Exklusiv:

Sparkasse Köln-Bonn: Bilanz-Akrobatik oder Bilanz-Drama?

11. Juni 2019

Von Heinz-Roger Dohms und Thomas Borgwerth

Als die Sparkasse Köln-Bonn im März ihre jährliche Bilanz-Pressekonferenz abhielt, ging es  – wenn man den einschlägigen regionalen Medien glauben darf – um Zahlen eher am Rande.

  • „Ungewohnt leger trat der Vorstand der Sparkasse Köln-Bonn vor die Presse, um das Zahlenwerk für das abgelaufene Jahr zu präsentieren“, begann zum Beispiel der „Bonner General-Anzeiger“ seinen Bericht. „Die drei Herren im Vorstand hatten ihre Krawatten zu Hause gelassen.“
  • Nicht minder beeindruckt zeigte sich die „Westdeutschen Zeitung“: „Der Vorstand selbst erschien zur Bilanzpressekonferenz komplett ohne Krawatte.“
  • Und den Kölner Stadt-Anzeiger trieb die Sache offenbar derart um, dass er dem Thema sogar Wochen später noch mal ein großes Interview mit Vorstandschef Ulrich Voigt widmete. Titel: „Krawatten stellen Distanz her“.

Schön, dass es in Zeiten der Zinskrise noch Sparkassen gibt, die keine anderen Probleme haben als den Dresscode ihrer Manager. Wobei: Hat die Sparkasse Köln-Bonn wirklich keine anderen Problemen?

Wir von Finanz -Szene.de jedenfalls waren so frei, die Krawatte des Herrn Voigt einfach die Krawatte des Herrn Voigt sein zu lassen. Dafür haben wir uns die Tage mal den 2018er-Abschluss der Voigt’schen Sparkasse heruntergeladen. Der ist nämlich mittlerweile online verfügbar.

Dann haben wir auch noch die Abschlüsse der Jahre 2014 bis 2017 heruntergeladen bzw. aus dem Bundesanzeiger gezogen. Wodurch es uns möglich war, einfach mal ein paar Zeitreihen zu erstellen. Und ohne das Ergebnis unserer Analyse jetzt schon vorwegnehmen zu wollen: Kann es sein, dass der zweitgrößten deutschen Sparkasse unter dem Eindruck von niedrigen Zinsen und hohen Kosten die GuV zu implodieren droht?

Hier unsere Analyse:

I.) Der Zinsüberschuss der SK Köln-Bonn seit 2014 in Mio. Euro

Die Sparkasse KölnBonn (Bilanzsumme: 27 Mrd. Euro) hat also in nur fünf Jahren knapp ein Fünftel ihres Zinsergebnisses verloren (wohlgemerkt: Wir reden hier nicht vom Zinsertrag, sondern vom Saldo aus Ertrag und Aufwand).

Zur Einordnung: Im Sparkassen-Sektor insgesamt fiel das Zinsergebnis laut Bundesbank von 2014 bis 2017 (aktuellere Zahlen gibt es noch keine) um 9%. Und bei der größten deutschen Sparkasse, also der Haspa aus Hamburg, sank es zwischen 2014 und 2018 nicht etwa, sondern stieg sogar um 5% (wobei wir jetzt mal offen lassen, wie unsere geliebte Haspa das schon wieder angestellt hat).

II.) Die Personalkosten der SK Köln-Bonn seit 2014 in Mio. Euro

Lassen sich die Kosten zumindest mit Verzug ähnlich stark drücken, wie der Zinsüberschuss momentan wegbröckelt? Diese (Überlebens-)Frage stellen sich momentan sehr viele deutsche Sparkassen. Bei der Sparkasse Köln-Bonn fällt (wir werden hierauf später noch genauer eingehen) zunächst einmal auf: Zwischen 2014 und 2018 ist der Personalaufwand gestiegen statt gesunken – und zwar um pittoreske 22%.

III.) Die bankoriginären Gewinne der SK Köln-Bonn

2014 2015 2016 2017 2018
Zinsüberschuss 435 421 402 386 354
Provisionsüberschuss 153 155 155 161 166
Laufende Erträge 38 14 13 27 15
Summe Erträge 626 590 571 574 534
Personalaufwand 252 264 260 298 307
andere Verwaltungsaufw. 176 179 177 173 164
Summe Aufwendungen 428 443 437 471 470
Ertrag nach V-Aufwend. 198 147 134 103 64
AfA Sachanlagen und imm. Verm. 12 16 14 11 10
Wertberichtig. Kredit 69 51 34 36 55
Bankoriginäres Ergebnis 118 80 85 56 -1

Zunächst einmal: Was ist ein bankoriginäres Ergebnis? Nun ja, die Kennziffer haben wir erfunden. Eigentlich wollten wir schauen, wie sich der Einbruch des Zinsüberschusses und die Explosion des Personalaufwands auf das operative Ergebnis auswirken. Weil nun aber das operative Ergebnis der Sparkasse Köln von surrealen „sonstigen betrieblichen Erträgen“ geprägt wird (auch dazu gleich mehr), mussten wir das operative Ergebnis erst einmal um ebendiese „sonstigen betrieblichen Erträge“ bereinigen. Und das Ergebnis dieser Rechnung haben wir halt „bankoriginäres Ergebnis“ genannt, weil es das Bankgeschäft im engeren Sinne umfasst.

