Kurz gebloggt

Warum der Deutsche-Bank-Plan bei den Investoren durchfiel

8. Juli 2019

Vom Christian Kirchner

Es sollte der große Befreiungsschlag werden. Stattdessen gab es die brutalstmögliche Ohrfeige: Um 6,1 % ist die Aktie der Deutschen Bank gestern eingebrochen, gemessen am Tageshoch vor Beginn der Präsentationen gar um 9%.  Offenbar misstrauen die Investoren den Plänen von Vorstandschef Christian Sewing, die Bank mit radikalen Kürzungen vor allem  im Investmentbanking wieder in die Spur zu bringen.

Wie konnte das passieren? Hier die Gründe für die Skepsis der Investoren:

Die Deutsche Bank hat keine Zeit – und nimmt sich drei Jahre

Wenn die Deutsche Bank schon auf dem Höhepunkt des Konjunkturbooms (2015-2017: Verluste, 2018: 0,5% Eigenkapitalrendite) kaum Gewinne erwirtschaftet – was ist dann erst im Falle eines Abschwungs? Oder anders gefragt: Geben die äußeren Umstände der Bank die Zeit, die sie für ihren Umbau veranschlagt? 2019 und 2020 sind quasi abgeschrieben, 2021 soll sich die Lage bessern, 2022 will das Institut dann wieder Geld verdienen. Das ist ein verdammt lange Zeit – zumal für eine Bank, die ihren Eigenkapitalpuffer markant senken will.

Niemand weiß, was die Erträge machen

Warum hat die Deutsche Bank vor der radikalen Sanierung, die sie jetzt angehen will, eigentlich jahrelang zurückgeschreckt? Ach ja: Weil sie Angst hatte, dass die Erträge einbrechen. Nun indes setzt die Umbaupläne stillschweigend voraus, dass genau das nicht passieren wird. Ein Vabanquespiel.

Doch selbst wenn die Wette der Deutschen Bank (keine externen Schocks, keine internen Widerstände) aufgeht – wo wird das größte Geldhaus der Republik dann 2022 stehen?  „Die meisten europäischen Bankengruppen sind in ihren Designs Jahre voraus, ein Wettbewerbsvorteil der Deutschen Bank ist nicht gegeben“, urteilte gestern die Ratingagentur Scope. Selbst das aus heutiger Sicht ambitionierte Cost-Income-Ratio-Ziel von maximal 70% sei für die Industrie eher „hoch“.

Warum sollte die Bank es diesmal ernst meinen?

Die Deutsche Bank war in den vergangenen zehn Jahren ein Weltmeister der Ankündigungen mit Blick auf Kosten und Renditeziele und hat immer wieder enttäuscht. Ihr Vorschuss bei Investoren ist aufgebraucht. Die Aktionäre wollen nicht mehr in Pläne investieren, sondern nur noch in Ergebnisse.

Der Ertragszuwachs ist schwach begründet

Die Pläne der Deutschen Bank sehen steigende Erträge von 2 bis 3% pro Jahr in der Kernbank bis 2022 vor.  Doch wo sollen diese Erlöse herkommen angesichts des enormen Wettbewerbs zum Beispiel im deutschen Privat- und Firmenkunden-Geschäft? Welche Antwort hat die Bank zum Beispiel auf die sich verschärfende Zinskrise?

Als die Deutsche Bank gestern ihre Pläne gegenüber Investoren und Journalisten präzisieren sollte, kam sie – um ehrlich zu sein – stellenweise über Beraterfloskeln nicht hinaus, ganz besonders in der Frage der Ertragszuwächse.  In der neuen „Corporate Bank“ sollen „Marktanteile steigen“, „die Bilanzsumme wachsen“ und „kundenzentrierte Applikationen“ entwickelt werden. In der Privatbank soll die „Führung im Digitalbanking ausgebaut“ werden, die Neubepreisung von Leistungen den Zinsrückgang auffangen, die Höhe der ausgereichten Kredite und des verwalteten Vermögens „wachsen“. Es dürfte keine Bank in Europa geben, die hier andere Pläne hat. Ein bisschen präziser war die Analystenpräsentation. 

Auch wie die DWS in die Top 10 der globalen Vermögensverwalter vorstoßen soll – was annähernd einer Verdopplung der Assets binnen drei Jahren erfordert – bleibt floskelhaft-vage: Mit dem Launch „innovativer“ Produkte, Wachstum in Asien, dem Ausbau bestehender und dem Start neuer strategischer Partnerschaften. Nun denn.

Die Nachranganleihen haben Überschwappeffekte auf den Aktienkurs

Jetzt wird es ein wenig technisch – aber die Kursentwicklung der Deutsche-Bank-Nachranganleihen (also das, was auch „Coco-Bonds“ genannt wird) ist spätestens seit der Coco-Krise Anfang 2016 wichtig auch für den Aktienkurs.

Der Reihe nach: Die Deutsche Bank hat momentan Nachranganleihen im Volumen von etlichen Mrd. Euro  ausstehen; die Papiere sind mit hohen Zinskupons zwischen 6% und 8,15% ausgestattet. Diese Zinsen fließen allerdings nur, wenn die Bank  ausreichend ausschüttungsfähige Mittel zur Verfügung hat. Unterhalb bestimmter Kapitalisierungsmarken wandeln sich die Anleihen hingegen in Aktienkapital.

Die Gefahr, dass genau das passieren könnte (auch wenn es kein Beteiligter will) ist am gestrigen Tag zumindest nicht gesunken. Denn die Fähigkeit der Deutschen Bank, die Coco-Zinsen zu bedienen, könnte durch die Restrukturierung beeinträchtigt werden. Zumindest sehen die Anleihenhalter so, denn die Cocos verloren gestern merklich an Wert.

Weil die Nachranganleihen kaum gehandelt werden, sichern sich ihre Halter, wenn sie pessimistisch werden, nur selten über den direkten Verkauf der Papiere ab. Sie verkaufen stattdessen einfach (liquide gehandelte) Deutsche-Bank-Aktien leer und neutralisieren somit ihre Position. Die Anleihen (und die darin wiedergespiegelte Kreditwürdigkeit bzw. Zinszahlungskapazität) und der Aktienkurs bilden daher schon seit Jahren ein Zwillingspaar: Sie sinken zusammen – und klettern zusammen. Und gestern? Ging es für beides nach unten.

Die Investoren-Kommunikation ist fragwürdig

Fairerweise sei angemerkt: Viele lange skeptischen Analysten lobten die Pläne, selbst die Dauerbären einiger Großbanken wie etwa die UBS oder JPMorgan. Dennoch erinnert der gestrige Tag fatal an den April 2015: Die damaligen Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen präsentierten seinerzeit das Ergebnis einer mehrmonatigen Strategieberatung – und noch währenddessen fiel der Aktienkurs der Deutschen Bank steil nach unten. Gestern ist ähnliches passiert.

NEWSLETTER

Deutschlands führender Banken-Newsletter. Jetzt abonnieren!

Share

Share on facebook
Share on twitter
Share on linkedin
Share on xing