeiten, in denen Zinsstöhnen unter Banken en vogue ist, ein Vorteil. Denn ob der Einlagenzins der EZB bei -0,5% oder plus 1% steht, beeinflusst die Berenberg-GuV kaum. Wohl aber, wie das Aktiengeschäft läuft.

Das Dumme ist nur: Nach einem operativ, wie sagt man?, herausfordernden Jahr 2018 läuft es im Kerngeschäft mit dem Aktienhandel branchenweit betrachtet global schlecht. Und in Deutschland? Sauschlecht. Die Erlöse im Aktien-Geschäft insgesamt sind 2019 weltweit um 20% gegenüber dem Vorjahreszeitraum eingebrochen, wie der Datendienstleister Refinitiv errechnet hat. In Deutschland beträgt der Einbruch gar 64%. 

Berenberg kann sich damit trösten, in diesem katastrophalen Umfeld in Deutschland wenigstens relativ gut abgeschnitten zu haben. Per Mitte September kletterte man gegenüber dem Vorjahr von Rang 7 auf Rang 2 in den „League Tables“ der aktivsten Banken im Aktiengeschäft hierzulande. Was aber schlicht daran liegt, dass das Geschäft bei anderen noch stärker einbrach. Bei Berenberg sank die Anzahl der Deals um 47%, das Volumen um 35% zum Vorjahreszeitraum, wie Refinitiv per Montag errechnet hat – eine teure Abnutzungsschlacht für alle Banken.

Wie sehr setzt das Berenberg zu? Offiziell äußert sich das Unternehmen nicht zu unterjährigen Entwicklung. „Die Gesellschafter sind an einer langfristigen positiven Entwicklung des Unternehmens interessiert. Dies war uns schon immer wichtiger als ein einzelnes Jahresergebnis“, so ein Sprecher. Laut Finanzkreisen ist man zuversichtlich, dass die bereits im vergangenen Jahr vollzogene Restrukturierung im laufenden Geschäftsjahr Früchte trägt.  Und fairerweise sei angemerkt: Mit eben jener Restrukturierung schon Ende 2018 bewies man eine gute Nase, dass 2019 härter werden könnte (was sich auch erst 2019 in sinkenden Mitarbeiterzahlen niederschlagen wird).

Finanz-Szene.de hat dennoch ein wenig Erbsenzählerei betrieben: In den Monaten Januar bis September 2018 sammelte Berenberg im Aktienbereich insgesamt 38 der begehrten „Tombstones“ für gelungene Aktien-Kapitalmarkt-Transaktionen wie Zweitplatzierungen, Spinoffs, Kapitalerhöhungen oder eben Börsengänge. 2019 waren es bislang im gleichen Zeitraum lediglich 24. Der „Deal-Count“ fällt auch bei Refinitiv ähnlich aus.

Und da wäre da noch die Sache mit den Börsengängen, denen Finanz-Szene.de schon einmal im Frühjahr nachgegangen ist. Denn auffällig war: Die Post-IPO-Performance der Börsengänge von Berenberg trübte sich in den vergangenen drei Jahren deutlich ein. Berenberg schob das unter anderem darauf, dass man nun einmal besondere Kompetenz im Technologie- und E-Commerce-Bereich habe und der nicht gut gelaufen sei an den Börsen. Jedenfalls: Von den sieben Neuemissionen 2017 und 2018 mit Berenberg als (teils: Co-) Konsortialführer qualifiziert sich Varta (+360%) zum Überflieger, aber gleich drei (Westwing, Home24, Vapiano) mit Verlusten zwischen 81 und 92% für die Kategorie „katastrophal“. Was am Finanzplatz Frankfurt durchaus registriert wurde.

Und 2019? Brachte Berenberg als Konsortialführer nur ein einziges Unternehmen im regulierten Markt in Deutschland an die Börse: die Global Fashion Group. Nach einer ursprünglichen Preisvorstellung von 6 bis 8 Euro je Aktie torkelte der Konzern dann zum Emissionspreis von 4,50 Euro Ende Juni an die Börse. Die Kursentwicklung in den knapp drei Monaten seitdem: minus 54%.

In wenigen Tagen steht dann der Börsengang von Teamviewer an. Ein deutscher Technologiekonzern – eigentlich Berenbergs Paradedisziplin. Und bei 1,4 bis 2,1 Mrd. Euro angepeiltem Emissionserlös gibt es endlich richtig etwas zu verdienen.

Konsortialführer sind indes Goldman Sachs und Morgan Stanley.

Berenberg? Ist nicht im Konsortium. Weder führend noch als Junior-Bank. Einen Pitch gab es dem Vernehmen nach gar nicht.

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