Strafzins für Sparer: Deutsche Banken rütteln am letzten Tabu

12. Juli 2019

Von Heinz-Roger Dohms und Christian Kirchner

Eigentlich war das gestern nur eine Routine-Veranstaltung, nämlich die Bilanz-PK des genossenschaftlichen Bankensektors. Dann aber sagte BVR-Chefin Marija Kolak ein paar Sätze, die eine Zeitenwende einleiten könnten:

„Wenn sich das Japan-Szenario fortsetzt, werden alle Banken das Thema Negativzinsen neu bewerten müssen. Derzeit übernehmen die Banken diese Kosten für das Gros der Privatkunden. Es wird für Banken aber immer schwerer, bei anhaltenden Negativzinsen die nachhaltige Profitabilität im Kundengeschäft sicherzustellen. Insbesondere wenn auf die Weitergabe der negativen Zinsen im Mengengeschäft verzichtet wird.“

War das a.) einfach nur eine Drohung? Oder kommt b.) der Strafzins für Normalsparer jetzt doch?

Sicher ist nichts. Aber immer mehr spricht für „b“. Denn an der Zinsfront hat sich die Lage zuletzt dramatisch verschärft. Und unter den Vorständen von Sparkassen und Volksbanken wächst die Sorge, die daraus resultierenden Lasten nicht länger schultern zu können.

Abgezeichnet hatte sich der neue Zins-GAU schon vor Monaten, siehe unsere Analyse vom 4. April:

Der Zinsschock – oder: Warum fusionieren Deutsche Bank und Commerzbank wirklich?

Ein paar Wochen später zeigten sich dann schon die wahren Ausmaße des Dramas, denn die Zinsen fielen weiter – siehe unser entsprechender Artikel vom 12. Juni:

Aus Zinskrise wird Zins-GAU: Und nun, Ihr lieben Banken?

Spätestens mit der Mario-Draghi-Rede vor drei Wochen auf dem Notenbankertreffen im portugiesischen Sintra und der EZB-Juni-Ratssitzung war dann aber auch dem letzten klar: Die Zinsen werden sobald nicht steigen, sondern gehen eher noch weiter nach unten. Ob Banken aktuell über Nacht bei der EZB (Strafzins da: -0,4%), am Geldmarkt (-0,4%) oder für 10 Jahre in Bundesanleihen (-0,3%) anlegen, macht kaum noch einen Unterschied – sie zahlen überall drauf.

Was bedeutet: Jetzt geht’s für Deutschland Banken, die 2018 immer noch rund drei Viertel ihrer Überschüsse im Zinsgeschäft erwirtschaftet haben, endgültig ans Eingemachte.

Zwar sehen die aggregierten Ergebnisse von Sparkassen und Volksbanken auf den ersten Blick immer noch okay aus (siehe unsere Berichterstattung vom 12. April). Hinzu kommt: Die Zinsergebnisse profitieren immer noch davon, dass die Banken weit höher verzinste Altkredite bedient bekommen: Im Schnitt sind private Haushalte inklusive Immobiliendarlehen in Deutschland  mit einem Zinssatz von 2,8% verschuldet, hat die UBS errechnet. Das stützt die Erträge. Nun fräst sich aber mit jedem Tag und jedem auslaufenden Altkredit der Niedrigzins direkt in die Gewinn- und Verlustrechnung.

Bei manchen Instituten allerdings mutet die Lage schon jetzt bedrohlich an – was übrigens nicht nur für die ganz kleinen Banken gilt, wie im Juni beispielhaft unsere Bilanzanalyse der Sparkasse KölnBonn zeigte: Zwischen 2014 und 2018 ist der Zinsüberschuss des zweitgrößten deutschen Kommunalinstituts um krasse 19% auf nur noch 354 Mio. Euro gesunken (wohlgemerkt: Wir reden hier nicht vom Zinsertrag, sondern vom Saldo aus Zinsertrag und -aufwand).

Folge: Bereinigt um Sondereffekte stellt sich bei Geldhäusern wie der Sparkassen KölnBonn inzwischen die Frage, wie operativ profitabel sie überhaupt noch arbeiten.

