Reportage

Mythos Kundenwachstum: Dichtung und Wahrheit am Beispiel der Hamburger Sparkasse

20. September 2018

Von Heinz-Roger Dohms

Wer die deutsche Bankenbranche verstehen will, muss die Hamburger Sparkasse verstehen. Denn die Haspa ist alles in einem: Deutschlands größte Kleinbank. Und Deutschlands kleinste Großbank. Ein lokaler Player. Aber mit überregionalem Anspruch. Wenn sich die Finanzszene also dieser Tage fragt, wie es sein kann, dass fast alle deutschen Banken wachsen (oder dies zumindest vorgeben), die Branche insgesamt aber stagniert – dann hilft ein Blick auf die Haspa, um die Dinge besser einordnen zu können.

Folgt man den offiziellen Aussagen, dann erlebt die Hamburger Sparkasse seit Jahren ein imposantes Kundenwachstum. Satte 436.000 Neukunden hat das Institut seit 2012 gewonnen – trotz der regionalen Begrenzung. Hier die Werte für die einzelnen Jahre:

Was man hingegen erst auf Nachfrage erfährt: Bei den Neukundenzahlen handelt es sich um Bruttowerte. Die Haspa zählt also die hinzugewonnnen Kunden, zieht die Kunden, die abwandern (oder sterben), allerdings nicht davon ab. Das erklärt, warum trotz des angeblich so starken Wachstums die Zahl der Girokonten ausweislich der Geschäftsberichte seit Jahren stagniert:

2012 knapp 1,4 Mio.
2013 knapp 1,4 Mio.
2014 knapp 1,4 Mio.
2015 knapp 1,4 Mio.
2016 knapp 1,4 Mio.
2017 knapp 1,4 Mio.
2018 knapp 1,4 Mio.

Nun legt die Haspa den Begriff „Girokonten“ freilich recht großzügig aus. Die „Mäusekonten“ genannten Sparkonten für Kinder (zuletzt 132.000 Stück) fließen in diese Zahl ebenso ein wie die „Direktbankkonten“ genannten Tagesgeldkonten. Während die Zahl der Mäusekonten in den vergangenen vier Jahren um 31.000 Stück stieg, ging die Zahl der „Direktbankkonten“ um 58.000 zurück. Hinzu kommen noch geschäftliche Girokonten. Zu deren Zahlen macht die Haspa aber keinerlei Angaben, ebensowenig wie zur absoluten Zahl der „Direktbankkonten“.

Was die „Haspa“ hingegen seit Jahren kommuniziert, das ist die Zahl der „Joker-Konten“, einem speziellen, mit diversen Extras garnierten Giroprodukt. Hier ist die Entwicklung in der Tat seit Jahren positiv, seit 2012 ist die Zahl der Girokonten um knapp 100.000 gestiegen.

 

Allerdings verdient auch dieser Trend einen zweiten Blick. Das „Joker-Konto“ gibt es nämlich erst seit 1999 – und es wird (das ist jedenfalls der Eindruck, den die in Hamburg ansässige Redaktion von „Finanz-Szene.de“ hat …) sehr viel offensiver vertrieben als das klassische Girokonto. Die Folge: Die Zahl der „Joker-Konten“ zieht zwar an, allerdings auf Kosten des klassischen Girokontos, dessen Anzahl (wenn wir uns nicht völlig verrechnet haben) seit Jahren sinkt. Das erkennt man daran, dass die Zahl der gesamten privaten Girokonten zwar steigt, allerdings zwischen 2012 und 2017 nur um rund 40.000 Stück, also merklich schwächer als die Zahl der „Joker-Konten“.

Letzten Endes weichen die kommunizierten Neukundenzahlen (406.000 zwischen 2012 und 2017) also ungefähr um den Faktor 10 vom tatsächlichen Wachstum bei den privaten Girokonten (rund 40.000 zwischen 2012 und 2017) ab. Nun mag man sagen, dass die Haspa ja trotzdem zugelegt hat. Allerdings: Hamburg ist eine boomende, auch bei den Einwohnerzahlen wachsende Metropole. Daran gemessen ist es vermutlich treffender, wenn man in Bezug auf die Haspa-Zahlen von Stagnation spricht.

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