Analyse

Wieso es bei Deutscher Bank und Coba zu Panikverkäufen kommt

15. August 2019

Von Christian Kirchner

Minus 5,6% auf 4,81 Euro für die Commerzbank – Rekordtief. Minus 6,5% auf 6,02 Euro für die Deutsche Bank – knapp überm 60-Jahres-Tief: Unter den verbliebenen Aktionären der beiden (ehemals) großen Frankfurter Geldhäuser macht sich handfeste Panik breit. Besonders brutal ist der Absturz der Commerzbank-Aktie: Sie verlor seit Ende April 41% an Wert.

Auslöser des gestrigen Kursrutsches war neben den sehr schwachen US-Börsen die Meldung, dass die deutschen Wirtschaft im zweiten Quartal geschrumpft ist. Damit ist die Bundesrepublik nun Wachstums-Schlusslicht in der Eurozone – und überdies  das Land mit den niedrigsten Anleiherenditen (was den hiesigen Banken ja ebenfalls zusetzt). Hinzu kommt: auch in den USA kollabieren die Zinsen und sind die kurzfristigen Zinsen gar höher als die Langfristzinsen, was Ökonomen – wie zuletzt bereits 2007 – als Vorboten einer Rezession deuten. Jedenfalls:  Die Lage ist, in einem Wort: brisant.

Vier Thesen zur Lage der Aktien von Deutscher Bank und Commerzbank:

Erstens: Die Banken werden schon lange nicht mehr im Sinne einer Steigerung des Aktienkurses geführt

Klingt merkwürdig. Ist aber so. Relevant für Deutsche Bank wie Commerzbank ist seit Jahren das Abwenden existenzieller Risiken. Das heißt: 1.) dafür zu sorgen, dass die Kapitalausstattung stimmt. 2.) dafür zu sorgen, dass die Liquidität jederzeit sichergestellt ist. Und 3.) dafür zu sorgen, dass die Refinanzierung am Anleihenmarkt möglichst günstig ist. Damit die beiden Banken überhaupt in den Lage sind,  ihre Kosten zu decken, selbst wenn sich die Lage noch weiter verschärfen sollte.

Klar sähen die beiden Vorstandschefs Christian Sewing und Martin Zielke gerne höhere Aktienkurse. Aber im Zweifel sichern sie sich lieber die Gunst ihrer Fremdkapitalgeber als die ihrer Aktionäre.

Zweitens: Der Beteiligungsbesitz deckt (teils große) Teile des Börsenkurses

4,2 Mrd. Euro ist allein der Anteil der Deutschen Bank an der Fondsgesellschaft DWS wert. Die ganze Bank derweil? Nur noch 12,4 Mrd. Euro. Das heißt: Die restliche Bank wird mit gerade einmal noch 8,2 Mrd. Euro bewertet.

Noch eklatanter ist die Lage bei der Commerzbank. Der gehören 69% an der polnischen mBank (Wert des Aktienpakets per gestern: 2,1 Mrd. Euro) und 82% an der Comdirect (Wert des Aktienpakets: 1,1 Mrd. Euro). Macht zusammen 3,2 Mrd. Euro. Und die ganze Commerzbank? Hatte gestern per Börsenschluss einen Wert von 6,0 Mrd. Euro. Hier steht der Beteiligungsbesitz also für mehr als die Hälfte des Börsenwerts – und ist die Commerzbank ohne ihre Beteiligungen gerade einmal noch mit 2,8 Mrd. Euro bewertet. Das heißt auch …

Drittens: Das Kursniveau der Aktien spielt nur noch psychologisch eine Rolle

Kummer sind Aktionäre der beiden Großbanken seit Jahren gewohnt. Nur dank des Kniffs im Jahr 2013, zehn Aktien zu einer zusammenzulegen, ist die Commerzbank aktuell kein Pennystock – ihr Kurs ohne diese Maßnahme betrüge gerade noch 48 Cent. Klar, auch die Mitarbeiter schauen regelmäßig (entsetzt) auf den die Aktienentwicklung. Aber: Eigentlich sind die Kurse nur noch „Restwerte“.  Addiert man die Buch- und Börsenwerte von Deutscher Bank und Commerzbank, beträgt der Börsenwert nur noch ein Fünftel des kumulierten Eigenkapitals der beiden Institute. Und addiert man die Bilanzsummen, beträgt der Börsenwert nur noch 0,9% der gemeinsamen Bilanzsumme.

Bei beiden Instituten gilt daher: Eine Kapitalerhöhung ist auf diesem extrem niedrigen Kursniveau quasi unmöglich. Denkbar wäre eine solche Maßnahme nur noch, um eine Schieflage einer der beiden Banken zu verhindern. Und das hieße (mutmaßlich), dass bestehende Aktionäre massiv verwässert würden und ihr Anteil quasi ausradiert würde.

Viertens: Im Elend sind die deutschen Banken nicht alleine

Der Index der Bankaktien der Eurozone (Entwicklung seit Ende April: minus 26%) schloss gestern bei 77 Punkten – das ist nur noch knapp über dem Niveau, das er auf dem Höhepunkt der Euro-Schuldenkrise hatte (73 Punkte).

Nun hilft das gemeinsame Leid zwar Deutscher Bank und Commerzbank zunächst nicht direkt; eine Rezession träfe beide Institute vermutlich härter als andere europäische Banken.

Das Leid hilft aber, auch wenn es ein schwacher Trost ist, indirekt. Denn gewinnt die EZB den Eindruck, dass ihre Zins- und Geldpolitik den ganzen Banken-Sektor in ernsthafte Schwierigkeiten bringt, dürfte dies die Bereitschaft (in welcher Form auch immer) einzuschreiten signifikant erhöhen. Die Notenbanker können es sich nicht erlauben, dass die geldpolitischen Transmissions-Mechanismen nicht länger funktionieren, weil die Banken in Schwierigkeiten geraten. Das gilt etwa für die negativen Einlagezinsen, aber auch mögliche andere geldpolitische Maßnahmen.

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