Jedenfalls, was kommt dann herum? Einen dramatisch anmutenden Rückgang von 118 Mio. Euro auf einen leicht negativen Betrag 2018.

IV.) Das sonstige betriebliche Ergebnis der SK Köln-Bonn in Mio. Euro

Haben Sie so etwas schon mal gesehen? Wir nicht. Das ganze entsteht so: Die Sparkasse Köln-Bonn kommt  gewohnheitsrechtlich auf irrsinnig hohe „sonstige betriebliche Erträge“, denen jedoch zugleich auch erstaunlich massige „sonstige betriebliche Aufwendungen“ gegenüberstehen. In der Vergangenheit neutralisierten sich diese beiden Posten mehr oder weniger (zumindest taten sie das in den Jahren 2014, 2016 und 2017).

Im letzten Jahr allerdings schossen die ohnehin üppigen Erträge noch einmal in die Höhen – während die Aufwendungen urplötzlich sanken. Saldiert kam, siehe Grafik, ein „sonstiges betriebliches Ergebnis“ von 83 Mio. Euro heraus – genug, um den dramatisch anmutenden Einbruch des „bankoriginären Ergebnisses“ wirkungsvoll zu übertünchen.

V.) Die Bilanz-Akrobatik der SK Köln-Bonn

Warum treten die Vorstände der SK Köln-Bonn mit ihrer Bilanz eigentlich nicht bei Roncalli auf? Weil, erstens: Bei Roncalli herrscht, soweit wir wissen, keine Krawattenpflicht. Passt also. Und zweitens: Das wär‘ echt mal ’ne Nummer!

Es geht schon los damit, dass die Kölner Sparkasse ausweislich ihres Geschäftsberichts einer der größten Vermieter des gesamten Rheinlands zu sein scheint. Zugleich müsste sie aber, sofern wir den rheinischen Immobilienmarkt jetzt nicht völlig unterschätzen, auch einer der größten Mieter sein (alle Zahlen in Mio. Euro, gerundet):

2014 2015 2016 2017 2018
Mieterträge 58 54 53 50 46
Mietaufwendungen 53 52 53 47 46
Saldo 5 2 1 3 0

Es kommt aber noch doller: Seit Jahren schwellen die sogenannten „sonstigen Rückstellungen“ der SK Köln-Bonn scheinbar besorgniserregend an …

2014 2015 2016 2017 2018
Sonstige Rückstellungen 235 236 250 256 265

… während dieselbe SK Köln-Bonn zugleich aber problemlos in der Lage ist, Jahr für Jahr immense Rückstellungen aufzulösen. Woher die kommen? Wenn wir’s richtig verstehen, wähnen sich die furchterfüllten rheinischen Sparkässler immensen Rechtsrisiken ausgesetzt – stellen dann aber am Jahresende gern mal fest, dass es so schlimm dann doch nicht gekommen ist (mehr dazu lesen Sie hier in der Stellungnahme der Sparkasse bei der Antwort auf Frage 3).

2014 2015 2016 2017 2018
Auflösung Rückstellungen 46 42 20 35 51


Ahhhh… 
Jedenfalls: Wie man in der Grafik zu „Kapitel I.“ sieht, betrugen die sonstigen betrieblichen Erträge der Köln-Bonner Sparkasse im vergangenen Jahr exorbitante 180 Mio. Euro (nebenbei bemerkt: Das war mehr als das Provisionsergebnis). Hiervon entfielen, wie gezeigt, 46 Mio. Euro auf Mieterträge und 51 Mio. Euro auf die Auflösung von Rückstellungen. Was findet sich sonst noch im Geschäftsbericht?

  • Da hat jemand einen hübschen Einmalertrag mit dem Verkauf einer Immobilie erzielt. Brachte nach unseren Berechnungen 22,5 Mio. Euro.
  • Und dann ist da die Rede von der „erfolgswirksamen Vereinnahmung von über mehrere Jahrzehnte umsatzlosen Sparkonten in Höhe von 17,5 Mio. Euro“. Die Sparkasse hat also Kundeneinlagen, sagen wir: im öffentlich-rechtlichen Sinne sozialisiert. Aber natürlich nicht, ohne das Geld einmal durch die GuV laufen zu lassen.
  • Schließlich gab es noch Erträge aus „Fremdwährungs-Umrechnungen“ in Höhe von 5 Mio. Euro

Bleiben aber (180 minus 46 minus 51 minus 22,5 minus 17,5 minus 5) immer noch „sonstige betriebliche“ Erträge in Höhe von rund etwa 38 Mio. Euro.

Conclusio

Haben wir es bei den Zahlen der Sparkasse Köln-Bonn lediglich mit Bilanz-Akrobatik zu tun? Oder verbirgt sich dahinter womöglich ein kleines Bilanz-Drama?

Was hierzu ganz grundsätzlich gesagt werden muss: Am vergangenen Donnerstag haben wir vormittags unsere Fragen an die Sparkasse Köln-Bonn geschickt, versehen mit der Bitte, uns die Fragen nach Möglichkeit bis Freitagabend zu beantworten. Und was hat die Sparkasse Köln-Bonn gemacht? Sie hat die Fragen tatsächlich beantwortet, fristgerecht, ausführlich und (soweit man hiervon bei komplexen Bilanzfragen überhaupt sprechen kann) verständlich. Dafür herzlichen Dank. Denn so ein sauberes und transparentes Vorgehen ist nicht selbstverständlich, wenn eine erkennbar kritische Berichtserstattung ins Haus steht.

Wer möchte, kann die Fragen und Antworten hier komplett und unbehandelt nachlesen.

Zusammengefasst betont die SK Köln-Bonn zwei Punkte:

  1. Wir hatten (siehe ganz oben: der Rückgang von 118 Mio. Euro auf minus 1 Mio. Euro) in unserem Fragenkatalog die Mutmaßung geäußert, das operative Ergebnis der Sparkasse sei „dramatisch“ zurückgegangen. Dem wird in Köln „explizit“ widersprochen.
  2. Als Begründung führt die Sparkasse an, dass das, was wir als „bankoriginäres Ergebnis“ beschrieben haben, für die Betrachtung „nicht sachgerecht“ sei. Weil: Diese Kennzahl lasse“wichtige Teilaspekte der Geschäftstätigkeit außer Acht“.

Konkret:

  • Zum einen verweist die Sparkasse darauf, dass 2017 und 2018 „wesentliche Rückstellungen für strategische Initiativen“ gebildet wurden (womit vor allem das Thema Personalabbau gemeint ist). Diese Belastungen würden gemäß HGB dem Personalaufwand zugeschlagen, obwohl sie kein operatives Ergebnis darstellten. Heißt mit anderen Worten: Der von uns konstatierte Einbruch des „bankoriginären Ergebnisses“ ist laut Sparkasse z.T. auf einen Einmaleffekt zurückzuführen (was plausibel klingt, wenn man bei der Grafik in „Kapitel II“ darauf achtet, wie deutlich der Personalaufwand 2017 und 2018 über dem der Vorjahre liegt).
  • Zum zweiten verweist die Sparkasse auf „definierte Leistungspakete“, die an Tochtergesellschaften ausgelagert“ worden seien. Die Personalkosten hierfür fänden sich im Personalaufwand wieder (reduzierten also wiederum das, was wir „bankoriginäres Ergebnis“ nennen). Die Erstattungen indes, die im Gegenzug von den Tochtergesellschaften an die Sparkassen flossen, seien unter den „sonstigen betrieblichen Erträgen“ verbucht worden (weshalb sie sich nicht in unserem „bankoriginären Ergebnis“ finden). Auch das klingt grundsätzlich plausibel.

Exakt quantifizieren will die Sparkasse Köln-Bonn die einzelnen Effekte nicht. Nur soviel: Bei den Personalrückstellungen gehe es um einen „nennenswerten zweistelligen Millionenbetrag“. Zudem wird in der Antwort auf die Fragen von Finanz-Szene.de auf ein „Betriebsvergleichs-Schema“ verwiesen, mit dem sich das 2018er-Ergebnis – platt gesagt – besser mit denen der Vorjahre vergleichen lasse, als wenn man das HGB-Ergebnis heranzöge. Laut diesem Schema hat die Sparkasse im vergangenen Jahr ein Vorsteuerergebnis von 60 Mio. Euro erzielt – im Vergleich zum Ergebnis von vor fünf Jahren (104 Mio. Euro) ist das ein Minus von lediglich 42%. Auch nicht schön. Aber eben auch nicht dramatisch.

Geben diese 60 Mio. Euro (in denen positive Einmaleffekte wie der Verkauf der Immobilie oder die Vereinnahmung der Uralt-Einlagen ja drin sind ?) die tatsächliche Lage der Köln-Bonner Sparkasse realistischer wieder als unser „bankoriginäres Ergebnis“ in Höhe von minus 1 Mio. Euro?

Wir können es nicht mit abschließender Sicherheit sagen. Vielleicht liegt die Wahrheit ja irgendwo in der Mitte.

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