Exklusiv

VW lässt sich Traton-IPO unfassbare 115 Mio. Euro kosten

19. Juni 2019

Von Christian Kirchner

Das Geschäft mit Börsengängen ist für Banken und Berater, aber auch die IPO-Peripherie an Anwälten, Buchprüfern und Steuerberatern der Frankfurter Szene lukrativ. Und tückisch.

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Lukrativ, weil sich mit einem Börsengang einfach sehr viel Geld verdienen lässt. Tückisch, weil viele Beteiligte – allen voran die Investmentbanker – dafür erst einmal ins Risiko gehen müssen: So eine Erstnotiz erfordert schließlich mindestens drei bis sechs Monate Vorbereitung, Papierkram, Prospektarbeit. Doch ob man dafür jemals entlohnt wird? Und noch Gewinn schreibt? Hängt davon ab, ob der Börsengang überhaupt klappt. Nur dann fließen die Millionen an „Fees“ und „Commissions“ und landen die „Tombstones“ in den Glasvitrinen.

Insofern war 2019 bislang der reinste Horror für Banken und IPO-Peripherie: Genau null Börsengänge im regulierten „Prime Standard“ stehen zu Buche. Vorbereitet jedoch wurden gewiss einige.

Nun soll die VW-Nutzfahrzeugtochter Traton (im zweiten Anlauf) die Bilanz vor der Sommerpause wenigstens ein klein bisschen aufpolieren.

Wobei: ein kleines bisschen? Sieht eher aus, als gäbe es die dickste Politurschicht, die die Frankfurter IPO-Szene je erlebt hat.

Denn: Im 512 Seiten starken Emissionsprospekt taucht in der Rubrik „E1 – Gesamtnettoerlöse“ eine Zahl auf, die zumindest in der jüngeren Börsengeschichte Deutschlands ihresgleichen sucht: Die Gesamtkosten des Traton-Börsengangs belaufen sich in der Mitte der Zeichnungsspanne von 30 Euro und unter der Annahme, dass alle Aktien platziert werden, auf 115 Mio. Euro. Dem gegenüber stünden Bruttoerlöse von 1725 Mio. Euro. Macht eine Kostenquote von knapp 7% – ein Wert, den kein großer Börsengang in Deutschland seit der Finanzkrise auch nur annähernd erreicht hat.

Laut Prospekt kassieren die Investmentbanken – die Führung haben Citigroup, Deutsche Bank, Goldman Sachs und JP Morgan – für ihre Platzierungsdienste bis zu 1,75% des Emissionserlöses, wie Seite 317 des Prospekts zu entnehmen ist. Das ist viel Holz, zum Vergleich: Bei den letzten Börsengängen jenseits der Milliardengrenze, nämlich Siemens Healthineers und Knorr Bremse, waren 1,35% und 1,5% fällig.

Dabei erklären die 1,75% jedoch nur den kleinsten Teil der Gesamtkosten von 115 Mio. Euro. Ein simpler Dreisatz legt nämlich nahe, dass an die Banken „nur“ 30 Mio. Euro fließen sollen, während sich die übrigen „Gesamtkosten und Aufwendungen“ auf weitere 85 Mio. Euro belaufen.

Auf Nachfrage wollte ein Sprecher von Traton nicht näher definieren, wofür genau jene 85 Mio. Euro anfielen. Es handele sich auch um „Kosten zur Erreichung der Capital Market Readiness“, hieß es. Und: „Die Fee Structure und damit einhergehende Kosten sind nach aktuellen Marktstandards mit den Banken und all unseren externen Partnern verhandelt worden.“

Nach aktuellen Marktstandards?

Finanz-Szene.de unterzog alle deutschen Groß-Börsengänge der letzten fünf Jahre einer Prüfung im Hinblick auf die Gesamtkostenquote gemessen am Emissionsvolumen. Ergebnis:

Quelle: Emissionsprospekte

Traton arbeitet folglich mit 75% höheren Gesamtkosten als beim ansonsten teuersten Börsengang, dem von Rocket Internet 2014 – und mit mehr als doppelt beziehungsweise annähernd dreifach so hohen Gesamtkostenquoten wie DWS oder Siemens Healthineers – wie Traton eine Abspaltung.

Geprüft haben wir zudem die Quote der Kosten, die nicht direkt auf die so genannten „Underwriting Fees“ der Banken zurückzuführen sind:

Quelle: Emissionsprospekte

Hier schlagen bei Traton – geplante Erstnotiz: 28. Juni – also die zwei bis zehnmal höhere Kosten zu Buche als bei den anderen deutschen Milliarden-IPOs.

Fragt sich nur: Wer kassiert(e) dieses ganze Geld? Ein paar Anwälte? Prüfer? Ein paar Berater? Aber zitierte nicht gestern das „Handelsblatt“ den VW-Finanzvorstand Frank Witter aus der IPO-Telco, Traton sei „eine vergleichsweise selbstständige Unternehmenseinheit, die deshalb recht problemlos an die Börse gebracht werden könne“?

Wir stehen, ehrlich gesagt, vor einem ganz großen Rätsel.

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