Auch wenn das Kölner Beispiel ein dramatisches ist – die Folgen der jahrelangen EZB-Niedrigzinspolitik spüren praktisch alle Retailbanken hierzulande. Zumal: Der Nullzins lässt nicht nur die Zinserträge erodieren, sondern er lässt vielerorts auch die Pensionslasten explodieren (weil sich die fix zugesagten Pensionen am Kapitalmarkt nicht mehr verdienen lassen und also aus dem laufenden Geschäft finanziert werden müssen).

Behielten die Ortsbanker trotz Zinstiefs jahrelang die Ruhe, scheint die Stimmung nun zu kippen. In Hintergrundgesprächen fallen Sätze wie: „Wir haben alles getan, um Politik und Notenbanken die nötige Zeit zu erkaufen, haben die Einlagenzinsen für die Sparer trotz des Strafzinses, den wir selber an die EZB entrichten, neutral gehalten.“ Jetzt aber sei die Schmerzgrenze so langsam erreicht.

Mit anderen Worten: Demnächst könnte es Negativzinsen nicht mehr nur für Geschäfts- und vermögende Privatkunden geben  – sondern tatsächlich auch für ganz normale Sparer. Es ist die einzige Möglichkeit, die schrumpfenden Zinsmargen zu schützen, denn Zinsanhebungen auf Kredite sind angesichts des Wettbewerbs undenkbar.

Was  man dazu wissen muss: Viele Sparkassen und Volksbanken hatten es jahrelang geschafft, ihr Zinsergebnis erstaunlich stabil zu halten – weil nicht nur der Zinsertrag, sondern eben auch der Zinsaufwand sank.

Darüber hinaus spielte den Institute die gute Konjunktur in die Karten. Und: Wo das Ergebnis dann doch mal zu bröckeln begann, wurden eben die Gebühren erhöht. Tatsächlich gelang es noch 2017 vielen lnstituten, Verluste im Zinsgeschäft durch höhere Provisionen  zu kompensieren. 2018 ging diese Rechnung allerdings schon nicht mehr auf – was für dieses und die nächsten Jahre erst Recht gelten dürfte. Jetzt nochmal kräftig an den Gebühren zu drehen, sei der falsche Weg, ist zu hören.

Bis vor wenigen Monaten lief die Strategie vieler Ortsbanker darauf hinaus, sich durch den Niedrigzins irgendwie durchzuwurschteln – bis die Zinsen wieder steigen und sich die Gewinne dank zwischenzeitlich gesunkener Kosten zumindest stabilisieren lassen.

Die Ereignisse der vergangenen Wochen haben diese Hoffnung aber zunichte gemacht, wie sich gestern an einer weiteren Aussage von BVR-Präsidentin Kolak zeigte: „Wir rechnen nicht mit einer Wende beim Leitzins in den kommenden fünf Jahren.“

Drum: Das sogenannte „Japan-Szenario“ (also eine dauerhafte Nullzinswirtschaft), das Kolak zufolge zu einer Neubewertung des Themas Negativzins führen könnte), gilt im BVR längst als Realität. Denn auch das hier sagte Kolak gestern: „Die Märkte geben mit den neuen Renditetiefs ein klares Signal: Zinswende adé. Offenbar sind wir im Japan-Szenario angekommen.“

Prescht also bald die erste Ortsbank mit einem Negativzins für normale Spareinlagen vor – womöglich schon nach der nächsten EZB-Zinsentscheidung am 25. Juli? Bislang sei von derartigen Vorbereitungen nichts bekannt, ist zu hören. Auszuschließen allerdings sei nichts mehr, erst Recht nicht mit Blick auf die nächsten Monate.

Was den Tabubruch womöglich noch verhindern kann? Kolak brachte gestern erneut den sogenannten Staffelzinses ins Spiel – also die Idee, dass die Banken bei der EZB nicht schon ab dem ersten Euro den derzeit geltenden Verwahrzins von 0,4% zahlen, sondern dass der Zinssatz erst mit wachsendem Einlagevolumen steigt. Ob sich die Notenbanker darauf einlassen, ist allerdings fraglich. Stattdessen könnte es sein, dass der EZB-Strafzins demnächst sogar auf 0,5% steigt.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing