Exklusiv

Laut der Unicredit hat die HVB nur noch 1,57 Mio. Kunden

4. November 2019

Von Christian Kirchner

Der Geschäftsbericht der Hypo-Vereinsbank bietet genügend Platz für Details. Unter 260 Seiten geht seit Jahren nichts bei den Bayern; zuletzt waren es sogar 316 Seiten.

Umso erstaunlicher, dass der HVB gerade mal 26 Zeichen (inklusive der sogenannten Leerzeichen) reichen, um einer der wichtigsten Fragen zu beantworten, die einer Bank normalerweise gestellt werden. Nämlich: Wie viele Kunden hat sie?

2013 waren es demnach: „….rund 2,6 Millionen Kunden….“
2014: „… rund 2,5 Millionen Kunden…“
2015: „… rund 2,5 Millionen Kunden…“
2016: „… rund 2,5 Millionen Kunden…“
2017: „… rund 2,5 Millionen Kunden…“

Darüber hinaus erfährt der Kunde lediglich, dass sich die Zahl auf das Segment  „Commercial Banking“ bezieht, also das Privat- und Unternehmerkunden umfasst. Wie sich die Kunden verteilen? Um welche Konten es geht? Dazu schweigt der Geschäftsbericht. Auch auf Nachfrage hält die die HVB zu genaueren Zahlen seit Jahren bedeckt. Geschäftsgeheimnis.

Hat die Verschwiegenheit womöglich damit zu tun, dass die eigenen Zahlen kolossal abweichen von den Kundenzahlen, die die italienische Mutter Unicredit der deutschen Tochter zubilligt? Denn: In den Tiefen des „Nachhaltigkeitsberichts“ der HVB-Mutter Unicredit auf Seite 138 ist Finanz-Szene.de auf eine – gelinde gesagt – etwas andere Angabe gestoßen. Der Geschäftsbereich „Commercial Banking“ zählte demnach per 31. Dezember 2018 in Deutschland exakt 1.556.361 Kunden. Also fast eine Million weniger. 

Derlei chirurgische Präzision lädt dazu ein, auch die Unicredit-Nachhaltigkeitsberichte der Vorjahre zu konsultieren. Haben wir gemacht. Demnach…

  • … hat die HVB laut Unicredit-Zählung seit 2013 mehr als ein Fünftel ihrer Kunden verloren
  • … verliert die HVB seit 2015 (dem ersten Jahr der genauen Aufschlüsselung) in jedem Bereich Kunden: im Retail-Banking (-7% gegenüber 2015), dem Corporate Banking (-11%) und dem Private Banking (-16%)

Hier die Übersicht:

in Tausend 2013 2014 2015 2016 2017 2018
Retail 1.319 1.248 1.221 1.229
Corporate 323 314 300 289
Private Banking 45 46 40 38
Summe 1.987 1.913 1.687 1.608 1.561 1.556

Quelle: Unicredit Nachhaltigkeitsberichte 2013-2018

Auffällig: Die Unicredit-Zahlen sind zumindest nach unserem Dafürhalten plausibler. Von 2014 auf 2015 ging es um netto 226.000 Kunden abwärts – ein Minus von 12% binnen nur eines Jahres. Dieser Rückgang fällt zeitlich genau zusammen mit der damaligen großen Restrukturierung, der auch ungefähr die Hälfte der Filialen zum Opfer fiel.

Ist das der Hauptgrund für die Verluste? Und wenn nein, wie kommt es dann, dass die HVB laut ihrer Mutter binnen weniger Jahre fast eine halbe Million Kunden verloren hat und nur noch auf knapp 1,6 Millionen Kunden insgesamt kommt – während sich die Tochter selbst in ihrem Geschäftsbericht 2017 weiterhin rund 2,5 Mio. Kunden bescheinigt? In beiden Angaben geht es schließlich um den gleichen Bereich: das „Commercial Banking“, mithin also der Bereich mit den Privat- und Geschäftskunden, nicht etwa dem Investmentbanking- und Großkundengeschäft.

Finanz-Szene.de hat in den vergangenen Tagen viele Stunden und viele Gespräche darauf verwendet, diese Fragen zu klären. Es ist uns – ehrlicherweise – nicht gelungen. Geraunt wird, die Verluste könnten ja schlicht mit dem Verkauf der Online-Tochter DAB und dem Private-Bank-Spezialisten Neelmeyer zu tun haben. Indes: Die Veräußerung der DAB (damals: 645.000 Kunden) im Jahr 2014 müsste erheblich größerer Spuren nach sich gezogen haben. Beim Bankhaus Neelmeyer wiederum ist unsere Annahme eine sozusagen gegenteilige: Das Bremer Traditionshaus  (Verkauf: 2016) ist gemessen an den Kunden derart klein bei Firmen- und vermögenden Privatkunden, dass es allenfalls einen sehr kleinen Teil der im Unicredit-Bericht beschriebenen Effekte verursacht haben könnte.

Was die HVB zu alldem sagt? Nichts. Außer, dass es eben verschiedene Möglichkeiten gebe, die Kunden zu zählen. Ansonsten: kein Kommentar.

Dabei lässt sich die ganze Gemengelage übrigens – wenn man will – sogar positiv interpretieren für die Hypo-Vereinsbank. Denn mit dem Kahlschlag bei Mitarbeitern seit 2013 (-34% auf noch 9.200), einer halbierten Filialzahl und einem Fünftel weniger Kunden ist es den Münchnern unterm Strich gelungen, ihre Gewinne wenigstens halbwegs zu verteidigen. Denn 2013 blieben im Privat- und Firmenkundensegment operativ 412 Mio. Euro Gewinn übrig, im letzten Jahr immerhin noch 369 Mio. Euro. Von der Cost-Income-Ratio von stets um die 70% können Deutsche Bank und Commerzbank nur träumen.

Und die Sache mit den Mitarbeitern hat sich dann auch erst einmal erledigt: nach zuletzt vier Jahren in Folge „rund 2,5 Millionen Kunden“ ist die Passage aus dem 2018er Abschluss schlicht ganz herausgeflogen. Zur Zahl der eigenen Kunden steht auf Länderebene bei der HVB nun gar nichts mehr.

Was wir dann doch so interpretieren, dass die (niedrigeren und sinkenden) Unicredit-Zahlen „stechen“.

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